Novum Testament et Orbis Antiquus / Studien zur Umwelt des Neuen Testaments in Verbindung mit der Stiftung „Bibel und Orient“ der Universität Fribourg / Schweiz, herausgegeben von Martin Ebner, Peter Lampe, Heidrun Elisabeth Mader, Stefan Schreiber und Jürgen Zangenberg

Band 123

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2020, ISBN 978-3-525-57082-1, 278 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Literatur- und Bibelstellenverzeichnis, Hardcover gebunden, 23,7 x 16 cm, € 90,00

„Von den Anfängen des Christentums an ist das ›Lamm Gottes‹ eine der bedeutungsvollsten Christusprädikationen, die in der gesamten Frömmigkeitsgeschichte der christlichen Kirchen in Liturgie und Poesie aufgenommen worden ist – besonders prominent im Agnus Dei der Abendmahlsliturgie …“ (Saskia Lerdon S. 1). In der Populärkultur ist sein Gegenspieler, der mit sieben Häuptern, sieben Kronen und zehn Hörnern bestückte rote Drache aus Offenbarung 12,3 wohl bekannter ⟨vergleiche dazu etwa https://drachen.fandom.com/de/wiki/Drache_der_Apokalypse und https://de.wikipedia.org/wiki/Drache_(Mythologie)⟩. Saskia Lerdons auf ihrer 2017 von der Theologischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg angenommene Dissertation aufbauende Publikation ›Ecce Agnus Dei‹ regt dazu an, sich wieder mehr mit dem Symbol, der Metapher und dem Bildzeichen „Lamm Gottes“ zu beschäftigen. Wichtigster Textbeleg ist neben 28 Christuslamm-Belegen in der Johannesapokalypse die johanneische Erzählung von der Taufe Jesu in Johannes 1, 29 –34. Lerdon diskutiert in ihrer Untersuchung, ob und wie das Lamm als Bildzeugnis den Blick auf Jesus Christus erweitert und verändert hat. „Mein Anliegen ist … ein zweifaches. Einerseits möchte ich die christologische Lamm-Gottes-Metapher im Neuen Testament inhaltlich darstellen und andererseits ihre Wirkung in der bildenden Kunst beschreiben“ (Saskia Lerdon S. 2). 

Lerdon legt ihrer rezeptionsästhetischen Betrachtung der Gotteslamm-Metapher sieben hermeneutische Thesen zugrunde:

„1. Verstehen ist eine Übertragung von einer Welt in eine andere: Die Gotteslamm-Metapher hat ihren Ausgangspunkt im biblischen Text und wird in einem Verstehensprozess übertragen von der Textwelt in neue andere Textwelten und Bildwelten – in einem doppelten Rezeptionsprozess.

2. Grundlage des Verstehensprozesses ist die Sprache: Texte und Bilder vom Gotteslamm werden immer wieder neu versprachlicht und prägen so die Interpretation der biblischen Gotteslamm-Texte, aber auch die Entstehung neuer Bilder vom Gotteslamm.

3. ‚Wahrheit‘ kann nicht durch Methoden erreicht werden, weswegen in der (vorwissenschaftlichen) Rezeptionsgeschichte das Verstehen der Gotteslamm-Metapher nicht an eine vorgegebene Methode gebunden ist.

4. Die Perspektive des Verstehens ist durch Kontexte vorgegeben: Die Analyse der Lebenswelten der Gotteslamm-Metapher gibt Aufschluss über ihre Bedeutung. Eine isolierte Gotteslamm-Metapher ergibt keinen Sinn.

5. Jedes Verstehen ist von einem Vorverständnis geprägt, denn Verstehen vollzieht sich in einem Zirkel: Jede Erkenntnis fußt auf etwas Vorherigem und ist daher immer auch Wieder-Erkenntnis. In religiösen und kulturellen Traditionsprozessen ist die Lamm-Metapher bereits in verschiedenerlei Weise vorgeprägt.

6. Jedes einzelne Verstehen vollzieht sich in einem vorgegebenen Horizont …

7. Bei der hermeneutischen Übertragung von einem Horizont in einen anderen findet eine Horizontverschmelzung statt“ (Saskia Lerdon S. 26 in Anlehnung an die hermeneutische Theorie Hans-Georg Gadamers).

