Nach der Begrüßung durch die Leiterin des Hospitalhofs Pfarrerin, Monika, Renninger und den Vorsitzenden der Erich Fromm Gesellschaft. Professor Doktor Jürgen Hardeck hat Eberhard Stilz die Laudatio auf dem Preisträger gehalten, und Klaus Leisinger mit der Erich Fromm-Lecture 2026 geantwortet. Die musikalische Gestaltung der feierlichen Preisverleihung lag bei Klezmers Techter (Gabriele Kaufmann, Klarinette, Bassklarinette; Almut Schwab, Akkordeon, Cymbal; Nina Hacker, Kontrabass)

Eberhard Stilz, der Präsident des Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg a. D. und Präsident des Oberlandesgericht Stuttgart a. D. wollte sich in seiner Laudatio nicht anmaßen, das soziologische und philosophische Œuvre von Prof. Dr. Klaus Leisinger beurteilen zu können; aber es hat ihn in hohem Maße durch seine schiere Menge, den Umfang der Veröffentlichungen und mehr noch durch ihren Gehalt an tief durchdrungen humanistischen Aussagen beeindruck. In deren Gehalt und Ausdrucksweise meint er eine Parallele zu dem Werk von Erich Fromm zu erkennen. Leisingers Kunst der Führung knüpft schon im Titel an eines der populärsten Werke von Erich Fromm an und zeigt Schritt für Schritt auf, wie man das Frommsche Denken für das Wirtschaftsleben aktivieren kann. Liebe, Wirtschaft und Verantwortung gehen für ihn zusammen, wenn man klärt, wer was vor wem zu verantworten hat. Demnach kommt nicht nur den Menschen, sondern auch einem Staat und einem Unternehmen Verantwortung zu. Verantwortung muss schon nach Max Weber Motiv und Erfolg des Handels im Blick haben. Daraus folgt im praktischen Leben  die Notwendigkeit ethischer Kompromisse. In ethischer Hinsicht bedeutet dies, dass Unternehmen nicht per se moralische Forderungen befolgen müssen, die mit ökonomischer Rationalität nicht vereinbar sind. Sie müssen sich allerdings nach Kräften bemühen, wirtschaftliches Handeln und ethische Gebote in eine praktische Konkordanz zu bringen.

Nach der Präambel des Grundgesetzes sind wir Gott und den Menschen verantwortlich. Übertragen auf Unternehmen bedeutet dies, das es zwar durchaus möglich ist, auch im wirtschaftlichen Wirken eine Verantwortung vor Gott zu spüren und danach zu handeln. Das entbindet aber den nicht- religiösen Unternehmensführer nach Stilz nicht vor einer Verantwortungsinstanz außerhalb seiner unmittelbaren Steakholder; er ist auch antwortpflichtig gegenüber den Menschen, also gegenüber der Allgemeinheit. Durch die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten anderthalb Jahrhunderte ist uns die Möglichkeit gegeben, die Erde unbewohnbar zu machen. Deshalb kommt auf Unternehmen eine besondere Verantwortung für das Gemeinwohl zu, »weil sie es können«. „In dem Maße, in dem Unternehmen und ihre Lenker aufgrund ihrer Innovations-, Markt- und Finanzkraft (in der Regel) über ungleich größere Möglichkeiten als ein Privater verfügen, wächst auch ihre Verantwortung. Nach meiner Überzeugung wird es in den kommenden Jahrzehnten von grundlegender Bedeutung für unsere Welt, ob und wie diese gesellschaftliche Verantwortung von der Wirtschaft gelebt wird“ (Eberhard Stilz).

Je weiter wir von diesem Weg abkommen, umso mehr braucht es nach Stilz Denker wie Klaus Leisinger, die uns – auch mit Hilfe der grundlegenden und leider wieder brandaktuellen Überlegungen von Erich Fromm – den Weg zurück weisen, zurück auf einen guten, verantwortbaren Pfad der Nächstenliebe. Bei Leisinger klingen Wissen und Können, Erfolg und Verantwortung zusammen:

„Dem habilitierten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler stand eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn bevor, doch er startete in sein Berufsleben mit einer Manageraufgabe. Nicht mit einer beliebigen, sondern als Geschäftsführer der Pharmadivision von CIBA in Ostafrika. Das ist in doppelter Weise kennzeichnend für ihn: 

Zum einen die humanitäre Seite; er konnte dort helfen, wo es am nötigsten war – in Afrika -, und mit dem, was es dort dringend brauchte: Pharmazeutika. 

Zum anderen seine Offenheit und Kompetenz für alles Internationale; dies begleitet ihn bis heute. 

Kein Wunder, war er nach seiner Rückkehr an den Hauptsitz in Basel für die internationalen Beziehungen des Unternehmens verantwortlich und für den Dialog mit entwicklungspolitischen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Gleichzeitig blieb er der Wissenschaft verbunden – und wurde 1990 zum außerordentlichen Professor der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel ernannt.

Einen Menschen von der rastlosen Tatkraft eines Klaus Leisinger hätte allein die Arbeit im Elfenbeinturm nicht ausfüllen können. Er wollte und konnte auch unmittelbar humanitär wirken. 

Das gelang ihm in zahlreichen gemeinnützigen Stiftungen, u.a. als Präsident der von ihm selbst gegründeten Stiftung Globale Werte Allianz.

Allein 30 Jahre lang war er Vorsitzender des Stiftungsrats und zugleich Geschäftsführer der Novartis Stiftung, deren konsequente Strategie zur Armutsbekämpfung und zur gesundheitlichen Unterstützung Millionen Bedürftiger in einkommensschwachen Ländern geholfen hat. 

Seine Brückenfunktion zwischen humanitärer Theorie und Praxis, zwischen Forschung und gemeinnütziger Arbeit trug ihm zahlreiche hohe und höchste Mandate und Auszeichnungen ein, u.a. von Institutionen der Vereinten Nationen.

Klaus Leisinger forscht und lehrt primär an der Universität Basel, wirkt aber zudem als Gastprofessor an zahlreichen Universitäten weltweit, so

an der University of Notre Dame, der MIT Sloan School of Management in Cambridge, der DePaul University (Chicago) sowie der Peking University (WEIB). 

Zu den Institutionen, an denen er Gastvorlesungen hält, gehören Universitäten in Singapur, Hongkong, Minneapolis und Kapstadt. 

Beraterfunktionen verbinden ihn mit nationalen und internationalen

Organisationen wie dem UN Global Compact, der Weltbank und dem Weltwirtschaftsforum. Von Kofi Annan wurde er 2005 zum Sonderberater des UN-Generalsekretärs für den UN Global Compact berufen. 

Im Juni 2016 wurde Klaus Leisinger Mitglied des Kernteams der Initiative Ethics in Action der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften (Pontificia Academia Scientiarum). 

Und dies alles ist nur ein Ausschnitt aus dem umfassenden wissenschaftlichen und praktischen humanitären Wirken, das sich mit Klaus Leisinger verbindet“ und mit spürbarer Liebe zum Menschen verbunden sind (Eberhard Stilz). 

Klaus Leisinger überschreibt seine Erich Fromm -Lecture 2026

Was heißt Menschsein in Zeiten der Polykrise?
Erich Fromms humanistisches Denken als anthropologischer Schlüssel zur Gegenwart 

Nachtwandeln auf vermintemGelände

und trägt sie bei der Preisverleihung in Teilen vor:

Nach der Begrüßung durch die Leiterin des Hospitalhofs Pfarrerin Monika Renninger und den Vorsitzenden der Erich Fromm Gesellschaft Professor Dr. Jürgen Hardeck hat Eberhard Stilz die Laudatio auf dem Preisträger gehalten und Klaus Leisinger mit der Erich Fromm-Lecture 2026 geantwortet. Die musikalische Gestaltung der feierlichen Preisverleihung lag bei Klezmers Techter (Gabriele Kaufmann, Klarinette, Bassklarinette; Almut Schwab, Akkordeon, Cymbal; Nina Hacker, Kontrabass)

Eberhard Stilz, der Präsident des Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg a. D. und Präsident des Oberlandesgericht Stuttgart a. D. wollte sich in seiner Laudatio nicht anmaßen, das soziologische und philosophische Œuvre von Prof. Dr. Klaus Leisinger beurteilen zu können; aber es hat ihn in hohem Maße durch seine schiere Menge, den Umfang der Veröffentlichungen und mehr noch durch ihren Gehalt an tief durchdrungen humanistischen Aussagen beeindruck. In deren Gehalt und Ausdrucksweise meint er eine Parallele zu dem Werk von Erich Fromm zu erkennen. Leisingers Kunst der Führung knüpft schon im Titel an eines der populärsten Werke von Erich Fromm an und zeigt Schritt für Schritt auf, wie man das Frommsche Denken für das Wirtschaftsleben aktivieren kann. Liebe, Wirtschaft und Verantwortung gehen für ihn zusammen, wenn man klärt, wer was vor wem zu verantworten hat. Demnach kommt nicht nur den Menschen, sondern auch einem Staat und einem Unternehmen Verantwortung zu. Verantwortung muss schon nach Max Weber Motiv und Erfolg des Handels im Blick haben. Daraus folgt im praktischen Leben  die Notwendigkeit ethischer Kompromisse. In ethischer Hinsicht bedeutet dies, dass Unternehmen nicht per se moralische Forderungen befolgen müssen, die mit ökonomischer Rationalität nicht vereinbar sind. Sie müssen sich allerdings nach Kräften bemühen, wirtschaftliches Handeln und ethische Gebote in eine praktische Konkordanz zu bringen.

Nach der Präambel des Grundgesetzes sind wir Gott und den Menschen verantwortlich. Übertragen auf Unternehmen bedeutet dies, das es zwar durchaus möglich ist, auch im wirtschaftlichen Wirken eine Verantwortung vor Gott zu spüren und danach zu handeln. Das entbindet aber den nicht- religiösen Unternehmensführer nach Stilz nicht vor einer Verantwortungsinstanz außerhalb seiner unmittelbaren Steakholder; er ist auch antwortpflichtig gegenüber den Menschen, also gegenüber der Allgemeinheit. Durch die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten anderthalb Jahrhunderte ist uns die Möglichkeit gegeben, die Erde unbewohnbar zu machen. Deshalb kommt auf Unternehmen eine besondere Verantwortung für das Gemeinwohl zu, »weil sie es können«. „In dem Maße, in dem Unternehmen und ihre Lenker aufgrund ihrer Innovations-, Markt- und Finanzkraft (in der Regel) über ungleich größere Möglichkeiten als ein Privater verfügen, wächst auch ihre Verantwortung. Nach meiner Überzeugung wird es in den kommenden Jahrzehnten von grundlegender Bedeutung für unsere Welt, ob und wie diese gesellschaftliche Verantwortung von der Wirtschaft gelebt wird“ (Eberhard Stilz).

Je weiter wir von diesem Weg abkommen, umso mehr braucht es nach Stilz Denker wie Klaus Leisinger, die uns – auch mit Hilfe der grundlegenden und leider wieder brandaktuellen Überlegungen von Erich Fromm – den Weg zurück weisen, zurück auf einen guten, verantwortbaren Pfad der Nächstenliebe. Bei Leisinger klingen Wissen und Können, Erfolg und Verantwortung zusammen:

„Dem habilitierten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler stand eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn bevor, doch er startete in sein Berufsleben mit einer Manageraufgabe. Nicht mit einer beliebigen, sondern als Geschäftsführer der Pharmadivision von CIBA in Ostafrika. Das ist in doppelter Weise kennzeichnend für ihn: 

Zum einen die humanitäre Seite; er konnte dort helfen, wo es am nötigsten war – in Afrika -, und mit dem, was es dort dringend brauchte: Pharmazeutika. 

Zum anderen seine Offenheit und Kompetenz für alles Internationale; dies begleitet ihn bis heute. 

Kein Wunder, war er nach seiner Rückkehr an den Hauptsitz in Basel für die internationalen Beziehungen des Unternehmens verantwortlich und für den Dialog mit entwicklungspolitischen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Gleichzeitig blieb er der Wissenschaft verbunden – und wurde 1990 zum außerordentlichen Professor der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel ernannt.

Einen Menschen von der rastlosen Tatkraft eines Klaus Leisinger hätte allein die Arbeit im Elfenbeinturm nicht ausfüllen können. Er wollte und konnte auch unmittelbar humanitär wirken. 

Das gelang ihm in zahlreichen gemeinnützigen Stiftungen, u.a. als Präsident der von ihm selbst gegründeten Stiftung Globale Werte Allianz.

Allein 30 Jahre lang war er Vorsitzender des Stiftungsrats und zugleich Geschäftsführer der Novartis Stiftung, deren konsequente Strategie zur Armutsbekämpfung und zur gesundheitlichen Unterstützung Millionen Bedürftiger in einkommensschwachen Ländern geholfen hat. 

Seine Brückenfunktion zwischen humanitärer Theorie und Praxis, zwischen Forschung und gemeinnütziger Arbeit trug ihm zahlreiche hohe und höchste Mandate und Auszeichnungen ein, u.a. von Institutionen der Vereinten Nationen.

Klaus Leisinger forscht und lehrt primär an der Universität Basel, wirkt aber zudem als Gastprofessor an zahlreichen Universitäten weltweit, so

an der University of Notre Dame, der MIT Sloan School of Management in Cambridge, der DePaul University (Chicago) sowie der Peking University (WEIB). 

Zu den Institutionen, an denen er Gastvorlesungen hält, gehören Universitäten in Singapur, Hongkong, Minneapolis und Kapstadt. 

Beraterfunktionen verbinden ihn mit nationalen und internationalen

Organisationen wie dem UN Global Compact, der Weltbank und dem Weltwirtschaftsforum. Von Kofi Annan wurde er 2005 zum Sonderberater des UN-Generalsekretärs für den UN Global Compact berufen. 

Im Juni 2016 wurde Klaus Leisinger Mitglied des Kernteams der Initiative Ethics in Action der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften (Pontificia Academia Scientiarum). 

Und dies alles ist nur ein Ausschnitt aus dem umfassenden wissenschaftlichen und praktischen humanitären Wirken, das sich mit Klaus Leisinger verbindet“ und mit spürbarer Liebe zum Menschen verbunden sind (Eberhard Stilz). 

Klaus Leisinger überschreibt seine Erich Fromm -Lecture 2026

Was heißt Menschsein in Zeiten der Polykrise?
Erich Fromms humanistisches Denken als anthropologischer Schlüssel zur Gegenwart 

Nachtwandeln auf vermintem Gelände

und trägt sie bei der Preisverleihung in Teilen vor:

Die gegenwärtige Lage der Welt kann man am besten mit dem vom französischen Philosophen und Soziologen Edgar Morin (1993) kreierten Begriff „Polykrise“ beschreiben: Eine Polykrise ist geprägt durch eine Vielzahl und Gleichzeitigkeit politischer, ökologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen, die sich wechselseitig negativ beeinflussen und verstärken. Die Auswirkungen einer Polykrise sind dramatischer als die Summe ihrer Teilkrisen und Konflikte, die für sich alleine gesehen schon schwierig genug zu bewältigen wären. Eine Reduktion der Komplexität bringt in dieser Situation vielerlei Gefahren mit sich.

