Nov 14

Etel Adnan 

Von Helmut A. Müller | In Katalog, Kunst

Publikation zu den Ausstellungen vom 25. Oktober 2022 – 28. Februar 2023 im Lenbachhaus, München und ab 1.4.2023 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, herausgegeben von Sebastian Delft mit Matthias Mühling für das Lenbachhaus sowie mit Susanne Gaensheimer für die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und Beiträgen von O. Berrada, K. Beßen, Sébastien Delot, S. Fattal, G. Prangé, M. Montazami, M. Vietmeier, G. Zapperi

HIRMER PREMIUM, Hirmer Verlag, München, 2022, ISBN: 978-3-7774-4056-9, 298 Seiten, 200 Abbildungen in Farbe, strukturierter Papiereinband, hochwertiges Kunstdruckpapier, Broschur, 

Format 24 x 19 cm, 39,90 € [D] | 41,10 € [A] | 48,70 SFR [CH]

Das Werk der 1925 in Beirut geborene und 2021 in Paris verstorbenen Schriftstellerin, Malerin, Journalistin und Philosophin Etel Adnan zeichnet sich durch den gelebten Austausch zwischen der arabischen und der westlichen Welt aus und verbindet unterschiedlichste Kunstformen, Medien, Sprachen und Kulturen. Sie wurde als Tochter einer griechischen Mutter und eines syrischen Vaters geboren. Der Vater war Offizier der Armee des Osmanischen Reichs, Klassenkamerad von Atatürk und Befehlshaber von Smyrna. Die Eltern hatten sich 1913 in Smyrna kennengelernt und noch im selben Jahr geheiratet. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zogen sie 1923 nach Beirut. In der Familie wurde Türkisch gesprochen; ihre Mutter unterhielt sich mit ihr auf Griechisch. Die französischen Nonnen sprachen im Kindergarten und in der Schule Französisch.

„Die französischen Nonnen waren streng: Sie benahmen sich wie Kolonialherren und Missionare. Sie hatten die doppelte Aufgabe, die Tugenden der französischen Zivilisationen und, in Sachen der Religion, die Unfehlbarkeit der Kirche zu predigen … So wuchs ich mit der Vorstellung auf, die Welt sei französisch … Also begann ich mit fünf, Französisch zu sprechen und sprach dann nur noch Französisch, weil Arabisch an diesen französischen Schulen verboten war … Da meine Mutter kein Arabisch konnte, machte sich zu Hause das Französische breit. Wir sprachen immer weniger Türkisch und Griechisch und immer mehr Französisch“ (Etel Adnan S. 32). Ihrem Vater hat das alles andere als behagt; er wollte, dass Etel Arabisch lernt. Sie begann, Kalligrafien abzuzeichnen und fand schon in der Schule Spaß am Schreiben. „Das Vergnügen beim Erfinden kleiner Geschichten, beim Erringen einer Art von Sieg, beim Auskosten einer Art von Triumph, wenn die Kinder ankamen und mich um Wörter oder Sätze baten, machten mir früh klar: Zwar war ich beim Laufen in der Pause oder beim Volleyball nicht die Beste, aber Schreiben war mein kleines Reich, eine Welt, in der ich keine Angst, keine Anspannung, kein Problem kannte“ (Etel Adnan S. 33).

Im Studium wird sie mit Literatur und Kunst bekannt und beginnt mit ersten dichterischen Versuchen. 1949 führt sie ein Stipendium an die Sorbonne, lernt dort auch den Louvre und zahlreiche Studierende aus den Vereinigten Staaten kennen und schreibt sich 1955 an der University of Berkeley ein, um dort eine – nie abgeschlossene – Doktorarbeit in Ästhetik zu beginnen. Nach der Ankunft in den Vereinigten Staaten verliebt sie sich in die amerikanische Sprache und wechselt ins Amerikanische. In der Bay Area wird sie mit der im Umfeld von Berkeley entstandenen Lyrikrenaissance, der Beat Generation, der Studentenbewegung, dem Jazz, Traditionen japanischer Dichtungen und den poetischen Experimenten des Black Mountain College bekannt. In der 1957 gegründeten avantgardistischen arabischen Literaturzeitschrift Schi’ir kann sie ihre ersten aus dem Französischen ins Arabische übersetzten Gedichte veröffentlichen. Der Algerienkrieg (1954 – 1972) stürzt sie in einen Gewissenskonflikt: Sie will fortan nicht mehr in der Sprache der Kolonialmacht schreiben.