Die Gotteslamm-Metapher bewegt sich nach Lerdon in der bildenden Kunst zwischen zwei Polen, die das Lamm einerseits als Opfer – sterbend oder tot – zeigen und andererseits als Sieger über den Tod. „Diese  beiden Aspekte haben ihren Grund in der Osterbotschaft: Jesus, das Lamm Gottes, wurde von den Toten auferweckt … Jesus Christus als das Lamm wird einerseits geopfert, andererseits zum Sieger über den Tod erhoben. Die Aufnahme des Lammes Gottes in der bildenden Kunst macht diese Dialektik deutlich … Das Christuslamm als Sieger … wird durch königlich siegreiche Attribute“ wie den Nimbus, den Kreuzstab, die Kreuzfahne und den Siegeskranz bestimmt, das Gotteslamm mit Todesmerkmalen wie die Seitenwunde und die Bindung an den Läufen (Saskia Lerdon S. 122 f.). Franz Marc deutet den Nimbus des Gotteslamms in seinem „Blauen Lamm“, 1913, in zarten Linien über dessen Kopf an (vergleiche dazu https://www.akg-images.de/archive/Blaues-Lamm-2UMDHU2YGVSF.html). Der Genter Altar der Brüder Jan und Hubert Van Eyck von 1432 zeigt das Gotteslamm in Anlehnung an die Thronvision der Johannesapokalypse auf einem Altar stehend (vergleiche dazu etwa https://www.dw.com/de/genter-altar-sensationsfund-bei-restaurierung/a-52095316). „Der Altar betont die liturgisch-kultische Dimension des Gotteslamms und verweist zurück auf alttestamentliche Quellen, die vom Lamm-Opfer reden“ (Saskia Lerdon S, 135). In dem als weißes Quadrat (Apokalypse 21,6) dargestellten Himmlischen Jerusalem gibt es kein Gotteshaus mehr, „denn Gott selbst wohnt nun in der Stadt (App 21,3) und ist gemeinsam mit dem Lamm ihr Tempel (Apk 21,22)“ (Saskia Lerdon S. 149, vergleiche dazu Johannes Schreiters Fenster „Himmlisches Jerusalem“ für die Peterskirche in Heidelberg: https://www.deutsch-blog.de/ein-wegweiser-zum-paradies/). 

Die Seitenwunde des Gotteslamms wird in Paul Klee, Das Lamm, 1920 gezeigt (vergleiche dazu https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/das-lamm), seine Bindung in Francisco de Zurbaráns Agnus Dei von 1635 (vergleiche dazu https://en.wikipedia.org/wiki/Agnus_Dei_(Zurbarán)) und seine Zeugenschaft in Grünewalds Isenheimer Altar (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Isenheimer_Altar).

Lerdon resümiert wie folgt: „In Bildern der christlichen Kunst wird der ferne Gott sichtbar und greifbar. Gleichzeitig haben Bilder eine große Bedeutung für die Erinnerung an Jesus Christus. Somit ist das Lamm einerseits ein Sprach – Bild im Sinne einer Metapher. Andererseits ist es ein Bild im Sinne eines Gemäldes, eines Mosaiks oder einer Skulptur … Für die die Lamm – Metapher beinhaltenden beiden zentralen Schriften, Johannesapokalypse und Johannesevangelium, wurde …ein entscheidender Unterschied deutlich: Das apokalyptische Lamm steht neben Gott auf dem himmlischen Thron und wird dem Leser als königlicher Herrscher vorgestellt. Dagegen ist das johanneische Lamm bei den Menschen auf der Erde zu finden: zentrales Charakteristikum ist seine sündentilgende Kraft. Diese Ambivalenzen haben die Bilder aufgenommen und folgen einmal mehr dem einen, ein anderes Mal mehr dem anderen Typus“ (Saskia Lerdon S. 245 f.).

In ihrem wirkungsgeschichtlichen Kapitel kann Lerdon zeigen, welche Sinnpotentiale die kanonischen Texte in der Kunst im Rahmen neuer Kontexte entfaltet haben, in ihrem abschließenden Auswertungskapitel wie die Bildzeugnisse eine Relecture der Texte angeregt und neue Sinndimensionen erschlossen haben, die über den kanonischen Ursprungs-Sinn weit hinausgingen.

ham, 25. April 2022

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