Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2026, ISBN 978-3374-08189-9, 246 Seiten, Paperback, Format 23 × 15,5 cm, € 39,00
Wer ins höhere Alter kommt und dann immer wieder Beerdigungen von Angehörigen, SchulkameradInnen und Bekannten besucht, fragt sich gelegentlich, ob mit der Versenkung des Sargs oder der Urne und dem Gang zum Grab alles aus ist oder ob auf der anderen Seite ein neues Leben nach dem Tod und dort ein doppelter Ausgang oder die Allversöhnung wartet.
Für die beiden Schweizer reformierten Neutestamentler und Pfarrer in Teilzeit Hannah und Christian Stettler in Flaach im Bezirk Andelfingen des Kantons Zürich ist die für sie verbindliche biblische Antwort eindeutig: In der Spur der von dem Tübinger Alttestamentler Hartmut Gese (1929–2025; vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Gese) und dem Tübinger Neutestamentler Peter Stuhlmacher (1932–2025; vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Stuhlmacher) entwickelten gesamtbiblischen Theologie und in der Aufnahme von Thesen des britischen anglikanischen Geistlichen und Theologen Nicholas Thomas Wright (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Nicholas_Thomas_Wright) rechnen sie mit dem alle Zeiten überdauernden Handeln Gottes in einer Welt, die auf keine Allversöhnung, sondern auf einen jüngsten Tag und dessen doppelten Ausgang zugeht.
Christian Stettler fasst seine Argumentation zur Allversöhnung so zusammen: „Die Liebe Gottes ist das wichtigste Argument für moderne Spielarten der Allveröhnungslehre – wenn Gott Liebe ist, kann er es nicht hinnehmen, dass es noch Geschöpfe gibt, die ins Verderben laufen. Ein weiteres Argument ist die Freude der Erlösten: Wie können Sie sich im Reich Gottes ungetrübt freuen, wenn da noch Menschen sind, die in der Hölle gequält werden? Wäre das nicht eine Herrlichkeit ohne Mitleid?
Aber der Gott, der sich Israel durch die Propheten und durch den Messias Jesus geoffenbart hat, ist nicht nur Liebe, sondern auch vollkommen heilig und vollkommen gerecht. Weil er gerecht ist, kann er das Böse nicht tolerieren. Sein Ziel mit der ganzen Heilsgeschichte ist das ewige Gottesreich, der neue Himmel und die neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt (2Petr 3,13). Dort kann es keinen Platz für das Böse geben. Um sein Reich endgültig aufzurichten, muss er deshalb die Welt richten, d. h. vom Bösen völlig reinigen. Wenn er das nicht täte, sondern alle, auch seine Feinde, die sich nicht versöhnen lassen wollen, in sein Reich aufnähme, wäre es nicht sein Reich, und er wird das Böse tolerieren, mit ihm gemeinsame Sache machen, es letztlich gutheißen. Wenn wir das nicht ernst nehmen, verharmlosen wir das Böse und machen uns letztlich ein eigenes Gottesbild, das nicht dem Bild entspricht, das Gott selbst von sich offenbart hat.
Manche Spielarten der klassischen Allversöhnungslehre sehen das sehr wohl – dass Gott Liebe und heilig ist. Sie wollen weder das Böse verharmlosen noch die Notwendigkeit von Buße und Glauben ausblenden. Deshalb lehren sie, dass Gott auch nach dem Tod weiterhin geduldig um die Unbußfertigen wirbt, nötigenfalls viele Äonen lang, bis auch der letzte umgekehrt ist.
Für solche Spekulationen lässt die Bibel jedoch keinen Raum. Die klare Botschaft des Neuen Testaments lautet, dass Christus, wenn er wiederkommt, Gericht halten und das endgültige Urteil fällen wird. Dann werden die Bücher geschlossen.
Wir stehen alle in der Gefahr, dass wir die Bibel selektiv wahrnehmen, dass wir einzelne Aussagen isoliert betrachten und daraus eine Theorie ableiten. Es gibt auch eine »fromme« Bibelkritik, die eben nur das in der Bibel gelten lässt, was uns zusagt oder was zu unserer Theologie passt, die auf isolierten Bibelstellen beruht. Unsere bleibende Herausforderung besteht darin, dass wir das scheinbar Gegensätzliche in der Bibel zusammendenken oder zumindest zusammenzuhalten versuchen.
Im Titel dieses Beitrags haben wir die Frage gestellt: Rettet Christus alle Menschen? Die Antwort lautet: Ja und nein. Ja, die Versöhnungstat Jesu am Kreuz gilt allen Menschen. Ja, das Wort von der Versöhnung bittet alle Menschen, sich versöhnen zu lassen. Nein, nicht alle Menschen sind automatisch mit Gott versöhnt, denn die Versöhnung empfangen wir durch den Glauben, in dem wir uns Christus anschließen und mit ihm verbunden sind. Eine andere Hoffnung zeigt uns das Neue Testament nicht“ (Christian Stettler, Seite 221 f.).
Weitere Themen von Christian Stettler sind „Der Himmel auf Erden. Gottes Wohnung bei den Menschen als Ziel der Heilsgeschichte“, „Die Auferstehung des Leibes“ und die Antwort auf die Frage, was ist für unser Leben hier und jetzt bedeutet, dass Christus die Welt richten wird.
Hannah Stettler thematisiert den Tod in biblischer Perspektive, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung der Toten im Neuen Testament und die Rechtfertigung der Gottlosen in alter und neuer Perspektive.
Der 1966 in Frauenfeld im Kanton Thurgau geborene Christian Stettler ist neben seinen pfarramtlichen Tätigkeiten in Flaach Privatdozent am Theologischen Seminar der Universität Zürich, Titularprofessor für Neues Testament und antikes Judentum an der staatlich als universitäre Hochschule akkreditierten staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel tätig und Mitglied der dem evangelikalen Flügel des Protestantismus zuzuordnenden Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für biblisch erneuerte Theologie. Die 1964 geborene Hannah Christiane Stettler lehrt neben ihrer pfarramtlichen Tätigkeit als außerplanmäßige Professorin für Neues Testament an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Beide haben den mit 3000 € dotierten Johann-Tobias-Beck-Preis erhalten, sie 2016 für ihre Habilitationsschrift „Heiligung bei Paulus. Ein Beitrag aus biblisch-theologischer Sicht“, er 2018 für seinen Forschungsüberblick über die Lehre des Paulus zum Endgericht seit 1930 (vergleiche dazu https://www.ref-sh.ch/kg/gaechlingen/bericht/3644). Der von der Theologischen Verlagsgemeinschaft und dem Arbeitskreis für evangelikale Theologie gestiftete Johann-Tobias-Beck-Preis gilt als bekannteste Würdigung theologischer Forschungsarbeiten im deutschsprachigen Pietismus.
ham, 15. August 2026