Und die Erfindung des modernen Selbst
dtv Verlagsgesellschaft München, 2026, ISBN 978-423-2855-1, 334 Seiten, Hardcover mit Schutzzuschlag, 22 Schwarz-Weiß-Abbildungen, Format 21,5 × 14 cm, € 26,00 (D), € 26,80 (A), CHF 34,90
Der 1971 geborene Psychologe, Übersetzer, Wirtschaftsjournalist und Ressortleiter Psychologie der Zeitschrift „Gehirn und Geist“, Steve Ayan legt mit seiner Publikation „Die Revolutionäre des Ich“ nicht weniger als ein Panorama des mit Sigmund Freud und seinen früheren Weggefährten und späteren Konkurrenten Carl Gustav Jung und Alfred Adler einsetzenden Psychobooms, seiner Fragwürdigkeiten und seiner Grenzen vor. Im Laufe der Zeit fanden deren mit viel Eloquenz und Charisma vorgetragene Ideen immer mehr Anhänger. Nach und nach traten auch Abweichler und Rebellen auf den Plan und wiesen neue, zeitgemäßere Wege zu den Geheimnissen der Seele. Im Zentrum von Ayans Darstellung des modernen Selbst stehen Karen Horney (1885–1952), Erich Fromm (1900–1980), Paul Watzlawick (1921–2007) und Alice Miller (1923–2010). Dazu kommen Seitenblicke unter anderem auf Richard Bandler, Gregory Bateson, Georg Groddeck, Wilhelm Reich, Carl Rogers, Virginia Satir, Martin Seligman, Harry Stack Sullivan, Donald Winnicott, William Fry und diverse andere mehr.
Ayan versteht es, die Herausbildung. Entwicklung und Ausformulierung der tragenden Thesen seiner Protagonisten so mit erzählten realen und fiktiven biografischen Details zu verbinden, dass der Leser das Gefühl hat, an deren Entstehung teilzuhaben. Dabei spart er nicht mit Kritik und scheut sich auch nicht davor, die Heroen von ihrem Thron zu stoßen. Gegen Ende seiner Publikation kommt er unter der Überschrift »Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Psychologen!« zu folgender Einschätzung: „Die Leistungen des Quartetts waren historisch: Horney und Fromm vollzogen den Bruch mit Freuds patriarchalem Denken und sorgten mit dafür, dass die gesellschaftliche Prägung des Menschen in den Fokus rückte. Miller forderte – von den Erfahrungen der Nazizeit traumatisiert –, man müsse sich den eigenen Traumata stellen. Und bewies zugleich, wie schwer das einzulösen ist. Watzlawick wiederum schuf einen Ansatz, der krank machende Kommunikation und Beziehungen analysierte.
Alle vier bedienten sich dabei des tiefenpsychologischen Kniffs, hinter die Kulissen des Bewusstseins zu blicken. Seitdem das »wahre Ich« zum Leitmotiv der populären Psychologie wurde, versuchen Millionen Menschen, sich selbst zu entschlüsseln … Werfen wir zum Schluss einen Blick auf drei wichtige Folgen jener Revolution des Ich: …
Fromms These von der Entfremdung des Individuums im Kapitalismus ist zu einem Gemeinplatz geronnen. Genauso gut lässt sich allerdings argumentieren, dass der Kapitalismus, der im Kern auf Freiheit und Selbstbestimmung fußt, mehr Chancen zur persönlichen Sinnstiftung eröffnet als jede andere Gesellschaftsform … Fromms Vision einer freien, solidarischen Gesellschaft lief letztlich auf eine Expertokratie hinaus. Die geistige Elite sollte kraft ihrer Vernunft die für alle besten Entscheidungen treffen. Diese Vorstellung feiert seit den 1920er Jahren in verschiedener Gestalt immer wieder Renaissancen. Demnach bringe nicht das Kräftespiel konkurrierender Interessen und Ideen gesellschaftlichen Fortschritt, sondern allein die Überwindung dessen, was den »objektiven« Interessen der Menschen widersprach, auch wenn diese selbst das nicht einsahen. Das ist ein zutiefst paternalistischer Ansatz.
