Patmos Verlag in der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2023, ISBN 978-3-8436-1428-3, 286 Seiten, 4 ganzseitige Bildtafeln, kartoniert, € 28,80 

Eugen Drewermanns Bücher und Vorträge zeichnen sich durch eine sonst kaum zu erwartende Länge, ihre Fülle an Detailkenntnissen aus allen Bereichen des Wissens und ihre Zuspitzung auf die von ihm ausgemachte existentielle Grundsituation der Angst aus. Mit seiner jüngsten auf 286 Seiten beschränkten Publikation

antwortet er auf die von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022 ausgerufene Zeitenwende: „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents. Mit dem Überfall auf die Ukraine hat der russische Präsident Putin kaltblütig einen Angriffskrieg vom Zaun gebrochen – aus einem einzigen Grund: Die Freiheit der Ukrainerinnen und Ukrainer stellt sein eigenes Unterdrückungsregime infrage. Das ist menschenverachtend. Das ist völkerrechtswidrig. Das ist durch nichts und niemanden zu rechtfertigen. Die schrecklichen Bilder aus Kiew, Charkiw, Odessa und Mariupol zeigen die ganze Skrupellosig- keit Putins. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit, der Schmerz der Ukrainerinnen und Ukrainer, sie gehen uns allen sehr nahe […]. Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor. Im Kern geht es um die Frage, ob Macht das Recht brechen darf, ob wir es Putin gestatten, die Uhren zurückzudrehen in die Zeit der Großmächte des 19. Jahrhunderts, oder ob wir die Kraft aufbringen, Kriegstreibern wie Putin Grenzen zu setzen. Das setzt eigene Stärke voraus.“ (Regierungserklärung von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022. In: https://www.bundesregierung.de/resource/blob/992814/2131062/78d39dda6647d7f835bbe76713d30c31/bundeskanzler-olaf-scholz-reden-zur-zeitenwende-download-bpa-data.pdf). 

Nach Drewermann kann aber keine Aufrüstung und keine an das Militär andressierte Tötungsbereitschaft, sondern nur der von Mahatma Gandhi beschrittene Weg des Friedens und das von der Bergpredigt als geistiges Medikament empfohlene Vertrauen das menschliche Dasein von seiner tiefsten und verhängnisvollsten Erkrankung in Angst und Gewalt heilen (vergleiche dazu Eugen Drewermann S. 11 und S. 20). 

Allerdings müssen die in der Bergpredigt in Matthäus 5, 21 – 48 beschriebenen Entgegensetzungen zu der veralteten Gesetzesordnung ›Versöhnung statt Strafe, Liebe statt Verlangen, Wahrhaftigkeit statt Eidesleistungen, Vergebung statt Vergeltung, Feindesliebe und Versöhnung statt der Vertiefung der Gräben im Kampf um die Durchsetzung von Rechtstiteln‹ nach Drewermann nicht ethisch oder eschatologisch, sondern existentiell-therapeutisch aufgegriffen werden. „Wer die menschliche Geschichte mit menschlichen Augen betrachtet, der kann nur den Himmel anflehen, von dem Albtraum des permanenten Wahnzustandes bewaffneter Gewalt endlich befreit zu werden. Diese sogenannte ›Realität‹ zeigt nicht die ›Natur‹ oder die ›Wahrheit‹ des Menschen, sie demonstriert vielmehr in schlimmster Weise die Unnatur und Perversion, in welcher das menschliche Dasein – biblisch gesprochen: jenseits von Eden – sich befindet. In der Bergpredigt nimmt Jesus uns bei der Hand, um uns in die Geborgenheit zurückzuführen, für die wir eigentlich geschaffen sind, und wir können sie empfinden, wenn wir nicht der Angst inmitten dieser Welt gehorchen, sondern wenn wir sie überwinden im Vertrauen auf die Väterlichkeit (oder Mütterlichkeit) Gottes, wie Jesus sie zu bringen kam (Joh 16,33) […]. Die scheinbare Allmacht der Angst inmitten einer gottfernen Welt weicht, und mit ihr vergehen die Gründe, die uns wie selbstverständlich und skrupellos immer wieder all die Gräueltaten begehen lassen, die nötig scheinen, um Kriege ›gewinnen‹ zu können. Zuletzt glauben wir womöglich wirklich, sie siegreich beendet zu haben, während wir uns als Menschen ganz und gar verloren haben“ (Eugen Drewermann S. 22 f.).

