Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2026, ISBN 978-3-374-08120-2, 183 Seiten,P aperback, Format 19 x 12 cm, € 29,00

Der 1957 in Hameln geborene deutsch-österreichische evangelische Theologe und Medizinethiker Ulrich Heinz Jürgen Körtner war von 1992 bis zu seiner Emeritierung Ordinarius für reformierte Systematische Theologie an der Evangelisch- Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er vertritt eine hermeneutische Theologie und greift Fragestellungen von Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann, Ernst Fuchs und Gerhard Ebeling auf und führt sie in der Gegenwart fort.

In seiner jetzt erschienenen Publikation »Reine Glaubenssache« führt Körtner 100 Jahre nach Rudolf Bultmanns berühmtem Aufsatz »Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?« aus dem Jahr 1925 (https://jochenteuffel.com/wp-content/uploads/2018/11/bultmann-welchen-sinn-hat-es-von-gott-zu-reden-guv-1.pdf) vor, was es für ihn bedeutet, im Vertrauen auf Gott zu leben. Dazu stellt er 40 Essays und Glossen zu Fragen der Zeit, des Glaubens und des Lebens zusammen, die über einen längeren Zeitraum in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen sowie online erschienen sind. Dabei ist ein allgemein verständliches Kompendium über Gottvertrauen und Möglichkeitssinn entstanden, das jeder evangelischen Glaubenslehre Ehre macht. 

Auf Bultmanns Frage von 1925 antwortet Körtner unter anderem so: „Die Möglichkeit, heute von Gott zu reden, hängt nicht von einer wie auch immer gearteten Frage nach Gott ab, sondern von der Erinnerungsspur der biblisch bezeugten Gottesoffenbarung. Die Gottesfrage liegt der Offenbarung nicht voraus, sondern wird allererst durch sie in der angemessenen Weise provoziert und radikal umgeformt, indem das menschliche Subjekt der Frage nach Gott zum Objekt der Frage Gottes nach dem Menschen wird. Gottes Frage und Suche nach dem in seiner Niedrigkeit und Selbstfixiertheit verlorenen Menschen ist die eigentliche Gottesfrage und des Menschen Erlösung von der Macht des in ihm selbst nistenden Bösen, die Antwort auf diese Frage. Indem Menschen im Glauben erkennen, wie sie von Gott erkannt sind, findet die Gottesfrage ihre überraschende Antwort. Unversehens sieht sich das nach Gott fragende Subjekt selbst in Frage gestellt. Aber nicht, dass nun die abstrakte Frage nach Gott durch die nicht minder abstrakte Frage nach dem Wesen des Menschen ersetzt würde. Gottes Frage lautet nicht: ›Was ist der Mensch?‹, sondern ›Adam, wo bist du?‹ …

In den Geschichten der Bibel meldet sich Gott auf irritierende, den Welt- und Lebenslauf heilvoll unterbrechende und in eine neue Richtung lenkende Weise zu Wort, so wie es Mose beim brennenden Dornbusch widerfahren ist. Oder Paulus auf dem Weg nach Damaskus, als ihm der auferstandene Christus erschien und ihn anrief: ›Saul, Saul, was verfolgst du mich?‹ 

Der kanadische Philosoph Charles Taylor und der Soziologe Hans Joas sprechen vom christlichen Glauben als Option, was freilich leicht missverstanden werden kann. Wir verwenden das Wort ‚Option‘ beispielsweise im Wirtschaftsleben, wo wir zwischen verschiedenen Waren und Dienstleistungen, die auf dem Markt angeboten werden, frei wählen können. Auch Religionen treten heute marktförmig auf. Die Religions- ökonomie – eine Teildisziplin der Religionswissenschaft – betrachtet sie als Anbieter auf dem Markt der religiösen und weltanschaulichen Möglichkeiten (und Unmöglichkeiten), die zueinander in Konkurrenz stehen, teilweise aber auch kooperieren. Im christlichen Sinn zu glauben, ist freilich nicht das Ergebnis eines distanzierten Abwägungsprozesses, der Vor- und Nachteile des Glaubens einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzieht.

Recht verstanden ist der Glaube eine unmögliche Möglichkeit, weil er nur dort entsteht, wo ein Mensch von Gott als der alles bestimmenden Wirklichkeit der Liebe passiv ergriffen wird und sich ihm hingibt. Im Akt des Glaubens bekommt der Begriff der Option oder der Wahl einen neuen, gegenläufigen Sinn: Nicht der Mensch wählt Gott, sondern dieser wählt ihn. Auf dem Areopag verkündet Paulus den Athenern den unbekannten Gott (Apostelgeschichte 17). Das Glück des Glaubens bedeutet: von dem unbekannten Gott gefunden zu werden, nach dem wir nicht gesucht haben, und dadurch uns selbst auf paradoxe Weise zu finden, indem wir uns selbst verlieren. Die Kurzform für den Glauben ist darum gottbezügliche Selbstvergessenheit“ (Ulrich H. J. Körtner, S. 37 f.).

Weitere Kapitel fragen, was religiös ist, warum Gott leiden lässt, ob es ein Recht auf Krankheit gibt und ob Sterben in Teilen der Hospizbewegung als letztes gut zu bestehendes Lebensprojekt missverstanden wird. Unter der Überschrift ›Arbeit ist nur das halbe Leben‹ erinnert Körtner an das wirkmächtige Narrativ vom Geist des Kapitalismus, der aus dem Calvinismus geboren wurde. Die protestantische Ethik sollte aber nicht auf eine Arbeits- und Berufsethik reduziert werden. „Als Theorie menschlicher Lebensführung umfasst eine protestantische Ethik alle Lebensbereiche, und als rechtfertigungstheologisch fundierte Handlungstheorie macht sie geltend, dass das Phänomen menschlicher Handlungen aus sich selbst heraus nicht vollendet werden kann, sondern nach einer weiteren Ebene der Betrachtung verlangt. Das ist die Ebene, auf der die Einsicht greift, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Wie sich der Mensch nicht selbst das Leben geben kann, so geht auch sein Leben nicht in seinem Handeln auf. Lebenssinn und Selbstwert hängen weder im Beruf noch in der Freizeit allein am Tätigsein, sondern an der Erfahrung der Güte Gottes. ›Was hast du, das du nicht empfangen hast?‹ (1. Korinther 4,7). Die Würde jedes Menschen und das Recht auf Leben bestehen unabhängig von allen Leistungen. Arbeit ist bestenfalls das halbe Leben.“ (Ulrich H. J. Körtner, S. 173 f.).

ham, 22. Juli 2026

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