Liebe Freundinnen und Freunde der Nordheimer Scheune, sehr geehrte Damen und Herren,
wer sich nicht nur oberflächlich, sondern in der Tiefe auf den Titel der Ausstellung »Niemand kommt hier lebend raus« einlässt, wird sich zuerst fragen, warum der Künstler Daniel Maria Thurau einen so verstörenden Titel für seine Ausstellung gewählt hat und welche Assoziationen er bei ihm selbst auslöst. Als ich Thuraus Vorschlag für den Titel zum ersten Mal gelesen habe, ist mir die Erzählung meines Vaters aus den Nachkriegsjahren vom Angriff der Royal Air Force am 4. Dezember 1944 auf Heilbronn eingefallen. Er hatte um 19:18 Uhr begonnen und am Schluss 6500 – andere sagen 7000 – Menschen das Leben gekostet. Viele von ihnen hatten sich im Klosterkeller nahe der Kilianskirche versteckt und gehofft, dort vor den Bomben sicher zu sein. Aber der Klosterkeller ist für sie zur Todesfalle geworden, weil dort die Luft durch den in der Stadt durch die Bomben ausgelösten Feuersturm buchstäblich ausgegangen ist. Keiner ist lebend aus dem Heilbronner Klosterkeller herausgekommen. Alle sind jämmerlich erstickt. »Niemand kommt hier lebend raus«. Andere werden vielleicht an die eine Million Soldaten denken, die 1942/43 im Kessel von Stalingrad umgekommen sind. Wieder andere an die nach Schätzung der NATO vom Februar 2026 1,3 Millionen Tote des Ukrainekriegs und wieder andere an die zwischen 99.887 und 125.915 Toten des Gazakriegs im Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis 6. Oktober 2025.
Daniel Maria Thurau hat sich seinen Titel von Jim Morrison, dem Frontmann der US- amerikanischen Westcoast-Rockband »The Doors« ausgeliehen, der seine Visionen, Ängste und Selbstdestruktivität und sein Nachdenken über das Ende des menschlichen Lebens in die Aussage »Keiner kommt hier lebend raus« hineingepackt hat. Morrison galt als eine der Zentralfiguren der Hippie-Zeit. Er hatte, als vierjähriges Kind vom Auto seiner Eltern aus einen schweren Verkehrsunfall von Pueblo- oder Hopi-Indianern beobachtet, bei dem zwei Menschen umgekommen sind. Dieses Schlüsselerlebnis hat ihn sein Leben lang verfolgt, ist in viele seiner Songtexte, Gedichte und Interviews eingegangen und hat womöglich auch zu seinem Drogenabusus und seinem frühen Tod am 3. Juli 1971 in Paris geführt. »Niemand kommt hier lebend raus«.
Thurau kommt dagegen von einer relativ behüteten Kindheit mit einem nahen Bezug zu seiner sudetendeutschen Großmutter Maria, langen Lesenachmittagen in der Kindheit über den Befreiungskampf der Lakota-Indianer in Nordamerika und später auch der Bibel her, deren ambivalente Charaktere ihn viel stärker fasziniert haben als die Helden der griechischen Mythologie. Ein Onkel hat Filmplakate für Kinos gemalt und er war gerne in seinem Atelier. Seine Gesangskarriere als Frontmann einer Rockgruppe war weniger erfolgreich, weil er angeblich nicht gut genug singen konnte. Sein bis zum ersten Staatsexamen vorangetriebenes Jura-Studium in Halle an der Saale hat ihn nicht wirklich gepackt. Er hat sich zunehmend gefragt, ob es sein Lebensziel sein kann, Menschen anzuklagen oder zu verteidigen, aber an ihrem Selbstverständnis und in ihrem Leben nichts wirklich verändern zu können. Auch deshalb hat er wohl schon damals autodidaktisch zu malen begonnen und den Kontakt zur Kunsthochschule Burg Giebichenstein gesucht. Aus einer für ein Jahr in Berlin geplanten Aus- und Bedenkzeit nach dem ersten juristischen Staatsexamen sind zehn Jahre geworden. In dieser Zeit hat Thurau mit drei anderen ehemaligen Juristen die Künstlergruppe Eiland gegründet, im Wasserwerk in Berlin eine erste groß angelegte Gruppenausstellung mit Musikeinlagen und Performances organisiert und den Entschluss gefasst, das Jurastudium nicht mehr weiterzuführen. Dafür kam es zu Ausstellungen in Hamburg, Dresden und Wien, zur Zusammenarbeit mit einer Wiener Galerie und dem Rat einer Malerin, er solle doch mit seiner Malerei weitermachen. Das führte ihn schließlich zu einem Masterstudium für Zeichnung in Norwich, UK und zu einem Masterstudium für Malerei in Hamburg.