In dieser Perspektive ist die weltgeschichtlich übliche Angstlösung durch Angstverbreitung, Kriege und die „Blutmühle des Grauens“ (Eugen Drewermann S. 45) keine Erlösung von der Angst. „Solange die Regierenden von Angst voreinander regiert werden, werden weiter Kriege wüten und ihre Opferzahlen steigen. Also: Man müßte davon lassen, den Angstgegner vernichten zu wollen. Man müßte ein für allemal in sich selbst, im eigenen Herzen, die Angst überwinden, welche das Zusammenleben der Menschen auf der politischen Ebene in eine unentrinnbare paranoische Phantasmagorie taucht und scheinbar nur noch den kalt berechneten Zynismus nekrophiler Strategien als Ausweg kennt“ (Eugen Drewermann a. a. O.).

Diesen Zynismus findet Drewermann im Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki, im Atombombenarsenal von derzeit 28 000 Atomwaffen, in der Entwicklung neuer bahnbrechender ›Mini-Nukes‹ und in Amerikas Willen zur Weltmacht wieder. Die ständig einsatzbereiten 4 000 Atomwaffen können innerhalb weniger Minuten ein unvorstellbares Inferno anrichten. Das Friedensangebot Michail Gorbatschows wurde ausgeschlagen. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums kommt sich Amerika nach Drewermann als einzig verbleibende Weltmacht vor und sucht jeden möglichen Konkurrenten auszuschalten. „Bereits am 18. Februar 1992, zwei Monate nach der Auflösung der Sowjetunion am 26. Dez. 91, erklärte Paul Wolfowitz, seinerzeit Staatssekretär für politische Fragen im Pentagon, in einem Entwurf des ›Defense Planning Guidance 1994 – 1999‹, wie die amerikanische Außenpolitik zu konzipieren sei: ›Unser erstes Ziel‹, schrieb er, ›ist es, die Wiedererstarkung eines neuen Rivalen, sei es auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion oder anderswo, der eine Drohung in dem Ausmaß darstellt, wie es die Sowjetunion war, zu verhindern.‹ In dem Bewußtsein, dass wir als die Sieger des Kalten Krieges die ›Guten‹ sind und den Auftrag haben, die Welt vor den Mächten des ›Bösen‹ zu schützen, ist es das unverhohlen formulierte Ziel der USA, unter Ausnutzung der ethnischen Gegensätze das riesige russische Staatsgebilde in seine Teile zu zerlegen, wie soeben in der Ukraine, in Georgien, zuvor im ehemaligen Jugoslawien, Moldawien, womöglich auch in Weißrußland, und hernach mit gleicher Strategie China als werdende Großmacht auszuschalten“ (Eugen Drewermann S. 76).

Um unipolar die einzige Weltmacht zu sein, braucht es nach Drewermann aus amerikanischer Sicht eine Nato-›Zeitenwende‹, und das meint neben der militärischen Aufrüstung der Nato die Gewinnung der Zustimmung der Bevölkerung durch Angstpropaganda und Sicherheitsversprechen, die Dämonisierung des Gegners durch die Zweiteilung in Gut und Böse, die Ausnützung der Gewinngier zur Machtdurchsetzung und die moralische Umerziehung durch das Paradigma des gerechten Kriegs. Schließlich muss das persönliche Gewissen der Soldaten von Tötungshemmung zur Tötungsbereitschaft umgeprägt werden, sie müssen auf Gehorsam gedrillt werden und es braucht die Züchtung spezieller Killerprofis.

