21. März bis 21. Juni 2026 in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit Arbeiten der KünstlerInnen Martin Assig (*1959 in Schwelm), Marwan Bassiouni (*1985 in Morges, Schweiz),Matthias Beckmann (*1965 in Arnsberg), Nezaket Ekici (*1970 in Kırşehir, Türkei) & Marcus Shahar (*1971 in Petach Tikwa, Israel), Michal Fuchs (*1983 in Negev, Israel), Ana Hupe (*1983 in Rio de Janeiro, Brasilien), Anahita Razmi (*1981 in Hamburg), Nadine Rennert (*1965 in Neustadt an der Weinstraße), Miguel Rothschild (*1963 in Buenos Aires, Argentinien) und Roland Stratmann (*1964 in Südlohn)

Die von den beiden Berliner Künstlern Matthias Beckmann und Roland Stratmann für die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen kuratierte Ausstellung zeigt Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Fotografien und Videoarbeiten, die sich im engeren und weiteren Sinne mit der Darstellung von religiösen Artefakten im Kontext von Kunst auseinandersetzen.

Sie setzt mit fünf Großformaten aus Martin Assigs »St. Paul«-Serie ein, in der er zwischen 2009 und 2019 nach seiner Nahtoderfahrung und seiner Begegnung mit der Londoner Saint Pauls Cathedral auf den Spuren des Apostels Paulus und des Malerheiligen Paul Klee über Gebete, den Himmel und Unsterblichkeit nachdenkt. Dabei will er immer, dass man sieht, dass seine Bilder nicht vom Himmel gefallen sind, sondern auf Erden gemalt wurden (vergleiche dazu https://www.kunstforum.de/artikel/martin-assig-4/).

Sie geht weiter mit zwei Serien von Aquarellen auf Papier, die Nadine Rennert nach einem schamanischen Ritual für einen verstorbenen Tänzer kurz nach dem Tod ihres Vaters während ihres Aufenthalts in Korea angefertigt hat. „Das Ritual fand außerhalb von Seoul statt, begann am Morgen und dauerte 10 Stunden. Es beinhaltete verschiedene Abschnitte. Im vorletzten Ritualabschnitt geht der von der Schamanin inkorporierte Verstorbene endgültig in das Totenreich. Dabei bricht er mit einem Messer und dem Körpergewicht durch eine lange weiße Stoffbahn, die von assistierenden Schamanen gehalten wird. Durch das Zerschneiden dieser Lebensbrücke wird der Abbruch der Verbindung von Lebenden und Toten symbolisiert“ (Nadine Rennert, Papierarbeiten. In: https://nadinerennert.de/zeichnung/). In vielen ihrer Skulpturen versucht sie, dem Geheimnis des Inneren auf die Spur zu kommen, stattet sie deshalb mit Hohlräumen aus und bestückt sie u .a. mit einem Dämon. Ihre Skulptur »Selbtritt« knüpft an das spätmittelalterliche Dreigenerationen-Motiv der Heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind an. Die Figuren sind durch Masken entpersonalisiert. Zugleich verweist der als Maske gestaltete Schafskopf auf das Lamm Gottes.

Der durch seine dokumentarischen Zeichnungen bekannte Matthias Beckmann zeigt einen im Bode-Museum und in der Berliner Gemäldegalerie entstandenen Zyklus von in Museen transferierten Kultgegenständen, die am neuen Ort ihren religiösen Kontext verlieren und sich in ästhetische Objekte verwandeln. Der katholisch aufgewachsene Künstler notiert, dass Religion dafür aber im Kontext von sportlichen Ereignissen, in der Werbung und in der Politik immer wichtiger wird.

