utb 6514, transcript Verlag, Bielefeld, 2025, ISBN 978-3-8252-6514-4, 362 Seiten, Broschur,
Format 21,6 × 14,9 cm, € 29,00
Die 1977 in München geborene Barbara Schellhammer hat wesentliche Anregungen für ihre Auffassung von Kulturphilosophie durch ihre Beschäftigung und Begegnung mit Clifford Geertz, seinem Verständnis von Kultur als „selbstgesponnenem Bedeutungsgewebe“ und ihrer dichten Beschreibung des kulturellen Genozids an indigenen Menschen in Kanada erhalten, wo sie einige Jahre lebte und arbeitete. „Kultur ist mit uns Menschen verwachsen. Sie ist uns als unsere »zweite Natur« in Fleisch und Blut übergegangen und nicht bloß ein schmuckes »Anhängsel«, wie eine feierliche Zeremonie, eine kunstvoll gestickte Tracht oder eine besonders ausgeklügelte Jagdtechnik. Sie kann nicht einfach abgelegt und eine neue angelegt werden – deshalb ist die starke Rede von einem »kulturellen Genozid« nicht etwa eine ungebührliche Übertreibung, sondern trifft den Kern dessen, was passiert, wenn man Menschen bewusst ihre angestammte Kultur nimmt, um sie zu »zivilisieren« und in eine vermeintlich fortschrittlichere, moderne Mainstreamkultur einzupassen. Hohe Selbstmordraten, Alkoholismus und Gewalt in Familien zeugen bis heute vom transgenerationellen Trauma der großen Sinnlosigkeit und Leere, von Selbstzweifeln und Hoffnungslosigkeit angesichts der Abgründigkeit, die sich auftut, wenn Sicherheit, Ordnung und Orientierung der eigenen Herkunft nicht mehr tragen – ganz im Gegenteil, wenn sie in Abrede gestellt und schlecht gemacht werden“ (Barbara Schellhammer, S. 11 f.).
In ihrem Studienbuch ›Kulturphilosophie‹ setzt sie weder auf ein Verständnis von Kultur, das in ihr die Glanzleistungen der Menschheit versammelt sieht, noch auf eine populistische Vereinnahmung des Kulturbegriffs, sondern, ausgehend von der besonderen Lage des Menschen als exzentrisch positioniertem Lebewesen (Plessner) und der ›orthaften Ortlosigkeit der Philosophie‹ (Ram Adhar Mall), auf ein ›Zwischen‹ der Auflösung des Kulturbegriffs in in einer Hyperkultur und einer fundamentalistischen Renationalisierung der Kultur in einem Kulturessentialismus:
„Alles Nachdenken über Allgemeines führt durch das Dickicht des Partikularen. Das gilt in besonderer Weise für ein Philosophieren über Kultur, das sich der eigenen kulturellen Orientierung bewusst ist – und sich darüber ehrlich macht, was die eigene Unordnung betrifft, bzw. die Tatsache, dass jede Ordnung zugleich jede Menge Unordnung produziert. Es gibt keine Kultur ohne Natur und keine Eigenheit ohne Fremdheit. Kultur ist weder ein Produkt noch ein Objekt, das man in Vergleichen oder zum Zweck des Selbstschutzes und der Sicherheit anderen gegenüber ins Feld führen könnte, sondern Aufgabe und Prozess im Umgang mit Fremdem. Ebenso wie die atopisch-topische Widersprüchlichkeit des Menschen verbürgt auch die Tatsache, dass sich keine Kultur je völlig urbar machen lässt und in sich brüchig bleibt, ihre Widerständigkeit. Keine Kultur lässt sich restlos verstehen (wie auch kein Mensch) – nicht einmal von sich selbst. Gott sei Dank, muss man sagen, denn bei aller Unbehaglichkeit, die darin liegt, vermag es keine Künstliche Intelligenz und kein Transhumanismus, die unberechenbaren Eruptionen und unmittelbaren Widerfahrnisse menschlicher Existenz einzuhegen. Die gebrochene Mitte des Selbst lässt sich durch keine theoretischen oder symbolischen Auffüllungen einer wie auch immer gearteten Kultur schließen – genau hier, in der Bestimmung des Menschen als homo absonditus, zeigt sich die Würde des Menschen“ (Barbara Schellhammer, S. 13 f.).
Ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff, seiner Entwicklung, seinen Verstrickungen, seinen Bedeutungen und seinen Konsequenzen schließt Schellhammer mit einem Plädoyer für den Begriff der Interkulturalität ab. „Die Vorsilbe inter- (lat. zwischen) eröffnet einen Bedeutungshorizont von Gegen- und Wechselseitigkeit, Vermittlung, Zusammenarbeit und Gemeinsamkeit. In der Wortentwicklung von Kultur (Singular) über Kulturen (Plural) hin zu interkulturell (d. h. zwischen Kulturen) zeichnet sich ein dialektischer Dreischritt ab … bzw. eröffnet sich zwischen Kultur (als Prozess der Selbstvergewisserung) und Kulturen (als Öffnung für Fremdes) ein dialogisches Spannungsfeld. Das »Zwischen« schließt eine vollständige Deckung ebenso aus wie eine unüberbrückbare Verschiedenheit. Es ist eine Art »Grenzlandschaft, die zugleich verbindet und trennt« … Ihr geht es darum, Grenzen zu überschreiten, ohne sie aufzulösen, denn »die Mängel einer bloßen Multikulturalität werden nur scheinbar überwunden, wenn man versucht, die Grenzen der jeweiligen Kultur auszuschalten« … In diesem Zwischenraum verlieren wir uns nicht etwa (»Überfremdung«), sondern wir profilieren unsere Eigensinnigkeit erst heraus – allerdings immer nur tentativ, weil die Auseinandersetzung mit Fremdem verändert“ (Barbara Schellhammer, S. 186 f.).
Im zweiten Teil des Studienbuchs werden Persönlichkeiten vorgestellt, die in einer Einführung zur Kultur- philosophie nicht fehlen dürfen. Sie schwanken zwischen einer optimistischen und einer eher pessimistischen Vorstellung von Kultur, so Sigmund Freud mit seiner Schrift ›Das Unbehagen an der Kultur‹, Georg Simmel mit seinem Verständnis von der Tragödie der Kultur und Helmut Plessner mit seiner These von der Ergänzungsbedürftigkeit der exzentrischen Positionalität des Menschen. Einen positiveren Zugriff auf Kultur zeigen Ernst Cassierers mit seinem Verständnis des Menschen als animal symbolicum und Susanne Langer mit ihrer Rede von Sinngeweben. Schellhammers Nähe zu Clifford Geertz ist eingangs schon deutlich geworden. Sein ›Bildungsgewebe Kultur‹ kann nach Schellhammer so zusammengefasst werden:
ham, 13. April 2026