Herausforderungen und Chancen in einer pluralen Gesellschaft

V&R unipress / Vienne University Press / Wiener Forum für Theologie und Religionswissenschaft Band 026 / De Gruyter Brill, 2026, ISBN 978-7370-20000-8, 234 Seiten, Hardcover, Format 23,5 x 16 cm, € 45,00 (D)

Der Sammelband greift die im Wintersemester 2025 am Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft der Evangelisch-Theologischen Fakultät sowie am Institut für Islamisch-Theologische Studien der Universität Wien abgehaltene Vorlesungsreihe auf und reflektiert die Frage, wie religiöse Wahrheit in einer pluralen Gesellschaft verstanden werden kann, ohne die Differenzen in den Antworten der Religionen aufzuheben oder die Wahrheit zu relativieren. 

„Zunehmende religiöse Ausdifferenzierung und Vielfalt stellt eine Herausforderung für das Verstehen, also die Hermeneutik dar. Das betrifft nicht nur die Kultur als solche, sondern auch die Religionen und religiösen Traditionen. Bisherige Modelle der interreligiösen Relationierung, wie sie unter anderem in dem sogenannten pluralistischen Modell vorgeschlagen wurden, überzeugen vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ausdifferenzierung des religiösen Feldes nicht mehr. Sie lösen die geschichtlichen Religionen in einen übergeordneten Wahrheitsbegriff auf. Das Verstehen der Wahrheiten der geschichtlichen Religionen, also die Aufgabe einer interreligiösen Hermeneutik, ist in einem solchen Rahmen nicht möglich. Neue Ansätze sind erforderlich, um Transformationsprozesse in modernen Gesellschaften und in Religionen theoretisch angemessen aufnehmen zu können. Während Dialog in vielen Kontexten längst praktiziert wird, fehlt eine hermeneutische Reflexion des Verstehens von religiöser Andersheit und Differenz, die beides gerade nicht im Verstehensprozess ausschaltet. Diesem Desiderat widmen sich die Beiträge des vorliegenden Bandes aus theologischer, religionswissenschaftlicher, philosophischer und interreligiöser Perspektive“ (Şenol Yağdı, Christian Danz, S. 11).  

Der erste Teil verhandelt die religionswissenschaftlichen und theologischen Grundlagen der Frage nach der Wahrheit. Den Einstieg macht der in Bremen lehrende Religionswissenschaftler Yan Suarsana. Er nähert sich der Wahrheitsfrage aus einer kulturwissenschaftlich orientierten Religionswissenschaft an. „Einer so begründeten Religionswissenschaft geht es nicht darum, die religiöse Welt mithilfe abstrakter Kategorien zu ordnen, sondern die sich in der historischen Welt ablaufenden religionsbezogenen Prozesse und Entwicklungen in ihrem jeweils ganz konkreten Kontext zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären“ (Yan Suarsana, S. 21). Deshalb fragt er auch nicht, was Wahrheit ist, sondern was wir sehen, wenn wir uns mit den Aushandlungsprozessen um religiöse Wahrheit befassen und weshalb Menschen in spezifischen Kontexten auf eine bestimmte Weise über Wahrheit sprechen. Es zeigt sich, dass auch im Alltagsverständnis von Wahrheit die Vorstellung einer tatsächlich existierenden und zweifelhaft gültigen abstrakten Wirklichkeit den Maßstab für Wahrheit bildet. Mit Judith Butler geht er davon aus, das sich dieses essentialistische Verständnis von Wahrheit in langen Diskursen herausbildet, in denen im Ergebnis nicht mehr nach der Diskursivität von Wahrheit gefragt und Wahrheit als gegeben hingenommen wird.

Durch das Nachzeichnen der Historisierung und damit der Destruktion des essentialistischen Wahrheitsbegriffs wird evident, dass es nicht gesagt ist, dass die Wahrheit in dieser Form existiert. Damit sollte im religionstheologischen Wahrheits-diskurs nicht mehr gefragt werden; ‚Was ist die Wahrheit?‘, sondern: ‚Wer oder was ist wahr?‘ Die Vielzahl möglicher Antworten stünde einer interreligiösen Verständigung kaum im Weg.

