Ausstellung bis 8. März 2026 in der Kunsthalle Tübingen und Katalog
Nicole Fritz hat sich nach ihrem Dienstantritt in der Kunsthalle Tübingen im Januar 2018 nicht ganz acht Jahre Zeit gelassen, bis sie nach diversen Beuys-Ausstellungen ihres Vorvorgängers Götz Adriani mit ihrer an ihre Dissertation »Bewohnte Mythen. Joseph Beuys und der Aberglaube« aus dem Jahr 2002 anknüpfenden Ausstellung »Joseph Beuys, Bewohnte Mythen« an die Öffentlichkeit getreten ist (vergleiche dazu https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/47306). Im Zentrum stehen nicht Fett und Filz und auch nicht die Aktionen des 1921 in Krefeld geborenen und 1986 in Düsseldorf verstorbenen Großkünstlers, sondern seine Einbindung in die für Mythen empfängliche Nachkriegskunst, die Entwicklung seiner undogmatischen Kunstreligion und seine Zeichnungen. Objekte wie das »Erdtelefon« von 1968, der »Schlitten« mit der Filzdecke, der Stablampe und der Fettecke von 1969 und die »Capri-Batterie« von 1985 bleiben unter den rund 100 gezeigten Arbeiten die Ausnahme. Sein »Friedenshase mit Sonne« von 1982 und ein Set von Fotografien erinnern an seine Aktion »7000 Eichen« (vergleiche dazu https://www.7000eichen.de/index.php?id=28#).
Der zur Ausstellung bei Schirmer/Mosel vorgelegte Katalog ist wie immer grundsolide erarbeitet und hervorragend designed und gedruckt. Er gliedert die für den Druck ausgewählten Arbeiten unter den Stichworten „Orte“, „Fantasiewesen“, „Pflanzen“, „Tiere“, „Archaische Frauen“, „Rituale“ und „Soziale Plastik“. Die chronologisch geordnete Liste der abgebildeten Werke aus dem Anhang macht es möglich, die Entwicklung des Beuys’schen Werks nachzuvollziehen.
Wer die immer wieder kryptisch erscheinenden Arbeiten von Beuys besser verstehen will, kann einen Zugang über das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (HdA) finden. Nicole Fritz geht mit dem Kunsthistoriker Werner Spies davon aus, dass dieses Standardwerk der Volkskunde für Beuys als Inspirationsquelle für mythische Überlieferungen gedient haben könnte. So ist das Sieb, das im Orakel, im Heil- und im Fruchtbarkeitszauber zum Einsatz gekommen ist, auch in den Zeichnungen von Beuys zu finden. Analoges gilt für das Butterfass, das Ei, den Totenschädel oder das Holzbrett. In Blättern wie »Zwei Frauen mit Samenkörnern« erinnert Beuys an die dem Ackerboden im Volksglauben zugeschriebene befruchtende Kraft.
Dass Beuys Vorstellungen des Volksglaubens gekannt hat, legt auch seine »Hasenfrau« nahe: „Hasenfrauen, die eigentlich Hexen seien, erkenne man laut HdA daran, dass sie auf den Hinterfüßen stehen: »Hexenhasenfrauen sind daran erkenntlich, dass sie größer als gewöhnlich sind, einen dicken Kopf haben und besonders gerne auf den Hinterfüßen stehen […] Sie sprechen unter Umständen und halten die Jäger und andere Leute zum besten, führen sie irre und führen Rundtänze auf.« Die Tatsache, dass Beuys die Hasenfrau in dieser Weise auf Hinterfüßen stehend gezeichnet hat, macht seine Kenntnis derartige Vorstellungen wahrscheinlich“ (Nicole Fritz im Katalog nach dem HdA, S. 21). Letztlich wollte Beuys nach Fritz „in der Rolle des Künstler-Schamanen für transzendente Dimensionen und die Ganzheit allen Lebens sensibilisieren … Dies verstand er dezidiert als Gegenentwurf zum Krieg aus der Kunst heraus. Als prononciert ästhetische Reaktion auf die Krisen und Umbruchstimmungen hat er gleichzeitig eine eigene und dogmatische »Kunstreligion« entwickelt, die neben religiösen Traditionen und denen des Volksglaubens auch mythologische, alchimistische und anthroposophische Elemente mit einbezog“ (Nicole Fritz, S. 7).
Für den an der Yale University lehrenden deutschen evangelischen Theologen Volker Leppin kann Beuys weder für den Katholizismus noch für den Protestantismus reklamiert, aber dennoch als nachreligiöser Mystiker bezeichnet werden. Nach Beuys bedeutet die Inkarnation weniger die Menschwerdung Gottes in einem bestimmten Wesen als die »Botschaft […], dass dieser Christus fortan in jedem Menschen existiert«. Beuys geht es nicht um eine dogmatisch ausgefeilte Lehre, sondern um einen in der Wirklichkeit aller Menschen präsenten Christusimpuls und letztlich um eine Art „sozialdemokratisches Christentum“ (Friedhelm Mennekes).
„Bei allen Schwierigkeiten, Mystik zu definieren, wird man sich darauf einigen können, dass mit Mystik eine Frömmigkeitshaltung gemeint ist, in der es um die Nähe Gottes zu den Menschen geht … Der Gedanke des Kirchenvaters Athanasius aus dem vierten Jahrhundert, dass Gott dazu Mensch geworden sei, dass der Mensch Gott werden könne, lebt bei Beuys in der Weise fort, dass letztlich eben das Menschsein selbst immer schon Gott in sich trägt und sich zugleich auf die Verwirklichung seiner Göttlichkeit hin entwickelt, ja, dass jeder einzelne Mensch durch die Gott- verlassenheit Jesu in Gethsemane und das Kreuz hindurchgehen muss …
Beuys will diesen historischen Christus in der Präsenz und dem Zeigen der Wunden übersteigen. Er bietet eine Art von säkularisierter Variante christlicher Mystik an, die sich in seiner Kunst erfassen lässt, eine »Umdeutung« des Christentums, die als in der Romantik wurzelnde Tradition der »Kunstreligion« den künstlerischen Ausdruck an die Stelle der religiösen Symbole setzt. Gerade die übersteigerte Vorstellung von der Universalität Christi macht Christus dabei so allgemein, dass seine individuellen Züge verschwinden. Die Überreste des Christlichen, zu denen Beuys sich bekennt, werden Ausdrucksformen einer allgemein-menschlichen Dimension. Von hier aus kann dann die Mystik auch in die von Joseph Beuys gar nicht fortzudenkenden Formen gesellschaftlicher Aktivität umschlagen: Der Mensch, der auf seine Vervollkommnung hinwirkt, tut dies, wie man es von Mystiker✷innen erwarten würde, individuell, aber er tut es auch gesellschaftlich. In einer historisch nachvollziehbaren Linienführung erklärt Beuys damit auch jeden Sozialismus im Kern zum Erben des Christentums“ (Volker Leppin, S. 29 ff.).
Der zur Ausstellung 2025 im Schirmer/Mosel Verlag, München erschienene Ausstellungskatalog »Beuys – Bewohnte Mythen« wurde von Nicole Fritz herausgegeben. Das Vorwort stammt von der Herausgeberin, die Texte von Cathrin Klingsöhr-Leroy, Nicole Fritz, Volker Leppin und Jessica Ulrich. Der in Hardcover gebundene Katalog hat die ISBN 978-3-8296-1063-6, 176 Seiten, 96 Abbildungen in Farbe und Duotone und kostet in Deutschland 46,00 €, in Österreich 47,40 € und in der Schweiz 52,90 CHF.
ham, 28. Januar 2026