De Gruyter, Reihe Traditions in Transformation. Thinking with Theology. Herausgegeben von Ufuk Topkara, Band 1, 2025, ISBN 978-3-11-135097-4, 350 Seiten, Hardcover, Format
23,5 x 16 cm, 109,95 €
Der 1965 in Lörrach geborene deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa ist mit seinen Publikationen zur sozialen Beschleunigung in der Moderne und zur Resonanz, in der er sich auch auf Erich Fromm bezieht, weit über Fachkreise hinaus bekannt geworden. Die Zeitdiagnosen und die Moderneanalyse des unter anderem mit dem Erich Fromm-Preis und dem Paul-Watzlawick-Ehrenring ausgezeichneten in Jena und Erfurt lehrenden Forschers werden international kontrovers diskutiert und haben auch zu den Beiträgen des hier angezeigten Bandes geführt, die sich aus christkatholischer und islamischer Perspektive mit Hartmut Rosas Resonanztheorie auseinandersetzen. Das Projekt ist aus einem christlich-muslimisch angelegten intertheologischen Seminar erwachsen, das 2023 in Ludwigshafen unter dem Titel „Zur Resonanz von Gottesbild und Lebensform“ stattgefunden hat. Dieses nahm die Verschränkung der vertikalen Transzendenz- und der horizontalen Lebensbeziehungen in den Blick. Das Besondere des daraus entwickelten Projekts liegt in seiner interreligiösen Dimensionierung und der daraus möglichen gemeinsamen intertheologischen Reflexion über eine zeitgenössische soziologische Theorie.
Dabei wird die wechselseitige Verfugung der religiösen Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu den konkreten Lebensbeziehungen beleuchtet. Die Verflechtung dieses Wechselverhältnisses geschieht vorrangig in diagonalen Resonanzachsen oder organisierten potenziellen Resonanzräumen wie offiziellen gemeinsamen Gebetsveranstaltungen, religiös-liturgischen Ritualen, eingeführten sozialreligiösen Praktiken, religiös-ethischen Ordnungen und sorgenden Institutionen. Ausgehend von der besonderen Relevanz der vertikalen Resonanzbeziehung zu Gott durchdringen die verschiedenen Beiträge Rosas Theorie mit den Symbolen, Werten und Praktiken ihrer eigenen Tradition und gestalten die Frage nach Resonanz als Grundprinzip religiösen Erlebens und Handelns neu. Dies eröffnet nicht nur einen vertieften Dialog zwischen Theologie und Soziologie, sondern auch zwischen den beiden Religionen selbst, in dem gemeinsame Muster der menschlichen Suche nach Verbindung, Hoffnungen und Sinn sichtbar werden.
Theologie, die davon ausgeht, dass sich bewusstes menschliches Leben und die ganze Welt Gott verdanken, versucht auch zu bestimmen, was sich daraus für das menschliche Leben in seinen sozialen und weltlichen Bezügen ergibt.
Das Miteinander und die Begegnung von soziologischer Theorie und theologischer Fragestellung erfordern methodische Überlegungen, denen sich Robin Flack, Stefan Gaßmann, Jonas Erulo (jeweils Universität Münster) und Philip S. Gorski (Yale University) stellen. Die theologischen Grundlegungen von Rosas Resonanzverständnis stehen im Zentrum der Betrachtungen von Bernhard Nitsche (Universität Münster), Anne Konsek (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen) und Ufuk Topkara (Humboldt Universität zu Berlin). Volker Leppin (Yale University), Michael Höffner (theologische Hochschule Münster), Daniela Blum (Universität Freiburg) und Michaela Bill-Mrziglod (Universität Koblenz) untersuchen, welche Resonanzvorstellungen sich bei Franz von Assisi, in der Gehorsamskonzeption des Franz von Sales, im Gottes- und Weltbezug von Maria von Oignes und Madeleine Delbrêl und in den mystischen Sprachbildern von Caterina von Siena und Teresa von Ávila finden lassen.
