[trancript] X-Texte zu Kultur und Gesellschaft, transcript Verlag, Bielefeld 2021, ISBN: 978-3-8376-5906-1, 158 Seiten, Klappenbroschur, 22,5 x 13,5 cm, € 18,00

Der römisch-katholische Staatsrechtler und Theoretiker des Politischen Carl Schmitt hat in den 1920-er Jahren den Weimarer Parlamentarismus fundamental kritisiert, der liberalen Rechtstheorie konkretes Ordnungsdenken gegenübergestellt, auf einen starken Staat gesetzt und dies mit der theologischen Herkunft und Fundierung aller staatsrechtlichen Begriffe begründet: ›Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet‹ (Carl Schmitt, Politische Theologie – Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin 1922, S. 9). Lateinamerikanische Basisgemeinden und Befreiungstheologen wie Gustavo Guitiérres, Leonardo Boff, Hélder Câmara und Óscar Romero haben dagegen seit 1959, also seit der kubanischen Revolution die gewaltigen sozialen Ungerechtigkeiten angeprangert und unter Berufung auf die herrschaftskritischen Texte der Bibel auf die Befreiung der Armen gesetzt. In deren Spuren kritisierten Theologen wie Johann Baptist Metz, Jürgen Moltmann und Dorothee Sölle in den1968-er und beginnenden 1970er-Jahren legitimatorische Tendenzen in der Theologie und verstanden politische Theologie als kritisches Korrektiv gegen wahrgenommene Privatisierungstendenzen in Theologie und Kirche. 

Der 1963 in Lingen, Ems geborene katholische Theologe, Philosoph und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover Jürgen Manemann hat diesen Faden aufgegriffen und sich in einem seiner Arbeitsschwerpunkte intensiv mit einer politischen Theologie nach Auschwitz befasst (vergleiche dazu https://fiph.de/institut/personen/Juergen_Manemann.php und zum Folgenden https://www.kiz-online.de/ihre-stimmen-werden-noch-gehört). Nach seiner Anmutung scheinen sich Christen derzeit vor ihrer eigenen Hoffnung zu fürchten. Aber hoffen auf Auferstehung heißt für ihn aufstehen für eine neue Welt. Deshalb plädiert er dafür, dass Christen heute die Aufgabe zufällt, Teil einer ›Revolution des Lebens‹ zu werden. Diese Revolution ist aber nicht im Fernsehen zu haben.

Die Klima-, Demokratie- und Corona-Krisen erschüttern unser Zusammenleben. Sie legen verdeckte Machtstrukturen und verdrängte Bruchstellen in der Gesellschaft offen. Wer sich Christ nennt, mit Maria, der Mutter Jesu, darauf vertraut, dass Gott die Gewaltigen vom Thron stößt und die Niedrigen erhöht, die Hungrigen mit Gütern füllt und die Reichen leer ausgehen lässt und der Barmherzigen gedenkt, sollte eigentlich jede Herrschaft als vorläufig ansehen und für das Recht jeden Lebens eintreten (vergleiche zum Lobgesang der Maria auch die Bibelarbeit von Margot Käßmann zu Lukas 1, 39 – 45 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 unter https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/LUK.1/Lukas-1). Aber die Katholische Kirche ist nach Manemann als Institution viel zu sehr mit sich selbst und ihrem Erhalt beschäftigt, verbürgerlicht und apokalypseblind, als dass sie sich ernsthaft an ihrem Ursprung orientieren und für ihre eigentliche Aufgabe, den Dienst an der Bewahrung des Lebens, einsetzen könnte. Um so mehr gilt es, die Auferstehung als Lebensform neu zu entdecken und das Mögliche Wirklichkeit werden zu lassen.