Edgar Morin beschrieb vor über 30 Jahren die Polykrise als ein bedrohliches Ganzes, das sich aus einzelnen konfliktreichen, gefährlichen und komplexen Elementen speist. Es trägt, so Morin, das Problem aller Probleme in sich: Die Unfähigkeit der Menschheit, humane Wesen zu werden. Nur wenn wir, wie auch der neokonfuzianische Philosoph Tu Weiming dies formuliert, „lernen, Mensch zu sein“ („learning to be human“, Tu 2023), können wir eine Beschleunigung und Vertiefung der Polykrise abwenden. Morin war (vor über 30 Jahren!) optimistisch, dass die Schicksalsgemeinschaft der Menschen auf unserer „Heimat Erde“ mit gemeinsamen Anstrengungen und in globaler Gemeinsamkeit alle heutigen Probleme einer Lösung näherbringen kann.

Danach sieht es allerdings im Augenblick nicht aus: Statt kluger Reformen zur Schaffung einer neuen Ordnung, die den vielfältigen geopolitischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen der letzten 35 Jahre Rechnung trägt, erleben wir zunehmende Unordnung. Macht bricht Recht, sowohl das Völkerrecht als auch das Handelsrecht; konsensorientierte, kompromissbehaftete Abkommen weichen erpresserischen „Deals“, die die Mächtigen den Mindermächtigen aufzwingen; ehemalige Partner werden wie Vasallen behandelt, die Tribut zahlen müssen. Die Vision der „Einen Welt“, an die so viele in den letzten Jahrzehnten geglaubt haben, erscheint im Lichte des gegenwärtigen Gruppennarzissmus wie naives Wunschdenken.

Im mächtigsten Land der westlichen Hemisphäre geraten Meinungs- und Redefreiheit sowie die akademische Freiheit unter Druck, ebenso die Unabhängigkeit der Justiz. Nüchterne, faktenbasierte Realitätsanalyse weicht Falschmeldungen (fake news) und ideologischer Rhetorik – begleitet von Drohungen, Einschüchterung und Willkür. Politik wird an privaten Selbstbereicherungsinteressen ausgerichtet, zur Not auch im Konflikt mit geltendem Recht. Die Regierenden in den USA nehmen sich heute im Sinne einer aufgewärmten Monroe-Doktrin unverblümt heraus, in ihrer – selbst definierten – Interessenssphäre nach Gutdünken und Interessenkonstellation zu schalten und zu walten. Dass dies neue Konflikte heraufbeschwört, ist offensichtlich (Walt 2026).

In diesem Zusammenhang gewinnen die Thesen von Levitsky und Ziblatt (2018) an Bedeutung: Demokratien sterben meist nicht plötzlich durch Revolutionen mit Waffengewalt, sondern langsam und durch gewählte Regierungen. Ihr Vorgehen: Nationalistische Ideologien, Aushöhlung und Zersetzung demokratischer Institutionen, Besetzung der Justiz mit Günstlingen, Verunglimpfung der politischen Gegner, Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte und Einschüchterung von Medien durch die demokratisch gewählten Machthaber. Das ist eigentlich nichts Neues, sondern alles Elemente eines von Hannah Arendt vor über 70 Jahren beschriebenen Totalitarismus (Arendt 1955/2008).

Wir erleben willkürlich in konfrontativer Sprache verhängte und als Erpressungsinstrumente benutzte Zölle und Handelsbeschränkungen. Teilweise zielen sie darauf ab, legitimen Widerstand gegen Völkerrechtsverletzungen zu brechen, teilweise sollen sie helfen, einen ideologisch motivierten „Systemwettbewerb“ zu gewinnen – teilweise auch Lieferketten von Konkurrenten zu unterbrechen. Angesichts der lebensbedrohlichen Folgen des Klimawandels, des Rückgangs der Artenvielfalt und der Zerstörung essenzieller Ressourcen sind Investitionen in einen ideologisch motivierten Systemwettbewerb Teil des Problems, nicht der Lösung.

Trotz aller messbaren Evidenz ist das Bewusstsein für eine Morinsche Schicksalsgemeinschaft der Weltbevölkerung heute nicht vorhanden. Im Gegenteil: Mononationales, kurzfristiges und fahrlässig unterkomplexes Denken und Handeln hat Vorrang. Damit wächst die Gefahr, dass – wie 1914 die Großmächte Europas in den Ersten Weltkrieg – die Weltmächte heute in eine politische, ökologische und weltwirtschaftliche Katastrophe schlafwandeln (Clark 2015). Eine solche Katastrophe würde in Zeiten von mit künstlicher Intelligenz gesteuerten Atomwaffen zum Ende unserer Zivilisation führen.

Auch heute – wie 1914 – sind die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft keineswegs ahnungslos über die möglichen Folgen ihrer Entscheidungen. Aber sie sind aufgrund ihrer Priorität für die Wahrung kurzfristiger Interessen auch heute blind für deren mögliche langfristigen und kumulativen Folgen. Sie unterschätzen, wie 1914, das Eskalationspotential des Zusammenwirkens der einzelnen Problemcluster, was angesichts der Verbreitung nuklearer Kampfmittel viel gefährlicher ist, als das 1914 der Fall war. Manche Staatsführer akzeptieren schon heute Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen. Cyberattacken gehören heute schon fast zum Alltag.

Die gefährlichsten Einzelelemente der Polykrise

Die aus meiner Sicht heute gefährlichsten Einzelelemente der Polykrise sind Mangel an verantwortungsvoller politischer Führung, Unterschätzung der Auswirkungen der globalen Umweltprobleme sowie das durch zunehmende Polarisierung und gegenseitiges Misstrauen abnehmende Sozialkapital.

Die politische Dimension der Polykrise

Politik ist nicht alles, aber ohne gute Politik ist alles nichts. Unter Politik verstehe ich einen institutionell geregelten gesellschaftlichen Verhandlungsprozess. In diesem kommen verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen, widerstreitende Interessen und konkurrierende Ideologien über Angelegenheiten des Gemeinwesens durch Abwägung und Berücksichtigung verschiedener Aspekte zu einer Einigung über die Sicherung von Freiheit und die Begrenzung von Macht.

(1) Theoretische Überlegungen zu Politik und Politikern

Unterschiedliche politische Theoretiker messen dem Diskurs als Mittel für die Entscheidungsfindung unterschiedliches Gewicht zu. Als Antipoden könnte man Carl Schmitt und Jürgen Habermas betrachten: 

Für Carl Schmitt war eine klare Unterscheidung von Freund und Feind wesentlich; er zog zur Not autoritäre Entscheidungen durch eine starke Staatsführung normativen Regelwerken vor. Diskussionen, Kompromisse und moralische Argumentationen hielt er für eine Verdrängung reiner Machtfragen. Krieg ist für Schmitt eine Möglichkeit, Politik durchzusetzen (Schmitt 1932/2015). Dass Carl Schmitt schon 1933 in die NSDAP eintrat und die Diktatur Hitlers rechtfertigte, überschattet sein intellektuelles Erbe.

Für Jürgen Habermas entsteht die demokratische Legitimität von Entscheidungen durch öffentliche Beratung. Diese ist durch rationalen, freien, fairen und inklusiven Diskurs gekennzeichnet. Gesetze müssen durchsetzbar (Faktizität) und durch Vernunft rechtfertigbar (Geltung) sein. Zivilgesellschaft und Medien können ihre Positionen in Entscheidungsprozesse einbringen – das Parlament übersetzt das Resultat der Diskurse in verbindliches Recht (Habermas 1998; 2011).

Es gibt eine Reihe weiterer wichtiger Denkerinnen und deren Aussagen zu Politik, die hier wegen ihrer aktuellen Bedeutung kurz zitiert werden sollen:

Hannah Arendt

Für Hannah Arendt ist Aufgabe und Zweck der Politik

„[…] die Sicherung des Lebens im weitesten Sinn. Sie ermöglicht dem Einzelnen, in Ruhe und Frieden seinen Zwecken nachzugehen, das heißt unbehelligt von Politik zu sein – wobei es erst einmal ganz gleichgültig ist, in welchen Lebenssphären diese Zwecke […] liegen, ob es sich darum handelt, im antiken Sinne den Wenigen die Beschäftigung mit Philosophie zu ermöglichen, oder darum, im modernen Sinne den Vielen das Leben, den Erwerb und ein Minimum an Glück zu sichern.“ (Arendt 1993, S. 36 f.)

Politik beruht für Arendt auf der großen Anzahl verschiedenartiger Menschen (Pluralität). Sie entsteht im „Zwischen der Menschen“ und lebt vom „Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen“ (ebd., S. 9 ff.). Menschen organisieren sich politisch nach bestimmten wesentlichen Gemeinsamkeiten. Der Sinn der Politik ist Freiheit (ebd., S. 28 und 42). Der Staat besitzt ein Gewaltmonopol und verhindert den Krieg aller gegen alle. Krieg ist daher für Arendt eben nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, wie Clausewitz meinte. Ihre nüchterne Beurteilung derjenigen, die Politik betreiben, ist auch heute (Frühjahr 2026) aktuell:

„Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand hat je die Wahrheit zu den politischen Tugenden gerechnet. Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören. Ein bemerkenswerter und beunruhigender Tatbestand.“ (Arendt und Nanz 1972; 2006, S. 9).

Max Weber

Max Weber bezeichnet Politik als „leitende Tätigkeit“ eines politischen Verbandes, beispielsweise des Staates. Diese Tätigkeit ist gekennzeichnet von „Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt“ (Weber 1919, S. 397). Wer Politik betreibt, so Weber, „erstrebt Macht, – Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele, idealer oder egoistischer – oder Macht ‚um ihrer selbst willen‘, um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen“ (ebd.).

Der Staat wird durch den Willen der „Beherrschten“ legitimiert. Er, bzw. seine Minister und Beamten, ist Träger der rechtmäßigen Gewalt in einem Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Wer Politik als Beruf betreibt, sollte durch drei Qualitäten gekennzeichnet sein: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß (ebd., S. 435 ff.):

  • Leidenschaft im Sinne einer leidenschaftlichen Hingabe an eine Sache – nicht im Sinne einer sterilen Aufgeregtheit, der ins Leere verlaufenden Romantik des intellektuell Interessanten ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl;
  • Verantwortlichkeit gegenüber dieser Sache als entscheidender Leitstern des Handelns – im Gegensatz zu woken Befindlichkeiten, und
  • Augenmaß, definiert als die Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen. Politik, so Max Weber, wird mit dem Kopf gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers …

Weber macht in seiner Analyse über Handlungsweisen von Politikern den für unsere gegenwärtige Zeit unverändert grundlegenden Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik: „Nicht, dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre.“ Allerdings sei es ein

„abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet – ‚der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim‘, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die voraussehbaren Folgen seines Handelns aufzukommen hat. […] Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder der Wille Gottes, der sie so schuf. Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung […] nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten […]

[…] Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit den durchschnittlichen Defekten der Menschen und hat kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen seines eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet.“ (Ebd., S. 441 f.)

Zuletzt sei hier noch eine institutionelle Perspektive der Weltbank erwähnt, zu dem, was Politik ist und was die sie Ausführenden um Wohle der Menschen tun sollten:

Die Weltbankposition zu guter Politik und Regierungsführung (good governance)

Für die Weltbank ist gute Politik an den im Land vorhandenen Problemen orientiert und an den zur Lösung vorhandenen Ressourcen ausgerichtet. Von den mit Politik durch legitime Prozesse beauftragten Regierungen wird gute Regierungsführung (good governance) erwartet. Diese ist dann gegeben, wenn der Staat durch seine Aktivitäten den Menschen eines Landes Sicherheit, Wohlstand, Zusammenhalt, Ordnung und Kontinuität ermöglicht. Gute Regierungsführung schafft ein gesellschaftliches Umfeld, in dem die Einzelnen ihre produktiven, politischen und kulturellen Fähigkeiten entfalten können, ohne die Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen zukünftiger Generationen einzuschränken (Leisinger 1995, S. 114 ff.). Schlüsselelemente guter Regierungsführung sind für die Weltbank:

  • Transparenz, im Sinne der angemessenen und zuverlässigen Information über die Grundlagen der Politik und der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse;
  • Verantwortlichkeit, im Sinne der Rechenschaftspflicht für die Arbeit der Staatsangestellten und, falls erforderlich, der Möglichkeit, Versagen zu sanktionieren;
  • Institutioneller Pluralismus, d.h. Förderung unabhängiger Institutionen wie z.B. Gewerkschaften, Handelskammern, Berufsvereinigungen, Universitäten, aber auch Medien und Nichtregierungsorganisationen;
  • Partizipation, d.h. systematische und nachhaltige Beteiligung der Bevölkerung (Mitsprache und Einsprache) an der Konzeption Ausführung und Evaluation der sie betreffenden Projekte und Programme;
  • Vorrang des Rechts, d.h. Schaffung von Voraussetzungen, in denen ein unabhängiges und effizientes Justizwesen damit beauftragt ist, die (am Gemeinwohl orientierten) Gesetze anzuwenden sowie eine
  • Starke bürgerliche Gesellschaft, die sich in Angelegenheiten des Gemeinwesens beteiligt (World Bank 1992).

Die Economic and Social Commission for Asia and the Pacific der Vereinten Nationen (ESCAP 2009) fügt diesem Anforderungskatalog zwei wichtige Elemente hinzu:

  • Wille und Fähigkeit (Responsiveness), innerhalb eines zumutbaren Zeitraums auf die Anliegen der Bevölkerung einzugehen, sowie
  • Effektivität und Effizienz, d.h. zielführend die richtigen Dinge zu tun und mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen.

Als Beispiele schlechter Regierungsführung nennt die Weltbank Sachverhalte, deren Bedeutung unverändert hoch ist (World Bank 1991):

  • Mangel an klarer Unterscheidung zwischen dem, was als „öffentlich“, und dem, was als
  • „privat“ zu betrachten ist, und somit die Tendenz, öffentliche Ressourcen für private Vorteile zu nutzen;
  • Überregulierung im Sinne der Existenz einer übermäßigen Anzahl von Regelungen, Erlaubnisnotwendigkeiten und Gesetzen (sowie wie die damit verbundenen, von Behörden eingeforderten Berichterstattungspflichten, KML), die das Funktionieren des Marktes behindern;
  • Handlungs- und Ausgabeprioritäten, die mit Lösungen für die sich stellenden Probleme nicht übereinstimmen und daher eine Fehlverwendung knapper Mittel darstellen sowie
  • Intransparente und auf überaus enger personeller Basis beruhende Entscheidungsprozesse sowie Momente der Willkür beim Eingreifen der politischen Machthaber und deren Machtmissbrauch zur persönlichen Bereicherung.

