Mark Godfrey

Herausgegeben von der Züricher Kunstgesellschaft / Kunsthaus Zürich und der Royal Academy of Arts zu den Ausstellungen in der Royal Academy of Arts vom 20. September 2025 bis 18. Januar 2026, im Kunsthaus Zürich vom 27. Februar bis 16. August 2026 und im Musée d’Art Moderne de Paris vom 18. September 2026 bis 24. Januar 2027

Mit Beiträgen von Benjamin H. D. Buchloh, Aria Dean, Darby English, Mark Godfrey, Madeleine Grynsztejn, Cathérine Hug, Karry James Marshall, Nikita Sena Quarshie und Rebecca Zorach

Hirmer Verlag, München 2025, ISBN 978-3-7774-4742-1, Hirmer Premium, 256 Seiten, 170 Abbildungen, Schweizer Broschur mit Leinenfälzel, Format 29 x 22 cm, 50,00 €

Der 1955 in Birmingham, Alabama, geborene Kerry James Marshall ist für seine großformatige, vielschichtige Historienmalerei bekannt, in der er schwarze Menschen konsequent in den Mittelpunkt stellt. Er gilt als einer der wichtigsten Maler der Gegenwart und als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des internationalen Kunstbetriebs. In Deutschland wurde er durch seine Beteiligung auf der documenta 12 in Kassel mit den Arbeiten »Could This Be Love«, 1992 (vergleiche dazu https://lesoeuvres.pinaultcollection.com/en/artwork/could-be-love), La Venus Negra, 1984 (vergleiche dazu https://www.facebook.com/photo/?fbid=1177925321187071&set=la-venus-negra-1984acrylic-on-paper1524-x-1016-cmframed-1641-x-1003-x-73-cm-kerr) und die Installation Rytm Master (vergleiche dazu https://www.davidzwirner.com/news/2019/kerry-james-marshalls-rythm-mastr-in-the-57th-carnegie-international) bekannt.

Der zu seiner bisher größten Ausstellung in Europa »KERRY JAMES MARSHALL, The Histories | Geschichte(n)« erschienene Katalog ermöglicht einen Überblick über das malerische Werk von Kerry James Marshall in den letzten 40 Jahren (vergleiche dazu https://www.kunsthaus.ch/besuch-planen/ausstellungen/kerry-james-marshall/). Die Schau widmet sich Serien und Zyklen, die sich mit dem Thema Versklavung von Afrikaner:innen auseinandersetzen.

In seinem Gespräch mit Benjamin H. D. Buchloh unterstreicht Marshall, dass man als Künstler selbst dafür sorgen muss, dass die eigenen Arbeiten eine gewisse Anerkennung erfahren. In den 1950er- und 1960er- Jahren schienen afroamerikanische Künstler:innen für die Entwicklung der Malerei nie relevant zu sein. Schwarze Menschen gaben in Musik und Tanz den Ton an, doch nicht in der Malerei. Marshall sieht sich als radikalen Pragmatiker, der versucht hat, sich möglichst viel Wissen über die Funktionsweise, die Struktur und das Erscheinungsbild von Kunstwerken anzueignen, damit er präziser arbeiten und gezielt einsetzen kann, was ihm für die jeweiligen Projekte am effektivsten erscheint. Er schätzt soziale Realisten wie Ben Shahn, sieht sich aber nicht als solchen. Im Unterschied zum sozialen Realismus sind die Figuren seiner Bilder nicht im herkömmlichen Sinn naturalistisch. Es sind rhetorische Figuren, die in einem realistischen Raum agieren. An Diego Riveras Wandbildern interessiert ihn der Bezug zur akademischen Historienmalerei. Eine besondere Vorliebe hat er schon immer für Giotto und die Fresken in der Arena-Kapelle in Padua. Den besten Bildern seines Lehrers Charles White vergleichbar ⟨vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_White_(Künstler)⟩ will er Bilder schaffen, die fesseln, zum Hinsehen zwingen und zum Nachdenken anregen. Er will eine Präsenz schaffen, der man sich nicht entziehen kann. 

Rot ist für den sozialistischen Realismus zum prägenden Merkmal seiner Gemälde geworden. Schwarz als Metapher interessiert Marshall nicht. Ihn interessiert Blackness als Fakt, unabhängig von Bedeutung. Das ist eine Entwicklung, auf die er hinarbeitet. Nach den Mixed-Media-Collagen begann er eine Serie von Collagen, die auf den Prinzipien des analytischen Kubismus basierte. Dabei ging es ihm nicht darum, die Effekte von Picasso, Braque oder Gris zu reproduzieren. Er wollte der Frage nachgehen, was passiert, wenn man mit dieser fragmentierten Konstruktion anfängt und dann alles, was entfernt wurde, wieder einfügt. Der Auslöser war ein Gedicht von Aimé Césaire. Dieses Gedicht zeigte ihm, dass es gleichzeitig möglich ist, politisch und ästhetisch tätig zu sein. Bilder zu Lynchmorden macht er nicht. Dafür richtet er seinen Blick auf transgenerationale Vermächtnisse und versucht, tiefer zu schürfen. Einige seiner Arbeiten befassen sich mit Sklavenaufständen.