„Auferstehung als Lebensform bedeutet

  • jegliche Komplizenschaft mit dem Tod zu verweigern,
  • im alltäglichen Leben gegen die vielen Tode anzukämpfen: den Tod durch Verlassenheit, den Tod durch Unsichtbarkeit, den Tod durch Apathie, den Tod durch Bequemlichkeit und Zufriedenheit, den Tod durch Vergessenheit …,
  • immer wieder aufs Neue aufzustehen gegen Entfremdungen, Ungerechtigkeiten …,
  • das Leben vor dem Tod zu feiern“ (Jürgen Manemann S. 30).

„Wer tatsächlich das Mögliche Wirklichkeit werden lassen möchte, muss immer auch das Unmögliche wünschen. Das Unmögliche ist nämlich nicht das Gegenteil des Möglichen, sondern dessen Bedingung. Realpolitik, die auf diese Zusammenhänge nicht reflektiert, zerstört mit ihrem sogenannten Realitätssinn jeglichen Möglichkeitssinn. Eine solche Politik steht in der Gefahr, in bloße Verwaltung umzukippen. Die ›Revolution für das Leben‹ ist Ausdruck mundialer Politik, die auf die Veränderung der Parameter zielt, die als ›möglich‹ und ›real‹ charakterisiert sind. Sie ist eine Kunst des Unmöglichen. Mundiale Politik ist unterbrechende Politik. Eine solche Politik … evoziert Möglichkeitssinn. Ihr Modus ist nicht das Herstellen, sondern das Handeln. Das Spezifikum des Handels ist der Neubeginn … Handeln verändert. 

Aus der Sicht der biblischen Traditionen ist mundiale Politik Exoduspolitik … Die Erinnerung an den Exodus verlangt, nicht bei der Wahrnehmung des eigenen Leids stehenzubleiben, sondern vorzudringen zur Wahrnehmung fremden Leids … Eine Kirche, die sich … als nachbürgerliche Initiativkirche versteht, besitzt die Fähigkeit, durch ein Miteinanderhandeln mit anderen das Weiter-so-Handeln zu unterbrechen und Neuansätze zu setzen. Die ›Revolution für das Leben‹ reißt wie andere Revolutionen ›eine Lücke in die Zeit‹, spannt sich einen neuen Zeitraum auf, ein neues Zwischen … Die ›Revolution für das Leben‹ erschüttert das Alte, bricht es auf, zersplittert es, aber sie wirft die Splitter nicht weg, sondern setzt sie neu zusammen. Auch sie ist … ›etwas, das … jeglicher Wahrscheinlichkeit spottet, uns unverfügbar ist‹ (Hannah Arendt). Aber sie kommt nicht aus dem Nirgendwo … Aus dem Grund schafft ›die Revolution für das Leben‹ das bestehende demokratische Institutionengefüge auch nicht ab, sondern richtet es für Neues auf. Dadurch werden die alten Strukturen produktiv destabilisiert und verflüssigt sie … In der repräsentativen Demokratie dominieren mittlerweile die Parteien. Eine ›Revolution für das Leben‹ bricht diese Dominanz auf. Sie kämpft dafür, neben der Legislativen, Judikativen und Exekutiven eine ›Konsultative‹ ins Leben zu rufen: Bürger✳︎Innenräte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Diese Räte sollen … das repräsentative Modell durch direkt-demokratische Elemente ergänzen … Ihre Mitglieder hätten die Aufgabe, gemeinwohlorientierte Empfehlungen an die Parlamente zu adressieren, mit denen diese sich nachweislich intensiv auseinandersetzen müssten.

Eine Kirche, der es ernst wäre mit dem“ Exodusgott, „würde die Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen, sich im Kontext dieser institutionellen Neufiguration als partizipative Gemeinschaft wiederzuentdecken. Auf dem synodalem Weg könnten analoge Räte in der Kirche ins Leben gerufen werden, um die eigenen verkrusteten Strukturen aufzubrechen und derart zu verflüssigen, dass Kirche wirklich neu werden würde“ (Jürgen Manemann S. 133 ff.).

ham, 24. Dezember 2021 

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