Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2026, ISBN 978-3-451-03660-6, 288 Seiten, Klappenbroschur, € 22,00

Dass Indien in der indischen Verfassung gleichberechtigt Bharat heißt und Bharat sich aus dem altindischen Sanskrit ableitet, ist in Deutschland nicht allgemein bekannt. Die Silbe „bha“ bedeutet Licht oder Wissen, während „rata“ für „hingeben“ oder „suchen“ steht. Zusammengesetzt bedeutet es oft „der, der das Licht oder Wissen sucht“. Andere Übersetzungen lauten „Land der Menschen“ oder „das, was erhalten/bewahrt wird“. Wenn der Politikwissenschaftler und zeitweise Leiter des Auslandsbüros Indien der Konrad-Adenauer-Stiftung Adrian Haack seinen fulminanten Überblick über den Weg Indiens von der Indus-Tal-Zivilisation im dritten Jahrtausend vor Christus bis zur Gegenwart trotzdem »Von Indien nach Bharat« überschreibt, könnte man vielleicht meinen, dass er dabei an Spekulationen gedacht hat, nach denen die Regierung von Narendra Modi das Land offiziell in »Bharat« umbenennen möchte (vergleiche dazu Kim Staudt, Indien oder Bharat? In: Der Spiegel vom 07.09.2023: https://www.spiegel.de/ausland/indien-oder-bharat-was-hinter-dem-namensstreit-steckt-a-8f9874af-2ebd-488c-af7d-897594cb38c0). Auslöser dafür war eine Einladung zum Staatsbankett beim G-20-Gipfel im September 2023. Laut der englischen Formulierung hat Präsidentin Murmu als »President of Bharat« und nicht als »President of India« eingeladen und damit eine neue Bezeichnung des Staatsoberhaupts verwendet.

Nach Haack kann man Indien aber nicht in »Bharat« umbenennen. „Indien heißt bereits Bharat. Das Wort »Indien« ist ein englischer Begriff, der sich von dem Fluss Indus ableitet. Englisch als Sprache der ehemaligen Kolonialmacht ist für etwa zehn Prozent der Inder eine Alltagssprache beziehungsweise eine gängige Konversationssprache. Für Inder, die Urdu sprechen, also vornehmlich in den nordindischen Bundesstaaten Punjab und Kashmir, wäre Hindustan die Bezeichnung für die Region, die wir Indien nennen. Für alle indischen Sprachen, die im Ursprung auf Sanskrit (die »altindische« Sprache) zurückgehen, ist Bharat die Bezeichnung für den indischen Subkontinent. Rein zahlenmäßig nennen die meisten Inder ihr Land also in ihrer Muttersprache Bharat. Es ist ein gängiges Wort. So gibt es Organisationen wie die größte Studentenorganisation Indiens, die ABVP (Akhil Bhauratiya Vidyarhi Parishad) heißt. Es gibt den indischen Impfstoffhersteller, der sich Bharat Biotech nennt. Es gibt Bharat Chicken und die Nutzfahrzeugmarke der Daimler Truck AG in Indien trägt den Namen Bharat-Benz. Blickt man in die indische Verfassung, steht dort im ersten Artikel: »India, that means Bharat«“ (Adrian Haack, S. 10).

Indien gilt heute mit 1,48 Milliarden Einwohnern als bevölkerungsreichstes Land der Erde, als aufstrebende Wirtschaftsmacht und als wichtiger werdender geopolitischer Akteur, der sich keinem Lager zuordnen lässt. Nach Haack ist Indien so vielschichtig, dass ein Menschenleben nicht ausreicht, um es in all seinen Facetten zu durchdringen. Er beschränkt sich deshalb auf fundierte Spots auf die indische Geschichte, Religion und Gesellschaft und auf Indiens neues Selbstbewusstsein.