Politische Praxis im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts

Eine Realitätsprüfung in Bezug auf die politische Dimension der Polykrise kommt zu äußerst unerfreulichen Ergebnissen:

Die in hohem Maße westlich geprägte und ehemals durch die USA geprägte, gestützte und militärisch abgesicherte Weltordnung gibt es nicht mehr. Damit gehört auch die Selbstverständlichkeit der gegenseitigen Unterstützung beim gemeinsamen Handeln in Bezug auf globale Probleme der Vergangenheit an. Wir sind hilflose Zeugen des Zerfalls der politischen und wirtschaftlichen Nachkriegsordnung. Eine multipolare Welt entsteht – leider ohne die multilaterale Zusammenarbeit, die für die gemeinsame Bewältigung globaler Probleme notwendig wäre.

Die Regierung des wirtschaftlich und militärisch mächtigsten Landes der Welt bricht ungestraft Völkerrecht, setzt wirtschaftliche Interessen mit militärischen Mitteln durch, bedroht die territoriale Integrität von NATO Mitgliedsländern, kündigt internationale Verträge und steigt aus dem Pariser Klimaabkommen aus. Sie beendet unter dem Vorwand des Bürokratie-Abbaus Gesundheitsprogramme für arme Länder wie beispielsweise PEPFAR, und bringt dadurch Millionen Menschen in direkte Lebensgefahr. Menschenrechte werden in der Ukraine, in Gaza, im Iran und im Süd-Sudan – um nur wenige Länder bzw. Regionen zu nennen – ungestraft mit Füßen getreten (Human Rights Watch 2026). Russland bringt den Krieg zurück nach Europa, China bedroht Taiwan, und im Süd-Sudan tobt ein kaum beachteter Bürgerkrieg mit ungezählten Opfern. Im März 2026 bricht im Nahen Osten ein neuer Krieg mit großem menschlichem Leid und immensen Kollateralschäden aus. Es sind alles Kriege, die einmal in Gang gesetzt für alle Beteiligte nicht mehr zu kontrollieren sind.

Demokratische Regierungsformen verlieren seit fast zwei Jahrzehnten an Bedeutung. Eine Achse von Autokraten – vereint in ihrer Machtgier und ihrem Streben nach persönlicher Bereicherung – versucht, eine neue Weltordnung zu schaffen (Applebaum 2024). Auch bei uns zeichnen sich Vorboten politischer Verschiebungen ab, deren Kern wir überwunden glaubten (Czwalina, 2025). Im Sommer 2025 war die internationale Gemeinschaft bei der Erreichung von zwei Dritteln der in Jahre 2015 in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (UN 2025) einstimmig beschlossenen Ziele nicht auf Kurs. Statt die notwendigen Ressourcen für Investitionen in nachhaltige Entwicklung aufzubringen, werden knappe Mittel für Rüstung ausgegeben. Anstatt Freihandel und internationale Zusammenarbeit in einem Maße zu fördern, die einseitige Abhängigkeiten abbaut, versuchen Grüne und Linke EU Parlamentarier in einfältiger Verteidigung nationaler Nischeninteressen und selbstreferentieller, pubertärer Trotzhaltung das Mercosur Freihandelsabkommen, das nach 25-jähriger Diskussion im Januar 2026 endlich unterzeichnet wurde, doch noch zu kippen. Dabei kommt es zu Koalitionen, die sonst, wenn es politisch opportun ist, als Überwindung von Brandmauern diffamiert werden.

Im Stil von George Orwells Dystopie „1984“ wird der Sinn von Begriffen ins Gegenteil umgedeutet: Legitime Bürgerproteste wie in Minneapolis werden zu „Terrorismus“; rechtskonforme Einwände gegen den verantwortungslosen Einsatz paramilitärischer Truppen im Inland der USA werden als „Lügen radikaler Extremisten“ verleumdet; kalte Winterstürme werden als Beweis gegen die globale Erwärmung definiert. Auch bei uns feiert Orwell fröhliche Auferstehung: Tausend Milliarden neuer Schulden, die von unseren Kindern und Enkeln zurückbezahlt werden müssen, werden zu „Sondervermögen“ umgetauft.

Die 2500 Jahre alte Erkenntnis des athenischen Strategen Thukydides, wonach die Starken tun, was sie wollen, und die Schwachen ertragen, was sie müssen, gewinnt unter weitaus schwierigeren Umständen neue Relevanz. Aufgrund zirkulärer Wechselwirkungen und kumulativer Verursachung einzelner Problembereiche der Polykrise drängt die Zeit für aufgeklärtes und kohärentes politisches, wirtschaftliches und wissenschaftliches Denken und Handeln. Internationaler wissenschaftlicher und technologischer Austausch sowie Zusammenarbeit in einem Klima guter Beziehungen und good governance sind die einzig begründbaren Hoffnungen auf Lösungen.

Der Mitte Januar veröffentlichte Edelman Trust Barometer 2026 macht jedoch in dieser Hinsicht wenig Hoffnung: Weltweit herrscht ein diffuser Groll gegen Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft. Menschen ziehen sich aus öffentlichen Diskursen in Echokammern und auf „Inseln“ Gleichgesinnter zurück (insularity). Und – katastrophal für konstruktive Zusammenarbeit – sie misstrauen Andersdenkenden: 70% der Befragten sind nicht Willens, jemandem zu vertrauen, wenn sie andere Werte, andere Fakten, andere Lösungsvorschläge, oder einen anderen kulturellen Hintergrund haben (Edelman 2026). Das ist geradezu tragisch, denn die Architektur für Lösungselemente im Kontext globaler Probleme liegt vor: Es sind die universellen Ziele und Grundsätze, die die Staatengemeinschaft im Gründungsvertrag der Vereinten Nationen, der Charta der Vereinten Nationen, vor über 80 Jahren beschloss (Anhang). Der Geist dieser Charta legt dar, dass Frieden viel mehr ist als die Abwesenheit von Krieg und gemeinsame Ziele nur in Zusammenarbeit erreichbar werden.

Wegen formaler Abstimmungsregeln sind die Vereinten Nationen heute jedoch für die meisten Elemente der Polykrise machtlos: Die von den politischen Konstellationen nach dem Zweiten Weltkrieg beeinflussten Abstimmungsregeln legten fest, dass im obersten Exekutivorgan, dem UNO Sicherheitsrat, ein Mitglied durch sein Veto jede Entscheidung verhindern kann. Dadurch wird die UNO in allen wesentlichen Fragen, die die Interessen der USA, Russlands oder Chinas tangieren, zum bedeutungslosen Zuschauer degradiert. Dieses Machtvakuum nutzend, gründete der US-amerikanische Präsident im Januar 2026 in Davos eine Art Gegen-UNO mit Mitgliedern seines Geschmacks, selbst konzipierten Entscheidungsregeln und ihm als Vorsitzenden auf Lebenszeit.

Die Europäische Union leidet unter einer vergleichbaren Vetoregelung: Das Veto eines einzigen Landes kann Kommissionsvorschläge zum Beispiel in der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik torpedieren. Grundlegende Reformen, die die Effektivität und Effizienz der EU verbessern, die Privilegien einzelner Länder aber gefährden, werden dadurch unmöglich. Der daraus resultierende Stillstand verschärft die Probleme. Europa wird weltpolitisch irrelevant und muss passiv Veränderungen hinnehmen, anstatt sie aktiv mitzugestalten.

Noch immer in der Trauer- und Jammerphase über die US-amerikanische Machtpolitik gefangen, sind die europäischen Staaten nicht in der Lage, sich zu einer an den neuen Umständen ausgerichteten Neuordnung zusammenzuraufen. Markige Worte bringen außer heißer Luft nichts, wenn sie nicht mit der Bereitschaft und Fähigkeit zu möglichen Taten unterlegt sind. Das US-amerikanische Politmagazin Foreign Affairs schreibt in seiner Dezemberausgabe: „Europe is missing its moment – it’s time to finally reform – or risk irrelevance“. Als Folge dysfunktionaler Politik kommt es zu einer Verschärfung globaler Umweltprobleme.

Die Umwelt-Dimension der Polykrise

Das zweite Element der gegenwärtigen Polykrise ist die sich immer deutlicher anbahnende ökologische Katastrophe. Sie ist einerseits gekennzeichnet durch den global anwachsenden materiellen Fußabdruck und den daraus resultierenden menschengemachten Klimawandel, andererseits und damit verbunden, durch die fortschreitende Zerstörung der Biodiversität. In ihrer Kombination führen diese Faktoren zu grundlegenden Veränderungen der Weltwirtschaft und -politik – und zu einer neuen Art innen- und außenpolitischer Spannungen. Die Tatsache, dass die Flüsse und die Luft in Deutschland und der Schweiz sauberer sind denn je, spiegelt uns eine falsche Wirklichkeit über das große Ganze vor.

Der globale materielle Fußabdruck (Menge an Biomasse, Mineralien und fossilen Brennstoffen, die bei der Herstellung der von Haushalten und Industrie konsumierten Güter anfallen) ist heute dreimal so hoch wie 1970 und übersteigt die natürlichen Regenerationsmöglichkeiten unseres Planeten. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung analysiert den Stand der planetaren Gesundheit anhand von neun planetaren Belastungsgrenzen – und kommt zum Ergebnis, dass im Jahr 2025 bei sieben Kipppunkte (tipping points) erreicht oder überschritten sind. Das Risiko des Erreichens neuer Kipppunkten im Erdsystem nimmt mit steigenden Temperaturen zu (University of Exeter 2025; Potsdam-Institut 2025b).

Der Erdüberlastungstag 2025, also der Tag, an dem der Verbrauch ökologischer Ressourcen durch die Menschheit die jährliche Regenerationsfähigkeit der Erde überstieg, war global der 24. Juli 2025 – der für Deutschland am 3. Mai. Für das Jahr 2026 werden beide noch früher sein.

Der Klimawandel beschleunigt sich: Die globalen Durchschnittstemperaturen liegen schon heute etwa 1.5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. 2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen mit Folgen wie dem Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden, dem Anstieg des Meeresspiegels, intensiveren Hitzewellen und der Erwärmung der Ozeane (Vereinte Nationen 2024). Das Jahr 2025 war nur unwesentlich weniger heiß.

Die Biodiversität nimmt in beispiellosem Tempo ab: Menschliche Aktivitäten zerstören Lebensräume, übernutzen natürliche Ressourcen und verschmutzen die lokale und globale Umwelt. Die Zerstörung der Artenvielfalt verstärkt wiederum den Klimawandel. (Europäisches Parlament 2025).

Durch die Veränderung der Welt verlieren viele alte Gewissheiten an Bedeutung. Es stimmt nicht mehr, dass ökologische (aber auch soziale) Entwicklungen linear verlaufen und es daher möglich ist, sie voraus zu berechnen und kontrollierbar zu halten. Der gegenwärtige Stand des Wissens ist, dass es (Spannweiten von) „Kipp-Punkte(n)“ gibt, jenseits derer eine Abwärtsdynamik entsteht, die nicht aufhaltbar, geschweige denn kontrollierbar ist. Das Absterben von Korallenriffen wegen zu hoher Wassertemperaturen, das Abschmelzen des westantarktischen und grönländischen Eisschildes, das Auftauen des Permafrostes mit weiterer Freisetzung von Treibhausgasen sind ökologische Beispiele dafür.

Trotz dieser empirisch nachweisbaren Fakten verliert globale Umweltpolitik an Kraft – die Verschiebung politischer Prioritäten (z.B. auf den Rüstungsbereich) verdrängt konsequente Investitionen in die Nachhaltigkeit. Wie bei den anderen bisher durchgeführten Klimakonferenzen der UNO kam auch die letzte im November 2025 in Belém zwar zu hoher abstrakter Zustimmung – aber nur zu kleinen konkreten Ergebnissen (Umwelt Bundesamt 2025).

In Bezug auf konsequentes nationales Handeln gegen globale Umweltveränderungen stellt sich ein schier unüberwindbares Motivationsproblem: Regierende, die in Demokratien in relativ kurzen Zyklen wiedergewählt werden wollen, müssten ihren potentiellen Wählern hier und heute Einschränkungen, finanzielle Belastungen und Mobilitätseinschränkungen zumuten. Dies mit der Begründung, dass dadurch z.B. eine weitere Erhöhung des Anstiegs des Meeresspiegels gebremst und deshalb einzelne Inseln im Südpazifik nur langsamer untergehen. Es liegt aber nicht in der Motivationsstruktur der Menschen, heute für fremde Menschen an fernen Orten und in ferner Zukunft Einschränkungen hinzunehmen. Erst recht nicht, wenn infinitesimal kleine Beiträge für den Erhalt globaler ökologischer Systeme wegen ihrer Trägheit kaum messbar sind. Während die Belastungen hier und heute anfallen, fällt eine „Belohnung“ durch sichtbaren Erfolg aus.

Abnehmendes Sozialkapital

Mit dem Begriff „Sozialkapital“ beschreibt Robert Putnam das gesellschaftliche Beziehungsgeflecht von Individuen: Es geht um soziale Netzwerke und Normen, die untereinander Vertrauenswürdigkeit und Reziprozität entstehen lassen. Sozialkapital, so Putnam, macht eine Gesellschaft klüger, gesünder, sicherer und reicher – und befähigt auf diese Weise die Menschen ihre Angelegenheiten in einer Demokratie fair zu regeln. (Putnam 2020)

Durch die politische Gemengelage und wirtschaftliche Unsicherheiten sinkt das Sozialkapital seit Jahren und damit auch das Vertrauen in politische und wirtschaftliche Institutionen. Bürgerschaftliches Engagement geht zurück oder verlagert sich in informelle Bereiche. Die Dialogbereitschaft sowie die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Andersdenkenden nehmen ab, die politische Polarisierung nimmt zu. (Edelman Trust Barometer) Wo gemeinsam getragene und selbstverständlich gewordene gesellschaftliche Normen ihre Bindungskraft verlieren, wo Vertrauen und Kooperationsbereitschaft für einvernehmliche Lösungen von Konflikten auf der jeweils untersten Ebene nicht mehr ausreichen, werden staatliche Maßnahmen erwartet. Da der Staat diese nicht erbringen kann, entsteht der vom Edelman Trust Barometer empirisch nachgewiesene diffuse „Groll“, auf den noch eingegangen wird. 

