atelier JAK mit »What You Get Is What You See« bis 12. April 2026 im Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus
Als sich eine Gruppe von Künstlern zu Anfang des 21. Jahrhunderts in der Kunstakademie Stuttgart zu JAK zusammenfand und in Seoul, Stuttgart, Berlin und Warschau zu arbeiten begonnen hat, sollte nur ihre Arbeit sprechen und nicht, wie im Ausgang des 20. Jahrhunderts üblich und als Ausdruck der zugespitzten Individualisierung allerorts gepflegt, die Einzelleistung des Künstlers. Die Künstler hinter der Künstlergruppe JAK gingen sogar noch einen Schritt weiter: Niemand, gar niemand sollte wissen, wer hinter JAK steht. So sind ihre Klarnamen weder in dem zu ihrer Ausstellung »Active Competiton« im Jahr 2011 im Hospitalhof Stuttgart erschienenen Katalog noch in dem 2012 von Demian Bern und JAK für EXP.editon herausgegebenen und von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Buch »JAK« zu finden (vergleiche dazu https://www.stiftung-buchkunst.de/en/best-book-design-from-all-over-the-world/the-awardees/detail/jak/). Nach dem dort von Hamed Taheri veröffentlichten Roman ist die Kunstfigur JAK schon 2012 verstorben, nachdem ihm im 12. und letzten Kapitel des Romans kurz vor Weihnachten die Liebe mit den Sätzen »Ich liebe Dich.« und »JAK, ich liebe Dich.« erklärt und vergeblich auf seine Antwort gewartet worden ist: „JAKs Körper begann zu zittern; erst kaum merklich, doch dann in groben, starken Stößen. Sein Kopf kippte nach rechts und fiel in den Sand. Aus dem Hals ragten unzählige dünne und dickere Kabel. Eine grüne Flüssigkeit floss zwischen ihnen hervor. Es rauchte. Es funkte. Es gab wohl einen Kurzschluss, denn plötzlich zischte es, und es folgte ein lauter Knall. JAK war implodiert.
Es begann zu regnen. JAKs Kopf explodierte. Die Überbleibsel wurden von dem sich über uns ergießenden Regen im Nu weggespült. Die Haut seines Körpers, die, wie ich nun sah, aus Silikon war, wurde nach und nach von Drähten und Kabeln durchbohrt. Der rechte Arm platzte zuerst. Ihm folgte das linke Bein. Dann gab es einen ungeheuerlichen letzten Knall, der das, was JAK einmal gewesen war, endgültig vernichtete. Es regnete heftiger. Auf dem grün befleckten Liegestuhl war nur eine runde apfelgroße Uhr zurückgeblieben, die zwölf Uhr anzeigte und von einem roten Warnlicht begleitet wiederholte: ›Das Leben des JAK war nur auf zwölf Monate programmiert. Das Leben des JAK war nur auf zwölf Monate programmiert. Das Leben des JAK war nur auf zwölf Monate programmiert. Das Leben des JAK war nur auf zwölf Monate programmiert. Das Leben des JAK war nur auf zwölf Monate programmiert‹. Das rote Licht und die Stimme wurden schwächer, bis beides aufhörte. JAK war tot“ (Hamed Thalerin in JAK, a. a. O., S. 107).
JAK war schon 2010 nach dem handschriftlichen Arztbericht der psychiatrischen Gutachterin Dr. med. Julia Ehmer vom 30. Dezember 2010 eine mögliche „dissoziative Identitätsstörung“ bescheinigt worden, weil er sich nach seiner unklaren Herkunftsgeschichte als Künstler in einem ständigen Zwie- oder besser Trigespräch mit drei Teilpersönlichkeiten befand. Aber es konnte nach dem Gutachten noch nicht ausreichend festgestellt werden, ob JAK durch seine dissoziative Identitätsstörung in seinem Alltag und in seiner Arbeit eingeschränkt war. Offenkundig gab es auch keinen ausreichenden Leidensdruck, der ihn zu einer Therapie hätte motivieren können. Eine Therapie hätte JAK mit seinen Teilidentitäten vertraut machen und zu ihrer Integration beitragen können. Aber zu einer Therapie war es nicht gekommen, weil der sich hinter dem K des Akronyms JAK verbergende – nach gut 15 Jahren darf man das wohl sagen – 1976 in Litauen geborene Künstler Kestudis Svirnelis seine eigenen Wege gegangen ist, JAK sich in die von Jangyoung Jung (* 1973, Korea) und Andreas Geisselhardt (* 1974, Deutschland) getragene Künstlergruppe atelier JAK verwandelt hat, JAK im atelier JAK wiederauferstanden ist und sich seine dissoziative Identitätsstörung mit der Zeit zu einer visuellen Agnosie ermäßigt hat.
