Patmos Verlag, Ostfildern, 2026, ISBN 978-3-8436-1642-3, 176 Seiten, Hardcover, Format 19,4 x 12,5 cm, 

€ 16,00 (D), € 16,50 (A)

Wer als liberaler Protestant mit Verwunderung und Entsetzen von Deutschland aus auf Amerika unter Trump, seinen Anspruch auf Grönland, seinen Angriff auf Venezuela und seine angedrohte mögliche Übernahme von Kuba blickt und die Unterstützung durch die evangelikalen Christen, die Landbevölkerung, konservative Einwanderer, Waffennarren und Teile der Wirtschaftselite nicht wirklich versteht, sollte zu der luziden Aufarbeitung der Hintergründe seines Erfolgs durch den katholischen Theologen, Philosophen und Religionswissenschaftler Andreas Georg Weiß greifen. Weiß hat nach seinem Auslandsstudienjahr für Religionswissenschaft  an der US-amerikanischenMissouri State University in Springfield (Missouri) im Jahr 2011 zwischen 2012 und 2016 weitere Forschungs- und Lehraufenthalte in den Vereinigten Staaten im „Bible Belt“, im Mittleren Westen und an weiteren Hochschulen verbracht. 2013 erhielt Weiß einen Lehrauftrag an der Missouri State University für Religion in America am Department „Religious Studies“. Seit 2016 ist er als Erwachsenenbildner im Katholischen Bildungswerk Salzburg für den Bereich Theologie/religiöse Bildung/Glaube/Weltbild zuständig und seit 2020 zudem Direktor-Stellvertreter. Andreas Georg Weiß schreibt seit 2011 für Online-Medien, Tages- und Wochenzeitungen und ist Autor mehrerer Bücher. 

Nach Weiß ist der American Dream, das inoffizielle Credo der amerikanischen Zivilreligion, im Jubiläumsjahr des 250-jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten zwar nicht verschwunden, aber in seiner Reichweite und Plausibilität brüchig geworden. „In einer Umfrage des Pew Research Center gaben 2024 bereits 43 Prozent der Bevölkerung an, der Traum sei für sie persönlich »nicht mehr erreichbar«. Besonders jüngere US-amerikanische Frauen und Männer zeigen eine wachsende Distanz zum Mythos des Aufstiegs durch individuelle Leistung. Während dieser in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch konkrete Erzählungen von Einwanderung, Bildung und Wohlstand getragen wurde, erscheint er heute vielfach abstrakt – oder gar zynisch“ (Andreas G. Weiß, S. 18). 

Der American Dream reicht bis in die frühe Kolonialzeit zurück. Er weist auf ein kollektives Projekt von Selbstbestimmung, Neuanfang und gesellschaftlicher Gestaltungskraft hin und ist von der Überzeugung getragen, dass individuelles Streben und gemeinschaftliches Fortschreiten in einem von Gott gesegneten Raum möglich seien. Diese Vorstellung verdankt sich maßgeblich der politischen Auswandererbewegung des 17. Jahrhunderts undist von der Bergpredigt und Jesu Zusage „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben“ (Matthäus 5,14) inspiriert. Nach John Winthrops berühmter Predigt auf der Überfahrt von England nach Amerika im Jahr 1630 »A Model of Christian Charity« sollte das zu gründende neue Gemeinwesen  im Inneren moralisch gefestigt sein und nach außen als Vorbild wirken. Es ging um keine Flucht, sondern um  göttliche Erwählung und einen heilsgeschichtlichen Neubeginn (vergleiche dazu https://www.ruhr-uni-bochum.de/gna/Quellensammlung/01/01_amodelofchristiancharity_1630.htm). 