Insbesondere in Städten nehmen als Folge größerer Individualisierung, höherer Mobilität und stressigeren Arbeitsanforderungen sozialen Bindungen und Kooperation ab. Traditionelle Beziehungsnetze, in denen einzelne Menschen Anerkennung und menschliche Nähe finden, beispielsweise Nachbarschaftsvereinigungen oder Vereine, erodieren. Neue Organisationsformen der Arbeit und neue Informations- und Kommunikationstechnologien reduzieren auch die zwischenmenschlichen Bindungen im Kontext des Berufslebens.

Da ein intaktes Sozialkapital – Hilfsbereitschaft, Verfügbarmachen eigener Beziehungsnetze, Mentoring gegenseitiges Kennen und Anerkennen – Gefühle der Geborgenheit und des Wohlbefindens verstärkt, ist besonders in schwierigen Zeiten eine Erosion des Sozialkapitals in hohem Maße bedauerlich.

Eine erste Zusammenfassung

Das Zusammenwirken der heutigen politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Problemkreise birgt ein immenses Risiko- und Bedrohungspotential für unsere Welt. Offensichtlich haben wir als menschliche Gemeinschaft nicht gelernt, mit komplexen Systemen umzugehen – oder sind politisch nicht willens, das jeweils Erforderliche zu tun. Eine „Schicksalsgemeinschaft Menschheit“, wie sie Edgar Morin erhoffte, ist zwar theoretisch leicht erkennbar, aber national nicht fühlbar.

Wenn es aufgrund der Klimaerwärmung zum Abschmelzen von Eis und dadurch zu mehr Schmelzwasser aus der Arktis kommt, führt dies mit der Zeit zur Abschwächung oder gar zum Zusammenbruch des klimaregulierenden Golfstromsystems. Dieses aber sorgt bei uns für mildes Klima und verlässliche Niederschlagsmuster. Ein solches Szenario würde nicht nur die Nahrungsmittelsicherheit in Europa gefährden, sondern auch ganz allgemein die Lebensqualität der Menschen. Die Folge wären autoritäre Regime und neue Verteilungskämpfe mit kriegerischen Mitteln.

Wie kommen wir aus dieser prekären Situation heraus?

Alle oben beschriebenen Probleme sind von Menschen gemacht und können deshalb von Menschen guten Willens zumindest „gezähmt“ werden. Der Inhalt des Lösungspakets ist bekannt, es steht alles in der Resolution der UN-Generalversammlung vom September 2015: Transformation unserer Welt: Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (UN 2015):

  • Schutz des Planeten vor Zerstörung, insbesondere durch nachhaltigen Konsum, Investitionen und Produktion;
  • Sicherzustellung, dass alle Menschen ein erfolgreiches und erfülltes Leben führen können und dass der wirtschaftliche, soziale und technologische Fortschritt im Einklang mit der Natur erfolgt;
  • Förderung friedlicher, gerechter und inklusiver Gesellschaften, die frei von Angst und Gewalt sind;
  • Handeln in partnerschaftlicher Zusammenarbeit im Geiste gestärkter globaler Solidarität und dabei niemanden zurücklassen.

Jede der Nationen, die vor über zehn Jahren einstimmig der Agenda 2030 zugestimmt hatten, sagte zu, landesspezifische Lösungswege auszuarbeiten und regelmäßig über Erfolge und Hindernisse zu berichten. Doch einmal mehr erwies sich, dass wohl formulierte Resolutionen auf abstraktem Niveau leichter zu erreichen sind als messbare Erfolge in der Praxis.

Unsichere und für die eigene Existenz als bedrohlich empfundene Umstände machen Menschen Angst. Diese Angst wird durch Vertrauensverlust in staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen und ihr Führungspersonal verstärkt. Menschen, die unter durch komplexe Probleme verursachten Ängsten leiden, suchen nach einfachen Erklärungen und Schuldzuweisungen. In dieser Situation steigt die Attraktivität von Parteien und dessen Führungspersonal, die mit grober Vereinfachung, mit ideologischen Feindbildern und ausländerfeindlichen Argumentationen Vortäuschung von Politik betreiben.

Aber, so Erich Fromm schon vor über 50 Jahren:

„Die Situation der Menschheit ist heute zu ernst, als dass wir uns erlauben könnten, auf die Demagogen zu hören – und am allerwenigsten auf alle jene Demagogen, die von der Destruktion angezogen sind – oder auf jene Führer, die nur ihren Verstand benutzen und ihr Herz verhärtet haben. Kritisches und radikales Denken wird nur dann fruchtbar sein, wenn es mit der kostbarsten Eigenschaft des Menschen vereint ist – mit seiner Liebe zum Leben.“ (Fromm 1973a, GA VII, S. 398)

In der hier beschriebenen Situation ist verantwortungsvolle, partizipative und menschendienliche Führung gefragt, die vom vorhandenen Wissen und rationalen Einsichten getragen ist. Für die Architektur einer solchen Führung hat Erich Fromm viel zu bieten.

Die Relevanz des Denkens von Erich Fromm in Zeiten der Polykrise

Aus dem umfangreichen Gedankengut Erich Fromms auf die für unsere Zeit wichtigsten Elemente seines Denkens einzugehen, ist eine höchst interessante Aufgabe, die ein neues Forschungsprogramm rechtfertigen würde. Ich möchte hier auf die drei Gedankengänge eingehen, die meiner Ansicht nach im vorliegenden Zusammenhang am bedeutungsvollsten sind:

  • seine Vorstellungen über eine „gesunde“, menschendienliche Gesellschaftsordnung,
  • auf Erich Fromms Menschenbild und, damit verknüpft,
  • auf sein Verständnis von Liebe.

Gesellschaftliche Strukturen prägen die Menschen und Menschen prägen die Gesellschaft. Das Empfinden der Menschen in einer Gesellschaft hängt von politischen, wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und anderen Faktoren ab. Einmal mehr sind generelle Aussagen nur auf einem relativ hohen abstrakten Niveau möglich. Zum einen haben Menschen unterschiedliche Vorstellungen darüber, welches Teilsystem in einer durch funktionale Differenzierung geprägten Gesellschaft welche Verantwortung für welche Aufgaben zu übernehmen hat. Zum anderen haben unterschiedliche kulturelle Prägungen, unterschiedliche religiöse und kulturelle Einbettungen oder historische Erfahrungen Einfluss auf die Wahrnehmung. Groll entsteht durch den Eindruck, man käme z.B. im Teilsystem Politik oder Wirtschaft den erwarteten Verantwortungen nicht nach oder man profitiere selber nicht von vorhandenen positiven Entwicklungen. Der Gesamteindruck ist ernüchternd und besorgniserregend (Hett 2026):

Der im Januar des jeweiligen Jahres am World Economic Forum in Davos vorgestellte Edelman Trust Barometer der vergangenen zwei Jahre zeigt weltweit Einstellungen und Reaktionen, die einem mit Sorge erfüllen. Mehr und mehr Menschen vertrauen nur noch einem abgeschlossenen inneren Kreis, der die eigene Weltsicht bestätigt und unter vergleichbaren Einkommensbedingungen lebt (insularity). Weltweit sind 70% nicht willens oder zögern, anderen Menschen zu vertrauen, wenn diese andere Wertevorstellungen haben, sich auf andere Fakten oder Quellen abstützen, gesellschaftliche Probleme mit anderen Lösungen angehen wollen – oder einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Unternehmen – insbesondere global tätigen – wird überwiegend mit Misstrauen begegnet, was ihren Beitrag an das Gemeinwohl angeht (GlobeScan 2024; 2026).

Auch die Analyse der von Edelman erhobenen Daten für die Bundesrepublik zeigt nichts Gutes. Die Mehrheit der Deutschen blickt eher mit Angst als mit Zuversicht in die Zukunft: Nur noch 8% der Menschen in Deutschland glauben, dass es den eigenen Kindern und Enkeln einmal besser gehen wird. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz werden mehrheitlich nicht als potentielle Lösungselemente, sondern Bedrohung für die eigenen Lebensbedingungen gesehen. Das Vertrauen in die Integrität nationaler Politiker, Medienrepräsentanten und Unternehmensführer sinkt weiter.

Die zunehmende politische Polarisierung und wachsende Ängste um den materiellen Besitzstand haben bei vielen Menschen einen gesellschaftlichen Groll gegenüber Regierung, Unternehmen und den „Wohlhabenden“ ausgelöst. Diffuse Angstgefühle nehmen zu, sei es vor verschiedenen Arten der Diskriminierung, vor negativen Auswirkungen neuer Technologien auf die Sicherheit der Arbeitsplätze, vor der Zunahme extremer Kräfte in der Gesellschaft – aber auch vor der Globalisierung als Ganzes. Etwa vier von zehn Befragten befürworten zur vermeintlichen Verbesserung ihrer Lage zur Not auch feindseligen Aktivismus.

In einer Situation, die geradezu nach Führung schreit, sind über die Hälfte der Menschen in Deutschland der Ansicht, dass sie von den Führungspersönlichkeiten der Regierung (57%), der Wirtschaft (53%) und der Medien (55%) vorsätzlich belogen werden oder wichtige Sachverhalte grob übertrieben dargestellt werden. Die „Reichen“, so der bei 77% der Menschen in Deutschland herrschende Eindruck, zahlen zu wenig Steuern – ihr Egoismus sei die Ursache vieler gesellschaftlicher Probleme.

Das zeitgleiche Zusammentreffen verschiedener Problemkreise, die Polykrise, verstärkt den vorhandenen Groll. Das greifbare Unbehagen gegen das „System“ führt zu verändertem Wahlverhalten zugunsten von Parteien, die nicht dem System zugerechnet werden. Dies in einer nationalen und internationalen Situation, in der wegen der Dimension und Komplexität der Probleme Lösungen überhaupt nur in konstruktiver Zusammenarbeit denkbar sind. Man stelle sich vor, es käme zu einer neuen, die Gesundheit und das Leben vieler Menschen gefährdenden Pandemie, und die Mittel für die koordinierende Funktion der WHO wären aufgrund des Austritts zahlungskräftiger Nationen nicht mehr vorhanden, und Länder wie die USA, China oder Russland verweigerten die Zusammenarbeit. Auch bei großem Verständnis für kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Pluralismus – auf dem Hintergrund der aufgezeigten Krankheitssymptome kann man unsere Gesellschaft nicht als „gesund“ bezeichnen.

Fromms Vorstellung einer „gesunden“ Gesellschaft

Erich Fromms Vorstellungen von einer „gesunden“ Gesellschaft sind geprägt von seiner humanistischen Ethik und einer darauf beruhenden Vorstellung eines humanistischen, kommunitären Sozialismus. Dieser verfolgt eine mit friedlichen Mitteln herbeigeführte Neugestaltung, bei der Veränderungen gleichzeitig auf wirtschaftlichem, gesellschaftspolitischem und kulturellem Gebiet vorgenommen werden. (Fromm 1955a, GA IV, S.253) 

Er sieht den Menschen eingebunden in sozio-ökonomische Erfordernisse, mit denen er sich arrangieren muss, um psychisch zu überleben, und geht von der Prämisse aus,

„dass der Mensch – wie alles Lebendige – die primäre Tendenz hat, die Bedürfnisse so zu befriedigen, dass konstruktive Möglichkeiten, also Vernunft auf kognitiver Ebene, Liebe auf emotionaler Eben und eigene Kreativität auf imaginativer Ebene, optimal verwirklicht werden“ (Funk 2025a, S. 13). 

Ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das Menschen zum permanenten „Mehrhabenwollen“ konditioniert, führt, so Fromm, zur Entfremdung der Menschen von sich selbst, zu Krankheit und zum Unglücklichsein – letztlich auch zu Neid und Krieg.

Es wäre eine Anmaßung, mit unzureichendem Wissen und in zeitlicher Beschränkung die gesellschaftspolitische Architektur von Erich Fromms Werk profund zu kommentieren oder gar zu kritisieren. In Zeiten, in denen von maßgeblichen politischen Führungseliten zu einem „Systemwettbewerb“ aufgerufen wird, sei der Hinweis erlaubt, dass ein seriöser Diskurs über die politische und wirtschaftliche Architektur einer Gesellschaft, die ihren Menschen ein gutes Leben in Freiheit und Zufriedenheit ermöglicht, nicht mit „-ismen“ geführt werden kann. Unter Kapitalismus versteht die US-amerikanische Regierung der zweiten Trump-Präsidentschaft etwas anderes als die Regierung Dänemarks oder der Schweiz. Unter Sozialismus verstanden die Politfunktionäre der ehemaligen DDR etwas anderes als die Regierenden in Schweden unter Olof Palme. Und schließlich: Unter Kommunismus verstanden die intellektuellen Gründungsväter Marx und Engels etwas anderes als Pol Pot und die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha.

Für „gesundende“ Veränderungen in einer Gesellschaft muss es darum gehen, aus einem möglichst breiten ordnungs- und gesellschaftspolitischen Portfolio von Strukturelementen dasjenige Puzzle zusammenzusetzen, welches unter den vorgegebenen nationalen Bedingungen am ehesten Chancen auf nachhaltigen Erfolg hat. Es ist offensichtlich, dass verschiedene Gesellschaften unter verschiedenen Bedingungen in der Lage sind, mit unterschiedlichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen zufriedenstellende Lebensbedingungen oder gar Glücksempfinden für ihre Bevölkerung zu organisieren (World Happiness Reports 2016 – 2025). Die Ergebnisse des aus verschiedenen Variablen zusammengesetzten World Happiness Report zeigen auf den vordersten Plätzen Länder mit unterschiedlichen Varianten einer sozialen Marktwirtschaft. Sie zeigen auch, dass jenseits eines Einkommensniveaus, das großzügig bemessene Grundbedürfnisse deckt, zusätzliches Einkommen nur in abnehmenden Maße zu zusätzlichem Glücksempfinden führt: Soziale Determinanten, wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit in einer Gemeinschaft, sich auf andere verlassen zu können und die Bereitschaft, einander zu helfen, haben für das Glücksempfinden der Menschen überall auf der Welt eine größere Bedeutung als finanzielle oder materielle.

Die soziale Marktwirtschaft und ihre Elemente

Vieles von dem, was Erich Fromm in seiner Reflexion über „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ aufführt, ist mit Menschen guten Willens in einer sozialen Marktwirtschaft erreichbar (Fromm 1955a, GA IV, S.189f). Eine auf nationale Spezifika zugeschnittene sozial und ökologisch zukunftsfähige Marktwirtschaft ist zumindest für das deutschsprachige Europa das vielversprechendste Modell, nachhaltig Wohlstand zu schaffen und Freiheit zu bewahren.

Das wirtschaftliche Element der sozialen Marktwirtschaft

Es gibt Probleme, die der Markt lösen kann, und solche, die er nicht lösen kann. Märkte sorgen für eine effiziente Allokation knapper Ressourcen und haben den Vorteil, dass sie schnell auf Nachfrageveränderungen reagieren können. Der Wettbewerb von Ideen führt für zu Innovation und höherer Effizienz.

