Campus Verlag, Frankfurt / New York, 2021, ISBN 9783593514833, 303 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format 22 x 14,5 cm, € 22,95

Vereine wie der vor über 50 Jahren gegründete Verein für Kinder- und Jugendhilfe Backnang e.V. (vergleiche dazu https://famfutur-bk.de/ueber-uns-2/ und https://famfutur-bk.de/category/unsere-aufgaben/) haben mit ihrer 1967 begonnenen Begleitung von Kindern und Jugendlichen aus der weit vor der Stadt gelegen Obdachlosensiedlung Neuschöntal im Leben und ins Leben, der Förderung, sozialen und wirtschaftlichen Beratung ihrer Familien bewiesen, dass die Ausgrenzung von sozial benachteiligten Familien, Kindern, Jugendlichen und Alleinstehenden kein Schicksal und Dauerzustand bleiben muss, sondern überwunden werden und die Integration ins Gemeinwesen gelingen kann. Ungleiche Kindheiten gibt es aber auch noch heute. Armut bestimmt Bildungsbiografien, macht sich im Erwerbsleben bemerkbar, prägt die Lebensumstände bis ins Alter und lässt früher sterben. Nach der Sozialwissenschaftlerin Caroline und dem Politikwissenschaftler und Ungleichheitsforscher Christoph Butterwegge ist die soziale Ungleichheit zwischen armen und reichen Kindern in Deutschland nach wie vor weitgehend tabuisiert, obwohl sich das Problem seit der Jahrtausendwende immer mehr verschärft.

„Die junge Generation spaltet sich in arme Kinder einerseits sowie wohlhabende und reiche Kinder andererseits. Während junge Menschen aus »gutbürgerlichen« Familien beste Startchancen und Aussichten auf eine Führungsposition in der zunehmend globalisierten Wirtschafts- und Finanzwelt haben, bleiben Gleichaltrige aus sozial benachteiligten Familien diese Möglichkeiten versagt. Die Covid-19-Pandemie hat die ökonomische und soziale Zerklüftung der jungen Generation zuletzt enorm verstärkt … Schließlich zeigen sich diese Unterschiede in sämtlichen Lebensbereichen: der Gesundheit, den Wohnungsbedingungen, den Bildungschancen, kultureller Betätigung sowie beruflichen Aufstiegs- und politischen Beteiligungsmöglichkeiten“ (Carolin und Christoph Butterwegge S. 11 f.). Damit ist Ungleichheit das Kardinalproblem überhaupt.

Arm in einem reichen Land zu sein „bedeutet vor allem:

  • Mittellosigkeit und Ver-/Überschuldung als Folge mangelnder Erwerbsfähigkeit, fehlender Arbeitsmöglichkeiten und unzureichender Entlohnung;
  • einen dauerhaften Mangel an unentbehrlichen und allgemein für notwendig erachteten Gütern, die es Menschen ermöglichen, ein halbwegs »normales« Leben zu führen;
  • eine strukturelle Benachteiligung in unterschiedlichen Lebensbereichen wie Arbeit, Wohnen, Mobilität, Freizeit, Sport;
  • den Ausschluss von (guter) Bildung, (Hoch-)Kultur und sozialen Netzwerken, welche für die gesellschaftliche Integration notwendig sind; 
  • eine Vermehrung der Existenzrisiken, Beeinträchtigung der Gesundheit und eine Verkürzung der Lebenserwartung;
  • einen Verlust an gesellschaftlicher Wertschätzung, öffentlichem Ansehen und damit meistens auch individuellem Selbstbewusstsein;
  • Macht- und Einflusslosigkeit in allen gesellschaftlichen Schlüsselbereichen (Wirtschaft, Politik, staatliche Verwaltung, Justiz, Wissenschaft und Massenmedien)“ (Carolin und Christoph Butterwege S. 22).

