Pressemitteilungen, Briefe, Gespräche, Texte, Gedichte
Band 4: 1983–2025
Herausgegeben von Alexander Linn mit Texten von André Butzer, Max Hetzler, Christian Malycha, Carolin Scharpff-Striebich, Rudolf Scharpff, Guillermo Solana, Ross Simonini und weiteren
Edition Linn, Heidelberg / Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft 2026, ISBN 978-3-96912-278-5, 474 Seiten, Softcover, Format 19,5 x 14,4 cm, € 26,00
Der am 7. Juni 1973 in Stuttgart geborene und nach Aufenthalten in Los Angeles in Berlin-Wannsee lebende André Butzer ist durch seine von ihm selbst als »Science-Fiction-Expressionismus« bezeichnete Malerei, Charaktere wie die »Friedens-Siemense«, »Schande-Menschen« und die »Frau«, monochrome und abstrakte Bilder und seinen utopischen Entwurf eines im Weltall liegenden Wallfahrtsorts »Nasaheim« bekannt geworden (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/André_Butzer und https://www.maxhetzler.com/artists/andre-butzer).
Sein jetzt vorliegender vierter Band der Pressemitteilungen, Briefe, Gespräche, Texte und Gedichte setzt mit der von Christian Malycha verfassten Pressemitteilung für Butzers Ausstellung »Rohe Milch« in der Galerie Max Hetzler, Berlin, aus dem Jahresübergang 2021/2022 ein und endet mit seinem Gedicht
„le cœur
qui est
sacré
entre nous
et
à l’ombre des nous“
vom 24.12.2025.
Nach Christian Malycha zog Butzer von 2018 bis 2021 nach Kalifornien, nachdem „er die grundlegenden Dimensionen von Farbe, Licht, Proportion und die Potenzialität des malerischen Ausdrucks im scheinbar absoluten Schwarz seiner N-Bilder ausgelotet hatte … Ganzjährig malte er unter freiem Himmel. Seine neuesten Werke strahlen diese Frische aus und zeigen seine malerische Meisterschaft.
Die »amerikanische Erfahrung« bestätigte Butzers Überzeugung, dass Gemälde »Lokalisierungen von höchster Not und Hoffnung« sind und gerade deshalb »sind sie dem Glück und der Hilfe, die wir benötigen, am nächsten«. So, wie jedes Gemälde den eigenen Bildort hervorbringt, benennen die Titel Gebräuche und Dinge, Orte, Land- und Freundschaften, die Butzer nahegehen.
Der Bildort ermöglicht dies. Er schafft eine Örtlichkeit in der Welt, gehört ihr aber nicht an. »Sein Ursprung«, sagt Butzer, »sind Blau, Rot, Gelb und die Fleischfarbe.« Alles entspringt diesen vier Grundfarben, die sich umsichtig ausbalancieren, miteinander klingen und sich gegenseitig ins Licht setzen. Inmitten der lebhaft farbigen Bezüge verkörpert das ungebundene Inkarnat eine starke physische Präsenz – wie eine badende oder liegende Figur. Allein durch die Farbe spürt man die Temperamente der Bilder, spürt, wie sicher sie in den eigenen Stand kommen.
Voll mit Wirklichkeit bereitet jedes Bild bescheiden den Ort für eine solche Begegnung:
Songtitel, Essen, Getränke und eine aufgegebene Restaurantkette in »Six Gallon Pie« und »Steak and Ale«. Eine »Unfrozen Memory« an Einsamkeit und Ortlosigkeit, an Glück und sanfte Berührungen. Anklänge an Volksmusik und das gelobte Land in »Big Rock Candy Mountain«. In »Saturday Cartoons« sind es die kindliche Freude an Wochenendfernsehen und einer von 21 Sorten Frozen Yogurt … »The Most Dangerous Game« weist auf Butzers turbulente Anfänge wie auch auf Guy Debords Rückzug aus der Situationistischen Internationale in ein abgelegenes Dorf auf dem Land. Und angesichts der ungebremsten Biopolitisierung des Körpers stellt »Rohe Milch« eine fast schon zu einfache Frage, nämlich was man denn trinken sollte, wie man im Besitz der eigenen Gesundheit bleibt und entsprechend zu einer selbstbestimmten Lebensgestaltung gelangt“ (Christian Malycha, S. 5 f.).
Nach der Pressemitteilung von Steffen Krüger für Butzers Ausstellung in der Miettinen Collection, Berlin, im Jahr 2023 charakterisieren seine ikonischen Charaktere „die wiederkehrenden Extreme der Geschichte als Sinnbilder des menschlichen Daseins: „Der kindliche Friedens-Siemens ist das Sehen selbst, das in Vergangenheit und Zukunft blickt und mit weit geöffneten Augen sowohl industriellen Ruin erlebt als auch eine utopische, friedliche Existenz erschaut. Der Wanderer schreitet heimatlos über die Erde. Voll Sehnsucht nach einem eigenen Ort ist er zugleich Zeuge und Täter der menschengemachten Verheerungen und Schrecken. Als später Nachkomme von Friedrich Hölderlins Hyperion könnte er ein Alter Ego oder gar Selbstporträt des Künstlers sein – und dann doch wieder nicht.
