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Das Gehirn in Kunst und Wissenschaft

Von Helmut A. Müller | In Allgemein

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung vom 28. Januar – 26. Juni 2022 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Mit Essays von Johanna Adam, Lucia Feldmann, Sascha Benjamin Fink, Ariel Hauptmeier, John-Dylan Haynes, Martin Hoffmann, Maria Keil, Andrea Kühn, Karl Müller, Michael Pauen, Henriette Pleiger, Gerhard Roth und Katja Schmidt und einer Fülle von Abbildungen

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH und Hirmer Verlag GmbH, München, 2022, ISBN 978-3-7774-3936-5, 272 Seiten, 300 Abbildungen in Farbe, Broschur, Format 26 x 21 cm, € 34,90 (D) / 35,9 (A) / 42,60 (CH)

Führende Hirnforscher in Deutschland haben die im April 2000 von George Busch zur „Decade of the Brain“ ausgerufenen Jahre 1990 bis 1999 (vergleiche dazu http://www.loc.gov/loc/brain/home.html) zum Anlass genommen, eine vergleichbare Dekade des menschlichen Gehirns für die Zeit von 2000 bis 2010 anzukündigen (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Dekade_des_Gehirns). Gut zehn Jahre später bündeln die Kuratoren der Bundeskunsthalle Johanna Adam und Ariel Hauptmeier in Verbindung mit dem Hirnforscher John-Dylan Haynes von der Charité das bisher Erreichte in der Ausstellung ›Das Gehirn in Kunst und Wissenschaft‹. In der Einleitung ihrer zur Ausstellung erschienenen reich illustrierten Publikation stellen sie fest, dass wir immer noch vergleichsweise wenig über dieses Organ in unserer Schädelhöhle wissen, das unser Leben und Erleben steuert. 

Das ist ehrlich und bei dem mit Milliarden geförderten Projekt Hirnforschung zugleich mehr als ernüchternd: Es ist zumindest auch denkbar, dass die Hirnforschung an der Komplexität ihres Sujets scheitert (vergleiche dazu Patrick Illinger, Milliarden für den Kopf, SZ, 3. April 2013. In: https://www.sueddeutsche.de/wissen/obama-foerdert-die-hirnforschung-milliarden-fuer-den-kopf-1.1639585-0#seite-2:, Michael Lange, Was hat das Human Brain Project gebracht? In: https://www.deutschlandfunk.de/human-brain-project-100.html und Emily Mullin, Warum die große Gehirn-Simulation zum Scheitern verurteilt sein könnte. In: https://www.heise.de/hintergrund/Warum-die-grosse-Gehirn-Simulation-zum-Scheitern-verurteilt-sein-koennte-6226125.html?seite=all). Immerhin ist der Bauplan des menschlichen Gehirns inzwischen bekannt und kartiert (vergleiche dazu etwa https://www.br.de/wissen/hirn-gehirn-hirnforschung-karte-atlas-100.html). 

Das erste Kapitel startet mit der Frage: „Was habe ich im Kopf?“ Der Biologe und Altmeister der Hirnforscher Gerhard Roth erläutert, wie das Gehirn entstanden und in den Kopf gekommen ist. Im Vordergrund steht dann die Geschichte der anatomischen und physiologischen Erforschung, Vermessung und Deutung des Gehirns – und die Frage, wie wir über die Jahrhunderte hinweg Methoden entwickelt haben, überhaupt an und ins Gehirn zu gelangen. Das zweite Kapitel wendet sich der Arbeitsweise des Gehirns zu. Im dritten Kapitel diskutiert der Philosoph Michael Pauen mögliche Zusammenhänge zwischen Körper und Seele, Gehirn und Geist und John-Dylan Haynes die Frage, ob wir einen freien Willen haben. Weitere Kapitel fragen, wie die Welt in den Kopf kommt, ob wir unsere Gehirne optimieren und mit Cyborgs, mit Mischwesen aus Menschen und intelligenten Maschinen rechnen sollen. Damit wären wir mit Yuval Noah Hariri auf dem Weg zum »Homo Deus« (vergleiche dazu Johann-Christian Pöder, Unterwegs zum »Homo Deus«? Die Transformation des Humanum in theologischer Sicht. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik, 66. Jahrgang, Heft 2, April bis Juni 2022, S. 90 – 103).

Im abschließenden Glossar des Bandes wird unter dem Stichwort „Bewusstsein“ notiert, dass die materialistische Auffassung, der zufolge Bewusstseinsprozesse physische Prozesse sind, massiv durch die moderne Hirnforschung gestützt wird, aber nicht endgültig bewiesen ist. „Die neuere Diskussion beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob bewusste Erfahrung durch neurobiologische Erkenntnisse erklärt werden kann. Umstritten ist, ob bewusste Erfahrungen notwendigerweise bestimmte kognitive Leistungen frontaler und zentraler Areale des Gehirns voraussetzen oder ob schon basale sinnliche Erfahrungen für sich genommen bewusst werden können. 

Einiges spricht dafür, dass zu einer wirklich überzeugenden Theorie von Bewusstsein nicht nur die empirischen Daten fehlen, sondern dass dazu auch ein fundamentaler Wandel unserer Vorstellungen von Bewusstsein erforderlich sein könnten“ (S. 265). Vergleichbares könnte auch bei den Vorstellungen vom optimierten Menschen festgehalten werden.

ham, 10. Mai 2022

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