„Als ich begann, mich ernsthaft wieder mit der Dichtung und dem Schreiben zu befassen, tauchte ein Problem politischer Natur auf. Es war die Zeit des algerischen Unabhängigkeitskrieges. Die Zeitungen brachten regelmäßig Berichte über den Tod von Algeriern, Nachrichten über Grausamkeiten, wie sie Gewalt in größerem Maßstab immer zu begleiten scheinen. Mir wurde plötzlich und mit einer ziemlichen Heftigkeit bewusst, dass ich spontan und ganz natürlicherweise Partei ergriffen hatte, dass ich emotional an diesem Krieg teilnahm und dass es mich anekelte, mich auf Französisch ausdrücken zu müssen“ (Etel Adnan S. 41). In der abstrakten Malerei entdeckt sie ein neues künstlerisches Ausdrucksmittel: „Rasch begriff ich, dass das Malen für mich eine neue Sprache war und dass es die Lösung für mein Problem enthielt: Ich musste nicht mehr auf Französisch schreiben, ich malte einfach auf Arabisch … Mit Leidenschaft wurde ich Malerin“ (Etel Adnan ebenda. Vergleiche dazu auch Etel Adnan, Autumn in Yosemite Valley:. In: https://www.artsy.net/artwork/etel-adnan-autumn-in-yosemite-valley und Etel Adnan. In: http://www.artnet.com/artists/etel-adnan/).

Sie begegnet am Dominican College of San Rafael der Kunstprofessorin Ann O’Hanlon (vegleiche dazu https://en.wikipedia.org/wiki/Ann_Rice_O%27Hanlon) und lernt den Mount Tamalpais bei Sausalito kennen, der bald zum bedeutendsten Sujet ihrer Malerei wird (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Mount_Tamalpais). 1961 entdeckt sie japanische Hefte, sogenannte Leporellos: „Ich liebe das Fließen, das vermeintliche Fehlen von Begrenzungen, die Erscheinung dieser endlos sich entfaltenden Papiere. China und Japan verstanden schon früh, dass man ein Bild genauso liest wie Zeilen, die aus Wörtern bestehen. Die übrige Welt holt das langsam nach“ (Etel Adnan S. 42). Die Leporellos erlauben es ihr, die Kalligrafie wieder aufzugreifen und Text und Bild miteinander zu verbinden (vergleiche dazu Etel Adnan, Leporellos, 2020. French edition by Etel Adnan, Jean Frémon, Anne Moeglin-Delcroix). 

1961 hat sie ihre erste Einzelausstellung in der Galerie des Künstlerehepaars Ann und Richard O’Hanlon in Mill Valley, Kalifornien. 2012 wird sie zur dOCUMENTA 13 eingeladen, 2014 ins Museum der Moderne Salzburg, 2015 ins Haus Konstruktiv in Zürich und zu den Galerien Lelong in Paris und New York, 2016 in die Serpentine Gallery in London, 2018 ins Zentrum Paul Klee in Bern, 2019 ins Mudam in Luxemburg, 2021 ins Guggenheim Museum in New York und 2022 ins Van Gogh Museum in Amsterdam. Ihre Ausstellung im Lenbachhaus in München, ihre erste große Einzelschau in Deutschland, hat sie noch mit vorbereitet, die Eröffnung hat sie nicht mehr erlebt.