Die Figur der Frau hält sich auf der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits in verletzlicher Ohnmacht und rigorosem Vermögen. Bescheiden und milde könnte sie eine Marienikone sein, die das Gegenwärtige und das Abwesende von Neuem zusammenführt: Abdrücke des Todes und Spuren des Lebendigen.
Kommen Friedens-Siemens, Wanderer, Frau oder sogar ein Kätzle zur Erscheinung, verbinden sich die Figuren und Farben zu einem großen Bewegungszug, zu einem das gesamte Bild umfassenden Motiv, das Räumlichkeit schafft und zugleich reines Flächenornament ist. Butzer nimmt die Gegenständlichkeit gegenüber dem dekorativen Charakter der Figuren zurück. Allen Erscheinungen auf der dicht und fest geknüpften Fläche gibt er die gleichen Bildwerte.
Aus dem elementaren Bezug von Horizontaler und Vertikaler schafft Butzer in seinen so genannten N-Bildern (2010–2017) eine Bildfigur, die die Endlichkeit wie auch die Möglichkeiten des Daseins unabwendbar vor Augen stellt. In diesem ungeheuren Verhältnis bildloser Unmittelbarkeit ist ein jedes Gemälde einmalig, unwiederholbar, individuell und fordert beständig unseren wankenden Stand in der Welt heraus.
Zusammen bilden alle N-Bilder eine Schwelle, die »nicht körperlich ist und zugleich doch wieder körperlich wirkt«, wie der Künstler mit Hölderlins In lieblicher Bläue nachsinnt: »Leben ist Tod und Ewigkeit und Wiedergeburt«. Vollkommen fremd, aber ganz menschlich, gebrochen, schamvoll und überwältigt, aufrecht, gefasst und standhaft …
André Butzers faszinierende Verbindung des frühen europäischen Expressionismus und der amerikanischen ready-made Popkultur, die konzeptuelle Wiederholung und scheinbare Serialität seiner Figuren sowie sein Beharren auf der bloßen menschlichen Würde zeugen von seiner mutigen und beständigen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Widersprüchen und sozialer Nonkonformität“ (Steffen Krüger, Seite 17 ff.).
André Butzer schreibt 2006:
»Friedrich Hölderlin. Das ist wohl mein Lieblingsdichter. Damit gehört er zu meinen Lieblings- persönlichkeiten überhaupt. Neben Hölderlin sind das Walt Disney und Henri Matisse. Das sind Personen, die mir helfen, meine Sache zu machen, meinen Weg zu gehen. Sie fungieren wie Schutzheilige.«
»Meine Werke sind auf der Suche nach Frieden. Das ist ein ganz zentraler Begriff und übrigens: bei unserem Freund Hölderlin ebenfalls. Das ist ja das Schöne. Dieser Glaube, dass Frieden möglich ist. Dass ein blauer Himmel möglich ist. Diese scheinbar einfachen Sachen.«
Und 2007:
»Stuttgart ist meine Heimat, wie es auch die Heimat von Hölderlin ist. Aber unsere Heimat ist eigentlich der Himmel.«
»Hölderlin formuliert, genau wie Disney, Sehnsüchte. Und die kann man verwenden.«
Und 2019:
»Ich als Hölderlin an der warmen Weltkante in Kalifornien, in großer Gefahr verbrannt zu werden, wie Hölderlin damals in Bordeaux als Hauslehrer.«
In einem Gespräch zwischen André Butzer und Christian Malycha im Jahr 2026 fragt Christian Malycha André Butzer:
„Ist das Pop, was du machst? Expressionismus? Matisse und Warhol?
André Butzer: „Ich befinde mich nach dem langen Ende der Pop Art. Das Ready-made ist zerstört. 2000 Jahre Malereigeschichte setzen sich fort. Das Bildnis der Frau dauert an.“
Christian Malycha: „Was ist mit Cartoon und Comic, Ready-made und Serialität? Sie sind doch eigentlich die Abwesenheit des Bildes.
André Butzer: „Bilder handeln oder besser zeugen von Anwesenheit. Sie sind die unverstellte Nähe zur Wahrheit. Also das entgegenwirkende Prinzip zur Reproduzierbarkeit … Sein ist Bild“.
Am 27.11.2025 stellt Butzer fest:
Das „Regime reklamiert für sich »Rationalität«, d. h. Wissenschaft, Statistik, Skalierung, weltliches Wissen, Materialismus usw.