„Der American Dream speist sich folglich aus einem Zusammenwirken mehrerer Elemente: der religiösen Prägung der Siedlungsbewegung, der politischen Philosophie der Aufklärung, der republikanischen Idee von der Selbstregierung und der praktischen Erfahrung sozialer Mobilität. Er verbindet individuelle Freiheitsrechte mit einer kollektiven Erwartungshaltung: dass das Gemeinwesen mehr ist als die Summe seiner Teile und dass gesellschaftlicher Fortschritt möglich ist, wenn persönliche Initiative auf institutionelle Offenheit trifft“ (Andreas G. Weiß, S. 32). Er dient als „symbolischer Deutungsrahmen nationaler Selbstvergewisserung, … die Leistung, Hoffnung, Aufstieg und Freiheit miteinander verknüpft, aber zugleich Variationen zulässt. Er ist kein festgezurrtes politisches Programm im engeren Sinn, sondern eine kulturelle Infrastruktur, die Sinn stiftet, Zugehörigkeit erzeugt und Verhalten ebnet, zugleich aber Individualität erlaubt. Somit ist diese symbolische Ordnung nicht statisch, sondern dynamisch. Sie kann aber unter bestimmten Voraussetzungen auch Gefahr laufen, zu kippen: In dem Maß, wie sich gesellschaftliche Realität von den impliziten Verheißungen des Traums entfernt, das Versprochene nicht eingelöst wird und diese Enttäuschung keine oder unzureichende Erklärungen findet, kann sich der Traum in eine Quelle der Desillusionierung verwandeln. Dann wird er zur fragilen Seifenblase – attraktiv an ihrer Oberfläche, aber empfindlich gegenüber jeder Berührung mit der widersprechenden Wirklichkeit“ (Andreas G. Weiß, S.34 f.).

 Er ist ein hochgradig komplexes Geschehen: „In ihm kreuzen sich anthropologische Grundmuster (Freiheit, Selbstwirksamkeit), ökonomische Narrative (Leistung, Aufstieg), politische Verheißungen (Chancengleichheit, Unabhängigkeit) und spirituelle Restbestände einer in traditionellen Bekenntnissen geprägten Ethik (Berufung, Erwählung, Segen). Der Traum wird zur Projektionsfläche heilsgeschichtlicher Hoffnung, ohne sich jemals vollständig in Geschichte zu realisieren. Er bleibt dabei nach vorne sowie in Bezug auf die individuellen Lebensgeschichten der Menschen offen: Es ist ein verheißungsvoller Raum des Noch-Nicht, des Immer-Noch-Möglichen. In dieser Perspektive stellt sich die Frage nach der Ortsbestimmung (Topologie) dieses Traums neu: Wo liegt dieser Raum? Wie wird er betreten? Wer wird ausgeschlossen? Welche Rituale sichern seinen Bestand? Antworten darauf findet man nicht in Statistiken oder verfassungsrechtlichen Garantien, sondern in Vollzügen identitätsrelevanter Lebensmomente: im Schulerlebnis, in Wahlkampfreden, in Werbespots, in Pop-Songs, in Gedichten, in patriotischer Ausstaffierung. Das Eigenheim mit Rasenfläche, der Universitätsabschluss, die Start-up-Karriere, die Wahl in ein Amt oder der sportliche Erfolg werden zu sakralisierten Meilensteinen eines irdischen Jenseits, das immer erstrebt, aber nie ganz einholbar ist“ (Andreas G. Weiß. S. 67 f.).

Die amerikanische Zivilreligion hat in den letzten Jahren ihre verbindende Kraft verloren. Ihre Symbole und Begriffe sind zwar noch präsent, doch in ihrer Bedeutung variabel. Dies eröffnet die Möglichkeit ihres Missbrauchs, einer Aufladung mit Macht, Gewalt und Strategien von der Störung und Ausgrenzung. Der Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar 2021 und die Wiederwahl Trumps vom 17. Dezember 2024 sind Ausdruck dieser Veränderung. Nach Barry C. Black, dem Pastor des US-Senats, hat der Sturm auf das Kapitol das zivilreligiöse Zentrum Amerikas entweiht. Es war ein Akt nationaler Autoaggression – das politische Äquivalent zur Entweihung eines Tempels durch das eigene Volk. Die Täter zerstörten „gleichsam die Institutionen der Gewaltenteilung und schändeten den symbolischen Kern eines republikanischen Erlösungsversprechens, das in der Formel von »Leben, Freiheit und Streben nach Glück« (life, liberty and the pursuit of happiness) seinen zivilreligiösen Ausdruck gefunden hatte. Der Angriff auf das Kapitel war ein Akt kultureller Selbstzerstörung – ein Ereignis, das dem kollektiven Glauben an die heilsgeschichtliche Einzigartigkeit der USA einen tiefen Stich versetzte“ (Andreas G. Weiß, S. 47 f.). 

