C.H.Beck Paperback im Verlag C.H.Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77744-8, 288 Seiten,

9 Abbildungen, Klappenbroschur, Format 20 x 12,5 cm, € 16,95

Der Zweite Weltkrieg ließ die USA ökonomisch, militärisch und ideologisch zur Führungsmacht mit dem Selbstverständnis aufsteigen, in Zukunft als „Arsenal der Demokratie“ die Rolle einer weltweiten Schutzmacht einnehmen zu können (vergleiche dazu https://www.civilopedia.net/de/rise-and-fall/governments/policy_arsenal_of_democracy). Die ab 1942 im sogenannten Manhattan-Projekt entwickelten, am 16. Juli 1945 beim Trinity-Test erfolgreich gezündete erste und die am 6. und 9. August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben galten im unmittelbaren Umfeld des amerikanischen Präsidenten Harry Truman „als außenpolitischer Quantensprung. Mit ihr, so hieß es allenthalben, hätte man einen ›Royal Straight Flash‹ in der Hand, ein unschlagbares Blatt beim Pokern um Macht, Einfluss und Hegemonie. Die Allmachtsphantasien wurden von der Realität alsbald eingeholt und als solche entlarvt. An den Folgen amerikanischer Atompolitik hingegen trägt das Land wie der Rest der Welt bis heute schwer. Am Rüstungswettlauf sind auch zahlreiche andere Großmächte mit Überzeugung und Entschiedenheit beteiligt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Amerikas Ordnungspolitik auf Gewalt gegründet war und diesen Makel nie wieder loswurde. Nie wieder loswerden konnte, um genau zu sein, weil der politische Zugewinn prall gefüllter Atombunker bis heute allzu verlockend ist“ (Bernd Greiner S. 9).

Die Kuba-Krise von 1962 (vergleiche dazu etwa https://www.welt.de/debatte/die-welt-in-worten/article109790305/Was-fuehrte-damals-wirklich-zum-Ende-der-Krise.html) ist ebenso im kollektiven Gedächtnis gespeichert wie der Vietnamkrieg mit seinen fast 60 000 toten US-Soldaten, den wohl 3 Millionen toten Vietnamesen (vergleiche dazu unter anderem https://www.bpb.de/internationales/amerika/usa/10620/vietnamkrieg?p=all und https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/geschichte/2058270-Vietnam-Der-Krieg-endete-das-Trauma-blieb.html) und den Folterszenen von Abu Ghraib (vergleiche dazu https://www.spiegel.de/fotostrecke/photo-gallery-the-abu-ghraib-pictures-fotostrecke-29031.html). Weiter die Baby- oder Brutkasten-Lüge im Vorfeld des ersten Irak-Kriegs (vergleiche dazu etwa https://www.dw.com/de/irak-krieg-am-anfang-stand-die-lüge/a-43279424 und https://de.wikipedia.org/wiki/Brutkastenlüge) und der Einmarsch der USA und ihrer „Koalition der Willigen“ am 20. März 2003 im Irak ohne UN-Mandat, um Saddam Hussein zu stürzen (vergleiche dazu https://www.lpb-bw.de/irak-krieg). Wohl zwischen 400 000 und 500 000 irakische Bürger kamen direkt oder indirekt durch die Kriegshandlungen ums Leben(vergleiche dazu https://www.sueddeutsche.de/politik/us-studie-500-000-iraker-starben-im-irak-krieg-1.1795930). Andere von den USA seit 1945 weltweit geführte oder unterstützte Kriege sind mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Das will der international renommierte Historiker, Politikwissenschaftler, Amerikanist und Kalter-Krieg-Spezialist Bernd Greiner (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Greiner) nicht länger hinnehmen. Deshalb stellt er die alles andere als erbaulichen Schattenseiten der amerikanischen Ordnungspolitik seit 1945 in neun aufrüttelnden und schwer verdaulichen Kapiteln zusammen. 

Im ersten Kapitel ›Für Gott und das Gute‹ diskutiert er die Genese des amerikanischen Ordnungsdenkens in den Jahren zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. „Das meiste Kapital heimsten am Ende jene Angstunternehmer ein, die Amerikas Existenz hauptsächlich von außen bedroht sahen und das politische Immunsystem mit einer Mixtur aus Religion, Moral und imperialem Auftrumpfen stärken wollten. Wenn die Nation überleben soll, so ihre Zauberformel, muss sie global als Ordnungsmacht auftreten, also militärisch dominieren. Nur dann wird sich die Macht des Lichts gegen die Kräfte der Finsternis behaupten können. Am 6. August 1945 fielen die Würfel endgültig zugunsten der ›Interventionisten‹. Dass Präsident Harry Truman über die nukleare Einäscherung Hiroshimas und Nagasaki hellauf begeistert war und ›vom größten Ding der Geschichte‹ sprach, spiegelte die Erwartungen des Weißen Hauses“ (Bernd Greiner S. 8 f.). „Wann, wie und warum Atompoker gespielt wurde, ist im zweiten Kapitel nachzulesen: ›Casino Royal: Zocken mit Nuklearwaffen“ (Bernd Greiner S. 9). Das dritte Kapitel widmet sich der Rolle der Putschisten und anderer Stellvertreter im Iran und in Guatemala, das vierte den Ländern, in denen die USA Staatsterroristen gewähren ließen oder sich zu deren Komplizen machten, also Südvietnam, Indonesien und Lateinamerika.

