Eine Analyse, praktisch-theologischer Diskurse
Transcript Verlag, Bielefeld 2025, Religionswissenschaft Bd. 58, ISBN 978-3-8376-7909-0,
270 Seiten, Broschur, Format 22,5 x 16,8 cm, € 54,00
Die im Sommersemester 2025 von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum zur Habilitation angenommen Studie »Vieldeutige Spiritualität« der studierten Theologin und Psychologin Katja Dubinski geht davon aus, dass Spiritualität in aller Munde ist und die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema seit Jahren steigt. Zugleich wird der Begriff Spiritualität in den unterschiedlichen Disziplinen sehr verschieden verstanden und verwendet. Das gilt auch für die theologische und psychologische Forschung.
Der Begriff Spiritualität kann nach Dubinski in der Praktischen Theologie dann mit Gewinn verwendet werden, wenn sie dabei verschiedene Anforderungen an einen hilfreichen Spiritualitätsbegriff reflektiert. Dies vorausgesetzt, steht ihr mit Spiritualität ein Begriff zur Verfügung, durch den sie spezifische Phänomene bezeichnen kann, die ihren Aufgabenbereich betreffen. Die wissenschaftliche Debatte ist jedoch darauf angewiesen, mit möglichst präzisen Begrifflichkeiten zu arbeiten. Ziel dieser Studie ist es deshalb, den Raum, in denen die Rede von Spiritualität in der Praktischen Theologie erfolgt, genau zu bestimmen und eine Strukturierung des praktisch-theologischen Spiritualitätsbegriffs vorzunehmen und zu klären, wer den Begriff wann warum und wie verwendet. Dazu arbeitet sie typische Argumentationsstrukturen und Denkmuster rund um Spiritualität heraus und zeigt, dass kontextspezifische Denkmuster die Konnotation von Spiritualität beeinflussen. Dadurch werden übergreifende Funktionen der Rede von Spiritualität sichtbar, die bei der praktisch-theologischen Begriffsverwendung zu beachten sind.
Im Ergebnis hält Dubinski fest, dass der Begriff Spiritualität im praktisch-theologischen Diskurs Konnotationen wie Profil, Entgrenzung, Mehrdimensionalität, Erfahrung und Unverfügbarkeit mit sich trägt, die alle je nach Kontext stärker oder schwächer betont werden. Vor allem aber ist Spiritualität über den praktisch-theologischen Diskurs hinausgehend durchgehend durch Individualisierung und Erfahrungsorientierung gekennzeichnet. Als Basisdefinition von Spiritualität empfiehlt sich deshalb für den praktischen-theologischen Diskurs die Definition von Spiritualität als privatisierte, erfahrungsoorientierte Religion. Diese Definition macht ernst mit den zentralen Merkmalen Individualisierung und Erfahrung, die Spiritualität diskursübergreifend kennzeichnen.
Als Mehrwert des Begriffs Spiritualität gegenüber dem Begriff Religion erweist sich, dass mit diesem Begriff wie auch im alltäglichen Sprachgebrauch ein Spielraum für Artikulation und Erkundungen persönlich erfahrener Transzendenz eröffnet wird. Dabei sind Aspekte der Suche und der Körpererfahrung zentral. Beide akzentuieren in erster Linie den Fokus auf Öffnung, der durchgehend eng mit der Rede von Spiritualität verbunden ist.
Andererseits sind Öffnung und Schließung von Bedeutung, wo es um die theologische Integration von Erfahrung und die Veränderung von theologischen Deutungsmustern geht. Dies ist der bedeutsamere und komplexere Aspekt. Denn die Theologie als Disziplin ist davon geprägt, dass Theologie als Disziplin theologische Deutungsmuster notwendigerweise und fortlaufend verständlich machen und aktualisieren muss. Deshalb müssen nach Dubinski Körper Erfahrungen in den Fokus der Ausbildung rücken, um von da aus Theologie und Kirche immer wieder neu und anders zu denken und so dynamischer zu gestalten.
„Statt wie wegen Kontext der Ausbildung zum Pfarrberuf die mit ›Spiritualität‹ konnotierte theologische Akzentuierung der ›Unverfügbarkeit‹ notgedrungen so zu verstehen, dass Tradition und Institution als Rahmen zu sehen sind, der individuell zu interpretieren ist, ginge es im Anschluss an die hier vorgestellten Überlegungen vor allem darum, (Körper-)Erfahrungen in den Fokus zu rücken und von da aus Theologie und Kirche immer wieder neu und anders zu denken und so dynamischer zu gestalten.
Im Kontext von Spiritual Care macht gerade das weite und überkonfessionelle wie transdisziplinäre Anliegen bei der Rede von ›Spiritualität‹ deutlich, wie wichtig die individuelle Perspektive und auch die theologische Reflexion von ›Spiritualität‹ ist. Mit der Denkfigur der ›Mehrdimensionalität‹ des Lebens geht es darum, eine theologische Erweiterung der Perspektiven (über Wellness und sinnvolles Sterben) hinaus in das Gesundheitssystem einzubringen.
Im Kontext unterschiedlicher, mit Körpererfahrung verknüpfter Praktiken kombiniert die Rede von ›Spiritualität‹ die Heterogenität individueller (Körper-)Erfahrung mit der Forderung, mit verschiedenen Deutungen dieser Erfahrung ins Gespräch zu kommen und überlieferte theologische Deutungskmuster entsprechend neu zu akzentuieren und zu verändern. In den Bereichen Pneumatologie und Schöpfungstheologie gibt es bereits erste Spuren, wie eine solche Transformation von Theologie durch das Ernstnehmen, von (Körper-)Erfahrungen umzusetzen wäre.
Nimmt praktische Theologie die Herausforderung der Rede von Spiritualität an, wie sie dies in den letzten Jahren vermehrt tut, und führt empirische Studien zu individueller religiöse Erfahrung durch, von denen aus sie theologische Deutungmuster neu wahrnimmt, reflektiert und transformiert, arbeitet sie fortdauernd prozessual, ist dynamisch und damit lebens- und menschennah“ (Katja Debinski, Seite 249).
ham, 23. März 2026