dtv Verlagsgesellschaft, München 2026, ISBN 978-3-423-28536-0, 272 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Hardcover, Format 22 x 14,3 cm, € 25,00 (D) / € 25,70 (AT)
Wer einen Parforceritt durch 1000 Jahre Kunstgeschichte sucht und Humor und gelegentliche Spitzen gegen Hauptakteure des Systems nicht scheut, ist bei dem 1988 geborenen Kunsthistoriker, Stand-up Comedian und Freestyle-Rapper Jakob Schwerdtfeger genau richtig: Nach seinem Studium arbeitete er lange im renommierten Städel Museum in Frankfurt als Kunstvermittler und war unter anderem mit der Frage beschäftigt, was Dali vom Camembert gelernt hat.
In seinem Überblick über die Kunstepochen vom Mittelalter bis zur Gegenwart versucht er Antworten auf Fragen wie die zu geben, warum das Barock das Koks der Kunst ist, was der Expressionismus mit der Milka- Kuh zu tun hat und wieso die Renaissance die Streberin unter den Epochen ist. Seine Leser würde er gerne davon überzeugen, dass sie jedem zeitgenössischen Kunstwerk eine Chance geben; aber er selbst tut es auch nicht. Es gibt natürlich Kunstwerke, die er absolut nicht leiden kann. Das sind für ihn zum Beispiel sämtliche Werke des gefeierten deutschen Künstlers Jonathan Meese. Schwerdtfeger wörtlich: „Mich nervt einfach alles an ihm: die stümperhafte Ästhetik seiner Bilder, seine Überheblichkeit in Interviews und sogar die schwarzen Adidas-Trainingsanzüge, die er immer trägt. Wenn ihr Meeses Kunst sehen möchtet, müsst ihr sie bitte googeln, denn ich möchte nichts davon in meinem Buch haben. 2018 hatte Meese eine große Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München und ich bin nur hingegangen, um mich aufzuregen. Es hat hervorragend funktioniert! So wie andere das Dschungelcamp zum Lästern gucken, gucke ich Meese. Dabei predigte ich immer, man sollte in der Kunst für alles offen sein, aber Meese ist für mich die Grenze“.
Jonathan Meese wird Schwerdtfegers Lästerzunge ebenso verschmerzen wie ich und einfach zur Tagesordnung übergehen: Als ich Meese 2006 im Hospitalhof Stuttgart mit seiner groß angelegten Ausstellung »Doktor Father Brown in Sankt Maria Pfarr« im Hospitalhof und in der Hospitalkirche Stuttgart vorgestellt habe, war Schwerdtfeger gerade einmal 18 Jahre alt und noch dabei, sich auf seine spätere Kunst-Comedy-Karriere vorzubereiten. Interessanter ist deshalb, welche zeitgenössische Künstler er spannend findet.
Er spricht einmal von dem Fotografen Ingo van Aaren, der im nächtlichen Berlin einen Schriftsteller begleitete, der mit einer Schildkröte an der Leine spazieren ging (vergleiche dazu https://www.instagram.com/ingovanaaren/). Unter den Malerinnen und Malern verweist er auf die durch ihre raumbezogenen Übermalungen bekannt gewordene Katharina Grosse (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_Grosse) und den 1991 in Ottersberg geborenen Simon Modersohn (vergleiche dazu https://www.instagram.com/simon_modersohn/). Unter dem Stichwort Fotografie nennt er neben der Berliner Künstlerin Jana Sophia Nolle den Japaner Hayahisa Tomiyasu. Nolle ist durch ihre Auseinandersetzung mit der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich bekannt geworden (vergleiche dazu https://www.instagram.com/p/DPuNG6fjO-U/?img_index=1), Tomiyasu durch seine Konzeptstudie zur Nutzung einer Tischtennisplatte (vergleiche dazu https://www.instagram.com/reels/DHy4kW9Sw8P/ und https://www.instagram.com/hayahisa_tomiyasu/).
Unter den Videokünstlern nennt er den Kalifornier Christian Marclay (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Marclay und https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/christian-marclay-the-clock/), unter den Performern die US-Amerikanerin Andrea Fraser (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Andrea_Fraser) und den Deutschen Tobias Rehberger, der 1997 das Wachpersonal der Venedig-Biennale mit Unterwäsche ausgestattet hat (vergleiche dazu https://www.instagram.com/studio_tobias_rehberger/?hl=de), unter den Bildhauern Kara Walker (vergleiche dazu https://www.karawalkerstudio.com/) und Ai Weiwei (vergleiche dazu https://www.instagram.com/aiww/?hl=de).
In der digitalen Kunst hält er Cory Arcangel (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Cory_Arcangel und https://coryarcangel.com/), Filippo Meozzi (vergleiche dazu https://www.instagram.com/creech.magoo/), Liam Stone (vergleiche dazu https://www.instagram.com/liamstone/), Simon Weckert (vergleiche dazu https://www.instagram.com/simonweckert/), Joscha Bender (vergleiche dazu https://www.instagram.com/benderjoscha/), das Kunstkollektiv MSCHF (vergleiche dazu https://www.instagram.com/mschf/ und @appliedmschf) und schließlich Guo O Dong (vergleiche dazu https://www.instagram.com/guo.chengdong/?hl=de) für erwähnenswert.
Den Abschluss bildet ein kurzes Kapitel über urbane Kunst, in dem er an die Intervention des Kollektivs Rocco und seine Brüder (vergleiche dazu https://www.instagram.com/rocco_and_his_brothers/?hl=de) im Februar 2016 in der Berliner U-Bahn und die Graffiti von PENG erinnert: Demnach dürften die U-Bahn- Fahrer ihren Augen nicht getraut haben, als sie mitten in einem Tunnel an einem gemütlich eingerichteten Schlafzimmer vorbeigefahren sind. Dort standen Bett, Fernseher, Sessel und Zimmerpflanzen. Auf dem Boden lag ein Teppich, die Wände waren mit Tapeten versehen, und zwei Lampen beleuchten die häusliche Szenerie. Das Ganze war ein Kunstwerk des Kollektivs Rocco und seine Brüder, die viele künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum platzieren, meist illegal. Bei dem Schlafzimmer im U-Bahntunnel ging es um Themen wie Wohnraummangel, Gentrifizierung und Obdachlosigkeit. Ein banales Zimmer wurde zu einem politischen Statement und holte die Menschen raus aus ihrem Tunnelblick. PENG ist das Kürzel eines in Frankfurt lebenden Graffitikünstlers, dessen Strichmännchen inzwischen zu Frankfurt gehören wie die Grüne Soße und Äppelwoi (vergleiche dazu https://www.instagram.com/pengistpeng/ und https://www.hessenschau.de/kultur/frankfurter-street-art-es-hat-peng-gemacht-v1,peng-ausstellung-112.html).
ham, 9, Juni 2026