Weitere Kapitel setzen sich mit Kriegen in der Dritten Welt, den ›Bauplänen für eine neue Weltordnung‹ und dem Krieg gegen den Terror nach dem Terroranschlag von 11. September 2001 unter anderem auf das World Trade Center auseinander. 

Greiner fasst das Dominanzstreben Amerikas wie folgt zusammen: „Seit der Wende zur globalen Ordnungsmacht geistern drei Vorgaben wie Untote durch Washingtons Außenpolitik. Erstens: Vorherrschaft ist unverzichtbar. Stabilität gibt es nur auf der Grundlage amerikanischen Übergewichts und unter der Voraussetzung, dass die USA mehr auf die Waage bringen als Störenfriede oder ernsthafte Konkurrenten; Sicherheit basiert auf militärischer Dominanz und wird in erster Linie mit militärischen Mitteln hergestellt. Zweitens: Eine Ordnungsmacht muss den Willen zur Gewalt demonstrieren, andernfalls entgleitet ihr die Ordnung. Wirksame Außenpolitik kann nur betreiben, wer das Handwerk der Einschüchterung, Nötigung und Erpressung beherrscht und den Rest der Welt von seiner Bereitschaft zum Risiko überzeugt – das Wagnis eines Einsatzes von Nuklearwaffen eingeschlossen. Drittens: Macht beruht auf Angst. Oder auf dem Wissen von Opponenten, im Fall eines militärischen Kräftemessens nicht mithalten zu können. Also bleibt der Frieden gewahrt, solange andere mehr Angst vor einem Krieg haben als man selbst. Und weil Amerika von der Unsicherheit derer zehrt, die seine Interessen nicht teilen, gehört die Inszenierung von Unberechenbarkeit zur hohen Kunst der Diplomatie“ (Bernd Greiner S. 11).

Die zynischen Folgen dieses Dominanzstrebens zeigen sich unter anderem in dem 2005 vom Kongress als Regelwerk für den Umgang mit Gefangenen verabschiedeten ›Detainee Treatment Act‹ und darin, dass die CIA ausdrücklich von strikten Verhörauflagen ausgenommen wurde. „Der Präsident seinerseits legte nach und bestätigte das Recht zum Rechtsbruch: Zum Schutz ›nationaler Sicherheit‹ waren und blieben ›erweiterte Verhörmethoden‹ erlaubt. Bei Beratungen im Weißen Haus malte man sich aus, die Köpfe gefangener Al-Quaida-Terroristen ›auf Stöcke aufzuspießen‹ und ›in Schachteln‹ nach Washington zu bringen. Und nachweislich ging es auf höchster Ebene um konkrete Einzelfälle: Welche Gefangenen sollten verhört werden? Dass der Präsident persönlich sein Einverständnis für die Anwendung der Wasserfolter gab, steht fest. Ebenso, dass er in Geheimdienstbesprechungen dem CIA-Direktor George Tenet massiv zusetzte: ›Funktionieren einige dieser harten Methoden denn tatsächlich?‹ – ›Wer hat erlaubt, dem Kerl Schmerzmittel zu verabreichen?‹ Und Mitte April 2003 genehmigte Donald Rumsfeld in einer Ministerdirektive 24 Foltertechniken, darunter Isolation, Schlafentzug, Überhitzen und Unterkühlen von Zellen sowie diverse Maßnahmen zum Auslösen von Angstzuständen. Die juristischen Berater der Regierung benahmen sich wie Fußsoldaten im ›Krieg gegen den Terror‹ und lieferten eine Unbedenklichkeitsbescheinigung nach der anderen. Ob mit der Folter Informationen gewonnen wurden oder nicht, spielte letzten Endes keine Rolle. In den Worten des Journalisten William Pfaff: ›Die Administration Bush folterte Gefangene nicht, weil es einen Nutzen hätte, sondern wegen der Symbolkraft.‹“ (Bernd Greiner S. 199).

Wer Amerika freundlicher sieht, mag sich vielleicht fragen, warum die Sowjetunion und Russland in Greiners weltumspannenden Analyse deutlich besser wegkommen als Amerika und dabei auf seine zeitweilige Mitarbeit im Beirat des Instituts für Marxistische Studien und Forschung (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_für_Marxistische_Studien_und_Forschungen) und seine Mitgliedschaft im Zentrum für marxistische Friedensforschung stoßen (https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_für_Marxistische_Studien_und_Forschungen#Zentrum_für_Marxistische_Friedensforschung). Aber man wird die von ihm vorgelegten und nachprüfbaren Fakten schwerlich klein reden und widerlegen können. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass Willy Brandts (vergleiche dazu etwa https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Willy-Brandts-Ostpolitik-und-der-Kniefall-von-Warschau,ostpolitik101.html), Olof Palme und Bruno Kreiskys allzu kurz angespielter Gegenentwurf eines demokratischen Sozialismus, einer Allianz für Frieden und Fortschritt und einer Weltinnenpolitik breiter ausgeführt wird. Dann hätte man den verstörenden Reader vielleicht ohne Herzrasen beiseitelegen können (vergleiche dazu Willy Brandt, Berliner Ausgabe, Band 8, herausgegeben von Helga Gerling, Grog Schölten und Heinrich August Winkler. In: https://willy-brandt.de/wp-content/uploads/ba_08_gesamt.pdf). So bleibt er jetzt wie ein schwer verdaulicher Stein im Magen liegen.

ham, 13. November 2021

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