Die  Arbeiten der deutsch-iranische Medienkünstlerin Anahita Razmi (vergleiche dazu https://www.abk-stuttgart.de/news/anahita-razmi-professorin-in-teilvertretung-fuer-digitale-und-zeitbasierte-kunst/) bewegen sich zwischen bewegtem Bild, Installation, Fotografie und Performance. Sie setzt sich mit Bildpolitiken, Machtverhältnissen und Fragen der Repräsentation auseinander. Ihre in der Ausstellung gezeigten islamischen Talismannhemden sollen ihren Trägern in ihrem Ursprungskontext Schutz, Kraft, Stärke, Glück und Segen bringen. Die jetzt auf ihnen angebrachten westlichen Buttons  werben u. a. für die soziale Bewegung »Free Hugs«, die fremden Passanten Umarmungen anbieten, aber auch für den Kent County Cricket Club und Slush Puppi-Produkte (vergleiche dazu https://en.wikipedia.org/wiki/Slush_Puppie).

Der in der Schweiz als Sohn einer US-amerikanischen Mutter und eines ägyptischen Vaters geborene und in den Niederlanden lebende Fotograf Marwan Bassiouni fotografiert islamische Gebetsräume aus ihrem Inneren heraus und sucht dabei nach Ausblicken, die sowohl die Einzigartigkeit als auch die Alltäglichkeit des Landes und der muslimischen Gemeinschaft widerspiegeln.

Die Großeltern von Miguel Rothschild mussten 1934 ihre Heimat Ingelheim am Rhein verlassen. Der Boykott jüdischer Geschäfte raubte ihnen die Existenzgrundlage. Die Familie fand schließlich in Argentinien ein neues Zuhause. In der hebräischen Bibel spielt die Vorstellung vom Paradies mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und dem Baum des ewigen Lebens eine bedeutende Rolle. Seine umfangreiche Wandarbeit mit 350 Fotografien von Ladenzeilen mit dem Titel »Paradies« zeigt die bleibende Attraktivität der Paradiesvorstellung und zugleich das Spannungsverhältnis zwischen dem als Werbeversprechen genutzten Paradiesbegriff und der nüchternen Realität. Seine perforierten Color-Prints »Revelation« und »Jesus Saves« (vergleiche dazu https://miguelrothschild.de/works/confetti/) könnten auf das Miteinander von Göttlichem und Profanem und ihre gegenseitige Durchdringung verweisen.

Ana Hupe forscht zu meist als Raubgut in ethnografische Museen gelangten Objekten und den Mechanismen ihres Sammelns, Archivieren und Klassifizierens in musealen Depots. Ihre Drucke in traditioneller Indigofärbung und ihre Stickereien erinnern an die verloren gegangenen kulturellen und religiösen Kontexte.

Ihr Umzug von Israel nach Deutschland hat Michal Fuchs zur Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität gebracht. In ihrer Installation »Von dem Land hinabzugehen« steht die mexikanische Dreimasterblume für den mit jeder Migration verbundenen Prozess der Entwurzelung und der Notwendigkeit, sich auf die neue Umgebung einzulassen und dort Wurzeln zu schlagen.

Der als Klosterschüler katholisch sozialisierte Berliner Konzeptkünstler Roland Stratmann ist für seine als Bildgrund genutzten beschriebenen und versandten Postkarten bekannt, auf die er mit schwarzer Tusche zeichnet und diese mit Zitaten in großen farbigen Lettern kombiniert. In seinem Objekt aus der Serie »ArcheNo« lässt er ein Nashorn durch die aufgeschlagenen Seiten einer birmanischen Bibel laufen. Aber es gab auf der Arche Noah kein Einhorn. Das in der Bibel neunmal erwähnte Hebräische  re’ém  bezeichnet einen wilden Auerochsen. Die Übersetzung „Einhorn“ entstand durch eine Fehlübersetzung aus dem Hebräischen ins Griechische, die u. a. von Luther übernommen wurde. Re’ém steht aber für ein zweihörniges Tier. Die dreiteilige Arbeit von 

Nezaket Ekici & Shahar Marcus widmet sich der Frage, wie im Judentum, im Christentum und im Islam mit veralteten und unlesbar gewordenen heiligen Büchern umgegangen wird.Die Ausstellung kann dazu anregen, sich wieder einmal mit den Wurzeln seiner eigenen Existenz auseinanderzusetzen und sich zu fragen, was fehlt, wenn Religion fehlt.

ham, 21. März 2026

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