Da aber eigentlich niemand einen Krieg will und man mit Menschen, die sich persönlich begegnen, keinen Krieg machen kann, muss man Individuen entpersonalisieren und in Tötungsmaschinen verwandeln. Und es braucht noch weitere Gründe: „Alles im Menschen protestiert gegen diese Perversion des Daseins, und doch lassen Menschen im allgemeinen sich wieder und wieder, quer durch die Jahrtausende, eben diese Perversion gefallen. Wieso? Weil sie Angst haben, sagten wir bisher. Weil man ihre Angst im Rahmen einer moralisierenden Propaganda ausnutzt zum Zwecke der Machtpolitik unter dem Vorwand, für Recht und Ordnung einzutreten, fügten wir hinzu. Weil die Mechanik der Angst und der Angstverbreitung eine ständig sich steigernde umweltschädliche und menschenverachtende Waffenproduktion vorantreibt, die periodisch, schon um ihre Kosten einzubringen, den Krieg zum Selbsterhalt benötigt, mußten wir ergänzen. – All das sind erkennbare Kriegsgründe auf der Ebene des Psychologischen; sie müssen schon ihrer desaströsen Wirkung wegen unbedingt religiös aufgelöst und überwunden werden, auf daß Menschen Menschen bleiben und nicht im Widerspruch zu dem, was sie selbst sind, immer von neuem in den Untergrund des Unmenschlichen hinabgedrückt werden. Doch […] darf man die Wirkung eines Faktors nicht aussparen, den wir bisher zwar ständig berührt, doch thematisch nicht gebührend in die Hand genommen haben: Largent est le nerf de la guerre – Geld ist der Nerv des Krieges, sagt man auf französisch. Geld macht Krieg möglich, Geld macht ihn nötig und Geld beendet ihn, wenn es nicht auslangt. Alle Kriege, gerade die militärisch ausgetragenen, sind Wirtschaftskriege. Was also ist Geld?“ (Eugen Drewermann S. 203 f.).

Wenn man kapitalismuskritisch denkt, ist Drewermanns Beobachtung überlegens- und nachdenkenswert, dass Geld als Tauschmittel und Kapital zum toten Kapital werden und als totes Kapital nur töten und zum Gegengott werden kann (vergleiche dazu Drewermann S. 204 ff.). Und wenn man wie er überkommene Auslegungen der Bergpredigt ausschließt (vergleiche dazu etwa ›Bergpredigt‹. In Religion in Geschichte und Gegenwart, vierte Auflage, Band 2, Tübingen 1998, Spalte 1309 – 1315; ›Die Bergpredigt: Leitlinien des Glaubens‹. In: https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/die-bergpredigt-leitlinien-des-glaubens);  ›Hans Schwarz, Christsein ist möglich. In: https://www.uni-regensburg.de/assets/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/evangelische-theologie/pdfs/hs_bergpredigt.pdf; Detlev Dormeyer, Die Bergpredigt als Handlungsmodell‹. In: https://bibliographie.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/122525/Dormeyer_050.pdf?sequence=1) und die Bergpredigt tiefenpsychologisch interpretiert, kann man sie als Aufruf zum (Gott-)Vertrauen verstehen und darauf hoffen, dass die Umwandlung von Angst in Vertrauen aus dem Hamsterrad von Angst, Gewinnmaximierung und Kriegen befreit. Aber es irritiert dann doch, dass Drewermann die zerstörerische Kraft des toten Geldes nur im westlichen Kapitalismus nachzeichnet und dass er die Kirchen nur in ihrer Verbindung zu Schuld und Opfer und als willfährigen Gehilfen des Mammons sieht:

„Geld […] ist nichts anderes als ein weitreichender Schuldtitel; mit ihm verbindet sich in jedem Fall eine Rückzahlungsforderung, die der Geldbesitzer an jeden anderen stellen kann […]. Nicht erst die Bank, die beim Verleih von (Spekulations-)Geldern ihre Kreditnehmer mit Zinsen belastet und zu Rückzahlungen in realen Vermögenswerten verpflichtet, erzeugt den Schuldendruck beim Geldumlauf, – das Geldsystem selbst bezieht seine Macht wesentlich aus dem Schuldprinzip […]. In jedem Fall befinden wir uns im Umraum des Geldes, das wir nicht selber besetzen, in der Position von Schuldigen, die mit Opfern die Tatsache ihrer Existenz wiedergutmachen müssen. Historisch ist ein solch gleitender Übergang von metaphysischer, moralischer und wirtschaftlicher ›Schuld‹ am klarsten ablesbar an der Tatsache, dass die ersten Gotteshäuser als Opferstätten von Tieren und Menschen zugleich auch die ersten Bankhäuser waren. Denn statt ein Tier oder einen Menschen töten zu lassen, konnte man die jeweilige Opferleistung auch mit Geld aufwiegen […]. Wir haben den uralten Opferkult des Geldes nicht überwunden, wir treiben ihn in Gestalt des Wirtschaftskapitalismus atheistisch-aufgeklärt nur immer rücksichtsloser voran […]: 

