Geschichte, Erscheinungsformen, Hintergründe
C. H. Beck Wissen, Bd. 2974, München 2026, ISBN 978-3-406-83936-8,128 Seiten, Taschenbuch, Format 18 x 11,8 cm, € 14,00
Im Namen Gottes werden überall auf der Erde Terrorakte verübt, die Zivilisten in den Tod stürzen. „In der Öffentlichkeit spricht man zur Bezeichnung der Täter von Dschihadisten und Islamisten, von Hindu- Nationalisten, ultra-orthodoxen Siedlern und christlichen Sektierern. Alle diese Begriffe unterstellen, dass die Angst und Schrecken auslösende Gewalt irgendwie mit religiösen Identitäten und Überzeugungen zusammenhängt … Was aber hat der Terror mit Religion zu tun? Um diesen Zusammenhang zu begreifen, verwenden Medien, Wissenschaft und Politik den Begriff des religiösen Fundamentalismus.“ (Detlev Pollack, S. 7).
Der Begriff geht, wie ihn Pollack versteht, von der Kritik konservativer amerikanischer Evangelikaler an der Anpassung des liberalen Mainstream-Protestantismus an die modernen Tendenzen im Ausgang des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus und ihrem Drängen auf die wortwörtliche Gültigkeit der Heiligen Schrift und der Gültigkeit fundamentaler Grundsätze, an denen nicht zu rütteln sei. „Zu Ihnen gehörten nicht nur der Glaube an die Irrtumslosigkeit der Bibel, sondern auch der an die Gottheit Jesu, die Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung Jesu Christi und seine Wiederkunft sowie der Glaube, dass Jesus Christus für die Sünden der Menschheit gestorben sei … Charakteristische Merkmale des religiösen Fundamentalismus sind, so lässt sich zusammenfassend sagen, das Bestehen auf einer exklusiv gültigen und unhinterfragbaren religiösen Wahrheit, die Abgrenzung und Ausgrenzung von anderen religiösen Überzeugungen, der kämpferische Angriff auf die Moderne, und das, was man für sie hält …, ein Bewusstsein der Überlegenheit gegenüber allen anderen weltanschaulichen Positionen, eine dualistische Argumentations- und Urteilsstruktur, die Abwertung der Gegenwart, das Narrativ eines moralischen Verfalls und die Hochschätzung einer in der Vergangenheit liegenden idealen Norm“ (Detlev Pollack, S.11 und S.15 f.).
Der studierte evangelische Theologe, Religions- und Kultursoziologe Pollack geht in seinem Großessay nach seiner Begriffsklärung zuerst Ausformungen des islamischen Fundamentalismen nach. Demnach wird der Aufstieg des islamischen Fundamentalismus in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts datiert und mit der islamischen Revolution im Iran, der Besetzung der großen Moschee in Mekka und dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan verbunden. Alle drei Ereignisse fallen in das Jahr 1979.
Die Anfänge der muslimischen Gruppierungen liegen bei den Muslimbrüdern in Ägypten, die im März 1928 auf Hasan al-Banna zugehen, ihre Unzufriedenheit über die Lage des Islam in Ägypten ausdrücken und ihn um Führung bitten. Sie werden dazu aufgerufen, zum reinen und schlichten Islam zurückzukehren, Sitte und Ordnung zu beachten, sich von Müßiggang und einem amoralischen Lebenswandel fernzuhalten, angemessene Kleidung zu tragen und die Gebetsvorschriften einzuhalten. Das religiöse Leben soll wieder ganz am Koran und an der Sunna des Propheten ausgerichtet werden. Deshalb nahm Belehrung und Erziehung einen zentralen Platz in ihrer Arbeit ein. Dazu kam der Antikolonialismus, der Kampf gegen den Säkularismus, den ausländischen Geist und der Versuch, die gesamte Gesellschaft zu islamisieren.