In der Ausstellung im Lenbachhaus werden über 150 Werke aus allen Schaffensperioden und in allen Medien von den 1960er-Jahren bis 2021 gezeigt und punktuell in einen Dialog mit Werken von Kandinsky, Münter und Klee gebracht, die sich mit ähnlichen Fragestellungen zu Form, Farbe und Komposition, der Verschränkung von Malerei, Zeichen und Schrift und auf einer Metaebene der Ergründung der kosmischen Dimension von Zeit, Raum und Geist befasst haben (vergleiche dazu das Vorwort zum Katalog von Matthias Mühling, Susanne Gaensheimer, Kathrin Becker S. 8 und Etel Adnan. In: https://www.lenbachhaus.de/entdecken/ausstellungen/detail/etel-adnan). 

„Die beständige Suche nach dem Ursprung hat die große Künstlerin der europäischen Avantgarde zutiefst geprägt. Bei Etel Adnan hallen die Worte Paul Klees nach, der über den Künstler schreibt: ›Ich möchte nun … zu zeigen versuchen, wieso der Künstler oft zu einer solchen scheinbar willkürlichen ⟩Deformation⟨ der natürlichen Erscheinungsform kommt … Je tiefer er schaut, desto leichter vermag er Gesichtspunkte von heute nach gestern zu spannen. Desto mehr prägt sich ihm an der Stelle eines fertigen Naturbildes das allein wesentliche Bild der Schöpfung als Genesis ein. Er erlaubt sich dann auch den Gedanken, dass die Schöpfung heute kaum abgeschlossen sein könne, und dehnt damit jenes weltschöpferische Tun von rückwärts nach vorwärts. Der Genesis Dauer verleihend‹. Zeit ist Erinnerung … Einer Form, einem Merkmal, einer Linie Leben zu verleihen, bedeutet für Adnan die Möglichkeit, ihrem Empfinden angesichts der Erinnerung Ausdruck zu verleihen. Was sie vorschlägt, sind subtile Variationen von Farbe, Raum und Linie … Für Adnan führt die Wiederholung der Formen zu größerer Freiheit.

Auf die ersten Leinwände, die sie aufzieht, platziert sie zunächst ein rotes Quadrat. Häufig dient es ihr als Dreh- und Angelpunkt der Komposition. Mit dem Messer oder dem Spachtel trägt sie, ineinander verschränkt, die reinen Farben auf, mit Genauigkeit und Ausgewogenheit. Der Teppich aus Primär- und Sekundärfarben erzeugt durch seine Diversität, durch den Rhythmus ihrer Interaktionen eine neue Räumlichkeit … Formen tauchen auf und machen anderen Formen Platz. Gegenwärtig und unerreichbar. Etel Adnans Malerei bewegt sich im Horizont der Sprache. Denken, Sprache, Traum, Erinnerung, Sprechen, Begehren, Bewegung, die uns mit Leben erfüllt, aber nicht erzählt werden kann, höchstens angedeutet. Hebt die Erzählung des Traums den geträumten Traum auf? Was aber bewirkt, dass Wörter nur Sinnträger sind? Was bewirkt, dass Etel Adnans Denken in seinen Herausforderungen, in den Widersprüchlichkeiten seiner Bewegung weitaus mehr zu erschaffen vermag als die Malerei?

Möglicherweise dienen die Erinnerungen auch als Leinwand für das Gedächtnis … Für Etel Adnan hat die Malerei ein Gedächtnis. Unser Leben ist nur Fragment. Für Adnan entthront kein Gemälde jemals ein anderes. Ein Gemälde ist kein Objekt, es ist eine aufgeworfene Frage, eine Frage ohne Antwort. Es kann weder vollendet noch vollkommen sein. Ihre Malerei ist ein Raum, der es erlaubt, sich von allen Vorurteilen zu befreien“ (Sebastian Delft, Eine Vielfalt an Bezügen. In: Etel Adnan S. 69 ff.).

Der zu den Ausstellungen erschienene Katalog versteht sich als Hommage an eine Weltbürgerin, für die Malen ›die Liebe zur Welt‹ war.

ham, 14. November 2022

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