Fotografien 1989 – 2003
Mit Essays von Niklas Maak und Heinz Liesbrock
Schirmer/Mosel Verlag, 2026, ISBN 978-3- 8296-1049-0, 160 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, 113 Tafeln, davon 98 in Farbe, Format 35 × 26 cm, € 58,00
Die königsblaue Pril-Flasche mit ihrem roten Verschluss ist älteren Jahrgängen noch ebenso bekannt wie die Pantone 280 c-blaue Nivea-Dose und die weiße Zahnpasta-Tube von Sensodyne. Claus Goedicke hat sie in den letzten 1980er-Jahren ebenso fotografiert wie die silberne 1-Liter-Motorenöldose BP Stralsund und die weiße Mundwasserdose von Odol mit ihrem schwarz-weißen Aufdruck auf blauem Grund. Ab den 1990er-Jahren reinigt der Meisterschüler von Bernd Becher die im privaten Hausmüll, dem Müll der Nachbarn, in Müllsammelstellen, öffentlichen Mülleimern und auf der Straße gefundenen gebrauchten Gefäße, Flaschen, Tuben und Plastikbehälter, befreit sie von ihren Logos und Etiketten, lagert und inszeniert sie in der Tradition der Stillleben des 17. Jahrhunderts und fotografiert sie mit und ohne Kunstlicht.
„Sie sind jetzt nicht mehr primär ein Markenartikel, sondern ein Objekt, ein Gefäß mit charakteristischer Form, Farbe, Volumen und Materialität“ (Klaus Goedicke, Seite 17).
In seiner Serie „Bühne I“ bestehen die Unter- und Hintergründe der Bildräume aus mit spiegelnder Plastikfolie überzogenen Spanplatten. In der Serie „Kein Spiegel, kein Schatten“ wurde der Raum aus einer weißen, gebogenen Papierbahn (Hohlkehle Endless Curve) und farbigen Klebebändern konstruiert, die in die weiße, undefinierte Fläche hineinmontiert worden sind. In den Werkgruppen „Am Fenster“ und „RotRotGelbGelbBlauBlau“ bestehen Untergrund und Hintergrund aus farbigen Papierkartons. „In diese Bildräume hinein sind die Flaschen, Becher und Dosen gestellt. Das Arrangement, man kann auch von Komposition sprechen, besteht nun aus den Gefäßen und ihren Eigenschaften im Zusammenspiel mit dem Licht, dem Bildraum, seiner Ausdehnung und dessen Farben“ (Claus Goedicke, S. 17).
Dass der Siegeszug des 1862 in der Weltausstellung von London vorgestellten ersten Kunststoffs und seiner Nachfolger seinen Preis hat (vergleiche dazu Alexandra Caterbow, Olga Speranskaya, Geschichte: Wie billiger Kunststoff die Welt eroberte. In: https://www.boell.de/de/2019/06/06/geschichte-wie-billiger-kunststoff-die-welt-eroberte), bleibt auch in „Plastik“ nicht unbemerkt: In den gut sieben Jahrzehnten seit den 50er-Jahren wurden weltweit über neun Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt – das ist laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts etwa eine Tonne pro Kopf der Weltbevölkerung. Davon entstand die Hälfte des Plastiks nach der Jahrtausendwende, 80 Prozent des Plastiks landeten auf dem Müll oder in der Umwelt. Der größte in den Weltmeeren treibende sogenannte „Müllteppich“, der „Great Pacific Garbage Patch“, ist laut einer Studie von Nature bereits über viermal so groß wie Deutschland. Allein in deutschen Haushalten wird mehr als eine Million Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel pro Jahr verwendet – der Großteil wird in Plastikbehältnissen geliefert.
Ein halbes Jahrhundert nach dem Höhepunkt der Plastikmoderne ist aus dem Konsumversprechen ein ökologischer Alptraum geworden, die Angst vor einer unkontrollierten Rückkehr der leuchtenden Verpackungen als Mikroplastik geht um. Was als Behälter Nahrungs- und Reinigungsmittel transportierte, wird kleingerieben über die Nahrungskette in den Körper aufgenommen: Die Plastikflasche landet, so die Furcht, in uns selbst“ (Niklas Maak, S. 9).
Dass Claus Goedicke die Flaschen aus dem Abfall zur Kunst erhebt, zeigt, dass es auch anders geht: Nachdem er die Flaschen von ihren Etiketten und Logos befreit hat, fiel sein Augenmerk auf die Form. Manche Flaschen stehen wie ein Elternpaar mit einem Kind zusammen. „Jede Flasche hat eine Persönlichkeit – hier eine dicke rote mit breiten Schultern, daneben eine mit Cola-Taille, zu ihrer Rechten, eine etwas pedantisch strammstehende zylindrische ohne Hüftschwung. Man könnte ein Spiel spielen: Wenn Person X eine dieser Flaschen wäre, welche wäre sie dann?“ (Niklas Maak, S. 13).
ham, 19. Oktober 2026