Monografie zur gleichnamigen Ausstellung vom 16. Mai bis 15. August 2021 in der Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen am Neckar, herausgegeben von Andreas Baur. Mit Texten von Harald Gasser, Roman Lenz, Christiane Mennicke-Schwarz, Mathias von Mirbach, Marlies Ortner, Elisabeth Pircher, Jan Sneyd, Irina Zacharias und dem Herausgeber

Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen / Snoeck Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 2021, ISBN 978-3-86442-3-86442-346-8, 272 Seiten, 172 farbige Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 30 x 22,5 cm, € 48,00

Die 1975 in Bozen geborene, im bäuerlichen Umfeld in Jenesien und im nahe gelegenen Taberhof bei Bozen aufgewachsene Gabriela Oberkofler hat sich in ihren ersten Einzelausstellungen mit Tieren, Pflanzen und ihrem häuslichen Umfeld künstlerisch auseinandergesetzt (vergleiche dazu https://gabrielaoberkofler.de/files/gabriela_oberkofler_biografie_de.pdf und https://www.facebook.com/photo/?fbid=10156259882648543&set=a.10152122521118543). In ihrer Ausstellung ›Blut im Schuh‹ 2009 im Hospitalhof Stuttgart sind drei weiße, von Oberkofler Veilchen, Rose und Vergissmeinnicht getaufte Tauben in eine in die Turmgalerie der Hospitalkirche eingebaute Voliere eingezogen. Eine Fensternische im Glockenturm war mit farbigen Blumenzeichnungen, tatsächlichen Geranienzweigen und Sterbebildchen anonymer toter Tiere drapiert. Auf dem Rasen des Innenhofs ist man auf Tiergräber gestoßen, die dem Autoverkehr zum Opfer gefallen sind. An auf Kreuzen befestigten Emailleschildern konnte man sehen, dass hier ein Salamander, eine Maus, eine Kröte, ein Vogel und ein Maulwurf beerdigt worden sind.

Im zur Ausstellung erschienen Katalog stehen die aquarellierten Filzstiftzeichnungen der toten Tiere neben kleinformatigen Zeichnungen von höchst lebendigen Meisen, Spatzen, Finken, Schwalben, Tauben, einem Wolf und fotografierten Hühnern. Dazu kommen zwei im Herbst fast kahl gewordene grauschwarze Äste, rot blühende Geranien, eine orange Tulpe, ein gezeichnetes Selbstbildnis der Künstlerin mit Zöpfen, die Künstlerin auf einem Haflinger-Pferd in der Pose von Marina Abramovic (vergleiche dazu etwa https://www.republik.ch/2018/07/16/unter-vampiren), aber nicht mit einer weißen Fahne, sondern mit einer Heugabel in der Hand, weiter Bilder von einer Hochzeitsperformance und örtlichem Brauchtum, der schwarz–rot gezeichnete und der gelb-schwarz erleuchtete oder vielleicht auch brennende Taberhof und einer dort eingerichtete frühe Ausstellung. 

In dem 12 Jahre später zur Ausstellung ›Api étoilé. Ein wachsendes Archiv‹ in der Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen erschienenen gleichnamigen Katalog tauchen außer Insekten, Ameisen, Seesternen, Einzellern und anderen in Lebensgemeinschaften mit Pflanzen lebenden Kleinstlebewesen (vergleiche dazu https://api-etoile.villa-merkel.de/2021/04/30/seesterne/tauchen und https://www.instagram.com/gabrielaoberkofler/?hl=de) keine Tiere mehr auf, dafür aber ein ausgewachsenes mobiles Saatgutarchiv, in Vergessenheit geratene oder gar verloren gegangene Nutz- und Wildpflanzen, die Apfelsorte Api étoilé, der Sternapfel, der Vollschmarotzer Nesselseide, der seinen Wirt, die Brennnessel, fast bis aufs Blut aussaugt und schließlich auch eine Flechte, in der Algen und Pilze in einer harmonischen Symbiose zusammenleben können. Im weiteren Sinn geht es dann um die Frage, ob symbiotische Gemeinschaften von Pflanzen und anderen Lebewesen für Menschen zum Vorbild für alternative Wirtschafts- und Lebensmodelle werden können und was die Kunst dazu beitragen kann.