Reich ist dagegen, wer ein großes (Netto-)Vermögen besitzt, es aber gar nicht antasten muss, um von den Erträgen (Zinsen, Dividenden, Mieteinnahmen und/oder Pachterlösen) bis zu seinem Tod auf höchstem Wohlstandsniveau leben zu können. Reich ist auch, wer ein so großes (Netto-)Vermögen besitzt, dass es auf höchstem Wohlstandsniveau bis zum späten Ableben im hohen Alter reicht. „In diesem Sinne reich zu sein, bedeutet vor allem:

●Verfügung über ausreichende Finanzmittel, Kreditwürdigkeit und gesellschaftliches Ansehen; 

  • Versorgung mit allen Gütern, die es Menschen ermöglichen, ein angenehmes Leben zu führen;
  • strukturelle Privilegierung in unterschiedlichen Lebensbereichen wie Arbeit, Gesundheit, Wohnen, Mobilität, Freizeit und Sport;
  • optimalen Zugang zu öffentlichen und privaten Bildungsinstitutionen, medizinischer Versorgung, (Hoch-)Kultur und sozialen Netzwerken, welche für eine soziale Spitzenposition nötig sind;
  • keine materiellen Existenzrisiken, weniger Beeinträchtigungen der Gesundheit und eine hohe Lebenserwartung;
  • einen Gewinn an gesellschaftlicher Wertschätzung, öffentlichem Ansehen und damit meistens auch individuellem Selbstbewusstsein;
  • Gestaltungsmacht und Einfluss in allen gesellschaftlichen Schlüsselbereichen (Wirtschaft, Politik, staatliche Verwaltung, Justiz, Massenmedien und Wissenschaft)“ (Carolin und Christoph Butterwegge S. 32).

Die linke Politikerin und Dozentin an der Universität Köln und der zwischen 1987 und 2005 in der SPD  verortete, aber zwischenzeitlich parteilose Armutsforscher gehen davon aus, dass auch in Deutschland die reichsten Familien immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden und die einen als Verlierer und die anderen mit einem silbernen Löffel zur Welt kommen und einen goldenen erben. Zu den Personengruppen mit einem überdurchschnittlichen Armutsrisiko gehören Alleinerziehende, Arbeitslose und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit mit mehreren Kindern. Laut dem paritätischen Gesamtverband machen Ein-Elternteil-Familien mit minderjährigen Kindern und Familien mit drei und mehr Kindern jeweils rund 10 Prozent der armen Haushalte aus. Waren 2006 Ein-Eltern-Familien mit 37 Prozent erheblich von Armut betroffen – im Bevölkerungsdurchschnitt waren es „nur“ 14 Prozent – stieg ihre Armuts(risiko)-Quote bis 2019 auf fast 43 Prozent. 2019 hatten 55 Prozent der alleinerziehenden Mütter und 33 Prozent der alleinerziehenden Väter mit minderjährigen Kindern ein Nettoäquivalenzeinkommen der niedrigsten Stufe, also unter 1220 Euro monatlich. Deutsche Spitzenmanager verdienen dagegen, einschließlich der üblich gewordenen Sonderleistungen, Erfolgsprämien und Aktienoptionen bis zu 15 oder 20 Millionen Euro pro Jahr. 2018 bezogen im Bundesdurchschnitt 37,5 Prozent der Alleinerziehenden mit mindestens einem minderjährigen Kind SGB-II-Leistungen. 2017 waren 663 000 Alleinerziehende armutsgefährdet. Alleinerziehende Mütter gehören zu den Hauptleidtragenden der Hartz-Gesetze. In Haushalten zweier Erwachsener mit drei und mehr Kindern stieg die Armuts(gefährdungs)quote von bereits sehr hohen 24 Prozent im Jahr 2006 auf über 30 Prozent im Jahr 2019. 