Isabella Bruckner (Päpstliches Athenäum Sant’Anselmo, Rom) liest die Regula Benedicti resonanztheoretisch. Ulrich Engel (Philosophisch-Theologische Hochschule Münster / Institut Marie-Dominique Chenu, Berlin) fragt, wie sich in Ordensgemeinschaften Dauervergemeinschaftungsformen mithilfe von bestimmten Resonanzachsen sozial strukturieren und über eine längere Zeit hinweg Stabilität ausbilden. Thomas Eggensperger (Philosophisch-Theologische Hochschule Münster/Institut Marie-Dominique Chenu, Berlin) überlegt, ob und wie Resonanz eine prägende Kategorie zur Berufung und Pflege des Lebens in einem Orden oder in einer geistlichen Gemeinschaft werden kann. Und Fahimah Ulfat (Universität Münster) diskutiert, welche Implikationen das Konzept der Resonanzsensibilität für unterschiedliche Formen von Gottesbeziehungen im islamischen Religionsunterricht hat.
Möglicherweise hat der Umstand, dass Hartmut Rosa in einem katholischen Milieu aufgewachsen ist, dazu geführt, dass in den Band keine Beiträge aus der Sicht des evangelischen Glaubens aufgenommen worden sind. Das ist bedauerlich, weil Rosa mittlerweile der evangelischen Kirche angehört und an Sonntagen häufig an der Orgel seiner Kirchengemeinde in Grafenhausen im Südschwarzwald sowie in der Kirche der Nachbargemeinde Ühlingen anzutreffen ist. Zudem hätte Rosas 2018 als Nachtrag zu seiner Resonanztheorie erschienener 130-seitiger Essay »Unverfügbarkeit«, den Ufuk Topkara in seiner Literaturliste aufführt, auf Rosas’ Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann aufmerksam machen können, der wie kaum ein anderer für das Ringen um die Unverwechselbarkeit des evangelischen Glaubens steht (vergleiche dazu und zum Folgenden Tobias Mayer, Unverfügbarkeit und gelingendes Leben. Hartmut Rosa ergänzt seine Resonanztheorie. In: https://www.herder.de/communio/hefte/archiv/48-2019/6-2019/unverfuegbarkeit-und-gelingendes-leben-hartmut-rosa-ergaenzt-seine-resonanztheorie/). „›Unverfügbarkeit›, ein vom evangelischen Theologen Rudolf Bultmann in den 1930er Jahren im Kontext der existentiellen (anstatt objektivierend-feststellenden) Rede von Gott geprägter Neologismus, ist für Rosa ein Begriff, der zur «Kritik der Verfügbarkeit» … dient. Ganz im Sinne der ersten Generation der Kritischen Theorie kann der Essay als sozialphilosophische Beschreibung des modernen Weltverhältnisses und seiner selbstzerstörerischen Struktur gelesen werden. Entgrenzte «Verfügbarmachung von Welt» kennzeichnet für Rosa das Programm der Moderne, das nicht nur «nicht ‹funktioniert›, sondern geradewegs in sein Gegenteil umschlägt». … Für das Dilemma von wachsender Verfügbarkeit bei wachsender Ohnmacht nennt Rosa konkrete Schauplätze: von den medizinethischen Konfliktlagen rund um Lebensanfang und -ende über die Ökonomisierung und ‹Parametrisierung› der Bildungs- und Wissenschaftspolitik bis zu den umfassenden Auswirkungen der digitalen Revolution … Deutlich ist, dass Rosa mit dem Resonanzkonzept einem in seinen Augen misslingenden, ja pathologischen Weltverhältnis eine wohlmeinende Empfehlung zum glückenden, gelingenden Leben entgegensetzen will. Dieses Anliegen verdichtete sich schon in den beiden meistzitierten Wendungen der Resonanzstudie: «Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.» Und: «Eine bessere Welt ist möglich, und sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und das Antworten».“ (Tobias Mayer, a. a. O.).
ham, 22. Mai 2026