In Zeiten der Globalisierung, der technologischen Disruption, des demografischen Wandels und der politischen Enttäuschung wird aus dem Gründungsversprechen »der Einheit aus vielen« ein exklusives Erbe, das zurückgeholt werden muss: »Make America Great Again« (vergleiche dazu https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/maga-2025/561890/make-the-donald-great-again/) und nur noch für Auserwählte gilt. Damit wird aus dem pluralistischen Gemeinwesen Amerika ein heilsgeschichtliches Subjekt, das seiner göttlichen Sendung folgt, und Trump wird zum Heiler, Heiland und Erlöser (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Trump_als_Heiler).

Aus dem Präsidenten einer Macht »under God« wird ein Präsident, der sich selbst zur letzten Instanz erklärt. Seine Unberechenbarkeit, seine Regelbrüche, seine gezielten Affronts gegen die politische Klasse, seine rhetorischen Übertreibungen und seine Schattenseiten wurden in religiös-konservativen Kreisen „zunehmend theologisch aufgeladen. Trump wurde zum »unwahrscheinlichen Erwählten«, der nicht aufgrund seiner Heiligkeit, sondern gerade wegen seiner Unangepasstheit berufen sei. Seine Unvollkommenheit war kein Hindernis, sondern ein theologisches Indiz: Gott erwählt nicht die Perfekten, sondern die Unwahrscheinlichen. So entstand eine merkwürdige Allianz zwischen autoritärer Rhetorik, spirituellem Heilsversprechen und populärer Masseninszenierung – gespeist aus der Sehnsucht nach Ordnungen in einer Welt, die zu komplex geworden ist, um ihr noch zu trauen. Die messianische Semantik, die ihn teilweise begleitete, war Ausdruck dieser spirituell grundierten Suche nach Klarheit, nach Rückbildung, nach Entscheidung – und sie war die religiöse Schwester jenes politischen Affekts, den man längst als postdemokratische Regression hätte deuten können“ (Andreas G. Weiß, S. 101 f.).

Nach Weiß hat das amerikanische Präsidialsystem unter Trump an Glanz verloren. Gerade im Jubiläumsjahr der Vereinigten Staaten ist deshalb daran zu erinnern, dass der American Dream historisch nie ausschließlich ein Projekt präsidialer Führung war, sondern stets auch auf lokaler Selbstorganisation, sozialen Aufstiegserzählungen im Nahbereich und alltäglichen Prozessen beruhte, in denen individuelle Freiheit und soziale Zugehörigkeit in Beziehung gesetzt wurden. Deshalb sollte Amerika seiner Meinung nach nicht mehr auf die großen Erlösungsversprechen setzen, „sondern auf jene unspektakulären Formen von Beharrlichkeit innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft, in denen die demokratische Praxis unter widrigen Bedingungen weitergetragen wird. „Die Zukunft des Amerikanischen Traums entscheidet sich … weniger an großen Programmen als an der Frage, ob Menschen an den Grundfesten dieses Traums auch angesichts seiner entstellten Verzerrung festhalten können. Sie beginnt nicht unbedingt in Washington, D.C., sondern vielleicht in einem Klassenzimmer in Montana. In einer Suppenküche in Chicago. In einer interreligiösen Gesprächsrunde in Atlanta … Der amerikanische Traum ist nicht einfach zerbrochen – er ist erschöpft. Er ermüdet dort, wo Nostalgie zur Mauer wird und Zugehörigkeit nur noch rückwärts gedacht werden kann. Ein tragfähiger Traum im Jahr 2026 entsteht nicht aus Größe, Reichweite oder Spektakel, sondern aus Verbindlichkeit, Verantwortung und der Wiederentdeckung des Nahen“ (Andreas G. Weiß, S. 163 f.).

ham, 15. Mai 2026

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