Irrationalität ist ja genau das, was uns vorgeworfen wird, also bzgl. Impfgegnerschaft, Rüstungsgegnerschaft, Gottvertrauen etc.
für mich ist Irrationalität ja das Höchste, also die eigentliche »freiheitliche« Kategorie, also die illegale, widerständische, künstlerische Lebensform … der Staat ist nur rational, er verhält sich irrational, aber nur zu Gunsten seiner Rationalität“
Und am 21.12.2026:
„Zuversichtlichkeit, Stabilität und Flecken mit Heid im Bild bringen dann ewigen Frieden und planetarischen Freude
und das, obwohl schon und gerade bei Cézanne, kein einziger ›lebendiger‹ Fleck ohne Bezug zu einer allgemeinen, simultanen Tätigkeit ist“
Im Gespräch mit Gabi Czöppan am 12.10.2021 sagt Butzer:
„Ich bin ein Maler ohne Ideen. Ohne Konzept. Es würde natürlich cooler klingen jetzt, könnte ich behaupten, ich hätte ein Konzept oder ich bin intelligent oder alles ist berechnet. Es ist aber nur unberechenbar und trotzdem das immer Gleiche in der Vielfalt. Alles und nichts wiederholt sich. Ich verbringe so wenig Zeit wie möglich mit dem Hervorbringen von Kunstwerken. Ich gehe dann lieber wieder zurück in die fantastischen Wälder und fjordartigen Flusslandschaften hinter meinem vormodernen Haus am Wannsee, dorthin, wo ich als Edvard Munch hergekommen bin, also reinkarniert als Munch und als Bewahrer des Magischen und Unerklärbaren …
Ich bin Munch. Munch ist Mattisse und Mattisse ist Munch. Sie sind Norden und Süden. Ihre Bescheidenheit ist unübertroffen. Ihr Zusammenklang ist sich öffnende und sie schließende Wahrheit. Sie sind Leben und Tod simultan …
NASAHEIM „ist so etwas wie eine Formel. Oder Metapher.“ Aber „die irrationale Formel oder die Metapher, die ich meine, handelt von … einem totalen Nicht-Raum. Weder Oberfläche noch Flucht, schon gar nicht Konstruktion. Im Gegenteil, es geht um die schönste Version von Vernichtung. Dort ist ein Bildort, ein bewegt Statisches, ein statisch Bewegtes. Eine hochgradig widersprüchliche Kategorie, als strebsames Maß, aber unmessbar. Wie ja alles unmessbar ist, und unser Leid beruht auf der Menschen Irrglauben, mit Zahlen messen zu können, sich dann zu unterwerfen und andere zu unterwerfen. Das Bild jedoch, es kommt und geht wie der unmerkbare Wind, es sitzt dort, wo, einem Puls oder Herzschlag gleich, Wahrheit sich in Simultanität dauernd öffnet und schließt … Vor allem die scheinbar schwarzen Bilder handeln von Farbe, sind Farbverhältnisse. Das Farbigste, was ich machen konnte. Es sind machtlose Ermächtigungen zur Farbe. Potenzen. Aber vor allem Gleichklang. Anfang. Stiftung von Farbe. Kein Ende.“
In einem nicht datierten Gespräch zwischen Rudolf Scharpff, Rudij, Bergmann und André Butzer fragt Bergmann, ob es so etwas wie eine religiöse oder politische Substanz in Butzers Bildern gibt. Butzer antwortet:
„Politische vielleicht nicht, religiöse, glaub’ ich, vollständig. Wahrscheinlich ist es religiöse Malerei. Klingt schlimm, aber ist so. Was soll es denn sonst sein? Atheistische Malerei gibt’s ja gar nicht. Das europäische Tafelbild ist per se religiös. Gibt gar kein anderes. Und das islamische Bilderverbot ist per se sehr religiös. Und beides ist für heute, glaub’ ich, konstitutiv. Also, Inkarnation und die Ablehnung der Idee der Inkarnation sind beides. Bild-stiftende Einsichten religiöser Art. Die, glaub’ ich, konstitutiv sind für das Bildsein an sich …
Der Bildbegriff ist von seiner ganzen Herkunft her ausschließlich religiös. Was soll er denn sonst sein? Es ist die Vorstellung dessen, was Gott oder was das Göttliche. Es ist die Vorstellung und Vermittlung dessen, was göttlich ist. Deswegen ist es so… Der rein christliche Bildbegriff reicht nicht, glaub’ ich. Aber, gibt ja verschiedene. Und da ist immer, es hat immer damit zu tun, dass etwas vermittelt zwischen uns und Himmel und Erde. Dieses Vermitteln ist das eigentliche Bild- sein. Das Bild ist Leben und Tod. Es ist Simultanität dessen, was das Sein begrenzt und immer anfänglich macht.“ (André Butzer, S. 131 f.)
ham, 27. März 2026