Verlag C.H.Beck, München, 6., erweiterte Auflage, 2022. Mit einem Nachwort von Timothy Snyder zur sechsten Auflage, ISBN 078-3-406-79394-3, 541 Seiten, 36 Karten, Hardcover mit Schutzumschlag, gebunden, Lesebändchen, Format 24,4 x 16,5 cm, € 34,00

Als Paul Celan 1944 oder 1945 – der genaue Zeitpunkt ist offen – den Tod in seinem Jahrhundertgedicht ›Todesfuge‹ zu einem Meister aus Deutschland erklärt (vergleiche dazu und zum Folgenden https://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66 und https://www.xlibris.de/Autoren/Celan/Werke/Todesfuge), hat er die Erschießung seiner als „arbeitsunfähig“ eingestuften Mutter durch Genickschuss, die Deportation seines Vaters und anderer Juden aus dem Ghetto Czernowitz (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Czernowitz) und den Tod in Transnistrien (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Czernowitz und https://de.wikipedia.org/wiki/Transnistrien) vor Augen. Nach dem Angriff des Deutschen Reichs am 22. Juni 1941 auf die Sowjetunion folgte der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Bukowina. In Celans Heimatstadt Czernowitz wurde ein Ghetto mit 50 000 Juden aus der gesamten Bukowina eingerichtet. Zwei Drittel sind nach Transnistrien deportiert worden und dort umgekommen. 

Es ist unwahrscheinlich, dass Celan bei der Abfassung seiner ›Todesfuge‹ von den über fünf Millionen Hungertoten gehört hat, die Anfang der 1930er-Jahre in der Sowjetunion an den Folgen der kollektivierten Landwirtschaft gestorben sind. Es ist auch nicht anzunehmen, dass er von den 700 000 1937/38 beim Großen Terror Erschossenen und den 21 892 im Frühjahr 1940 in Katyn und an vier anderen Orten erschossenen polnischen Offizieren und anderen Gefangenen gewusst hat. Wenn man die Bloodlands des an der Yale University Osteuropäische Geschichte lehrenden Timothy Snyder weiterdenkt und wahrnimmt, dass Hitlers zeitweiliger Partner und späterer Gegner Stalin schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs mehrere Millionen Menschen umgebracht und dieses Morden während des Krieges fortgesetzt hat, kann man sich fragen, ob der Tod nicht doch auch noch einen anderen „Meister“ aus dem russischen Imperium hatte. Snyder ist dieser Frage in seiner Aufsehen erregenden, aufwühlenden und in seiner Anschaulichkeit kaum zu ertragenden Publikation unter anderen Vorzeichen nachgegangen: Er rechnet in den Bloodlands zwischen 1933 und 1945 mit 14 Millionen durch das NS- und das Sowjet-Regime ermordeten Menschen. 

„Der Ort, wo alle Opfer starben, die Bloodlands, erstreckte sich von Zentralpolen bis Westrussland, einschließlich der Ukraine, Weißrusslands und der baltischen Staaten. Während der Konsolidierung von Nationalsozialismus und Stalinismus (1933 – 1938), der deutsch-sowjetischen Besatzung Polens (1939 – 1941) und des deutsch-sowjetischen Kriegs (1941 – 1945) erlebte diese Region Massengewalt in einem historisch beispiellosen Ausmaß. Die Opfer waren vor allem Juden, Weißrussen, Ukrainer, Polen, Russen und Balten, die Bewohner dieser Länder. Die vierzehn Millionen Opfer wurden in nur zwölf Jahren ermordet, zwischen 1933 und 1945, als Hitler und Stalin gleichzeitig an der Macht waren. Obwohl ihre Heimatländer in der Mitte dieser Epoche zu Schlachtfeldern wurden, waren sie alle Opfer einer mörderischen Politik, keine Kriegsopfer. Der Zweite Weltkrieg war der mörderischste Krieg der Geschichte, und etwa die Hälfte aller gefallenen Soldaten dieses Weltkriegs starben in derselben Region, den Bloodlands. Unter den vierzehn Millionen Opfern war aber kein aktiver Soldat. Die meisten waren Frauen, Kinder und Alte, allesamt unbewaffnet.