Nach Mark Godfrey gilt Marshall weitgehend als Erbe und Transformator der Historienmalerei. Deshalb hat er die in dem Katalog dokumentierte Ausstellung um elf Werkzyklen Marshalls herum arrangiert, in denen es um vielfältige und ineinandergreifende Historien geht. Marshall denkt über die Konventionen und Genres der Malereigeschichte nach. Er betrachte die Geschichte der Materialien wie Eitempera, die Maler:innen seit Jahrhunderten benutzen, und jene wie Glitter, die sie noch nicht benutzen konnten, die Geschichte von Perspektive und Flachheit, von Malduktus und Gestik. Am bekanntesten ist Marshall für seine Auseinandersetzung mit dem Ausschluss schwarzer Motive aus der Geschichte der figurativen Malerei und der Abstraktion der Moderne; aber in etlichen Projekten hat er sich dann doch auch mit der Geschichte der Inklusion schwarzer Menschen befasst sowie mit früheren Versuchen, eine schwarze Ästhetik auszubilden. Gelegentlich widmet er sich heute vergessenen Individuen. Seit 1980 arbeitet er auf all diesen Ebenen, weil ihm bewusst ist, dass anspruchsvolle Arbeit nur so weithin diskutiert und ausgestellt wird, und weil er es bedauert, dass zahlreiche schwarze Künstler:innen vor ihm genau wegen ihrer Abkoppelung von der Kunstgeschichte romantisiert wurden (Mark Godfrey, S. 20).

Cathérine Hug erörtert, warum sich Marshall mit der Tradition des Holzschnitts auseinandersetzt; Rebecca Zorach geht seinen Wandgemälden und seinen Buntglasfenstern für die Washington National Cathedral in Washington nach. Für Aria Dean steht Marshalls großformatiges Triptychon »Untitled (Black Empire Suite)«, 2015, Stift und Kohle auf Papier, drei Tafeln. Links 158,8 × 92,7 cm, Mitte 219,7 × 158,8 cm, rechts 158,8 × 219,7 cm (vergleiche dazu https://www.glenstone.org/artworks/untitled-black-empire-suite) „sinnbildlich für den fortwährenden Aufruf des Künstlers, die theoretische und strukturelle Position von Blackness im Gefüge historischer und aktueller Bedeutungen zu prüfen. Marshall versucht, die Lücken im Kanon zu schließen – nicht nur, um Unrecht zu korrigieren oder Schwarzen mehr Kunst zu schenken, die ihnen ähnelt. Vielmehr möchte er neue Rohstoffe liefern, die die Geschichte, wie wir sie kennen, kommentieren, damit wir neue Instrumente im Maßstab großer Ideen wie »Figur« und »Grund«, »figurativ und abstrakt« usw. entwickeln. Immer wieder bringt Marshall Blackness als extrem »exzentrischen dritten Begriff« in die bestehenden, reduktiven, verfügbaren Bedeutungstrukturen ein. Wenn es in diesen Werken eine »essenzielle Blackness« gibt, dann in dieser Form: eine Blackness, die Derridas différence verkörpert. Marshalls Bemühen behebt nicht nur das Ungleichgewicht der Repräsentation, sondern zielt darauf, – wie Laruelle es ausdrückt –, »eine phänomenale Blackness das gesamte Wesen des Menschen durchdringen« zu lassen“ (Aria Dean, S. 212).

Madeleine Grynsztejn geht davon aus, dass Marshall weiß, wie viel er seinen Bildern abverlangt, wenn sie für eine Ethik und Politik einstehen sollen, die mächtige Wissensinstitutionen verändern. Er selbst macht sich keine Illusionen über die transformative Kraft von Kunst. „Zu wenige Menschen sehen sie, als dass sie die Dynamik und Herausforderungen unseres Alltags stören könnte. Doch Kunstwerke können uns und alle, die wir sie betrachten, dazu anregen, über ihre Botschaftennachzudenken und uns selbst als Subjekt und Autor:in einer unendlichen, noch zu erzählenden Geschichte zu begreifen. […]. Genau das war mein Ziel […] für das Hier und Jetzt“ (Kerry James Marshall, Bemerkung bei der Einweihungsfeier für die Buntglasfenster »Now and Evernow and Forever« in der Washington National Cathedral am 23.9.2023; https://www.youtube.com/watch?v=8oG2pebAgU4 ›Abruf, 1.1.2025‹). Nikita Sena Quarshie befasst sich mit den Geheimnissen und Rhythmen in Marshalls Zeitungscomics (vergleiche dazu https://www.esopus.org/contents/view/229 und https://www.artbasel.com/catalog/artwork/85756/Kerry-James-Marshall-RYTHM-MASTR-Daily-Strip) und Darby English mit den Hintergründen von Marshalls zwischen 2023 und 2025 entstandener Gemäldeserie zu den Ursprüngen und Auswüchsen der Sklaverei.

Wer sich künftig mit Kerry James Marshall auseinandersetzen möchte, sollte auf den vorgestellten Katalog zugreifen.

ham, 4. März 2026

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