Herausgegeben von Johann, Hinrich Claussen und Martin Rössler mit Beiträgen von Florian Bock, Christine Gerber, Martin Illert, Cornelius Petrus Mayer OSA, Thomas Brockmann, Christian Moser, Bernward Schmidt, Milan Wehnert, Manfred Marquardt, Albrecht Beutel, Wilhelm Gräb, Hermann-Josef Große Kracht, Andrea Hofmann, Dietz Lange, Arnulf von Scheliha, Günter Brakelmann, Andreas Wenzel, Joachim Kuropka, Ulrike Murmann, Jörg Herrmann, Martin Maier SJ, Marcello Neri, Kathrin Oxen, Johannes Schilling, Jan Lohrengel und Christine Büchner

Lambert Schneider in der Verlag Herder GmbH, 1. Auflage 2015, ISBN: 978-3-650-40071-0, 415 Seiten, Hardcover gebunden, Schutzumschlag, Format 22 x 15,5 cm, ermäßigter Preis € 9,99 

Von einer guten Predigt erwartet man, dass sie etwas zu sagen hat, das über die jeweiligen Aktualitäten hinausreicht, die Seele berührt und den Himmel erreicht. Sie soll „erstens Vergnügen bereiten, indem sie spannend zu hören ist, die Aufmerksamkeit gleich zu Anfang weckt und bis zum Ende wach hält. Sie soll zweitens bewegen, indem sie existenziell anspricht, das Leben des Einzelnen, der Gemeinde und Gesellschaft in ein neues Licht stellt. Sie soll drittens lehrreich sein, indem sie Informationen und Gedanken vermittelt, die es wert sind, dass man sie weiß … Die Predigt soll sich viertens ernsthaft mit dem Bibeltext auseinandersetzen, so dass er als eigene Stimme laut wird. Sie soll fünftens eine theologische Botschaft formulieren, die durchdacht und stimmig ist. Sie soll sechstens persönlich sein, so dass der Mensch, der diese Predigt hält, als Individuum und in seiner Rolle sichtbar wird. Das ist ein anspruchsvolles Programm, zugegeben, aber billiger ist eine gute Predigt nicht zu haben“ (Johann Hinrich Claussen im Anschluss an Kriterien eines in der Schweiz ausgerufenen reformierten Predigtpreises, a. a. O., S. 9f.).

Sehr viel lernen über gute Predigten kann man aber auch, wenn man gute Predigten hört oder liest. Dem dient die von Johann Hinrich Claussen und Martin Rössler zusammengetragene Sammlung von dreißig Predigten vom ersten bis zum 20. Jahrhundert. Sie setzt mit der Bergpredigt Jesu ein und führt über Aurelius Augustinus’ Predigt zur Geburt Jesu, Martin Luthers Predigt zur Einweihung der Schlosskirche in Torgau, Johann Gottfried Herders Predigt zu den Seligpreisen Jesu, Albert Schweitzers Predigt zur Ehrfurcht vor dem Leben und Martin Luther Kings Rede „Ich habe einen Traum“ bis zu Dorothee Sölles „Das Land ist voller Götzen“ und Desmond Tutus Predigt bei der Trauerfeier für Christiaan Frederik Beyers Naudé.

Am meisten Gewinn hat man, wenn man die Predigten zusammen mit den ihnen vorangestellten instruktiven Einführungen liest. So erinnert Jörg Herrmann in seiner Einführung daran, dass Martin Luther King bei seiner Rede am 28. August 1963 am Lincoln Memorial in Washington D.C. schon zwölf Minuten gesprochen hatte und immer wieder durch verhaltenen Applaus unterbrochen worden war. „»Go back to Mississippi, go back to Alabama, go back to South Carolina!«, sagt er nun und scheint zum Ende zu kommen. In die Kunstpause hinein soll Mahalia Jackson gerufen haben: »Tell’em about the dream, Martin!« Sie hatte wenige Monate zuvor eine Rede Kings gehört, in der er von seinem Traum gesprochen hatte. Jackson ruft ein zweites Mal: »Tell’em about the dream, Martin!« Die Fernsehaufzeichnung zeigt, dass King sich jetzt von seinem vorbereiteten Text löst und frei spricht. »I  still have a dream«, sagt er. »He’s off now«, sagt seine Assistentin zu ihrem Kollegen. Es folgt die berühmte Schlusspassage, deren erster Abschnitt durch den Refrain »I have a dream« strukturiert ist und in dem King ausdrucksstarke Bilder eines gerechten Amerika entwirft, deren Realisierung er als göttliche Offenbarung deutet. Dabei intensiviert sich die Interaktion zwischen ihm und dem Publikum, der Applaus wird lauter, die Zwischenrufe nehmen zu, die Pausen werden länger – der Schlussteil der Rede scheint aus der Wechselwirkung zwischen King und seinem Publikum zu entstehen“ (Jörg Herrmann, S. 329).

ham, 3. Februar 2026

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2023 Helmut A. Müller