Für das gesellschaftliche Teilsystem Wirtschaft (Luhmann 1987) bedeutet dies:

  • Privateigentum an den Produktionsmitteln und
  • Gewinnstreben als Leistungsanreiz und Belohnungselement und
  • Vorsorge gegen Beschränkungen des Wettbewerbs.

Die Rechte umfassen

persönliche Freiheitsrechte,

das Recht auf unternehmerische Betätigung,

Recht auf das Recht, Vereinigungen zur Wahrung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Interessen zu bilden, usw. 

Ein nachhaltig akzeptabler, neuer Gesellschaftsvertrag darf Lösungselemente nicht auf wirtschaftliche Marktprozesse reduzieren. Da Märkte nur die Nachfrage von „Marktteilnehmern“ befriedigen können, es jedoch bei Fragen über Leben und Tod nicht akzeptabel sein kann, dass Mangel an Kaufkraft Leben gefährdet, muss der Staat Bestandteil von Lösungen sein.

Das soziale Element der sozialen Marktwirtschaft

Die vorrangige Aufgabe des Staates ist, sich um diejenigen zu kümmern, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht am Markt teilnehmen und von Marktmechanismen profitieren können. Daher wird versucht, die Effizienz des Marktes mit den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Nachhaltigkeit zu verbinden. Das durch die Marktelemente generierte Wirtschaftswachstum und eine faire Steuerpolitik sollen ein Netz von Sozialleistungen ermöglichen, welches Alte, Kranke, Einkommensschwache, Arbeitslose oder aus anderen Gründen arbeitsunfähige Menschen vor wirtschaftlicher Not schützt (Bundeszentrale 2016).

Was das allerdings konkret bedeutet, darüber bestehen sehr unterschiedliche Ansichten. Den intellektuellen Schöpfern der sozialen Marktwirtschaft – Alfred Müller-Armack, Ludwig Erhard und Walter Eucken – schwebten andere soziale Elemente vor als heute führenden Repräsentanten der SPD, der Grünen oder der Linken. Die moralisierende Auseinandersetzung in politischen Scheindebatten verhindert heute die notwendige öffentliche Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des Sozialstaats:

Da auch in einer sozialen Marktwirtschaft Unternehmen Gewinne machen müssen – und dies unter Ressourcenknappheit, Zeitdruck und internationalen Konkurrenzbedingungen –, werden permanente Anpassungen notwendig. Diese können menschlich unerfreuliche Auswirkungen haben und soziale Belastungen zur Folge haben. In einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft werden betroffene Menschen zwar davor bewahrt, in absolute Armut abzustürzen, dennoch erleben sie durch unverschuldete Umstände Nachteile.

Wenn in solchen Situationen „Gefühle des Solidarischen und des Mitleidens mit Verlierern und Schwachen nicht mehr praktiziert werden oder wenn die Empathie für Momente des Versagens, Scheiterns und Verlierens verloren geht, dann führt dies zu oft plötzlich auftretenden inneren Reaktionen wie aggressiven Unruhezuständen, einer lähmenden Apathie und Antriebslosigkeit, zu starken Verlustängsten und Panikattacken oder zu einer depressiven Gefühllosigkeit. Solche oft als Burnout und Erschöpfungssyndrome diagnostizierten Dekompensationen lassen sich sehr wohl als Reaktionen auf gesellschaftlich erzeugte Defekte verstehen“ (Funk 2025).

Auch in einer sozialen Marktwirtschaft hängt das eigene „Selbsterleben“ in unterschiedlichem Maße von der Anerkennung durch andere und vom „Erfolg“ auf dem internen oder externen Personalmarkt ab. Auch soziale Marktwirtschaft ist Markt-Wirtschaft, in der Gefühle von Solidarität oder gar Mitleid nicht Teil des „Unternehmensvertrags“ sind; und auch auf Personalmärkten zählt Leistungsfähigkeit. Das heute in Deutschland etablierte komplexe Sozialsystem kommt wegen der Konkurrenz mit Unternehmen im Ausland, in denen mehr Tage pro Jahr, mehr Stunden pro Woche und zu niedrigeren Löhnen gearbeitet wird, auf absehbare Zeit an seine Grenzen. Moralisierung von Standpunkten und Verweisen auf problematische Einzelfälle mögen der Selbstprofilierung dienen, sie lösen kein einziges Problem.

Eine sozial und ökologisch zukunftsfähige Marktwirtschaft, die im Produktionsprozess anfallende Umwelt- und Sozialkosten nicht externalisiert und an die Gesellschaft oder zukünftige Generationen weitergibt, hilft auch bei der ökologischen Transformation: Wenn die Preise die ökologische Wahrheit sagen, wird über die Preisgestaltung auf den Verbrauch von Gütern mit unerwünschtem ökologischem Fußabdruck Einfluss genommen.

Ich selber verstehe unter einer sozial und ökologisch nachhaltigen Marktwirtschaft auch die strikte Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips, d.h. die Probleme sind möglichst dort zu lösen, wo sie entstehen. Das ist oftmals die kommunale Ebene. An der Basis gibt es keine schwarzen Kästen – alles ist sichtbar und greifbar. Wo man sich gegenseitig kennt, wo man direkt und nicht nur abstrakt mit Problemen konfrontiert ist, wo man betroffenen Menschen in die Augen schauen muss, wo man zu einigermaßen akzeptablen Kompromissen gezwungen ist und bei übertriebener Selbstdarstellung ausgelacht wird, führen Spielchen wie die Moralisierung von Sachfragen und das ablenkende Schaffen von Feindbildern nicht zum Erfolg.

Auf der kommunalen Ebene sind Entscheidungsprozesse auch nicht durch Echokammern gegenseitiger Bestätigung geprägt. Weil man sich lokal nichts vormachen kann und weiß, dass Probleme nicht verschwinden, wenn man sie nur lange genug ignoriert, werden passgenaue Lösungen möglich – auch wenn das eine gewisse Zeit beansprucht. Das ist einer der Gründe, warum ich in vielerlei Hinsicht an eine „Entwicklung von unten“ glaube – „unten“ als Bevölkerungsbasis im Gegensatz zu „oben“ in den Wahrnehmungsblasen der politischen Führungszirkel, die vergessen haben, dass sie eigentlich Diener und Dienerinnen des Volkes sind und nicht dessen Herren und Herrinnen.

Auf der kommunalen Ebene ist es bei guter Führung möglich, über Albert Einsteins Aussage nicht nur nachzudenken, sondern auch die Konsequenzen der gefundenen Einsichten umzusetzen: Einstein war der Ansicht, dass man ein Problem nicht mit derselben Denkweise lösen kann, die es verursacht hat. Für Wahnsinn hielt er, immer wieder dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. In dieser Hinsicht habe ich die große Hoffnung, dass im kommunalen Bereich neue bewährte Verfahren (best practices) entwickelt werden können.

Weil es aber für wünschenswerte Veränderungen nicht generell und abstrakt um „Gesellschaften“ geht, sondern um die Entwicklung eines menschendienlichen „Gesellschaftsvertrags“, gehört zu einer „gesunden“ Gesellschaft neben dem Teilbereich Politik auch kohärentes Handeln und Verhaltens aller anderen gesellschaftlichen Teilsysteme, vor allem Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Medien – aber auch Religion. Die intellektuelle Herausforderung, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, dass es keine einfache Definition im Sinne „Religion ist…“ gibt und daher unterschiedliche Positionierungen. Besonders in schwierigen Zeiten und im Kontext der Polykrise sind Antworten auf die großen Sinn- und Lebensfragen gefordert, die mit Verweis auf ökonomische Rationalität oder politische Sachzwänge nicht zu beantworten sind.

Erich Fromm beschäftigte sich intensiv mit Religion. In seiner von Rainer Funk herausgegebenen Gesamtausgabe ist diesem Thema ein ganzer Band (6) gewidmet. In seinem Aufsatz „Psychoanalyse und Religion“ arbeitet Fromm zunächst mit der Definition des Oxford Dictionary: Religion ist „die Anerkennung einer höheren, unsichtbaren Macht von Seiten des Menschen; einer Macht, die über sein Schicksal bestimmt und Anspruch auf Gehorsam, Verehrung und Anbetung hat“ (Fromm 1950a, GA VI, S. 248). Im Unterschied zur möglichen Auslegung dieser Definition als „autoritäre Religion“, welche Menschen einer jenseitigen Macht unterwirft, die Gehorsam, Verehrung und Anbetung fordert, sieht Fromm jedoch einen Gott, der den Menschen ermächtigt, selbst angemessen zu handeln. Fromm unterstützt die Sichtweise der Mystiker, dass Gott nicht ein Symbol der Macht über Menschen ist, sondern ein Symbol der eigenen Kräfte des Menschen (S. 255). Der Mensch ist aufgerufen

„die Kraft der Vernunft zu entwickeln, um sich selbst, seine Beziehung zum Mitmenschen und seine Stellung im Universum zu verstehen. Er muss die Wahrheit erkennen, sowohl hinsichtlich seiner Grenzen, als auch seiner Möglichkeiten. Er muß seine Kräfte der Liebe für andere, aber auch für sich selbst, zum Wachsen bringen und muß die Solidarität mit allen lebenden Wesen erfahren. Er braucht Prinzipien und Normen, die ihn zu diesem Ziele führen. […] Das Ziel des Menschen in einer humanistischen Religion besteht darin, seine größte Stärke, nicht seine äußerste Ohnmacht zu erreichen. Selbstverwirklichung ist Tugend, nicht Gehorsam. Glaube bedeutet Sicherheit der Überzeugung, die auf jemandes Erfahrung im Denken und Fühlen aufbaut, nicht aber die Annahme von Lehrsätzen, aufgrund der Achtung vor dem, der sie vorgibt. […] Gott ist das Symbol für des Menschen eigene Kräfte, die er in seinem Leben zu verwirklichen sucht“ (S. 249).

Es gibt keine gesellschaftlichen oder kulturellen Rahmenbedingungen, in denen Menschen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach einer Rückbindung an verbindliche Werte, nach der Verbundenheit mit einer Gemeinschaft oder dem Wesen einer letzten Instanz für Rechenschaftspflicht allein durch ökonomische Anreize und juristische Kriterien beantworten können. Materieller Reichtum und Macht über Menschen können erfahrungsgemäß mit seelischer Armut und geistiger Leere einhergehen.

Die Gesellschaft ist auf Normenstiftung und Sinngebung angewiesen, die die gesellschaftlichen Teilsysteme Politik, Wissenschaft und Wirtschaft nicht geben können. Gerade im Kontext der Nachhaltigen Entwicklung, wo u.U. persönlicher Verzicht zugunsten eines abstrakten größeren Ganzen geübt werden soll, gewinnt Rückbesinnung an Unantastbares, Überschreiten der Grenzen menschlicher Erfahrung (Transzendenz) und der Glaube an für den Menschen „Heiliges“ an Bedeutung.

Das Bewusstsein, dass Menschen von der Ganzheitlichkeit der Schöpfung und von der Unversehrtheit unseres „gemeinsamen Hauses“ abhängen (Enzyklika Laudato Si‘), verändert das Verständnis dessen, was auf dem Spiel steht, und damit auch die Regeln des ‚Spiels‘. Die Bedeutung von „Geschwisterlichkeit“ und sozialer Freundschaft in Erinnerung zu rufen (Enzyklika Fratelli Tutti), um anderen ein Leben in Würde zu ermöglichen, gibt Denkanstöße und Ermutigungen, die säkulare Institutionen nicht geben können (Leisinger 2005; 2018). Das steigende Ausmaß der religiösen Indifferenz im Christentum mag viele Gründe haben – „wo aber nichts fehlt, wo Gott fehlt“ (Loffeld 2024), geht in modernen Gesellschaften etwas verloren, das durch ein Mehr an Materiellem oder esoterische Ratgeber nicht kompensiert werden kann.

Neue Probleme mit neuen Komplexitäten und Dimensionen erfordern neue Koalitionen zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Voraussetzung für Erfolg ist, dass die jeweiligen Repräsentanten sich überwiegend der Sache verpflichtet fühlen und nicht parteitaktischen oder kurzfristigen ökonomischen Vorteilen. Das wiederum bedeutet, dass die mit den verschiedenen Lösungsansätzen verbundenen Dilemmata in den Mittelpunkt des Diskurses treten müssen – in der Polykrise wird einem nichts geschenkt. Heuchlerische Moralisierung von Sachfragen und Skandalisierung hetzen auf und schaffen Feindbilder, die Politik nur vortäuschen, kein einziges Problem lösen und viele Lösungen erschweren.

Erich Fromm hat vor Vielem, was uns heute negativ berührt, schon vor fünfzig Jahren in seinem Buch Haben oder Sein aufmerksam gemacht (Fromm 1976a). Er warnt vor gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die durch ungebremstes (materielles!) wirtschaftliches Wachstum und der damit einhergehenden Umweltbelastung geprägt sind, in denen Menschen ihre persönlichen Frustrationen mit Konsum kompensieren und Einkommens- und Vermögensdisparitäten Jahr um Jahr steigen, wie Oxfam das wieder eindrucksvoll belegt (Oxfam 2026).

Ein Gesellschaftssystem, das auf der Annahme fußt, dass – wie in Mandevilles Bienenfabel – der hemmungslos ausgelebte Egoismus der Einzelnen den allgemeinen Wohlstand fördert, mache, so Fromm, die Menschen krank. Der Existenzweise des Strebens nach persönlichem, materiellem Besitz – „Haben“ – stellt Fromm eine Existenzweise des „Seins“ gegenüber, die sich durch Unabhängigkeit, persönliche Freiheit und kritische Vernunft auszeichnet. Er fordert im Rahmen von politischen und gesellschaftlichen Aktionen eine „geistige Erneuerung“ – eine „Wiedererweckung von Mitgefühl, Liebe und einem Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit angesichts der politischen, sozialen und kulturellen Situation in der heutigen Industriegesellschaft, sowie ein Handeln, das von diesen Werten bestimmt wird“ (Fromm 1968a, GA IV, S. 363). Dem ist auch heute außer dem Aspekt der Zukunftsfähigkeit nichts hinzuzufügen.

Fromms Menschenbild

Obwohl jeder von uns ein einzigartiges Individuum und somit anders als alle anderen ist, teilen wir dieselbe Würde, dasselbe Bedürfnis nach Respekt und Anerkennung und dieselben Grundrechte – allerdings auch die damit verbundenen Pflichten. Gleichheit besteht auch insofern, als jeder Mensch (im Sinne Kants) Selbstzweck ist und nicht Mittel, um die Zwecke anderer zu erreichen. Schließlich haben alle Menschen ein Bedürfnis nach Bezogenheit, nach Verbindung mit anderen Menschen (Fromm 1959b). Als Menschen und Gemeinschaften haben wir – unabhängig von Kultur, Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder Nationalität – viel mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes. Der Kern aller Religionen enthält vergleichbare Moralvorstellungen für ein gedeihliches gesellschaftliches Miteinander (Küng 2018).