Wer sich mit dem aus einer niederen Kaste stammenden Narendra Modi auseinandersetzt, wird nach Adrian Haack „schnell erkennen, dass er mehr ist als ein klassischer Politiker. Modi ist zweifellos ein brillanter Rhetoriker. Seine Reden und Kundgebungen wirken sakral. Wer schon mal einen Modi-Auftritt besucht hat, fühlt sich an die Stimmung auf dem Petersplatz erinnert. Ganz bewusst füllt Modi das Vakuum, das die fehlende Amtskirche im Hinduismus lässt. Er inszeniert sich religiös, beispielsweise bei der Eröffnung des Ram-Tempels in Ayodhya oder in einem Livestream, wie er in einer Höhle im Himalaya meditiert.

Die Frage nach Modis möglicher Göttlichkeit wird in Indien viel diskutiert: Seine Anhänger suggerieren gerne, dass Modi von den Göttern gesandt wurde. Die Opposition spöttelt. Die Medien berichten darüber. In den sozialen Medien gibt es ironische bis ernst gemeinte Ausläufer dieser Diskussion. Dies wäre in der Form in Indien vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen. Die indische Politik ist heute insgesamt sehr viel religiöser geprägt als früher. In der westlichen Welt ist diese Vermischung von Politik und Religion ein unbekanntes Phänomen. Obwohl Greta Thunberg beispielsweise von ihrer Mutter übersinnliche Kräfte zugesprochen wurden und die Bewegung um ihre Person sakrale Züge hatte, wurde Thunberg nie als Instrument der Götter vermarktet. Modi selbst sagte in einem Interview im Mai 2024, dass er nach dem Tod seiner Mutter nicht mehr sicher sei, ob er auf biologische Weise geboren sei oder von den Göttern gesandt worden sei. Später relativiert er diese Aussage wieder. Der enorme Zuspruch für Narendra Modi über einen so langen Zeitraum lässt sich zu einem großen Teil durch diesen göttlichen Aspekt erklären. Modi wird von einem großen Teil seiner Wähler nicht als normaler Politiker, sondern als geistlicher Führer betrachtet. Das hat bisweilen sehr konkrete politische Implikationen. Premierminister Modi besichtigte beispielsweise unter medialer Begleitung einen berühmten Shiva- Tempel und betete dort ein Mantra (Gebet). Das von ihm ausgesprochene Mantra war eines, das eigentlich nur Menschen aus der Brahman-Kaste beten dürfen. Dadurch brachte er die Priester natürlich in eine schwierige Situation. Sie konnten schlecht den Premierminister aus dem Tempel werfen. Demnach war dies keine direkte Konfrontation. Modi rief nicht zum Klassenkampf auf oder diskreditierte die höheren Kasten, aber er brach selbstbewusst ein Jahrtausende altes Tabu, indem er sich an diesem exponierten Ort vor die Augen der Öffentlichkeit stellte und zeigte: Ich als Vertreter einer unteren Kaste akzeptiere dieses Tabu nicht mehr. Auch wenn es aus westlicher Perspektive schwierig zu verstehen ist, handelte es sich doch um einen Akt der sozialen Emanzipation, der für Millionen von Indern eine große Bedeutung hatte“ (Adrian Haack, S. 154 ff.).

In seinem Fazit unterstreicht Haag, dass in Indien viele Welten gleichzeitig existieren und zwei Leute, die von Indien sprechen, vollkommen gegensätzliche Erfahrungen benennen können. Für das Verständnis und den Umgang mit Indien ist es deshalb zweckmäßig, es gedanklich nicht als Land, sondern als Kontinent oder als Staaten-Union wie die EU zu betrachten. Lediglich China, die USA und Indonesien sind bevölkerungsreicher als der Bundesstaat Uttar Pradesh.

Indien besitzt ein Nord-Süd-Gefälle, das primär sprachlich verläuft. Momentan dominiert der Norden das Land politisch, während der Süden es finanziert. Der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen schwelt in Indien seit über 1000 Jahren. Das von Mahatma Gandhi erdachte „Indien für alle“ befindet sich mitten in einer Zerreißprobe. Die Umweltprobleme von der Trinkwasserversorgung über die dramatische Luftverschmutzung und den allgegenwärtigen Müll bis zur extremen Hitze sind eine ernst zu nehmende Herausforderung. Die indische Wirtschaft hat in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten Fahrt aufgenommen und wächst solide. Die Lebensverhältnisse von hundert Millionen Menschen verbessern sich jeden Tag. Trotz aller teils erschreckenden Defizite ist die Richtung klar: Es geht aufwärts.

