Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können
Wilhelm Heyne Verlag, München, 2026, ISBN 978-3-453-21914-4, 320 Seiten,
Hardcover, mit Schutzumschlag, Format 21,5 × 13,5 cm, 24,00 €
Der römische Dichter Titus Maccius Plautus hat in seiner Eselskomödie das lateinische Sprichwort »homo homini lupus« (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) für die Nachwelt überliefert. Der englische Mathematiker, Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes hat daraus die Vorstellung abgeleitet, dass Menschen von Natur aus egoistisch, grausam und in Konflikt miteinander sind, alle gegen alle Krieg führen und es deshalb einen Staat braucht, dem das Gewaltmonopol zusteht. In dieser Spur ist der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seiner 1978 auf Deutsch veröffentlichen Publikation „Das egoistische Gen“ davon ausgegangen, dass die Entwicklung des Lebens auf die Selektion von überlebensfähigeren Genen zurückgeht und Menschen deshalb Überlebensmaschinen seien. Kritiker dieser These wie der Primatologe und Verhaltensforscher Frans de Waal stellen diese Auffassung infrage. Nach ihm stimmen alle Theorien, die annehmen, von Natur aus asoziale Kreaturen hätten sich rational dazu entschlossen, geordnete Gesellschaften zu bilden, nicht mit dem heutigen Wissen über die Evolution des Menschen überein: In Wirklichkeit gab es nie einen Zeitpunkt, von dem an wir sozial geworden sind: „Als Nachkommen von höchst sozialen Vorfahren … leben wir schon immer und ewig in Gruppen … Jeder Zoologe würde unsere Art als notwendigerweise gesellig klassifizieren.“ (Frans de Waal, https://naturrecht.ch/wp-content/uploads/2009-12-04-Frans-de-Waal-Vortrag-Repariert.pdf).
Der in den Fächern Innere Medizin und Psychiatrie habilitierte und nach seiner Emeritierung als Oberarzt in der Ambulanz der Abteilung Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Freiburg als Gastprofessor an der Berliner International Psychoanalytic University (IPU) lehrende Arzt Joachim Bauer geht mit de Waal von der Sozialität des Menschen aus und davon, dass menschliches Denken und Fühlen einen inneren Raum bilden, der in der deutschen Sprache mit den Begriffen Bewusstsein, Geist und Seele und in der englischen Sprache mit Consciousness und Mind belegt ist und dass dieser innere mentale Raum den Kern der personalen Identität bildet. „Obwohl er neuerdings oft als Headspace bezeichnet wird, besteht dieser Raum nicht nur aus dem Gehirn, sondern tatsächlich aus dem gesamten Körper. Entgegen den Suggestionen des Silicon Valley gibt es kein Bewusstsein, kein Denken und kein Fühlen ohne den Körper. Er als Ganzes ist … der Mindspace. Die Ausübung des letztinstanzlichen Hausrechts über diesen inneren Erlebnisraum bildet den Kern der persönlichen Autonomie und Souveränität. Wer Interesse hat, Menschen psychisch zu manipulieren und finanziell auszubeuten, muss versuchen, ihren inneren Erlebnisraum mit Gedanken und Gefühlen mietfrei zu vereinnahmen und die entmachteten Inhaber des Hausrechts fremdzusteuern. Indem Milliarden von Nutzerinnen und Nutzern bereit waren, sich über digitale Endgeräte, Social Media, Videospiele und Chatbots, gleichsam unter Hypnose, einem unaufhörlichen Strom aus Botschaften und Suggestionen auszusetzen, gelang es den Baronen des Silicon Valley, den Nutzern das Hausrecht über ihren Mindspace abzunehmen.
Die Kultur des digitalen Erlebnisraumes, also die Art und Weise, wie in ihm gefühlt und gedacht wird, folgt den Ansagen des sogenannten Transhumanismus, einer dem Humanismus diametral entgegenge-setzte Denkweise: Der Mensch wird als eine Maschine betrachtet. Er lässt sich digital gleichwertig simulieren. Bewusstsein, Geist und Intelligenz erschöpfen sich in der Fähigkeit zu Informationsverarbeitung. Der Körper ist aufgrund seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit ein Auslaufmodell, man muss ihn mit digitalen Hilfsmitteln zunächst verbessern und dann ganz ersetzen. Empathie und zwischenmenschliche Bindungen haben keinen Stellenwert, sie sind vielmehr das Problem, dass es zu beseitigen gilt. Dem entsprechend zielt das Silicon Valley in der Pädagogik auf den Ersatz von menschlichen Erzieherinnen, Erziehern und Lehrkräften, in der Medizin auf den Ersatz von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften durch Chatbots und Roboter. Die Erde als Ganzes sei letztlich nicht zu retten, daher müsse die Menschheit – oder Computer-Uploads von menschlichem Geist – den Weltraum besiedeln“ (Joachim Bauer, S. 14 f.).