Als Seelenblindheit oder visuelle Agnosie wird eine Störung in der Verarbeitung visueller Reize durch das Gehirn bezeichnet, „die dazu führt, dass davon betroffene Personen unfähig sind, Gegenstände oder Gesichter zu erkennen, obwohl sie sie sehen. Ursache hierfür ist eine Schädigung des Sehzentrums im Okzipitallappen“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Seelenblindheit). Möglicherweise hat die visuelle Agnosie von JAK sogar zur weiteren Auffächerung der Medien und Methoden in der künstlerischen Arbeit von JAK und zu künstlerischen Neuentwicklungen geführt.
So kommen in der im Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus im ersten Stock und im Erdgeschoss gezeigten Ausstellung mit ihrem an das gleichnamige Lied von Tina Turner angelehnten Titel »What You Get Is What You See« bisher entwickelte und in diversen Ausstellungen gezeigte und neuentwickelte Arbeiten zusammen: In der nach der Anweisung des Personals zuerst zu besuchenden Rauminstallation im ersten Stock ist eine komprimierte Auswahl von bisher konzipierten und fertiggestellten Arbeiten zu finden, darunter seine ursprünglich wohl aus einem Strauss von türkischen Krummschwertern geformte Bodenskulpturen (vergleiche dazu https://www.info-jak.de/properties-1 ), seine farb- und formschönen Porzellangefäße (vergleiche dazu https://www.info-jak.de/properties/cut-to:-with-a-dark-expression-on-her-face…?lightbox=comp-l4y5vmq6_runtime_dataItem-l4y5vmr1items0), seine an die schon in der Villa Merkel in Esslingen gezeigte hochaufragende Skulptur angelehnte freie weiße Form (vergleiche dazu https://www.info-jak.de/in), seine in Epoxidharzkuben auf Dauer gestellten Zeichnungen (vergleiche dazu https://www.info-jak.de/indescribable-scene ) und die Kette von Großdias mit den schon gedrehten ersten Szenen seines 2013 begonnenen und auf final 30 Szenen von exakt drei Minuten konzipierten Films »SOUL BLINDNESS« (vergleiche dazu die 2022 in der Galerie Sturm in Stuttgart vorgestellte Stop-Motion-Installation Soul Blindness, 2022, mixed material – mit 540 indescribable scenes 3min, 270 x 240 x 35 cm unter https://galerie-sturm.de/kuenstler/atelierjak/ und die Minuten 3 –6 des Films unter https://www.info-jak.de/soul-blindness-3-6min?lightbox=dataItem-ldk4f5op10).
Im abgedunkelten Untergeschoss trifft man nach den letzten Stufen neben dem linken Treppengeländer auf einen auf drei geschwungenen Metallfüßen aufgebockten Doppeltisch, der an eine abgespulte Rolle von Freilandleitungen erinnert. Von der Doppelrolle gehen wohl an die 120 wie Schaufeln von Wasserrädern angeordnete durchsichtige Fächer aus, die von näher nicht auszumachenden Mustern durchbrochen sind. Diese Neuerfindung wird in unterschiedliches Licht getaucht und wirft ihre Muster als Schatten auf die unter ihr platzierte rechteckige Bodenplatte und den Fußboden. Zwischen dem zweiten und dritten tragenden Balken der Holzbalkendecke hat JAK eine im JAK-Grün gehaltene Glaswand vor Holzständer montiert. Sie dient als Raumteiler und schirmt den Videofilm ab, der auf die von der Treppe aus gesehen rechte Seitenwand und auf die hinter der Glaswand liegende zweite Bodenplatte projiziert wird. Die von der Decke über der Mitte der zweiten Bodenplatte abgehängte mit Krummsäbeln konnotiertee Vase zentriert den hinteren Raum neu und bildet den Gegenpol zu dem ebenerdig aufgestellten Tisch.
Die neuen Arbeiten sind wie bei JAK gewohnt so ästhetisch anspruchsvoll und technisch präzise hergestellt, dass sie sogar den für die beiden Räume zuständigen Mitarbeiter des Museums begeistern. Er beginnt, von JAK und dem Filmprojekt zu erzählen und weiß auch, dass die Arbeit bis zur 30. Szene weitergehen soll. Aber er kann nicht sagen, wann und wo das passieren soll. Deshalb bleibt es auch nach dem Besuch der Ausstellung offen, ob die noch ausstehenden Szenen immer noch und weiter der Frage „What the fuck is JAK?“ gewidmet sind oder ob die Antwort schon mit dem Titel der Reutlinger Ausstellung »What You Get Is What You See« gegeben ist.
ham, 20. Januar 2026