„Familien mit drei und mehr Kindern, von denen es laut Mikrozensus im Jahr 2019 hierzulande rund

760 000 Paarfamilien, 64 000 Lebensgemeinschaften und über 100 000 Ein-Eltern-Familien gab, weisen neben der hohen Armutsgefährdung weitere Besonderheiten auf: Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen liegen bei ihnen deutlich niedriger als bei Paarhaushalten mit bis zu zwei Kindern. Auch steht den betreffenden Familien weniger Wohnraum pro Kopf zur Verfügung. Zugleich müssen sie einen größeren Teil ihres Einkommens für den Alltagskonsum (z. B. Ernährung und Kinderbedarfe) ausgeben und können weniger für das Alter sparen. Mütter sind wegen der umfänglicheren Betreuungsaufgaben ab dem dritten Kind seltener berufstätig, sodass diese Familien – vergleichbar mit Alleinerziehenden – in der Regel keine zweite Arbeitskraft einbringen können, um einer Armutsgefährdung durch deren Lohn oder Gehalt zu entgehen“ (Carolin und Christoph Butterwegge S. 85). Kinder aus Migrationsfamilien tragen ein rund zweieinhalbfach höheres Risiko, in Armut aufzuwachsen, als Kinder ohne Migrationshintergrund. 

Gehobenene Wohngegenden weisen eine deutlich bessere Verkehrs-, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur auf als Elendsquartiere. In der Folge ist, wo eine Villa ist „auch ein Weg – zum Abitur, zum Studium und zur beruflichen Karriere“ (Carolin und Christoph Butterwegge S.105). 

„Wer fragt, warum sich (Kinder)Armut und sozioökonomische Ungleichheit ungefähr seit der Jahrtausendwende in wohlhabenden Ländern wie der Bundesrepublik verbreiten, kommt nicht am Neoliberalismus – der einflussreichsten Spielart des Antiegalitarismus – vorbei … Zuerst war der Neoliberalismus bloß eine Wirtschaftstheorie, die in den 1930er-Jahren als Reaktion auf den »Schwarzen Freitag« an der New Yorker Börse und den anschließenden Zusammenbruch der Weltwirtschaft entstand … Erst nach 1945 wurde daraus eine Sozialphilosophie und schließlich eine Weltanschauung, ja eine politische Zivilreligion, die alle Poren der Gesellschaft durchdrungen hat und mit ihrer Kernforderung nach einer Liberalisierung bzw. Deregulierung der Märkte, einer Privatisierung des öffentlichen Eigentums und der sozialen Risiken, einer Ökonomisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen sowie einer Kommerzialisierung fast aller Lebensbereiche bis heute maßgeblichen Einfluss ausübt“ (Carolin und Christoph Butterwegge S.136). In der Nachkriegszeit hat der Rheinische Kapitalismus und die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland noch für einen gewissen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit und damit für den sozialen Frieden gesorgt. Die Wirtschaftskrise 1974/75 infolge der Ölpreisexplosion, die beginnende Massenarbeitslosigkeit, das Ende des Kalten Krieges, der Aufstieg Chinas und die Umwälzung der technologischen Grundlagen sämtlicher Industriegesellschaften durch Computerisierung, Automatisierung und Digitalisierung haben dazu beigetragen, dass Unternehmen geringere Löhne zahlen konnten. Mit den unter der Regierung Schröder verabschiedeten Agenda 2010 und den vier Gesetzen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt Hartz I –IV wurden der Zugang zur Arbeitslosenhilfe und zu Transferleistungen höher und die Spaltung der abhängig Beschäftigten in Mehr- und Minderprivilegierte deutlicher. Zu den sinkenden Löhnen kamen höhere Mieten. Die Unternehmensgewinne stiegen. Kinder und Jugendliche wurden zu den Hauptleidtragenden der Sozialreform. 

