Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020, ISBN 9783374063512, 432 Seiten, Kartoniert, Format 21 x 14 cm, 32,00 EUR
Der 1948 in Stuttgart geborene Religionsphilosoph und evangelische Theologe Ingolf Udo Dalferth (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Ingolf_U._Dalferth) geht in seiner groß angelegten Problemgeschichte der Sünde davon aus, dass der Mensch zum Sünder wird, wenn er den Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf nicht mehr realisiert und blind für die Quelle des Lebens wird (vergleiche dazu https://content.e-bookshelf.de/media/reading/L-13415157-ec87becea6.pdf). In der Folge meint er, zum Schöpfer seines eigenen Lebens werden und sich durch biotechnologische und transhumane Eingriffe optimieren und zu einem potenziell unsterblichen Wesen umbauen zu können. Aber auch wer 120 oder 140 Jahre alt wird, wird sterben. Unsterblich und ewig bleibt allein Gott.
Erst wenn Menschen einsehen, dass sie ihr Dasein nicht auf eigene Entscheidungen zurückzuführen können und ihr Leben nicht ihrem aktiven Tun verdanken, werden Sie menschlich. Dalferth spricht dann von Tiefenpassivität und meint damit, dass vor all unseren Aktivitäten, vor all unserem Handeln und vor allem unserem Lassen etwas da ist, dass das Dasein überhaupt erst möglich macht. „Wenn wir nicht da sind, können wir nicht handeln. Nur weil wir da sind, agieren wir auch, müssen auch agieren, müssen Entscheidungen treffen. Aber dass wir da sind, ist keine Entscheidung, die wir getroffen haben. Deshalb unterliegen all unseren Aktivitäten und Betroffenheiten, die wir im Leben erfahren und vollziehen, – deshalb unterliegt dieser ganze Lebensvollzug einer Gesetztheit, die nicht auf unsere Entscheidung zurückgeht. Das meine ich mit Tiefenpassivität“ (Ingolf Udo Dalferth am 19.10.2020 im Deutschlandfunk im Gespräch mit Andreas Mann, vergleiche dazu https://download.deutschlandfunk.de/file/dradio/2020/10/19/was_suende_heute_bedeuten_koennte_dazu_der_dlf_20201019_0936_04f0ead7.mp3).
Schleiermacher hat von schlechthinniger Abhängigkeit gesprochen. „Wir erfahren uns als – heideggerianisch gesprochen – »ins Leben geworfen« oder mit Schleiermacher gesagt: Wir erfahren, dass wir da sind, obwohl wir uns nicht dazu entschieden haben. All unser Agierenkönnen und Erleiden- und Erfahrenkönnen setzt etwas voraus, was nicht auf unsere eigene Setzung zurückgeht“ (Ingolf Udo Dalferth, a. a. O.). Theologische übersetzt heißt Tiefenpassivität Geschöpflichkeit. Geschöpfe werden von Gott erschaffen. Von Gott erschaffen zu werden bedeutet für das Geschöpf, dass es rein passiv ins Dasein kommt. Es gibt kein Lebewesen, dass nicht aktiv ist, solange es lebt. Aber seine Aktivität ist nicht das, dem es sich verdankt. Es ist genau umgekehrt. Nur wer da ist, kann leben. Geschöpfe leben im Unterschied zu Gott aber nicht unendlich, sondern endlich. Auf wirklich menschliche Weise leben wir Menschen dann, wenn wir anerkennen, dass wir Leben inmitten von Leben sind, das leben will – und dass dieses Leben trotz seiner Endlichkeit zu dem Ort werden kann, an dem immer wieder Neues geschieht, das im Vorausgegangenen noch nicht angelegt war. Live ist full of new beginnings für uns und für andere. Und deshalb ist es gut, wenn wir aus dem falschen Machen heraus- und in diese neue Art zu leben hineinkommen.
ham, 26. Februar 2026