Der Kampf für den Islam verschärfte sich noch einmal mit dem Widerstand gegen den Zionismus, als aufgrund der nationalsozialistischen Judenverfolgung Mitte der 1930er Jahre der Zuzug europäische Juden in Palästina erheblich zunahm. 1938 organisierten die Muslimbrüder gewalttätige Proteste gegen die Juden, in denen sie ihre Ausweisung forderten und Parolen wie »Nieder mit den Juden« verbreiteten.
Die am 28. Februar 2026 durch seine Ermordung zu Ende gegangene Herrschaft des iranischen schiitischen Geistlichen und Politikers Ali Khomeini war in seinen Anfängen deshalb überraschend, weil er sich als »heiliger Greis« nach seiner Rückkehr aus Paris in den Iran innerhalb kürzester Zeit in einen rücksichtslosen Revolutionsführer verwandelte, der auch vor physischer Gewalt gegen die, die er als seine Gegner identifizierte, nicht zurückschreckte. „Die andere Überraschung, die die islamische Revolution auslöste, bezog sich auf das rasante Tempo, in dem das Regime des Schahs … zusammenbrach“ (Detlef Pollack, S.34).
Mit den koordinierten vier Flugzeugentführungen vom 11. September 2001, der Ermordung der Piloten und dem Steuern der ersten beiden Flugzeuge in die WTC-Türme, des dritten in das Pentagongebäude und dem Absturz des vierten bei Shanksville ist die Al-Qaida-Vorstellung vom globalen Dschihad und vom Selbstmordattentat als Martyrium weltweit bekannt geworden.
Anders als der islamische Fundamentalismus ist der Neofundamentalismus in den USA wenig gewaltbereit, denkt aber wie dieser in Dualismen und der Vorstellung von Überlegenheit gegenüber anderen religiösen Überzeugungen. Er wehrt den Einfluss der modernen Welt ab, setzt auf strikten Moralismus, wendet sich der eignen Religion zu und bemüht sich, deren Botschaft von den Einflüssen des Zeitgeistes zu reinigen.
„In den 1970er Jahren entstand die christliche Rechte, in der sich politisch rechts orientierte Christen, evangelikal-fundamentalistische Geistliche, Fernsehprediger wie Jerry Falwell, aber auch konservative Katholiken sammelten. Ihre Anhänger beklagten den moralischen Zerfall der Familie, Pornografie, Prostitution, Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe, hohe Scheidungsraten, Alkoholismus und Homosexualität.1979 gründete Jerry Falwell und Paul Weyrich die Moral Majority, die das Prinzip der Trennung von Politik und Religion aufgab und nicht nur für die Beachtung moralischer Grundsätze im Zusammenleben der Menschen eintrat, sondern sich auch aktiv in den Präsidentschaftswahlkampf einmischte …
Die neue Christliche Rechte gründete Massenorganisation wie Promise Keepers, Concerned Women of America, Christian Coalition, baute Netzwerke aus Gemeinden, Schulen, Universitäten und Radiostationen auf und trug so maßgeblich zu den Wahlerfolgen der republikanischen Partei bei“. Ihr Gefühl, trotzdem unterlegen und zurückgesetzt zu sein trug mit zum Wahlerfolg von Donald Trump bei. „Trump und die konservativen Christen treffen sich in ihren Nationalismus, in der Behauptung des politischen, ökonomischen und moralischen Verfalls Amerika, in der Verklärung einer idealisierten Vergangenheit, die meist in den 1950er Jahren verortet wird und in Erwartung des baldigen Anspruchs eines Goldenen Zeitalters.
Selbstverständlich stoßen sich die einer puritanischen Moral verpflichteten Evangelikalen am lasterhaften Lebenswandel Trumps, an seinen fortgesetzten Lügen und seiner Hochstapelei. Seine demonstrativen Bezüge auf die Bibel befremden sie eher, als dass sie sich dadurch angezogen fühlen. Doch im Gegensatz zu früheren republikanischen Präsidenten, die sie auch unterstützt hatten, hat Trump in ihren Augen sein Versprechen gehalten. Er hat für den Supreme Court konservative Richter ernannt, sich immer wieder gegen Abtreibung ausgesprochen, und auch in ihrem Kampf für die Religionsfreiheit – verstanden etwa als Gleichwertigkeit von christlich-fundamentalistischen und wissenschaftlichen Weltbildern im Schulunterricht – hat er sie nicht enttäuscht. Angesichts ihrer Gefühle von Marginalisierung und Zurücksetzung erscheint er den Evangelikalen wie der Ritter in der Not“ (Detlef Pollack, S. 59 ff.).