Auf der Basis von neurobiologischen Erkenntnissen rechnet Bauer mit de Waal damit, dass der Mensch sozial konstruiert ist. „Menschen können ohne hinreichend gute zwischenmenschliche Beziehungen nicht gesund bleiben. Fehlende soziale Verbundenheit verkürzt nachweislich die Lebenszeit. Der Mensch ist mit einem neuronalen Resonanzsystem ausgestattet, das ihn proaktiv zu einem Beziehungswesen macht. Zwischenmenschliche Resonanzerfahrungen durchziehen unseren Alltag. Menschen können nicht anders, als wechselseitig in Resonanz zu gehen: Ihr Körper adressiert mit seinen körpersprachlichen Zeichen – und mit dem, was wir sagen – die Mitmenschen. Im Körper der Adressaten werden die Zeichen wahrgenommen, »ausgelesen« und führen zu einer resonanten, spiegelbildlichen Antwort. Dies ist der Grund, warum sich Menschen gegenseitig verstehen, mit ihren Gefühlszuständen und Gedanken aber auch »anstecken« können.
Kaum dem Mutterleib entschlüpft, suchen neugeborene Säuglinge nach Resonanz: Ihre Augen suchen nach Blickkontakt, ihr Körper nach Hautkontakt. Ihre stimmlichen Äußerungen suchen nach resonanter Antwort. Der Säugling sendet (unbewusst, absichtslos) körpersprachliche Zeichen aus. Die Bezugsperson geht in Resonanz … , sie spürt, wie es dem Säugling geht, und bietet ihm eine Lösung an. Erhalten Säuglinge keine Resonanz, reagieren ihre Angst- und Stresssysteme … Resonanz ist das Kernstück jeder empathischen zwischenmenschlichen Beziehung. Beziehungs- und Resonanzfähigkeit ermöglicht dem Menschen, die Absichten und Handlungen seiner Mitmenschen zu verstehen und in der Lage zu sein, zu fühlen, was andere jeweils fühlen“ (Joachim Bauer, S. 100 ff.).
Wer sich aber auf die von den Baronen des Silicon Valley eingeführten digitalen Produkte und ihre virtuellen Welten einlässt, bekommt im Netz von der künstlichen Intelligenz Lösungen für Fragen aufgetischt, die er gar nicht gestellt hat, und unendlich viele Beschäftigungsmöglichkeiten in virtuellen Räumen, die ihn dem gesellschaftlichen Leben entziehen. „Künstliche Intelligenz soll als persönlicher Agent für Nutzer entscheiden, was eingekauft wird. ChatGPT, Musks Chatbot Grok und viele weitere Anbieter bieten erotischen Gesprächscontent an. Die Systeme beherrschen den Alltag ihrer Nutzer. Über die Manipulationsmöglichkeiten und Schäden, die Letztere dadurch erleiden können, wird in den Medien fast täglich berichtet. Die Naivität und Unbedarftheit derer, die sich den Systemen ausliefern, ist erstaunlich.
Die Menschheit hat sich von den Big-Tech-Wortführen ihr Selbstbewusstsein abkaufen lassen, das sie im Zuge der Aufklärung erlangte. Immanuel Kants »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen« war gestern. Wir lassen durch das Silicon Valley für uns denken und fühlen. Kants Satz wurde abgelöst durch Sam Altmanns Verkündigung: »We are building a brain for the world«. Das Denken wird ausgelagert, wie es jahrhundertelang vor der Aufklärung der Fall war … Entgegen … wohlbegründeten Expertenempfehlungen nutzen nach Angaben eines Branchenverbandes bereits 64 % der 6– bis 7– Jährigen Smartphones, bei den 11– bis 12– Jährigen sollen es 87 % sein. Steigende tägliche Bildschirmnutzungszeiten von Kindern korrelieren – wissenschaftlich belegt – mit Übergewicht, Kurzsichtigkeit, Schlafstörungen, verzögerter Sprachentwicklung und motorischen Entwicklungsstörungen, sie beeinträchtigen das Sozialverhalten, begünstigen die Entwicklung eines ADHS und haben eine Minderung des Gehirnvolumens zur Folge. Mit Kindern und Jugendlichen zu leben, war immer schon eine Herausforderung. Social Media, Videospiele und KI-Chatbots zielen, um sich bei den Nutzerinnen und Nutzern zu etablieren, auf die Entfremdung und Spaltung zwischen Kindern und Eltern. Sie haben dadurch ungeheuer Probleme in die Familien getragen. Dieses destruktive Potenzial sucht seinesgleichen und hat eine ganz andere Dimension als die Konflikte, die heranwachsende Jugendliche und Eltern seit jeher miteinander austragen“ (Joachim Bauer, S. 110 f.).
Bauer zieht folgendes Resümee:
Der übergroßen wirtschaftlichen Macht der Tech-Konzerne muss eine demokratische politische Gegenbewegung entgegengestellt werden. Gegen die messianischen Suggestionen des Silicon Valley gilt es, die Vernunft, die Aufklärung und die Humanität zu verteidigen“ (Joachim Bauer S. 238 ff.).
ham, 27. April 2026