Während der zweieinhalbjährigen Vorbereitung auf die Ausstellung sind die Flüchtlingsfrage und die wachsende Rolle der rechten Parteien im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen gestanden und Oberkofler hat sich gefragt, was in der menschlichen Kommunikation schiefläuft (vergleiche dazu und zum folgenden das Interview mit Gabriele Oberkofler vom 16.7.2021. In: https://api-etoile.villa-merkel.de/2021/07/16/gabriela-oberkofler-im-interview-mit-radio-rai-suedtirol/). Die Auseinandersetzung mit den Studien des Pflanzenforschers Stefano Mancuso, seine These von der Intelligenz der Pflanzen und seine Überzeugung, dass Pflanzen elementar für das globale Überleben sind (vergleiche dazu Stefano Mancuso, Alessandra Viola, die Intelligenz von Pflanzen, deutsch 2015 und https://www.ted.com/talks/stefano_mancuso_the_roots_of_plant_intelligence?language=de), hat sie zum Bild einer durch Pflanzen versöhnten Erde inspiriert (vergleiche dazu https://www.instagram.com/p/CO7RNfHlMam/). Dieses Bild wurde zum Ausgangspunkt der Ausstellung.

Ursprünglich wollte Oberkofler um die ganze Erde reisen und Samen aus allen Teilen der Welt für ihr Ausstellungs-, Kunst- und Forschungsprojekt zusammentragen. Pandemiebedingt mussten sich ihre Recherchen dann aber auf den europäischen Kontext und Gesprächspartner wie den Südtiroler Biodiversitätsexperten Harald Gasser (vergleiche dazu etwa https://www1.wdr.de/mediathek/video-portrait-harald-gasser-100.html), den Dekan der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und Mitbegründer des ›Genbänkle‹ Roman Lenz (vergleiche dazu etwa https://www.hfwu.de/roman-lenz/#c14674-1), den Initiator auf dem Feld der Solidarischen Landwirtschaft Mathias von Mirbach (vergleiche dazu etwa https://www.facebook.com/kattendorfer.hof/posts/797641113662988/) und die Gründerin der Therapiegarten GmbH und Spezialistin für Permakultur Marlies Orthner (vergleiche dazu etwa https://www.permakultur-akademie.com/permakultur-beginnt-im-garten-selbstversorgung-mit-gemuse/) beschränken.

Der intensive transkulturelle Austausch ist zunächst in eine Ausstellung und zahlreiche Begleitveranstaltungen in der Esslinger Villa Merkel und in seiner Außenstelle Freilichtmuseum Beuren gemündet. Dazu kommen Folgeprojekte wie die Ausstellung ›Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer‹ im Kunsthaus Dresden (vergleiche dazu https://kunsthausdresden.de/veranstaltungen/eine-schwalbe-macht-noch-keinen-sommer/) und ein Auftritt im Kulturzentrum und Institut für alternative Landwirtschaft Taberhof Flaas. 

„Auch bei der aus Anlass des Ausstellungs- und Forschungsprojekts ›Api étoilé‹ neu entstandenen Serie von Zeichnungen mit dem Titel ›Pflanzenpalaver‹ geht es um Interaktion und um produktiven Austausch. Die Zeichnungen fokussieren beispielsweise auf Besonderheiten im Wachstum der Erbse, auf Abwehrmechanismen der Akazie, auf Wachstumsmutationen des Mais, auf Stressbewältigungsmechanismen der Tomate, auf die Abwehrreaktionen der Mimose, auf die Limabohne und ihre Bewältigung des Befalls durch Spinnmilben. Sie visualisieren also unter anderem Überlebens- und Abwehrstrategien, die Pflanzen … dann entwickeln, wenn sie in einen kommunikativen Austausch mit anderen Pflanzen, mit Pilzen, Mikroben oder sonstigen Organismen treten. Und dass der Mensch hierbei genuin keine Rolle außer der des staunenden Beobachters spielt, ist nun wahrlich nicht zum Nachteil der beteiligten Pflanzen“ (Andreas Baur S. 6, vergleiche dazu auch https://www.snoeck.de/de/book/604/Gabriela-Oberkofler%3A-Api-étoilé-–-Ein-wachsendes-Archiv).

ham, 17. November 2021

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