Die Kunsthalle Vogelmann zeigt vom 25.4. – 6.9.2026 ihre Ausstellung „deutsch deutsch“

Mit der mit dem 7. Ernst Franz Vogelmann-Preis ausgezeichneten 1964 in Haldensleben in der DDR geborenen und heute in Berlin lebenden Bildhauerin Andrea Pichl kommt ein Stück schon fast wieder vergessene deutsch-deutsche Geschichte nach Heilbronn: Der mit 30.000 Euro dotierte Preis wird für Pichls Schaffen verliehen, das sich intensiv mit Architektur, Stadtplanung und sozialen Räumen im Kontext ihrer DDR-Sozialisation auseinandersetzt. Bis zur Wende war es der zur Ostberliner Punkszene gehörenden Preisträgerin nicht möglich, Kunst zu studieren (vergleiche dazu etwa https://andreapichl.com/wp-content/uploads/2020/03/andrea_pichl_2018.pdf). Sie holte ihr Studium ab 1991 bei Inge Mahn nach, schloss es 1997 mit dem Diplom und dem Master ab und erwarb danach noch den Master of Fine Arts am Chelsea College in London. 1999 erhielt sie ein DAAD-Stipendium. 2001 stellte sie in der Städtischen Galerie Pankow unter dem Titel „Spaß an der Arbeit – Freude am Leben” aus, 2005 unter dem Titel „ostPUNK! – too much future – Punk in the GDR, exhibition architecture“ im Künstlerhaus Bethanien, 2015 im Dialog mit Zoe Leonard in der Krome Gallery in Luxembourg und 2024 im Hamburger Bahnhof, der Nationalgalerie der Gegenwart, unter dem Titel „Wertewirtschaft“. In der 2022 von ihr kuratierten Ausstellung „50 Künstlerinnen aus der DDR“ brachte sie vom Kunstmarkt größtenteils vernachlässigte Künstlerinnen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

In ihrer mit dem Vogelmann-Preis verbundenen Ausstellung „deutsch deutsch“ knüpft sie formal und inhaltlich an „Wertewirtschaft“ an (vergleiche dazu https://nagel-draxler.de/artist/andrea-pichl/) und zeigt wie schon dort zwei schwarze Bungalows, Blumenvasen und Textilien, die Westdeutsche über Kataloge der Genex Geschenkdienst GmbH für FreundInnen und Verwandte in Ostdeutschland bestellen und mit D-Mark bezahlen konnten (vergleiche dazu Genex unter https://de.wikipedia.org/wiki/Genex). Das 1956 auf Anordnung der DDR-Regierung gegründete Unternehmen Genex mit Hauptsitz in Ostberlin diente der Beschaffung von Devisen.

In der Kunsthalle Vogelmann werden die schwarzen Bungalows im ersten und zweiten Stock der Ausstellung durch weiße und silbergraue in nah verwandten Architekturformen ergänzt. In Schwarz gehalten sind die exakten Nachbauten zweier DDR-Gartenlauben. Weiß sind die beiden Rekonstruktionen sogenannter Behelfsheime, die 1943 auf Erlass Adolf Hitlers im Rahmen des Deutschen Wohnungshilfswerks (DHW) als „erträgliche Unterkünfte für Luftkriegsbetroffene“ errichtet wurden – ergänzt durch ein Stück Gartenland zur Selbstversorgung. Das zugrunde liegende Modulsystem entwickelte der am Bauhaus ausgebildete und später dort lehrende Architekt Ernst Neufert. Er war Mitglied im Arbeitsstab Albert Speers für den Wiederaufbau der bombardierten ­Städte und wurde 1944 in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste der Architekten des NS-Staates aufgenommen. In Silbergrau gehalten sind die originalen Gartenhäuser aus dem aktuellen Angebot eines OBI-Baumarktes.

Im schwarzen Bungalow im ersten Stock werden vier großformatige Landschaftsaufnahmen von Wiesen, Feldern und sanften Hügeln diesseits und jenseits der deutsch-deutschen Grenze gezeigt. Die auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Aufnahmen zeigen Orte, an denen ab den ersten 1970er Jahren Haus- und Sondermüll zu günstigen Preisen entsorgt wurde. Kostete die Entsorgung einer Tonne Sondermüll im Westen zwischen 300 und 4.000 DM, war sie in Schönberg für 140 DM zu haben. Ende 1989 lagerten in Schönberg dann rund zehn Millionen Tonnen Abfall – und die von Alexander Schalck-Golodkowski geleitete „Kommerzielle Koordinierung“ hatte etwa 250 Millionen DM erwirtschaftet (vergleiche dazu und zum Folgenden das von Rita Täuber erarbeitete Hintergrundmaterial). Viele der meist auf Jahrzehnte angelegten Verträge liefen auch noch nach 1990 in intransparenter Weise weiter. Einige Deponien bestanden bis 2005. Die „Blühenden Landschaften“, die Bundeskanzler Helmut Kohl im Vorfeld der ersten gesamtdeutschen Wahlen 1990 versprochen hatte, enden an Zäunen: Teile der ehemaligen Deponien Schönberg, Schöneiche und Vorketzin sind bis heute Sperrgebiet.