Im Ergebnis ist Daniel Maria Thurau zu einem Künstler geworden, dessen Malerei auf den ersten Blick durch ihre außergewöhnliche Farbigkeit fasziniert. Ihre Strahlkraft und die einbrechende Dunkelheit steigern einander gegenseitig. Ihre Oberflächen wirken matt bis samtig, aber kaum glänzend oder nie. Kompositorisch sind sie für ihn fertig, wenn Form und Farbe in einen Rhythmus kommen, den man immer wieder neu erleben möchte. Deshalb malt er morgens, wenn er in sein Atelier kommt, auch an gut gemalten Bildern weiter, wenn sie ihn nicht berühren. Er definiert bildwidrige Schlüsselstellen, löscht sie radikal aus und kommt unter Umständen zu einem ganz anderen Bild. Das dann aufscheinende Neue entsteht aus den in diesen Prozessen aufscheinenden Kippmomenten, der Zerstörung der Fehlerstellen, dem Loslassen und dem Freiwerden von jeglichem Erwartungsdruck. Erst wenn er unbewusst und intuitiv – ähnlich wie bei der Kunst des Bogenschießens – weitermalen kann, eröffnen sich die gesuchten neuen Dimensionen und das Bild gelingt. In allergrößter Freiheit in Ölkreide gemalte Studien bereiten die groß angelegten Malereien vor und bringen sie auf den Punkt.
Das gilt etwa für die 200 x 200 cm große Malerei »Heimkehr«, Öl, Ölkreide und Pigmente auf Leinwand aus dem Jahr 2025, die an die Rückkehr des biblischen Paars Jakob und Rahel aus der Genesis erinnert. Jakob hatte nach sieben Jahren Dienst um die Hand von Rahel angehalten, war aber von seinem Schwiegervater Laban mit deren älterer Schwester Lea abgespeist worden. Deshalb musste er weitere sieben Jahre um Rahel dienen. Doch das Glück währte nicht lange: Rahel verstarb nach langer Unfruchtbarkeit bei der Geburt ihres letzten Sohnes Benjamin.
Das gilt auch für die 150 × 120 cm große Arbeit »Im Garten« von 2019 und ihr Gegenstück »Hortus conclusus« von 2025, die beide an das nicht mehr betretbare Paradies erinnern. Weiter für den zur Weihnachtsgeschichte gehörigen »Hirten« von 2019, die Begegnung von Petrus und Jesus bei dessen Gang ins Prätorium, in den Amtssitz von Pontius Pilatus, in dem er zum Tode verurteilt worden ist. Und das gilt schließlich auch für Maria Magdalena, die am frühen Ostermorgen den verstorbenen Jesus in seinem Grab salben will, ihn dort nicht mehr antrifft, ihm vor dem Grab zunächst unerkannt begegnet, ihn für den Gärtner hält und ihn erst erkennt, als er sie mit ihrem Namen anspricht. Als sie ihn berühren will, sagt er: „Noli me tangere“, „Berühre mich nicht“, „Halte mich nicht fest“.
In der Gesamtheit seiner in der Nordheimer Scheune gezeigten Bilder entsteht ein Bilderschatz in der Tradition der gegenständlichen Malerei, der an die Bildwelten der Bibel erinnert und zum Ausdruck seines Glaubens wird. Dieser Bilderschatz zeigt, dass wir Menschen fehlbare und endliche Wesen in einer endlichen Welt sind und dass wir nicht Gott sind. Was uns von Tieren unterscheidet, ist unsere Möglichkeit, diese Endlichkeit zu würdigen. Wir würdigen sie, wenn wir bereit sind, wahrzunehmen, dass wir uns nicht uns selbst, sondern einer schöpferischen Kraft verdanken, die jede Endlichkeit überwindet.
Der zentrale Punkt der menschlichen Endlichkeit ist der Unterschied zwischen menschlicher und unmenschlicher Lebensweise. Wir müssen dann nicht mehr aus dem zur Todesfalle gewordenen Klosterkeller oder aus dem Hexenkessel von Stalingrad heraus, sondern aus der Vorstellung, dass wir uns unseren eigenen Aktivitäten verdanken. Heutzutage geht es vor allem ums Machen und um unsere Aktivität. Aber genau besehen ist das kreative Zentrum unseres Lebens nicht unsere Aktivität, sondern die Passivität, das Empfangen oder, wie es der evangelische Theologe und Religionsphilosoph Ingolf Udo Dalferth sagt, die Tiefenpassivität. Tiefenpassivität heißt, dass wir uns nicht selbst ins Leben gesetzt haben und dass wir nicht unser eigener Anfang sind. Das wird spätestens klar, wenn unsere Eltern sterben und wir zu Erben werden. Keiner wird durch sein eigenes Tun zum Erben. Theologisch übersetzt heißt Tiefenpassivität Geschöpflichkeit. Geschöpfe werden von Gott erschaffen. Von Gott erschaffen zu werden, bedeutet für das Geschöpf, dass es rein passiv wird. Es gibt kein Lebewesen, das nicht aktiv ist, solange es lebt. Aber seine Aktivität ist nicht das, dem es sich verdankt, sondern gerade umgekehrt das, was es ohne sein Dasein nicht gäbe. Nur wer da ist, kann leben oder das auch nicht tun wollen. Geschöpfe leben im Unterschied zu Gott nicht unendlich, sondern endlich. Auf wirklich menschliche Weise leben wir deshalb dann, wenn wir anerkennen, dass wir Leben inmitten von Leben sind, das Leben will – und dass dieses Leben trotz seiner Endlichkeit zu dem Ort werden kann, an dem immer wieder Neues geschieht, das im Vorausgegangenen noch nicht angelegt war. Life is full of new beginnings für uns und für andere. Es wäre deshalb gut, wenn wir aus dem falschen Machen heraus und in diese Art zu leben hineinkommen würden.
ham, 21. Februar 2026