In seinen weiteren Kapiteln geht Pollack Fundamentalismen in Ost- und Westeuropa, in Israel und in Indien nach. Im Ergebnis kommt er zu dem Schluss, dass es in unterschiedlichen Religionen und Kulturen ähnliche Phänomene gibt, die sich mit dem Begriff des religiösen Fundamentalismus fassen lassen. „Religiöser Fundamentalismus ist charakterisiert durch dualistische Konstruktionen, Abgrenzung von Andersgläubigen, Krisendiskurse, Überlegenheitsansprüche, Beschwörung einer untergegangenen idealen Vergangenheit, Streben nach Wiederherstellung des Verlorenen, Behauptung, einer letztgültigen Wahrheit, ohne deren Realisierung die tiefgreifende gegenwärtige Krise nicht überwunden werden kann, Politisierung, der religiösen Werte und ein Ausgreifen auf die Lebensweise anders Denkender, die aufgefordert werden, sich zu bekehren und der eigenen Lebensweise zu folgen. Der religiöse Fundamentalismus begnügt sich nicht damit, die überkommenen heiligen Traditionen zu pflegen, er will sie auch für andere, am besten für alle verbindlich machen. Seinem universalistischen Geltungsanspruch wohnt ein revolutionärer, ein welt- verändernder Impuls inne, der nicht frei von Tendenzen der Gewaltanwendung ist, aber diesen Tendenzen nicht in jedem Fall nachgibt … Religiöse Fundamentalisten bewegen sich in einer konstruierten Gedankenwelt, die für sie eine reale Kraft besitzt und sie zum Handeln motiviert … Der Ausgangspunkt für die Herausbildung fundamentalistischer Haltungen und Überzeugungen bildet oft die Erfahrung von Bedrohung, Überrmächtigung und Demütigung. Die eigene Lebensweise wird als unterschätzt wahrgenommen, als marginalisiert, ja, als verachtet … Bei der Herausbildung fundamentalistischer Gruppen spielt die Mobilisierung von finanziellen und personellen Ressourcen eine wichtige Rolle. Zur Formung fundamentalistischer Gruppen ist personelles und ökonomisches Kapital vonnöten. Schließlich spielt für die Entstehung und Verbreitung des religiösen Fundamentalismus aber auch eine Rolle, dass sich politische Gelegenheiten öffnen. Erst als Khomeini im Pariser Exil der internationalen Presse bekannt wurde, konnte er zum Hoffnungsträger einer in der Krise befindliche Nation aufsteigen. Der israelische Sieg im Sechstagekrieg 1967 befeuerte in der kleinen Gruppe der religiösen Zionisten und darüber hinaus messianische Zukunftshoffnungen, die den Staat Israel zum Akteur des göttlichen Heilsplans aufwerteten und aus der kleinen Gruppe der religiösen Zionisten eine Bewegung machten. Es war der Krieg der Taliban gegen die übermächtige Sowjetarmee, der Kämpfer aus den arabischen Staaten und der ganzen Welt anzog und die Rekrutierung von Terroristen ermöglichte, von denen einige schließlich im Namen von al-Qaida die Angriffe auf das World Trade Center am 11. September 2001 durchführten … Religiös fundamentalistischen Gruppen mangelt es weitgehend an Toleranz, Respekt gegenüber dem Andersdenkenden, Selbstkritik und Bereitschaft. Nicht die Arbeit an sich selbst dominiert, sondern die Arbeit an der Veränderung des anderen. Deshalb muss der religiöse Fundamentalismus politisch werden. Um seine Ziele erreichen zu können, reißt er die Differenz zwischen Religion und Politik ein, die moderne Gesellschaften charakterisiert“ (Detlev Pollack, S. 112 ff.)
ham, 7. März 2026