Ausgebombte Familien konnten die Fertigteile der NS-Behelfsheime mit einer Grundfläche von 4 × 5 m nach dem Feuersturm in Hamburg ab 1943 für ca. 1700 Reichsmark zum Selberbauen erwerben. Viele dieser Teile wurden von KZ-Häftlingen im KZ Neuengamme für die rund 900 000 obdachlos gewordenen „Plattenhäuser“ vorproduziert. Der in der Ausstellung gezeigte Nachbau bietet den Rahmen für insgesamt 19 Zeichnungen aus den Serien Finanzministerium 1, Finanzministerium 2 und Wandlitz. Die Zeichnungen der Serie Finanzministerium 1 verhandeln die vielschichtige Geschichte des 1935/36 unter Hermann Göring errichteten Reichsluftfahrtministeriums in Berlin (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsluftfahrtministerium), in dem in der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung organisiert und sichergestellt wurde (vergleiche dazu Eberhard Jäckel, Die Konferenz am Wannsee. In: Die Zeit vom 17. Januar 1992, S. 33). Nach Kriegsende diente es als Sitz der Treuhandanstalt. Heute beherbergt es das Bundesfinanzministerium (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesministerium_der_Finanzen).

Im silbergrauen Gartenhaus aus dem Baumarkt ist auf einem IKEA-Klippan-Sofa eine bunte Mischung der unterschiedlichsten Dinge zu finden: Puppen aus Sonneberg, MALIMO-Bettwäsche, Herrenschuhe der

Marke Salamander, Verkaufsprospekte von DDR-Möbelbetrieben, Werbematerialien des Sportartikelherstellers ADIDAS und Feinstrumpfhosen der Marken IRIS und SAYONAR. Der Schuhhersteller Salamander aus Kornwestheim wurde 1976 – damals im Umsatztief – zum Vorreiter der sogenannten „Gestattungs- bzw. Lizenzproduktion“ und fertigte in VEB-Betrieben der DDR. Im Gegenzug stellten westliche Partner Maschinen und Material bereit, was zu Wissenstransfer und Quali-

tätssteigerungen führte. Ein Bruchteil der Produktion blieb zur Verbesserung der Versorgungslage im Land, der große Rest kam zollfrei in Westdeutschland auf den Markt. In der DDR waren solche Produkte meist nur in den sogenannten Exquisitläden erhältlich und für die Mehrheit der Bürger kaum erschwinglich. Das Paar Schuhe, das hier als Indiz dieser Geschäfte fungiert, kostete dem Preisschild nach 120 Ostmark – im Westen dagegen 70 D-Mark.

Im schwarzen Nachbau der DDR-Gartenlaube GL 19 im zweiten Obergeschoss werden Architekturzeichnungen für das standardisierte Bauen und historische Grundrisse gezeigt. Im weißen Zeitgeisthaus macht Andrea Pichl in fotografierten Abriss- und Verfallsszenarien sichtbar, wie mit dem baulichen Erbe der DDR umgegangen wurde und wird. Pichls im silbergrauen im Do-it-Yourself erstellten Gartenhaus vorgestellte Buntstiftzeichnungen erinnern an die Geschichte des „Kraft durch Freude-Seebades Prora“, die großformatige Kohlezeichnung von Fritz Mader (1900–1998) aus dem Bestand der Heilbronner Museen an das 1945 auf freiem Feld im Heilbronner Stadtteil Böckingen von den US-Amerikanern eingerichtete Kriegsgefangenenlager, das bis 1947/48 im Rahmen der Entnazifizierung als Interniertenlager diente. Mader war seit 1938 Gauhauptstellenleiter des NS-Tourismusunternehmens „Kraft durch Freude“ in Stuttgart und bis zu seinem Prozess im Jahr 1948 im Böckinger Lager interniert. Das 1936 auf Rügen für die „breiten unterbürgerlichen Schichten“ geplante „Seebad der 20 000“ sollte der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft günstige Reisen und Freizeitangebote zur Stärkung anbieten.

Die beiden einander gegenüberliegenden Bildteppiche im Hauptraum des Erdgeschosses zeigen die grasbewachsene Bodenplatte einer Toilettenanlage in Ostberlin aus der Vogelperspektive. In der Raummitte steht der präzise Nachbau eines Kassenhäuschens. Im Nebenraum erinnern ein Poster und eine Fotografie an die Stoffproduktion in der DDR und ein weiteres an Leibesübungen von Arbeiterinnen. Wer verstehen will, was Pichls Abzug der Fotografie von Stasi-Mitarbeiterinnen bei Yoga-Übungen zeigt, muss wissen, dass Yoga in der DDR verboten war, weil es als ideologisch gefährlich, esoterisch-okkult und als „westlicher Einfluss“ galt und damit dem materialistischen Weltbild des Sozialismus widersprach (vergleiche dazu „Yoga in der DDR. Im Geheimen, im Gefängnis und am Ende toleriert“ unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/yoga-in-der-ddr-100.html).  Das in Berlin in einem der beiden Bungalows zusammen mit formschönen Blumenvasen gezeigte Foto schließt die dichte, vielschichtige und voraussetzungsreiche Ausstellung ab.

Wer die zum Verständnis der Ausstellung notwendigen Informationen zur Kenntnis genommen hat, wird sich fragen, wie Regelbesucher die Tiefendimension der Exponate erfassen können, wenn sie im Schnitt zwischen 20 und 27,2 Sekunden vor den Arbeiten verweilen (vergleiche dazu „Elisabeth Sechser, Die Kunst der Kunstbetrachtung“ in https://www.symbolon.com/post/die-kunst-der-kunstbetrachtung. Und „Viel sehen geht oft vor genau sehen“ in https://www.kulturbewahren.de/ausstellen/fb/a/news/betrachtungsdauer-von-kunstwerken/). Deshalb hat Marcel Gundel, der Direktor der Städtischen Museen Heilbronn, mehr als recht, wenn er davon spricht, dass Heilbronn den Besuchern der Ausstellung von Andrea Pichl und ihrer Vermittlungs- und Öffentlichkeitsarbeit sehr viel zumutet.

ham, 24. April 2026

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