Dies macht zunächst einmal Mut für die Entwicklung eines Gefühls der Schicksalsgemeinschaft und damit Hoffnung auf gemeinsame Lösungen globaler Probleme.

Generalisierende Aussagen „zum Menschen an sich“ sind allerdings angesichts der Komplexität und Vielfalt menschlicher Charakteristika nur auf hohem abstraktem Niveau möglich. Dies mit einer wichtigen Ausnahme: Das theoretische Konstrukt des homo oeconomicus ist unterkomplex und wird dem Sozialwesen Mensch nicht gerecht: Seelisch gesunde Menschen denken nicht ausschließlich wirtschaftlich, wägen nicht permanent Nutzen und Kosten gegeneinander ab, handeln nicht uneingeschränkt rational und ausschließlich nutzenmaximierend. Sie handeln zwar oft rational und orientieren sich an wirtschaftlichen Kriterien, viele Menschen wollen jedoch auch – wenn auch in unterschiedlichem Maße – „Gutes“ tun, großzügig und altruistisch sein und mit anderen für gute Zwecke zusammenarbeiten (World Values Survey 2024).

Erich Fromm anerkennt das menschliche Bedürfnis nach Vollkommenheit, Erlösung, Erleuchtung sowie nach Einheit und Harmonie als wichtiges Element für die Diskussion von gesellschaftlichen Veränderungen. Er sieht auch die Fähigkeit zu schöpferischem und kritischem Denken und zu differenzierten emotionalen und sinnlichen Erfahrungen (Fromm 1941a, GA I, S. 288). In seinem Menschenbild haben alle Menschen in allen beruflichen und privaten Bereichen Handlungsspielräume, die sie für Wünschenswertes nutzen können. Institutionelle Faktoren mögen zwar die persönliche Entfaltung einengen, aber niemand könne sich hinter Institutionen verstecken. Ob diese Freiheit im Einklang mit den Normen eines humanistischen Ethos genutzt wird, hängt vom Charakter der betreffenden Menschen ab.

Im vorliegenden Zusammenhang der Polykrise ist Fromms Optimismus von großer motivationaler Bedeutung: Der Mensch ist „ein Lebewesen, das in einem fortdauernden Entwicklungsprozess begriffen ist. Zu jedem Punkt seines Lebens ist er noch nicht das, was er sein kann und was er möglicherweise werden kann“ (Fromm 1983d, GA XI, S. 601). Aber er ist imstande, das Menschenmögliche auch zu tun. Die Entscheidung liegt jederzeit bei jedem von uns, denn:

„Mann und Frau sind mit Vernunft begabt, und die Funktion der Vernunft besteht darin, die Wahrheit zu erkennen. Die Vernunft der Menschen befähigt sie, ethische Normen für eine gute Lebensführung aufzustellen. Menschen haben „die Fähigkeit zu unterscheiden und Werturteile zu entwickeln, die genauso gültig sind wie alle anderen Urteile, die sich aus der Vernunft herleiten. Die große Tradition des humanistischen ethischen Denkens hat die Grundlage für Wertsysteme geschaffen, die auf der menschlichen Autonomie und Vernunft beruhen“ (Fromm 1947a, GA II, S. 8).

Ob Menschen sich moralisch verantwortlich fühlen und – was im vorliegenden Kontext von besonderer Bedeutung ist – über vorhandene rechtliche Verpflichtungen hinaus angemessen handeln wollen, ist das Ergebnis der individuellen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Sozialisation. Die Erfahrung zeige allerdings, so meint Erich Fromm, „dass viele Menschen, verblendet von Gier und Eitelkeit, nicht rational handeln“ (Fromm 1983d, GA XI, S. 601). In diesen Charakterunterschieden sieht Fromm die eigentlichen Probleme der Ethik (Fromm 1964a, GA II, S. 47).

Zuletzt und im vorliegenden Zusammenhang der Polykrise am wichtigsten: Da der Mensch „das einzig vernunftbegabte Geschöpf“ ist, kann er „dank seines Verstehens aktiven Anteil an seinem eigenen Geschick nehmen und jene Elemente festigen, die zum Guten und dessen Verwirklichung hinstreben. Er ist das einzige Geschöpf, das ein Gewissen hat. Sein Gewissen ist die Stimme, die ihn zu sich selbst zurückruft. Sie teilt ihm mit, was er tun sollte, um er selbst zu werden und hilft ihm, sich seiner Lebensziele und der für die Erreichung dieser Ziele unumgänglichen Normen bewusst zu bleiben.

Wir sind daher keine hilflosen Opfer unserer Verhältnisse; wir sind tatsächlich imstande, Kräfte in uns und außerhalb von uns selbst zu ändern und zu lenken und, zumindest bis zu einem gewissen Grade, die Bedingungen zu beeinflussen, die auf uns einwirken. Wir können auch jene Bedingungen begünstigen und verbessern, die das Streben nach dem Guten entwickeln und dessen Verwirklichung herbeiführen“ (Fromm 1947a, GA II, S. 46 f.).

In dieser Hinsicht hat sich seit Fromms Publikationen etwas bewegt: Zwei der einflussreichsten ökonomischen Institutionen der Welt messen dem Faktor Mensch ein zunehmend hohes Gewicht für die Lösung problematischer Sachverhalte zu:

Die Weltbank widmete schon 2015 eine ganze Ausgabe ihres jährlichen Weltentwicklungsberichts der Bedeutung menschlichen Denk- und Verhaltensweisen (World Bank 2025). Die Hauptbotschaft des Berichts war, dass menschliche Entscheidungsfindung und Verhalten nicht nur von ökonomischen und technischen, sondern in hohem Maße von psychologischen, sozialen und kulturellen Einflüssen abhängen. Diese könne man herausfinden und entwicklungspolitisch nutzen – zusätzlich zu staatlichen Lenkungsabgaben und Subventionen. Ein den Spezifika der jeweiligen Zielbevölkerung angepasstes „Marketing“ (Informationen über sichtbare und greifbare Vorteile veränderten Verhaltens und Nutzung eingelebter sozialer Normen) trage in erheblichem Maße dazu bei, entwicklungspolitische Ziele zu erreichen. Entwicklungspolitik (auch im Sinne der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, KML) müsse daher neugestaltet werden und auf einer sorgfältigen Berücksichtigung menschlicher Faktoren basieren. Bisher im entwicklungspolitischen Bereich kaum benutzte Wissenschaftsdisziplinen (Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaften, Psychologie, Verhaltensökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft und Anthropologie) können individuelles Handeln und Verhalten und letztlich auch kollektive Verhaltensweisen (z.B. verbreitetes Vertrauen) positiv verändern.

Der Internationale Währungsfonds hob in seiner Dezember 2025 die unersetzliche Rolle gut ausgebildeter Menschen für gesellschaftliche Veränderungen hervor: Neugier, kritisches Denken und selbstreguliertes, kreatives Handeln sei im Zeitalter künstlicher Intelligenz wichtiger denn je. Künstliche Intelligenz mag in der Lage sein, alte und elektronisch zugängliche Daten neu zu ordnen oder zusammenzufassen, sie kann jedoch nicht berücksichtigen, was von Menschen aus veränderten Rahmenbedingungen neu entwickelt wird. Und nur weil wir es uns aus heutiger Sicht nicht vorstellen können, heißt das nicht, dass es nicht passieren wird. Stellen Sie sich vor, unsere Ur-Ur-Großeltern hätten versucht, sich vorzustellen, was Google oder KI heute leisten (Pena und IMF 2025).

Liebe im Sinne der Ehrfurcht vor Menschen und Natur

Der Teil des menschlichen Entwicklungsprozesses, der Fromm am wichtigsten war, ist das Erlernen der Kunst des Liebens. Erich Fromm definiert Liebe als Kunst, die man mit Disziplin, Konzentration, Geduld und Vernunft lernen kann (Fromm 1956a, GA IX, S. 439). Im Alltag mit dem Begriff Liebe zu argumentieren ist allerdings erklärungsbedürftig, denn er gehört weder zum üblichen Politik-Vokabular noch zur gängigen Managementsprache. Im privaten Kontext löst er assoziative Verkettungen aus, die im vorliegenden Kontext nicht unbedingt zielführend sind. Erich Fromm war sich dessen bewusst und dekonstruierte den Begriff in vier Grundelemente: Fürsorge für den anderen, Verantwortungsgefühl für den anderen, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis. Ich möchte in abgeänderter Reihenfolge auf diese verschiedenen Elemente eingehen und ihre Bedeutung für Lösungen in Zeiten der Polykrise hervorheben.

Erkenntnis

Erich Fromm betrachtet Erkennen als einen integralen Bestandteil der Liebe. In Bezug auf praktisch alle Elemente der Polykrise bestehen keine Wissenslücken, jedoch irritierende Umsetzungsdefizite. Für mich ist daher Erkenntnis – auch die Erkenntnis in Bezug auf die Brisanz und Tragweite vorhandenen Wissens sowie der immensen Kosten mangelnder Umsetzung – der wichtigste Aspekt der Frommschen Definition von Liebe: Nur in dem Maße wie wir die Implikationen von vorhandenem Wissen erkennen, können wir Prioritäten und Handlungsnotwendigkeiten anerkennen. Und nur was wir prioritär als Handlungsnotwendigkeit anerkennen, kommt in unser Entscheidungsportfolio. Wer trotz aller vorliegenden wissenschaftlichen Fakten nicht zu erkennen vermag, dass es eine menschengemachten Klimaveränderung gibt, sieht auch keinen Anlass, problemadäquat zu handeln.

Selbsterkenntnis spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Sie setzt voraus, dass eine Person sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen, Talente und Kompetenzen, Vorurteile und blinden Flecken nüchtern bewusst ist (Fromm 1956a, GA IX, S. 456 f.). Wir Menschen neigen dazu, unsere intellektuellen, sozialen und sonstigen Fähigkeiten positiver einzuschätzen, als es rational gerechtfertigt wäre. Die US-amerikanischen Psychologen David Dunning und Justin Kruger sehen Anzeichen für einen Teufelskreis: Je begrenzter die Intelligenz und das Wissen von Menschen ist, desto weniger können sie erkennen, wie begrenzt ihre Intelligenz und ihr Wissen tatsächlich ist (Kruger und Dunning 1999). Was die Bereitschaft zur Beratung und zum Dialog mit Andersdenkenden angeht, so kann die Notwendigkeit, die eigenen Schwächen zu erkennen, aus einem einfachen Grund nicht genug betont werden: Persönliche Schwächen, insbesondere blinde Flecken, lassen sich nur im Dialog mit anderen aufdecken.

Erkenntnis ist nur dann möglich, „wenn ich die Sorge um mich selbst überwinden und den anderen in seinen eigenen Begriffen sehen kann“, das heißt, ohne den Filter des Eigeninteresses, von Nutzenüberlegungen, Vorurteilen oder vorgegebener hierarchischer Strukturen. Zählt man in der heutigen Zeit zu den „Anderen“ auch die Menschen zukünftiger Generationen, so kommt die Dimension der Erkenntnis und des Wissens hinzu, die heute nicht in ausreichendem Maße erkannt, geschweige denn berücksichtigt ist.

Es wäre eine Überforderung, dass Menschen, deren Entscheidungen Auswirkungen auf andere haben, über alle komplexen Probleme, die sich in ihrer Einflusssphäre stellen, über umfassendes Wissen verfügen. Das kann aber keine Ausrede sein: Menschen in herausgehobener Verantwortung sind in der Lage, sich notwendiges Wissen von Experten zu besorgen und sich mit unterschiedlichen Bewertungen gemeinsam anerkannter Fakten dialogisch auseinander zu setzen.

Noch ein letzter wichtiger Aspekt ist die Erkenntnis, dass jeder von uns dazu neigt, seine eigene, spezifische Realität zu konstruieren – die entsprechende erkenntnistheoretische Denkschule heißt deshalb auch Konstruktivismus (Watzlawick 1981): Was wir persönlich als objektive Wahrheit betrachten, ist meist lediglich das Ergebnis unserer subjektiven, selektiven Annahmen, die auf unserem spezifischen kulturellen Erbe, unserer Sozialisation, unserer Weltanschauung, unseren Wertvorstellungen und Interessen sowie auf unserem individuellen Charakter und Wesen beruhen. Da Menschen verschieden sind, entstehen viele verschiedene Wirklichkeitsvorstellungen. Wir alle betrachten unsere persönliche Realität als die einzig „wahre Realität“ (Watzlawick 1983; 1985; 1995).

Die persönliche Wahrnehmung dieser „wahren Realität“ bestimmt die Beurteilung eines bestimmten Sachverhalts entweder als Problem oder Chance, als Bedrohung oder Unterstützung. Vor diesem Hintergrund finden unterschiedliche Sachverhalte unterschiedliches Interesse. Entscheidungen zu Problemlösungen erfolgen im Einklang mit dem besten Wissen und den besten Überzeugungen des Einzelnen – jedoch allzu oft, ohne sich der Beschränktheit der eigenen Vorstellungen bewusst zu sein (Watzlawick 1985). Erich Fromm arbeitete mit einer vergleichbaren Hypothese: Für ihn konstruieren die Menschen „ein allumfassendes mentales Bild der Welt, das als Bezugsrahmen dient, aus dem sie eine Antwort auf die Frage ableiten können, wo sie stehen und was sie tun sollen“ (Fromm 1947a, GA II, S. 46 f.).

Nach meiner Überzeugung gehört auch das Hinterfragen von gängigen Annahmen aller Art („challenging assumptions“) zum Gewinnen bzw. Anreichern von Erkenntnis (Laguerre 2023). Individuelle und kollektive Annahmen in Entscheidungsprozessen basieren meist auf Erfahrungen in der Vergangenheit, auf konventionellen, aber in Wirklichkeit vielleicht überholten Annahmen. Alle heute offenbar werdenden Elemente der Polykrise sind durch Denk-, Handlungs- und Verhaltensweisen entstanden, die im Lichte heutigen Wissens der Revision bedürfen. Eine daraus resultierende Pflicht ist, diese Einsicht auch allgemein verständlich zu kommunizieren.

Achtung vor Anderen und Respekt vor dem Anderssein

Erich Fromm beschreibt Achtung vor anderen als die Fähigkeit, „jemanden so zu sehen, wie er ist, und seine einzigartige Individualität wahrzunehmen. Achtung bezieht sich darauf, dass man ein echtes Interesse daran hat, dass der andere wachsen und sich entfalten kann.“ (Fromm 1956a, GA IX, S. 456).