Die sogenannte Grundsicherung, also Hartz IV, wurde im Januar 2021 um drei Euro beziehungsweise 0,76 Prozent angehoben. Alleinstehende Erwachsene bekommen seither 449 statt 446 Euro, Kinder statt 309 ganze 311 Euro monatlich. Diese Erhöhung kann die 2021 erwartete Inflation von 3 Prozent nicht annähernd ausgleichen. Damit wird einmal mehr deutlich, dass die „Grundannahme bei der Einführung von Hartz IV war, dass finanzielle Not als Druckmittel genutzt werden kann, damit Menschen arbeiten gehen. Deshalb sind die Zahlungen vergleichsweise gering im Verhältnis zum verfügbaren Medianeinkommen in Deutschland (also dem Geld, das Arbeitenden bleibt, wenn sie Steuern und Versicherungen bezahlt haben), und deshalb gibt es Sanktionen: die Leistungen können gekürzt werden, wenn jemand nicht zu Terminen erscheint. Es kostet aber auch eine Menge Geld, wenn Menschen in finanzieller Not leben. Armut erzeugt Stress, und Stress macht krank, auf allen Ebenen. Der Staat bezahlt früher oder später Sozialarbeiter, Förderunterricht für die Kinder von Arbeitslosen, Krankenkassen bezahlen Therapeuten, Ärzte, Medikamente gegen Depression und ADHS. Armut erzeugt im schlimmsten Fall Erwerbsunfähigkeit und damit noch mehr Armut“ (Anna Mayr. Grundsicherung steigt. Warum kostet Armut so viel Geld? In: Die Zeit Nr. 2 vom 14. Oktober 2021, S. 11).

Der Ungleichheit kann nach Carolin und Christoph Butterwegge nur auf politischem Wege und nicht allein durch individuelle und sozialpädagogische Fördermaßnahmen begegnet werden. „Es gilt also nicht, das Verhalten der Kinder oder ihrer Eltern, sondern die Eigentums-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu ändern. Weil die sozioökonomische Ungleichheit nicht monokausal zu begreifen ist, sondern multipel, wiewohl miteinander verknüpfte Ursachen hat, ist sie auch nur mehrdimensional zu bekämpfen. Es gibt zwar keinen Königsweg aus der Kinderungleichheit, aber viele Maßnahmen, deren Zusammenwirken die weitere Zerklüftung der Gesellschaft verhindern kann … Auf eine knappe Formel gebracht: Man muss die Unterprivilegierten besser gegenüber Armutsrisiken abschotten, die Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg schützen und vom Reichtum der Oberschicht genug abschöpfen, damit der Sozialstaat seinen Aufgaben in Zukunft besser gewachsen ist“ (Carolin und Christoph Butterwegge S.235).

Karitative Engagements wie die Einrichtung von Suppenküchen, Kleiderkammern und Lebensmitteltafeln müssen spätestens mittelfristig durch politisches Engagement ergänzt werden. Es gilt also, die Verhältnisse zu ändern, die immer neue Arme, Ausgegrenzte, Wohnungslose und Flüchtlingen produzieren. Armutspolitisch führt die jüngst diskutierte Kindergrundsicherung nach Carolin und Christoph Butterwegge „in eine Sackgasse. Kinder darf man nicht aus dem Familienverbund herauslösen, vielmehr sollte man auch ihren Eltern auskömmliche Leistungen zugestehen. Was die enormen Kosten der Bündnis-KGS betrifft – realistisch erscheinen Summen zwischen 20 und 50 Milliarden jährlich –, so wäre dieses Geld wohl besser in den Ausbau von sozialer, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur investiert … Wohlhabende brauchen nicht mehr Geld für ihre Kinder. Sie müssten vielmehr ebenso wie Reiche und Hyperreiche durch höhere Steuern in die Pflicht genommen werden“ (Carolin und Christoph Butterwegge S.249 f.). Des Weiteren müsste der Arbeitsmarkt rereguliert und der Mindestlohn so konstruiert werden, dass kein ergänzendes Arbeitslosengeld II mehr bezogen werden muss. In einer gerechteren Familienpolitik sollte das Motto »Umverteilung von oben nach unten!« statt »Umverteilung von den Kinderlosen zu den Eltern« lauten. Und ein Schutz gegen Armut wäre schließlich auch ein ausgebauter sozialer Wohnungsbau und ein durchlässigerer Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen, selbst wenn es an der Spitze schon heute sehr eng zugeht.

ham, 26. Oktober 2021

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