Herausgegeben von Anne-Kathrin Reulecke, Johanna Zeisberg mit Beiträgen Eveline Krummen, Mona Körte, Sigrid Weigel, Jörg Robert, Ulrike Vedder, Klaus Kastberger, Günther A. Höfler, Georg Maximilian Reiter, Corinna Caduff und der Herausgeberinnen

Böhlau, Köln 2021, ISBN 978-3-412-51349-8, 236 Seiten, 22 schwarz-weiße Abbildungen, Format 23 x 15,5 cm, € 50,00

Der Tod ist allgegenwärtig und wird doch weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt. Die Zeiten, in denen Familien ihre Toten wie ihre Vorfahren im Sterbebett aufgebahrt, bei ihnen Wache gehalten, sie in einem Trauerzug vom Sterbehaus zum Friedhof begleitet und dort unter der Anteilnahme der ganzen Gemeinde ganz selbstverständlich in einem Erdgrab kirchlich bestattet haben, sind vorbei. Die Bestattungsarten- und Rituale haben sich vervielfältigt und individualisiert. Zur Erd- sind Feuer-, Urnen-, Baum-, See- und anonyme Bestattungen getreten, in anderen Ländern auch Diamant-, Luft-, Nachthimmel-, Fußball und Weltraumbestattungen. Die Leichenrede ist nicht mehr allein dem Ortspfarrer vorbehalten; bei nicht-religiösen Trauerfeiern wird sie von freien Rednern, Freunden oder Angehörigen übernommen. Seit der Aufklärung, Industrialisierung und Säkularisierung ist der Tod nicht mehr verbindlich gesellschaftlich reguliert, sondern zunehmend zum persönlichen Schicksal geworden. Damit haben sich auch die Vorstellungen vom Jenseits vervielfältigt und die Rede von Himmel und Hölle verflüssigt. Gleichwohl bleibt die existenzielle Frage, was auf das Ableben folgt.

Auch der hier zu besprechende Band über Jenseitsnarrative in Kunst und Literatur der Gegenwart kann keine definitive Antwort auf die Frage nach den letzten Dingen geben. Aber er kann untersuchen, „in welcher Weise das, was nach dem Leben kommt, in unserer Kultur vorgestellt wird: mit welchen Bildern, Worten und Imaginationen, in welchen Tonlagen, Schreibweisen und Medien – und mit welchen Konsequenzen. Im vorliegenden Sammelband werden daher altphilologische, literatur- und kulturwissenschaftliche, film- und medienwissenschaftliche Perspektiven zusammengeführt, um die Bandbreite heutiger Jenseitsvorstellungen zu eruieren und dabei das Spannungsfeld zwischen Überlieferung auf der einen Seite und (medialer) Innovation auf der anderen Seite zu erforschen“ (Anne-Kathrin Reulecke, Johanna Zeisberg S. 7). 

Dabei fällt auf, dass die mit dem Ableben verbundenen Fragen auch in die Künste der Gegenwart eingewandert sind, in Literatur, Schauspiel, Oper, Film und Fernsehen, sodass schon 2007 von einer „neuen Sichtbarkeit des Todes“ (Thomas Macho / Kristin Marek) gesprochen werden konnte. „In augenfälliger Weise stellen die Künste den Tod als absolute Grenze des Lebens in Frage und rekonzeptualisieren den Raum des Jenseits: So werden Jenseitsreisen und Übergänge in andere Existenzweisen inszeniert, Topographien von Zwischen- und Unterwelten entworfen und Kommunikationen mit Verstorbenen imaginiert. Im Zentrum stehen dabei häufig imaginierte Dialoge zwischen Lebenden und Toten. Gemeint sind Szenarien, in denen Lebende ihre Gespräche mit den Verstorbenen fortführen, um so das letzte Wort, das ja den Tod für den Überlebenden entscheidend markiert, hinauszuschieben … Es fällt auf, dass in vielen zeitgenössischen, auch agnostischen Jenseitserzählungen traditionelle mythische, religiöse und literarische Imaginationen und Bildwelten zu Jenseitstopographien und Jenseitsreisen nachwirken und weiterleben – häufig in einer synkretistisch-eklektischen Form“ (Anne-Kathrin Reulecke, Johanna Zeisberg S. 9). Dabei tauchen immer wieder Urszenen wie die der Begegnung von Odysseus mit Verstorbenen der griechischen Heldengeschichte und dem blinden Seher Teiresias am Eingang des Hades ebenso auf wie der Mythos von Orpheus, der Hades durch seinen Gesang und das Spiel seiner Lyra dazu bewegt, seine Frau Eurydike aus dem Reich der Toten freizugeben und der sie ein zweites Mal verliert, als er sich nach ihr umdreht. Und weiter auch jenseitige Bildermuster aus der Apokalypse des Johannes und Dante Alighieris Ausbuchstabieren der „Hölle“, des „Fegefeuers“ und des „Paradieses“ in der ›Göttlichen Komödie‹.

Der Rückgriff auf die antiken und christlichen Bildwelten erschöpft sich aber nicht in Bild- oder Bildungszitaten, sondern wird zur komplexeren Aneignungspraxis. Das zeigt sich etwa in Patrick Roths „Seelenrede“ ›Johnny Shines oder die Wiedererweckung der Toten‹ (1993), „die das Thema der Wiederauferstehung aktualisiert und mit der Identitätssuche des Protagonisten verknüpft. Das literarische Schreiben selbst wird … als Katábasis, ja als ›Totensuche‹ und ›Totenerweckung‹ begriffen; in der filmischen Technik des ›Dissolve‹, der Überblendung, erkennt der Autor eine ›Parallele zum Abstieg des Orpheus‹“ (Anne-Kathrin Reulecke, Johanna Zeisberg S. 11 f.). Sibylle Lewitscharoff collagiert in ihrem Roman ›Consummatus‹ (2006) europäisches Bildmaterial vom Jenseits, lässt Tote als Gespenster in der Gegenwart fortexistieren und sich in das Selbstgespräch eines Lebenden einmischen. Und in Serien wie die US-Serie ›Six Feed Under‹ (Alan Ball, 2001 – 2005), „die von der Geschichte einer Bestatter-Familie, vom konkreten Umgang mit Leichen und von der Vielfalt realer Todesarten im Sinne eines modernen Totentanzes erzählt, tritt der verstorbene Vater als ironischer Kommentator der Geschäfte der Lebenden auf. Die offenkundige Affinität des Films zur … Inszenierung der Existenz von Toten als Geister ist auch medial begründet. Kann doch der Film mit  Hilfe der Darstellung von Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit der Verstorbenen für einzelne Figuren und/oder für die Zuschauer den ungewissen Status der Toten für die Lebenden in Szene setzen“ (Anne-Kathrin Reulecke, Johanna Zeisberg S. 13).

Aufs Ganze gesehen versucht der Band zu klären, mittels welcher Narrative und Bilder in der Gegenwart über das Postmortale gesprochen wird, welche Aufgabe den Künsten bei der Bewältigung des schlechthin Unvorstellbaren zukommt, ob mit Hilfe avancierter literarischer Schreibweisen und unter dem Einsatz audiovisueller und digitaler Medien neue Entwürfe vom Leben nach dem Tod entstehen und ob es den Kunstwerken tatsächlich ums Jenseits im engeren Sinn oder lediglich um eine Allegorie für Diesseitiges geht. 

Der auf eine interdisziplinäre Tagung an der Karl-Franzens-Universität in Graz im Mai 2017 zurückgehende Band ist so anspruchsvoll wie spannend und verdient eine breite Leserschaft.

ham, 8. November 2021

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