Da der liebe Gott in seiner unendlichen Großzügigkeit eine große Bandbreite an Charakteren und Persönlichkeiten geschaffen hat, stellt dies oft eine große menschliche Herausforderung dar. Mit dieser Herausforderung zielführend und menschenfreundlich umzugehen ist allerdings Aufgabe von Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft – auch in Situationen wie dem Krieg Russlands mit der Ukraine. Andere zu „verstehen“ bedeutet ja nicht, ihre Positionen gut zu heißen. Kriege werden selten auf dem Schlachtfeld beendet. Ohne Dialog ist gegenseitiges Verstehen nicht möglich; ohne Verstehen der gegenseitigen Interessen und potentiellen Interessenausgleich ist keine Friedensarchitektur absehbar. Das Abbrechen von Gesprächen in Politik und Gesellschaft schiebt mögliche Lösungen hinaus und verursacht unnötiges menschliches Leid. Fromms Gedanken zur Strategie des Friedens liegen vor, sie finden in der gegenwärtigen Zeit leider keine Beachtung (Fromm 2025a, S. 139 ff, aber auch schon Kant 1795 / 1991, S. 194-251).

Achtung vor den Mitmenschen im Sinne Erich Fromms versus sich ausschließlich rechtskonform zu verhalten, sind nicht nur zwei Möglichkeiten, Respekt vor den Rechten und der Würde der Anderen zu zeigen, sondern zwei völlig unterschiedliche Dimensionen des Denkens und Handelns:

Sich an geltendes Recht zu halten, bedeutet, nichts zu tun, was verboten ist. Respekt vor anderen setzt die innere Überzeugung voraus, jede Form von Unrecht zu vermeiden, d.h. ungleiche Behandlung und die Verweigerung von Chancengleichheit aufgrund von Rasse, ethnischer Herkunft, Alter, Behinderung, Religion, Weltanschauung oder sexueller Orientierung. Schon der ganz gewöhnliche Anstand, geschweige denn wohlwollende Freundlichkeit lassen sich nicht durch Befehl und Kontrolle in eine institutionelle Kultur einführen. Für Lösungen im Kontext der Polykrise sind Führungskräfte erforderlich, die Widerspruch aushalten, proklamierte Werte überzeugend vorleben und sich einem lebenslangen Lernen im Sinne von Menschlichkeit verschrieben haben (Tu Weiming 2020).

Regeln ersetzen weder Urteilsvermögen noch einen guten Umgang mit Menschen. Ein Bericht von Ernst & Young weist in diesem Zusammenhang auf eine interessante praktische Erkenntnis hin: „Geopolitische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen bedeuten, dass traditionelle Compliance-Rahmenwerke auf Annahmen beruhen können, die nicht mehr gültig sind“ (Ernst & Young 2017). Challenging assumptions wird so zur Tugend in Politik und Wirtschaft.

Integre Führungspersönlichkeiten entwickeln in schwierigen Situationen moralische Vorstellungskraft (moral imagination). Dieses von Patricia Werhane entwickelte Konzept ist in der Polykrise von größter Bedeutung (Werhane 1999; 2026). Mit moralischer Vorstellungskraft werden Führungskräfte, deren Entscheidungen Auswirkungen auf andere haben, in ihrem Entscheidungsprozess für ethische Fragen sensibilisiert. Sie verspüren eine Art moralische Sorgfaltspflicht, Bereiche zu identifizieren, in denen Menschen potenziell von Entscheidungen anderer negativ betroffen sein könnten. Moralische Vorstellungskraft

„beinhaltet die Fähigkeit, den Kontext oder eine Reihe von Aktivitäten aus verschiedenen Perspektiven zu verstehen, die Verwirklichung neuer, nicht kontextabhängiger Möglichkeiten und die Einleitung des Prozesses, diese Möglichkeiten aus einer rationalen und moralischen Sicht zu bewerten“ (Werhane und Bevan 2026, S. 2).

Bei den meisten Entscheidungen findet man mit moralischer Vorstellungskraft einen besseren, mit weniger persönlichen Kollateralschäden belasteten Weg.

Im wirtschaftlichen und politischen Alltag beinhaltet Respekt vor anderen selbstverständlich auch den respektvollen Umgang von Vorgesetzten mit ihren organisatorisch – nicht im Sinne ihrer Würde und ihres Wertes als Mitmenschen – Untergebenen. Personen, deren Entscheidungen das Leben anderer beeinflussen, die aber nicht zumindest nach der Goldenen Regel handeln, geschweige denn Situationsethik anwenden können (Fletcher 1966), sollten keine Führungsposition bekleiden.

„Respekt vor anderen“ ist nicht nur im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen von großer Bedeutung, sondern auch im Kontext internationaler Strategien für nachhaltige Entwicklung: Es geht darum, nicht immer auf direkte Gegenseitigkeit von Leistungen zu bestehen, sondern zusätzlich, wenn möglich und hilfreich, auch etwas der Problemerkenntnis Angemessenes für andere zu tun, ohne eine unmittelbare, persönliche Gegenleistung zu erwarten. Handeln ohne absehbaren persönlichen, politischen oder unternehmerischen return-on-investment zu erwarten, ist wegen der heute üblichen Anreizsysteme nur in seltenen Ausnahmefällen Teil politischen oder Management-Mainstream-Denkens. 

Der respektvolle Umgang mit kulturell bedingten Handlungs- und Verhaltensweisen, die beispielsweise in der Heimat von Migranten üblich sind, bei uns aber gegen den Geist des Grundgesetzes verstoßen, ist eine große Herausforderung. Die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Mädchen sowie deren gleichberechtigte Chancen auf persönliche Entfaltung ist ein Beispiel in dieser Hinsicht. Bei allem Respekt für andere Kulturen und Wertekonstellationen: Die Grenze der Toleranz, die nicht überschritten werden darf, ist durch unser Grundgesetz festgeschrieben. Darauf muss respektvoll, aber konsequent bestanden werden.

Das Management solcher Situationen erfordert alle grundlegenden Elemente der Liebe im Sinne Erich Fromms: Erkenntnis und Wissen, Achtung vor Anderen und Respekt vor dem Anderssein, Verantwortung für Andere und Fürsorge: „Achtung vor einem anderen ist nicht möglich ohne ein wirkliches Kennen des anderen. Fürsorge und Verantwortungsgefühl für einen anderen wären blind, wenn sie nicht von Erkenntnis geleitet würden.“ (Fromm 1956a, GA IX, S. 457).

Verantwortung für Andere

Für Erich Fromm ist Verantwortung „etwas völlig Freiwilliges; es ist meine Antwort auf die ausgesprochenen oder auch unausgesprochenen Bedürfnisse eines anderen menschlichen Wesens. Sich für jemanden ‹verantwortlich› zu fühlen, heißt fähig und bereit sein zu ‹antworten›.“ (Fromm 1956a, GA IX, S. 456). Verantwortungsbewusste Führungspersönlichkeiten versuchen, Entscheidungen zu treffen, die berechtigte Interessen der davon betroffenen Menschen berücksichtigen. Sie geben nach bestem Wissen und Gewissen Antwort auf die sich im Entscheidungsprozess stellenden Fragen. Der gute Wille und die Fähigkeit zum Dialog mit Anspruchsgruppen ermöglichen die Antizipation möglicher Probleme, die andere Menschen bereits im Blick haben. Ohne Dialoge wären diese nicht auf ihrem Radar.

Die gesamte Literatur zum Thema Stakeholder (Freeman et al. 2010) ließe sich unter Erkennen, Achtung und Verantwortung in Bezug auf Erwartungen, Ängste und Bedenken anderer zusammenfassen. Was Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft über die gesetzlichen Regelungen hinaus als ihre Verantwortung ansehen, hängt von ihrem Wissen, ihrer moralischen Vorstellungskraft sowie von ihrem Entscheidungsspielraum innerhalb der verfügbaren Ressourcen ab.

Durch die Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Mittel ist es angesichts der heute riesigen Erwartungen an Politik und Wirtschaft nicht möglich, alles Wünschbare zu ermöglichen. Daher führt nicht jede Erwartung oder Forderung an eine Institution oder Führungsperson zu einer Leistungspflicht. Eine angemessene „Antwort“ kann auch die Erklärung der Gründe für die Ablehnung einer Forderung sein; keine Antwort zu geben ist ein Mangel an Achtung vor anderen. Antwort zu geben, auch wenn einem die Fragen nicht behagen, ist eine Frage des Respekts vor anderen und für anständige Menschen eine Selbstverständlichkeit. Darum ist es irritierend, dass, wie die FAZ am 31. Januar 2026 berichtete, der Vatikan Briefe im Kontext des Synodalen Reformwegs der deutschen Katholiken nicht beantwortet. Das ist eine höchst unchristliche Respektlosigkeit.

Wer führen will, muss mit einem klaren inneren Kompass seine Position begründen können. Wer Sinn stiften will, muss das Warum und das Wie und nicht nur das Was erklären (HHL 2018). Verantwortung für andere ist daher keine nette Zusatzleistung von Verantwortungsträgern, deren Entscheidungen Einfluss auf das Leben anderer haben, sondern gute Führungspraxis. Wenn man das Warum? einer Entscheidung und Handlung erklären kann, kennt man den spezifischen Kontext, indem sich das Handeln abspielt. Diese Kenntnis ermöglicht Entscheidungen über Ziele und Prioritäten des Handelns – inklusive der Möglichkeiten und Grenzen der Fürsorge für Andere.

Fürsorge für Andere

Der Begriff „Fürsorge“ wird im unternehmerischen Kontext üblicherweise mit „Due Diligence“ gleichgesetzt, also mit einer „im geschäftlichen Handeln erforderlichen Sorgfalt“. Dies umfasst Bemühungen zur Vermeidung von Risiken und unerlaubten Handlungen. Neben den üblichen rechtlichen, ökologischen, menschenrechtsbezogenen und anderen Risiken berücksichtigen verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft auch Risiken, die aus mangelnder oder gar schwindender gesellschaftlichen Akzeptanz resultieren können. Der Begriff due diligence wird zwar im politischen Bereich nicht angewandt – sollte es aber, damit auch ideologisch geprägte Entscheidungsträger unerwartete „Nebenwirkungen“ politischer Entscheidungen eher voraussehen und damit vermeiden können. Damit würden erhebliche unnötige Kosten zu Lasten der Steuerzahler vermieden.

Im politischen Bereich legt der Begriff „Fürsorge“ eine Assoziation zu Handeln zugunsten ärmerer Schichten nahe. Das ist Teil dessen, was Erich Fromm unter Fürsorge verstand, geht aber weit darüber hinaus. Es geht Fromm um das aktive Bemühen,

  • die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und ernst zu nehmen;
  • ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihre Werte sowie ihr Selbstbewusstsein zu fördern;
  • Begeisterung für eine gemeinsame Vision zu wecken;
  • empathisch, respektvoll und fähig zu sein, die Beiträge anderer Menschen für das Erreichen gemeinsamer Ziele anzuerkennen.

Was idealistisch klingt, kann in der politischen und wirtschaftlichen Praxis große positive Bedeutung haben:

Das Gefühl von Menschen, verstanden, wertgeschätzt und in ihrer Entwicklung unterstützt zu werden, ist nicht nur intrinsisch gut, es steht auch in einem klaren und messbaren Zusammenhang mit der Zufriedenheit und Leistungsmotivation der Menschen. Wenn Menschen die Möglichkeit haben, ihren Werten im beruflichen Umfeld treu zu bleiben, sind sie glücklicher, geistig und körperlich gesünder und auch deutlich produktiver, als wenn sie sich in ihrem Spielraum für freies kritisches Denken und Handeln eingeschränkt fühlen (Leisinger 2018a, S.138f).

Wenn Menschen das Gefühl haben, der gesellschaftliche Subsektor Politik bestehe nicht aus in einer privilegierten Blase lebender abgehobenen und mit Steuergeldern finanzierten selbstreferentiellen Selbstdarstellern, sondern aus Menschen, die sich nach bestem Wissen und Gewissen um die Probleme unseres Landes kümmern, sind sie eher zu Verhaltensveränderungen im Sinne besserer Nachhaltigkeit bereit und verspüren weniger Groll.

Führung durch Angst, wie sich das gegenwärtig im internationalen Politikbereich einzuschleichen scheint, funktioniert mittel- und langfristig weder in Politik noch in der Wirtschaft. Diese Art der Führung ist ein sicheres Zeichen für schwache Führung und Inkompetenz. Wo man das „Warum? einer Entscheidung nicht allgemein verständlich erklären und dafür Unterstützung mobilisieren kann, werden Vertrauen, Loyalität und der Leistungswille der wertvollsten Ressource eines Landes zerstört: der eigenen Bevölkerung.

Von der Praxis losgelöste Einsicht ist wirkungslos (Fromm 1976a, GA II, S. 390)

Im Jahre 1968 stellte Fromm die auch hier und heute entscheidende Frage „Können wir es schaffen?“ (Fromm 1968a). Lässt sich die erforderliche geistige Erneuerung von einer Existenzweise des „Habens“ zu einer des „Seins“ im Rahmen der gegenwärtigen Machtverhältnisse angesichts der heutigen öffentlichen Meinung und verbreiteten Denkweise mit demokratischen Mitteln verwirklichen? Ist es realistisch zu erwarten, was Friedrich Dürrenmatt in Bezug auf den kollektiven rationalen Umgang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Menschheit formulierte: „Was alle angeht, können nur alle lösen“ (Dürrenmatt 1962)? Oder ist das alles Wunschdenken und idealistische Träumerei?

Es mag ja sein, dass wir es heute in Deutschland auch mit einem Paradoxon zu tun haben, das Alexis de Tocqueville vor fast 200 Jahren für die damals noch jungen Vereinigten Staaten beschrieben hat (Tocqueville 1835/1987): Seiner Ansicht nach führe (in den damaligen USA) sozialer Fortschritt, der objektiv eine Verringerung der sozialen Ungleichheit zur Folge hat, paradoxerweise zu einem wachsenden und verfeinerten Anspruchsniveau. Dies wiederum rufe Empörung hervor, da die verbleibenden Ungleichheiten als „vom Menschen verursacht” angesehen werden. Was jedoch die globalen Elemente der Polykrise angeht, so haben wir es heute mit einer historisch neuen und komplexeren Größenordnung zu tun.