Auschwitz ist der bekannteste Ort des Massenmords auf dem Boden der Bloodlands. Heute steht Auschwitz für den Holocaust und der Holocaust für das Böse eines Jahrhunderts. Doch die als Arbeiter in Auschwitz registrierten Menschen hatten eine Chance des Überlebens: dank der Memoiren und Romane der Überlebenden ist sein Name bekannt. Weit mehr Juden, die meisten aus Polen, wurden in anderen deutschen Todesfabriken vergast, wo fast alle starben und deren Namen weniger bekannt sind: Treblinka, Chelmno, Sobibór, Belźik. Noch mehr Juden aus Polen, der UDSSR oder dem Baltikum wurden neben Gräben und Gruben erschossen. Die meisten von ihnen starben in der Nähe ihrer Wohnorte im besetzten Polen, Litauen, Lettland, der Ukraine und Weißrussland. Die Deutschen brachten auch Juden aus anderen Ländern hierher, um sie zu ermorden … In den ersten sechs Jahren der NS-Herrschaft durften deutsche Juden emigrieren (wenn auch gedemütigt und beraubt). Die meisten deutschen Juden, die Hitlers Wahlsieg 1933 erlebt hatten, starben eines natürlichen Todes. Die Ermordung von 165 000 deutschen Juden war ein schreckliches Verbrechen, aber nur ein kleiner Teil der Tragödie der europäischem Juden, sie machen weniger als drei Prozent der Opfer des Holocaust aus. Erst als Deutschland 1939 Polen und 1941 die Sowjetunion angriff, traf Hitlers Vision einer Vernichtung der europäischen Juden auf die beiden größten jüdischen Gemeinschaften in Europa. Sein Vernichtungswille ließ sich nur in den Teilen Europas verwirklichen, wo Juden lebten.

Der Holocaust überschattet deutsche Pläne, die zu noch größerem Blutvergießen geführt hätten. Hitler wollte nicht nur die Juden auslöschen; er wollte auch Polen und die Sowjetunion als Staaten vernichten, ihre Führungsschichten liquidieren und viele Millionen Slawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Polen) umbringen. Wäre der Krieg gegen die UDSSR wie geplant verlaufen, so wären 30 Millionen Zivilisten im ersten Winter verhungert und danach viele weitere Millionen vertrieben, ermordet, assimiliert oder versklavt worden … Während des Krieges ermordeten die Deutschen ebenso viele Nichtjuden wie Juden, vor allem durch Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener (über drei Millionen) und der Einwohner belagerter Städte (über eine Million) oder durch Erschießen von Zivilisten bei ›Vergeltungsmaßnahmen‹ (fast eine Million, vor allem Weißrussen und Polen).

Die Sowjetunion besiegte das Deutsche Reich an der Ostfront, was Stalin die Dankbarkeit von Millionen von Menschen und eine zentrale Rolle in der europäischen Nachkriegsordnung einbrachte. Doch Stalins eigenes Massenmordregister war fast ebenso lang wie das Hitlers. In Friedenszeiten war es sogar länger. Im Namen der Verteidigung und Modernisierung der Sowjetunion war Stalin für den Hungertod von Millionen und die Erschießung einer Dreiviertelmillion Menschen in den dreißiger Jahren verantwortlich. Stalin tötete seine eigenen Bürger nicht weniger effizient als Hitler die Bürger anderer Staaten. Von den vierzehn Millionen Menschen, die zwischen 1933 und 1945 in den Bloodlands mit Bedacht ermordet wurden, geht ein Drittel auf die Rechnung der Sowjetunion“ (Timothy Snyder S. 9ff.).

Als Snyder sein Buch im frühen 21. Jahrhundert plante, waren nur der Holocaust und der sowjetische Großterror allgemein bekannt. Osteuropäische Historiker lebten zwar nahe an den Schauplätzen der größten Gräueltaten, durften aber wegen der kommunistischen Zensur nicht über sowjetische Verbrechen schreiben. Und westliche Historiker hatten keinen Zugang zu den osteuropäischen Quellen. Nach 1989 öffneten sich viele Archive und Snyder konnte mit den lokalen, deutschen und russischen Quellen zu arbeiten beginnen und die unterschiedlichen Perspektiven und Interessen der Berichterstatter gegeneinander austarieren. Dabei fiel ihm die Konzentration der Massenmorde in den Bloodlands auf. Als Bloodlands 2010 zum ersten Mal erschien, entstand eine dem deutschen Historikerstreit vergleichbare kontroverse Debatte über die Frage, ob der Holocaust mit etwas anderem, Hitler mit Stalin und Nazideutschland mit der Sowjetunion verglichen werden kann (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Historikerstreit).