Wie ein Fahrrad nur vor dem Umfallen bewahrt werden kann, indem man tüchtig in die Pedale tritt, um es in Fahrt zu halten, so kann das kapitalistische Wirtschaftssystem nur durch Wachstum Bestand haben. Es muss in immer kürzerer Zeit in Produktion, Warenumsatz und Geldbesitz expandieren – um jeden Preis und unter allen Umständen. Daher besteht sein Prinzip gerade nicht im Schuldenabbau, sondern geradezu apokalyptisch in der Vermehrung der Schuld(en). Die Insolvenzen der Schuldner erhöhen ja die Gewinne der Kreditgeber, – nur ein globaler Crash vermag dieses System der Gewinnmaximierung durch maximale Verschuldung zu beenden. Erst von daher wird die ganze Brutalität begreifbar, mit der vor allem die USA als das Mutterland des Kapitalismus die vermeintliche Freiheit, mit Geld Geschäfte zu machen, mit allen Mitteln in aller Welt durchzusetzen suchen. Sie müssen jeden Konkurrenten vernichten, der ihre Weltmachtansprüche gefährden könnte, und je größer die sozialen Gegensätze von Arm und Reich die Gesellschaft im Inneren zu zerreißen drohen, desto skrupelloser folgt man der Illusion, durch militärisches ›Kaputtrüsten‹ der Feindesstaaten (heute Rußland in Europa, morgen China im Pazifik) sowie durch eine Sanktionspolitik ständiger Wirtschaftskriege oder auch […] durch Stellvertreterkriege (wie soeben in der Ukraine […]) den eigenen Kollaps verschieben oder verhindern zu können“ (Eugen Drewermann s. 223 ff.)

Drewermann notiert dann zwar „die leidlich bekannte Doppelmoral und Heuchelei“ von Leitmedien wie der ›Süddeutschen Zeitung‹, der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ und der Wochenzeitung ›Die Zeit‹, die „dafür Sorge tragen, Kriege als unumgänglich in moralischer Verantwortung herbeizureden“ und das Gute für die eigene Seite zu reservieren (Eugen Drewermann S. 251 f.). Aber er selber erinnert weder an die Folgen des russischen Staatskapitalismus für die kleinen Leute (vergleiche dazu Staatskapitalismus. In: https://de.wikipedia.org/wiki/Staatskapitalismus, Xin Zhang and Martin Pfeiffer, Nach dem Neoliberalismus: Staatskapitalismus in China und Russland. In: https://www.jstor.org/stable/44936812 und Eliten im russischen Staatskapitalismus. In:https://www.oei.fu-berlin.de/soziologie/studiumlehre/archiv/lehrangebot_ss_19/eliten_im_russischen_staatskapitalismus.html), noch an Putins neostalinistisches geschichtskulturelles Konstrukt zur Legitimierung seiner Herrschaft (vergleiche dazu Neostalinismus. In: https://www.dekoder.org/de/gnose/neostalinismus) noch an sein neoimperialistisches Großmachtstreben (vergleiche dazu etwa Wolfgang Taus, Neoimperiale Tendenzen in Putins Russland. In: ÖMZ https://www.oemz-online.at › C_14_2_Taus und auch Ukraine-Krieg aktuell 2023. In: https://www.lpb-bw.de/ukrainekonflikt). 

Seine Sicht findet er unter anderem in Walter Benjamins ›Kapitalismus als Religion‹, in der ›Neuen Westfälischen‹ (vergleiche dazu https://www.nw.de), in der linken Tageszeitung ›junge Welt‹ (vergleiche dazu https://www.jungewelt.de), in Sönke Netzels und Harald Welzers ›Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben‹ und Jürgen Wagners Publikation ›NATO-Aufmarsch gegen Russland: oder wie ein neuer Kalter Krieg entfacht wird‹, Edition Berolina, 2016 bestätigt. Es wäre jetzt interessant, Eugen Drewermann nicht nur medial zu rezipieren (vergleiche dazu auch das Interview mit Drewermann über inneren und äußeren Frieden … im YouTube · Drewermann Kanal vom 21.06.2023), sondern mit ihm wieder einmal an einem Tisch zu sitzen, mit ihm zu diskutieren und ihn zu fragen, warum er in seiner Publikation das von Putin regierte Rußland ausgespart hat.

ham, 6. September 2023

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