Verlag C.H.Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75527-9, 783 Seiten, 50 Abbildungen, Hardcover, gebunden, mit Schutzumschlag, € 34,00

Religion wird üblicherweise von lateinisch ›religare›, ›(mit Gott) verbinden‹ oder von lateinisch ›religere‹, ›sorgsam beachten‹ im Gegensatz zu ›neligere‹, ›vernachlässigen‹ abgeleitet (vergleiche dazu und zum Folgenden Hans-Jürgen Greschat, Religion. In: Grundbegriffe der Theologie, herausgegeben von Matthias Viertel, München, 2005, S.394 f.). In den christlichen Wortschatz ist der Begriff durch die lateinische Bibelübersetzung und die Kirchenväter gelangt und als Fremdwort mit den europäischen Sprachen in die Welt. Die Frage, was Religion ist, wird je nach zeitgeschichtlichem und kulturellem Kontext, Innen- oder -Außensicht, substanzialistischer, funktionalistischer, kulturwissenschaftlicher oder offener Definition von Religion anders beantwortet (vergleiche dazu auch ›Was ist Religion? Texte von Cicero bis Luhmann, Reclams Universalbibliothek, 2., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage 2018; https://www.reclam.de/data/media/978-3-15-018785-2.pdf

So war es die Überzeugung der Stoa, dass die ganze Welt auf Vernunft gründet, von der Vernunft durchdrungen und die Vernunft gleichbedeutend mit Gott ist. Als vernunftbegabtes Wesen hat der Mensch Anteil an der Vernunft und damit zugleich an Gott. Für den protestantischen Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher ist Religion Sinn und Geschmack fürs Unendliche und das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit. Und der Systemtheoretiker Niklas Luhmann beschreibt Religion als Sinnsystem, das Umweltkomplexität zugleich reduziert und erhöht (vergleiche dazu Niklas Luhmann, die Religion der Gesellschaft. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 2002 und Detlev Pollack, Probleme der funktionalen Religionstheorie Niklas Luhmanns. In: Soziale Systeme 7 (2001), Heft 1. S. 5 – 22 https://www.uni-978-3-406-75527-9muenster.de/imperia/md/content/soziologie/personen/pollack/_soziale_systeme__probleme_der_funktionalen_religionstheorie

_niklas_luhmanns.pdf).

Der 1966 in Köln geborene und als Professor für Religionswissenschaften an der Universität Bergen lehrende Michael Stausberg scheint in seiner groß angelegten Studie ›Die Heilsbringer‹ auf der einen Seite die üblichen Definitionen von Religion abzulehnen, wenn er im Schlusskapitel seiner Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert schreibt, dass das, was wir normalerweise als Religion bezeichnen, voller Ungereimtheiten, Spannungen und Paradoxien ist: „Religion ist gleichermaßen friedliebend und gewalttätig, rauschhaft und rational, egalitär und hierarchisch, revolutionär und reaktionär, asketisch und konsumorientiert, partikular und universalistisch, aggressiv und demütig, ortsgebunden und rastlos. Religion erzeugt und verfestigt Grenzen und reißt Barrieren nieder, sie grenzt aus und gemeindet ein, sie ist körperorientiert und will körperliche Grenzen überwinden, sie schwebt zwischen Augenblick und Ewigkeit, sie verheißt Liebe und Macht, will Frieden und legitimiert Gewalt, sie begründet Moral und lässt Moralvorstellungen hinter sich, sie generiert Männlichkeit und Weiblichkeit und überwindet Geschlechterkonstellationen, sie ist menschengemacht und will Allzu-Menschliches hinter sich lassen … Wo beginnt und wo endet also Religion? Die Vorstellung von einem einigermaßen stabilen Gegenstandsbereich von Religion ist eine Chimäre. Als Beschreibungs-, Deutungs- und Zuschreibungskategorie führt Religion ein global verschlungenes, durch vielschichtige Interessenlagen genährtes Eigenleben … Die Überschreitung der Grenzen eines herkömmlichen Religionsverständnisses können als ein roter Faden durch beinahe alle Kapitel verfolgt werden … Religion lässt sich daher nicht auf ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis festlegen“ (Michel Stausberg S. 672 ff.).

Wenn er aber seine Studie mit der Feststellung beschließt, dass man unter Religion organisierte Strategien verstehen kann, die „das Unkontrollierte durch Wort und Tat beherrschbar, das Unberechenbare planbar, das Unverfügbare steuerbar, das Absolute nahbar, das Unerreichbare greifbar“ machen, scheint er dann doch auf  Niklas Luhmanns funktionalistisches Religionsverständnis zurückzugreifen. Sein Changieren zwischen offenem und funktionalistischem Religionsbegriff erlaubt es ihm, so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Mary Baker Eddy, Swami Vivekananda, Lew Tolstoi, Rudolf Steiner, Pierre de Coubertin, Mahatma Gandhi, Theodor Herzl, Aleister Crowley, Daisetz Teitaro Suzuki, Carl Gustav Jung, Adolf Hitler, Solomon Schechter, Anandamayi Ma, Norman Vincent Peale, L. Ron Hubbard, Mao Zedong, Martin Luther King, Karl Barth, Paul Tillich, Billy Graham, Sathya Sai Baba, The Beatles, Stanley Kubrik, Ruhollah Musavi Chomeini, Johannes Paul II., Mutter Theresa, den 14. Dalai Lama, Jim Jones, Bhagwan Shree Rajneesh, Paulo Coelho, Osama bin Laden und Thich Nhat Hahn in die Liste seiner 61 globalen Heilsbringer aufzunehmen. 

Bei seiner Auswahl kam es Stausberg darauf an, dass „seine“ Heilsbringer international sichtbar geworden sind, die Grenzen bisheriger Religionen herausgefordert und gesprengt und zu veränderndem Handeln angeleitet haben. „Als ›Heilsbringer‹ entwickelten sie alle bestimmte Ideen und Programme zur Befreiung, Errettung oder Erlösung der Menschheit. Sie interessieren hier vor allem als Individuen und nicht so sehr als Repräsentanten eines bestimmten Typs von religiösen Akteuren … Man könnte sie alle auch als Religionsmacher bezeichnen. Der Begriff trägt dem ›gemachten‹ Charakter von Religion Rechnung“ (Michael Stausberg S.31). Stausbergs Zusammenschau von neuen Ideen, Programmen und Biographien und seine Form des biographischen Erzählens macht die Lektüre ungemein spannend und deckt Zusammenhänge auf, die man gerne auch als Lehrstoff im Theologiestudium verortet wüsste. Starnbergs Studie gehört zur Pflichtlektüre jedes an Religion Interessierten.

ham, 5. Juli 2023 

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