 „Der Historikerstreit lehrte Deutsche, dass eine Holocaust-Geschichte, die sich nicht auf Deutschland beschränkte (und nicht von den richtigen Deutschen kontrolliert wurde), gefährlich sei. Die russische Außenpolitik bemühte sich, diese Sicht zu verstärken und erzählte Deutschen, historische Exkursionen auf sowjetische Territorien seien eine schreckliche Verletzung der deutschen Verantwortung. Schließlich gab es auch ein amerikanisches Problem … Stalinistische Verbrechen, die während des Kalten Krieges übertrieben worden waren, entglitten dem amerikanischen Gedächtnis. Es entstand eine amerikanische Geschichte, in der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, um den Holocaust zu verhindern. Natürlich stimmte das nicht. Antisemitismus in Amerika hatte Franklin D. Roosevelt den Kriegseintritt erschwert. Es war die Rote Armee, die die Erschießungsgruben und die Todesfabriken erreichte. Ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg wurde Hitler zum akzeptierten Gesicht des Grauens. Er wurde als Wahnsinniger dargestellt, entfernt und unbegreiflich. Niemand fragte, warum er die [Vertreibung und Ermordung der Indianer in den (ham)] USA als Modell ansah. Amerikanische Schulkinder lasen das Tagebuch der Anne Frank, aber niemand sagte ihnen, dass sie gestorben war, weil die USA ihrer Familie keine Flüchtlingsvisa gaben. Ohne Geschichte war der Holocaust eine Art reines Böses, der es Amerikanern erlaubte, sich als das reine Gute anzusehen. Sein Territorium einzuführen, die Geschichte zurückzubringen, erschien verdächtig.

Die Verbrechen der 1930er und 1940er Jahre glitten aus der Geschichte in etwas namens ›Erinnerung‹. Folgt man der Logik des Tabus, konnten wir Ereignisse, die wir nicht selbst erlebt hatten, weder beschreiben noch erklären, sondern nur ihrer ›gedenken‹. Erinnerung ohne Geschichte verblasst zum Vergessen“ (Timothy Snyder S. 418 f.). „Als Bloodlands erschien, waren die meisten Gräueltaten … wenig bekannt – noch nicht in die Geschichte eingeschrieben. Die bekannteste, der Holocaust, wurde aus der Geschichte herausgeschrieben und in die Erinnerungskultur versetzt … 

Geschichte muss Dinge zusammensetzen, sie muss Sinnloses zu verstehen suchen … Im vergleichenden Teil seiner Schlussfolgerungen verankert Bloodlands die Besonderheit des Holocaust auf eine Art, wie frühere Werke es nicht getan hatten und nicht tun konnten. Vor dem Erscheinen von Bloodlands gestanden Holocaust-Forscher zu, dass der sowjetische Terror mehr Opfer forderte als der Naziterror, und gründeten den Anspruch auf die Einzigartigkeit des Holocaust allein auf Hitlers Vernichtungswillen. Bloodlands beendet das. Hitler beabsichtigte tatsächlich die totale Vernichtung, und das Projekt der Entfernung der Juden von der Erde ist wirklich eine eigene Kategorie. Aber keine sowjetische Maßnahme tötete so viele Menschen wie der Holocaust. Dies zu zeigen war nicht Ziel meines Projekts … Doch meine vergleichenden Erkenntnisse zeigten, dass all das defensive Posieren von ›Man kann nicht vergleichen!‹ nicht nur ethisch falsch war, sondern auch in sich kontraproduktiv. Erst wenn wir festgelegte Identitäten aufgeben und uns durch das verworrene Dickicht vorarbeiten, können wir vergleichende Urteile abgeben. Es ist die Geschichte, nicht das Erinnern, die belastbar zeigt, auf welche Art der Holocaust ein noch nie dagewesenes Verbrechen war. Und es ist die Geschichte, nicht das Erinnern, die das auf eine vertretbare und dauerhafte Weise tut. Ein Tabu, das auf Macht beruht, wird gegen sich selbst gewendet werden. Eine auf Beweismaterial beruhende Argumentation wird bleiben“ (Timothy Snyder S. 419 ff.).

Snyder stellt in seinem Nachwort zur sechsten Auflage von Bloodlands fest, dass die russische Invasion der Ukraine 2014 ebenso wie der Putschversuch Donald Trumps auf der Grundlage der Geschichte vorausgesagt werden konnten und auch vorausgesagt worden ist (vergleiche dazu Timothy Snyder S. 425). Russlands am 24. Februar 2022 gegen die Ukraine begonnener Krieg ist nach Snyder ohne seine metaphysische Bindung an die Ära des Imperiums, seine mythologische Darstellung der russisch-ukrainischen Geschichte und seine halbmystische Konstruktion dessen, was die russische Nation ausmacht, nicht zu verstehen (vergleiche dazu Timothy Snyder on the Myths That Blinded the West to Putin’s Plans. The Ezra Klein Show. In: https://podcasts.apple.com/au/podcast/timothy-snyder-on-the-myths-that-blinded-the-west/id1548604447?i=1000554066715). Snyder geht davon aus, dass Russland den Krieg verlieren kann (vergleiche dazu Moritz Serif in der Frankfurter Rundschau vom 29.07.2022: https://www.fr.de/politik/putin-ukraine-krieg-russland-timothy-snyder-yale-professor-news-zr-91692915.html und Timothy Snyder, The Making of Modern Ukraine. Class 7. Rise of Muscovite Power. In: https://ww.youtube.com/watch?v=CMpkBOTCgCM). 

ham, 5. Oktober 2022

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