Fromm war seinerzeit (1968a, GA IV, S. 368 ff.) unter bestimmten Voraussetzungen hoffnungsvoll, wenn

  • die Mittelklasse durch ihren materiellen Wohlstand die Erfahrung macht, dass mehr Konsum kein Weg zur Glückseligkeit ist (die World Happiness Reports der verschiedenen Jahre belegen tatsächlich eine abnehmende Korrelation von „mehr Einkommen“ und „mehr Glücksempfinden“);
  • das höhere Bildungsniveau der Mittelklasse diese mit neuen Ideen in Berührung bringt und sie aufgeschlossen macht für vernünftige Argumente (auch dafür gibt es wissenschaftliche Hinweise, siehe OECD 2017:11);
  • die „Macht der Ideen“ wirksam wird und die Menschen dadurch aktiv zu denken beginnen, neue Einsichten gewinnen und wachsende Verantwortungsbereitschaft zeigen. Als Hinweise darauf könnte man ein steigendes Bewusstsein für umweltpolitische Sachverhalte anführen sowie politische Bemühungen, diesen gerecht zu werden.

Wo sich im Hinblick auf solche Veränderungen Menschen zu Gruppen organisieren und Impulse weiterentwickeln und konkretisieren, werden diese, so Fromms Hoffnung, einen „neuen, unsentimentalen, realistischen, ehrlichen, mutigen und aktiven Lebensstil“ entwickeln. Was die Möglichkeiten kleiner Gruppen betrifft, so argumentiert Fromm ähnlich wie Margaret Mead:

„[…] wichtige Bewegungen [haben] stets in kleinen Gruppen ihren Anfang genommen […]. Gruppen, die eine Idee in voller Reinheit und ohne Kompromisse vertreten, [sind] die Saatbeete der Geschichte.“ (Fromm 1968a, GA IV, S. 373)

Man könnte angesichts des heute vorhandenen Wissens über die Komplexität der Polykrise und der daraus entstehenden gesellschaftlichen Empfindungen (Groll und Rückzug ins vertraute Milieu) resignieren, wodurch allerdings die Probleme verschärft würden. Fatalismus ist also keine Option. Es ist stattdessen unsere Pflicht als Bürger, darauf zu verweisen, dass wir heute als „menschliche Schicksalsgemeinschaft“ über mehr Wissen, über höhere Rechenkapazitäten und intensiveren wissenschaftlichen und technologischen Austausch verfügen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Neue Erkenntnisse in der Physik (z.B. Quantencomputer), in der Biologie (Gen-Editing Technologien wie z.B. CRISPR-Cas9), in der Informationstechnologie (z.B. künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen), in der Umwelttechnologie (z.B. erneuerbare Energien) oder in der Medizin (z.B. mRNA-Impfstoffe und -Medikamente) erweitern die global verfügbaren Lösungsportfolios und machen Probleme lösbar, die bis anhin unlösbar schienen.

Erich Fromm vertrat die Position eines „rationalen Glaubens an die Fähigkeit des Menschen, sich aus dem scheinbar verhängnisvollen Netz der Umstände, das er selbst geschaffen hat, zu befreien“ (Fromm 1973a, GA VII, S. 397). Dem kann heute mit Verweis auf empirisch Messbares zugestimmt werden: Die Weltgemeinschaft als Ganzes machte in den letzten hundert Jahren historisch einmalige Fortschritte bei den Lebensumständen. Alle verfügbaren Statistiken zeigen, dass heute überall auf der Welt Menschen länger leben als nur schon vor fünfzig Jahren. Sie sind gesünder, haben besseren Zugang zu Bildung und sanitären Dienstleistungen. Absolute Armut als Massenphänomen ist um mehr als zwei Drittel gesunken. Die physische Lebensqualität von 450 Millionen Menschen in Europa verbessert sich seit vielen Jahren stetig – was messbar ist durch einen multidimensionalen Indikator, der materielle Lebensbedingungen, Arbeitsbedingungen, Gesundheit, Bildung, wirtschaftliche und physische Sicherheit, Umwelt sowie Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte zu einem selbst definierten Gesamtlebensgefühl zusammenfasst (Eurostat 2026). Das McKinsey Global Institute (2026) untersuchte die Rahmenbedingungen für die in den vergangenen hundert Jahren erreichten Fortschritte und zeigt, dass kluge, innovationsfördernde Politik und fortschreitende technologische Innovation den kommenden Generationen eine hohe Lebensqualität ermöglicht, ohne die planetarischen Grenzen zu überschreiten und die Umwelt nachhaltig zu schädigen. Voraussetzungen dafür sind eine andere Sicht der Dinge, die Überwindung von Hindernissen, die heute technischer Innovation im Wege stehen sowie Optimismus statt Weltuntergangsstimmung („new narrative“).

Ich bin von den überwiegend positiven Auswirkungen von fortgeschrittenem Wissen und Technologie überzeugt, ohne einem blinden Optimismus zu verfallen: Ja, es gibt die Ambivalenz von Technologie; jede Innovation kann sowohl für gute als auch für schlechte Zwecke eingesetzt werden. Alle Innovationen bergen Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken; ihr Nutzen hängt maßgeblich von den Menschen ab, die sie anwenden. Trotz des Missbrauchsrisikos ist die Überbewertung potenzieller Risiken und die Anwendung einer „Angstheuristik“ (Jonas 1984) zur Gestaltung der Zukunft nicht förderlich (Leisinger 2023). Notwendig sind kluge Regulierungen und grundlegende moralische Standards für diejenigen, die innovatives Wissen und innovative Technologien nutzen.

Auch in Zukunft werden wissenschaftliche und technologische Innovationen jene Art von Fortschritt verkörpern, die der deutsche Philosoph Helmut Gollwitzer vor vierzig Jahren als „einen ständigen Kampf um die Verwirklichung seiner positiven Aspekte, um das Überleben der damit einhergehenden Gefahren und um die Überwindung der dadurch verursachten Verluste“ (Gollwitzer 1985) beschrieb. Führungspersönlichkeiten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, wie sie Erich Fromm beschrieben hat, können auf der Basis des heute Möglichen die Welt zu einem besseren Ort machen. Spirituelle „Musikalität“ hilft insbesondere bei schwierigen Entscheidungen (Phipps 2012).

Bahnbrechende Entwicklungen und deren kluge Anwendung in neuen Formen der gemeinsamen Wertschöpfung werden die Notwendigkeit von aufgeklärteren Konsum-, Mobilitäts- und Ressourcennutzungsmustern vermutlich nicht ausgleichen, aber sie werden uns mehr Zeit geben, den menschlichen Lebensstil an die Erfordernisse der Nachhaltigkeit anzupassen.

Ich glaube auch an die Wirksamkeit positiven Denkens auf den Menschen. Neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass Menschen in der Lage sind, durch Konzentration auf positive Erwartungen die Reaktion des eigenen Immunsystems zu erhöhen. Meiner Überzeugung nach ist das nur die Spitze des Eisberges neuen Wissens in Bezug auf das Leistungsvermögen des menschlichen Gehirns (Lubianiker et alia 2026).

Das wissenschaftliche Gesamtwerk Erich Fromms ist heute relevanter und aktueller denn je. Man kann verschiedene Gedankengänge des sozialphilosophischen Genies Fromm, die teils in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden sind, nicht eins zu eins in die politische Praxis der heutigen Bundesrepublik umsetzen. Aber das Gesamtwerk Fromms bietet zu allen heute relevanten Problemen Gedankenanstöße, die uns weiterbringen. Die zentralen Fragen Fromms in seiner Zeit sind in vielerlei Hinsicht auch die zentralen Fragen der Gegenwart: „Was bringt viele Menschen dazu, lebenserhaltende Impulse zu verdrängen und sich angesichts von Umweltzerstörung, Klimakrise, Kriegen, atomarer Destruktivität, bedrohlichen sozialen Ungleichheiten ignorant, dysfunktional und irrational zu verhalten? Welche wirtschaftlichen, technischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen tragen dazu bei, dass die das Leben liebenden und erhaltenden Strebungen bei vielen Menschen kraftlos werden?“ (Funk 2025a, S. 11.)

Die von Erich Fromm zur Diskussion gestellten Argumentationen und der Appell für einen neuen Humanismus können etwas Wesentliches in uns auslösen, nämlich die Überwindung der Gedankenlosigkeit, wie sie uns Albert Schweitzer in seinen Überlegungen zum Thema „Ehrfurcht vor dem Leben“ ans Herz gelegt hat (Schweitzer 1974).

Die Geisteshaltung der Ehrfurcht gegenüber einem Sachverhalt verändert dessen Wahrnehmung und Bewertung – und sie ordnet vorhandenes Wissen und materiellen Besitz anders ein. Ehrfurchtserfahrungen können auf signifikante Weise Handlungsweisen und Prioritäten verändern. Vielleicht ist Ehrfurcht vor dem Leben die einzige Emotion, die zu Veränderungen von Denk- und Verhaltensweisen motiviert, die mit Kriterien für nachhaltige Entwicklung vereinbar sind (Leisinger 2025).

Der britische Publizist Ron Hopkins ruft in seinem kürzlich erschienenen Buch „How to fall in love with the future“ dazu auf, Räume zu schaffen, in denen wir uns gegenseitig von uns bekannten positiven Entwicklungen erzählen, voneinander lernen und die Motivation entwickeln können, Veränderungen überall dort, wo es möglich ist, herbeizuführen. Hopkins bezieht sich auf erfolgreiche Beispiele in weltweit hunderten Kommunen und Städten, die durch „Entwicklung von unten“ zu lebenswerteren Orten gemacht wurden. Solche „Räume“ können auch durch religiöse Gemeinschaften geschaffen werden. Ich teile die Ansicht von Hartmut Rosa, dass Religion die Kraft hat, positiv auf Veränderungen einzuwirken:

„[Religion] hat ein Ideenreservoir und ein rituelles Arsenal voller entsprechender Lieder, entsprechender Gesten, entsprechender Räume, entsprechender Traditionen und entsprechender Praktiken, die einen Sinn dafür öffnen, was es heißt sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, in Resonanz zu stehen.“ (Rosa 2024, S. 74)

Einen globalen Kurswechsel mit einem neuen Entwicklungsparadigma in Gang zu setzen, erfordert breites, unorthodoxes und kreatives Denken, das durch eine spirituelle Dimension bereichert wird. Solche „Räume“ können, wie gesagt, auch auf der kommunalen Ebene geschaffen werden: Die Mobilisierung ist dort eher möglich und die Motivation, etwas zu tun entsteht eher, wenn die Menschen bei den Problemen und die Probleme bei den Menschen sind. Erfolge bei konkreten Aspekten von „Entwicklung von unten“ weitererzählt in den Hopkinsschen Räumen motivieren, Ähnliches zu versuchen – in dieser Hinsicht, und nur in dieser, ist „more of the same“ sinnvoll.

Ich möchte meine Betrachtungen mit einer Mut machenden Feststellung beenden. Erich Fromm hat sie seinem Buch Wege aus einer kranken Gesellschaft als Zitat von Léon Blum vorangestellt (vgl. Fromm 1955a, GA IV, S. 3):

„Die menschliche Rasse ist weise genug, um Wissenschaft und Kunst zu schaffen; weshalb sollte sie nicht auch fähig sein, eine Welt der Gerechtigkeit, Brüderlichkeit [Geschwisterlichkeit, KML] und des Friedens zu schaffen? Die Menschheit hat Plato, Homer, Shakespeare, Hugo, Michelangelo und Beethoven, Pascal und Newton hervorgebracht, alle diese menschlichen Heroen, deren Genie nichts anderes ist als der Kontakt mit den fundamentalen Wahrheiten, mit dem innersten Wesen des Universums. Weshalb sollte dann die gleiche Menschheit nicht auch die Führer hervorbringen, die in der Lage sind, sie zu jenen Formen des Gemeinschaftslebens hinzuführen, die dem Leben und der Harmonie des Universums am nächsten kommt?“

Darüber nachzudenken, was jeder von uns in seiner Einflusssphäre tun kann, ist für jeden Menschen guten Willens ein erster Schritt. Die Begrenztheit des Beitrags, den jeder und jede von uns an die Lösungen von Problemen vor der eigenen Tür leisten kann, sollte niemanden davon abhalten, das Mögliche zu tun. Es sind jene kleinen Eingriffe des Popperschen „Stückwerk-Ingenieurs“ (piecemeal social engineer) die sich laufend verbessern lassen. (Popper 1992)

Alle großen Veränderungen fangen klein an. Wir sollten, um Margaret Mead zu zitieren, „nicht daran zweifeln, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“ Wir brauchen den Mut zum kleinen Erfolg, zum kleinen Beitrag an die große Idee, weil der nicht vergebens ist. Jeder von uns kann hier seinen Beitrag leisten. Daher gilt die Aufforderung, die der Amerikanische Evolutionsbiologe Edward O. Wilson in seinem „Brief an einen jungen Wissenschaftler“ machte, für jeden von uns (Wilson 2013):

„Du bist zu mehr fähig, als du denkst. Wähle ein Ziel, das dir richtig erscheint, und strebe danach, der Beste zu sein, egal wie schwer der Weg auch sein mag. Setze dir hohe Ziele. Verhalte dich ehrenhaft. Sei darauf vorbereitet, manchmal allein zu sein und Rückschläge zu ertragen. Bleibe beharrlich! Die Welt braucht alles, was du geben kannst.“

Anhang: Präambel der Charta der Vereinten Nationen

Wir, die Völker der Vereinten Nationen – fest entschlossen,

künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,

unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie von allen Nationen, ob groß oder klein, erneut zu bekräftigen,

Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden können,

den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern, und für diese Zwecke

Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben,

unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren,

Grundsätze anzunehmen und Verfahren einzuführen, die gewährleisten, dass Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewendet wird, und

internationale Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, um den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt aller Völker zu fördern.

Literatur

Arendt, H. (1955 / 2008): ElementeundUrsprünge totalerHerrschaft.Antisemitismus,Imperialismus,totaleHerrschaft, München (Piper) 1986; 12. Auflage 2008.

Arendt, H. (1993): WasistPolitik?, München (Piper).

Arendt, H. / Nanz P. (1972 / 2006): WahrheitundPolitik, Berlin (Wagenbach).

Bundeszentrale für politische Bildung (2016): „Soziale Marktwirtschaft“, https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20642/soziale-marktwirtschaft/

Clark, Ch. (2015): DieSchlafwandler.WieEuropaindenErstenWeltkriegzog, München (Pantheon).

Czwalina, J. (2025): DieRückkehrdesFaschismus.Alte DämoneninneuerZeit, Weilerswist-Metternich (Dittrich).

De Tocqueville, A. (1835 / 1987): Über die Demokratie in Amerika, Zürich (Manesse).

Dürrenmatt, F. (1962 / 1998): DiePhysiker.Eine KomödieinzweiAkten, Zürich (Diogenes).

Edelman Trust Barometer (2025): „Vertrauen und die Krise des gesellschaftlichen Grolls“, https://www.edelman.com/de/de/trust/2025/trust-barometer

Edelman Trust Barometer (2026): “From a crisis of grievance to a crisis of insularity”, https://www.edelman.com/trust/2026/trust-barometer

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