Die Hindutva-Ideologie und die BJP sind die dominante politische Kraft Indiens und nichts deutet darauf hin, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern könnte. „Nach Jahrhunderten des Kolonialismus und Jahrzehnten der Misswirtschaft befindet sich Indien im Aufstieg. Gesellschaft und Politik des Landes überwinden ein Trauma und gehen mit dieser neuen Situation um. Ein übertrieben wirkendes Selbstbewusstsein und die große Euphorie sind vollkommen nachvollziehbar. Indien muss sich neu justieren, aber auch die Welt muss ihren Umgang mit Indien überdenken. Indien war in der Vergangenheit ein Objekt der Entwicklungshilfe und ist es noch immer. Dies ist jedoch nicht mehr das Selbstverständnis der indischen Regierung und es ist den Steuerzahlern in Geberländern wie Deutschland gegenüber nicht mehr zu rechtfertigen. Indien ist keine Black Box. Die Außenpolitik und die geopolitischen Ambitionen des Landes sind Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Sie können sich wandeln, sie können beeinflusst werden, sie können sich entwickeln. Die Außenpolitik Indiens wird zu einem großen Teil durch einen äußeren Faktor bestimmt: Indien wird durch China als regionaler Akteur infrage gestellt und in seiner territorialen Integrität bedroht. Indische Außenpolitik ist zu einem großen Teil Reaktion auf chinesische Außenpolitik …

Die indische Tradition der Blockfreiheit, die heute als Multi-Alignment deklariert wird, ist immer noch eine Handlungsmaxime und führt dazu, dass Indien kein Alliierter im westlichen Verständnis sein wird oder sein will. Indien gehört in seinem Selbstverständnis nach keiner Gruppierung von Staaten an und wird stets darauf bedacht sein, sich alle Optionen offen zu halten.

Für Indien sind internationale Institutionen, internationales Recht oder eine regelbasierte internationale Ordnung keine Werte an sich. Sie sind Vehikel, um indischen Interessen Geltung zu verschaffen. Indien leistet keinen Beitrag zur Aufrechterhaltung dieser regelbasierten internationalen Systeme, wenn dies konträr zu den nationalen Partikularinteressen steht. Obwohl Indien nicht an einer Internationalisierung des Konflikts mit Pakistan gelegen ist, wird sehr genau  registriert, ob und wie sich andere Staaten in diesem Konflikt positionieren. Für alle demokratischen Staaten und jene, die sich dem Kampf gegen den internationalen islamistischen Terror verschrieben haben, kann es in diesem Konflikt nur die Solidarität mit Indien geben. Der »Großmachtsdiskurs«, der von und um Indien geführt wird, ist eine Zukunftsprojektion. Das Land wird von Akteuren wie den USA, China und Russland mitnichten auf Augenhöhe behandelt. Aus wirtschaftlicher, technologischer, diplomatischer wie militärischer Sicht ist Indien ein Staat, der an Bedeutung gewinnt, doch die klassischen Großmachtattribute noch nicht mitbringt.

Indien hat eine reichhaltige Kultur- und Denktradition. Es ist ein Land, das viel über sich ergehen lassen musste und über Jahrhunderte unterdrückt wurde. Es ist auch deshalb ein Land, das in der Vergangenheit wirtschaftlich unterentwickelt war und noch heute viel aufzuholen hat. Unabhängig davon, welchen Aspekt man betrachtet, stellt man einen Bedeutungszuwachs fest. Das Indien von heute ist nicht mehr das  vor zehn Jahren, es ist nicht mehr das von vor 1991 und ist weit entfernt von dem Indien von 1947“ (Adrian Haack, S. 259 ff.).

ham, 6. Oktober 2026

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