Der in Wien lehrende evangelische Theologe Christian Danz polemisiert auf dem Hintergrund dieses Verständnisses von ‚Wahrheit‘ als dem Ergebnis von sedimentierten Diskursen gegen etablierte Modelle pluralistischer Religionstheorie und skizziert ein Verständnis von religiöser Wahrheit als kommunikativem Geschehen. Dadurch wird religiöse Wahrheit im konkreten kommunikativen Geschehen im Raum und Zeit zum Wahrsprechen. „Indem die christlich-religiöse Kommunikation der Erinnerung an Jesus Christus gelingt, entspringt die christliche Religion. Ihre gegenständlichen Aussagen, Bilder und Vorstellungen stellen in ihr dar, wie sie selbst in der Kommunikation entsteht, nämlich in der wiederholenden Wiederaufnahme der Erinnerung an Jesus Christus in der Kommunikation. Ihre Wahrheit ist ihr religiöses Funktionieren, ihr durchsichtiger und selbstbezüglicher Gebrauch der inhaltlichen Kommunikation zur Herstellung von religiösem Sinn, durch den sie zur Existenz kommt. Wahr ist die christliche Religion nicht in einem gegenständlichen Sinn, im Verweis ihrer Aussagen und Bilder auf eine Wirklichkeit außerhalb und jenseits der Kommunikation, sondern in ihrem Wahrsprechen“ (Christian Danz, S. 39).

In der Konsequenz wird auf einen übergeordneten Wahrheitsbegriff im Sinne einer zeitlosen und invarianten Substanz außerhalb der Kommunikation verzichtet und zwischen Religion und Theologie unterschieden. Religion wird zu einem selbst- bezüglichen Kommunikationsgeschehen. „Für eine Religionstheologie und eine inter- religiöse Hermeneutik folgt aus der genannten Unterscheidung, dass es ihr darum gehen muss, das unbestimmte Wort ‚Religion‘ zu bestimmen und zu füllen. Das ist die Aufgabe der anderen Religionen bzw. ihrer Theologien, wenn sie solche ausgebildet haben. Ihnen obliegt es, das innere Funktionieren ihrer Religion zu erfassen und zu beschreiben. Aufgabe von Religionstheologie und interreligiöser Hermeneutik ist es folglich, die differenten Religionsverständnisse, ihre religiösen Gelingensbedingungen, zu klären, statt nach einer Wahrheit zu suchen, die jenseits ihrer Kommunikation besteht. 

Wenn, wie vorgeschlagen, auf einen übergeordneten Wahrheitsbegriff verzichtet wird, der die einzelnen geschichtlichen Religionen begründet, dann stehen ihre diversen Wahrheiten nebeneinander. Damit ist grundsätzlich die Besonderheit und Absolutheit der geschichtlichen Religionen anerkannt und auf einer theoretischen Ebene berücksichtigt. Ihre inhaltlichen Aussagen, Bilder und Vorstellungen verweisen nicht auf eine ihnen übergeordnete und sie übergreifende transzendente eine Wahrheit. Sie beziehen sich auf die jeweiligen Religionen und stellen ihre eigene Wahrheit, ihr religiöses Funktionieren dar, das in ihnen hergestellt wird. Nur auf diese Weise kann die Alterität, Differenz und Andersheit der geschichtlichen Religionen in einer Religionstheologie und einer interreligiösen Hermeneutik ebenso erhalten bleiben wie ihre geschichtliche Wandelbarkeit in der Weitergabe ihrer Traditionen.“ (Christian Danz, S. 40 f.).

Michaela Durst schließt daran an und vergleicht die Wahrheitskonzeptionen von Reinhold Bernhardt und Christian Danz. Dabei zeigt sie zwei unterschiedliche Ansätze, Absolutheitsansprüche zu begrenzen, ohne den Wahrheitsbegriff aufzugeben. Anschließend skizziert Andrea Lehner-Hartmann eine religions- pädagogische Perspektive auf Wahrheit im Kontext religiöser Pluralität und plädiert für praxisnahe, dialogfähige Bildung ohne Relativismus. 

Im zweiten Teil des Bandes folgen Beiträge aus den religiösen Traditionen des Judentums, des Christentums, des Islams, des Alevitentums, der Bahá’í-Religion, des Hinduismus und des Konfuzianismus.

ham, 15. Juni 2026

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2023 Helmut A. Müller