Dass Fromm großzügig negative Etiketten wie Nekrophilie, Haben-Modus oder Marketing-Orientierung verteilte, macht sein Denken mit einer pluralistischen, offenen Gesellschaft schwer vereinbar. Wer andere Sicht- und Lebensweisen als »krank« einstuft und Defekte attestiert, wo jemand nach Besitz strebt, von Technik fasziniert ist oder einfach Sex will, ohne aus »innerstem Wesen heraus zu lieben«, der zieht den Kreis der Gesunden unnötig eng.
Nach dem Scheitern des Kommunismus verloren große psycho-politische Utopien an Attraktivität. So plädieren heute nur noch wenige für einen (wie auch immer verstandenen) »humanistischen Sozialismus«. Dagegen wurde die Idee, die Gesellschaft sei der Haupttreiber für seelische Notlagen, durchaus mehrheitsfähig. Stress im Beruf oder in der Schule, ein zu strenges, vernachlässigendes oder überbehütendes Elternhaus, zu hohe Ansprüche, die allgemeine Hast, das Perfektionsstreben und überhaupt die gefühlte Pflicht, mitzuhalten und sich auf bestimmte Art zu präsentieren – all das wird dem gesellschaftlichen Druck angelastet. Dieser birgt zwar sichtlich Konflikte, er macht aber nicht per se krank … Die moderne Resilienzforschung zeigt zudem: Stress belastet, erhält aber gerade dadurch auch widerstandsfähig. Nur wer Krisen und Druck erlebt, kann damit umzugehen lernen … Das Bild der vulnerablen Seele, das sich im Westen etabliert hat, erfüllt vermutlich eine andere Funktion: Es dient als Schutzmantel, der den Einzelnen vor den Lasten des Lebens abschirmt …
Heute steht die Psychokultur vor ihrer nächsten Verwandlung. Chatbots und digitale Helfer sind jederzeit verfügbar, zugewandt und haben keine eigenen Absichten. Was sie (bislang zumindest) nicht können, ist, ein Therapieziel zu definieren, geschweige denn zu verfolgen. Dafür ist es nämlich unerlässlich, gewisse Annahmen oder Gewohnheiten zu hinterfragen und – gut dosiert – Irritationen auszulösen … Erste Studien zeigen, dass die Interaktion mit KI manche problematischen Muster wie magisches oder paranoides Denken verstärkt. Meist spiegeln und unterstützen die Anwendungen das, was die User vorgeben, egal ob positive Gefühle, Suizidgedanken oder »schräge« Ideen. Dass einem ChatGPT, Gemini und Co. nicht widersprechen, ist ein Problem, das längst auch KI-Entwickler beschäftigt. Denn ein System, das nur Zuspruch spendet und alles an einem gut findet, ist ein fragwürdiger Begleiter und noch schlechterer Ratgeber:
Gute Psychotherapie beruht auf einer Arbeitsbeziehung, die sich mit Maschinen kaum aufbauen lässt … All das konnte Fromm natürlich nicht vorhersehen. Doch sein Plädoyer gegen unreflektierte Technikgläubigkeit scheint aktueller denn je.
Horney, Fromm, Miller und Watzlawick waren so erfolgreich, weil sie Menschen Gewissheit schenkten und das schöne Gefühl, eine Wende zum Besseren – für sie selbst und für die Welt – sei möglich. Nüchtern-wissenschaftlich betrachtet waren viele ihrer Theorien fragwürdig. Aber Erklärungen helfen oft selbst dann, wenn sie nicht wahr sind, solange man an sie glaubt …
Was, wenn es das »wahre Ich« gar nicht gibt? … Dann sind wir ungefähr dort, wohin uns die Psychokultur des 20. Jahrhunderts gebracht hat. Wir wollen unser wahres Ich hinter den Fassaden des Alltags erkennen – und flüchten uns dabei doch stets nur in die nächste, verführerische Illusion …
Welches Fazit lässt sich aus alldem ziehen? Ich meine, wir sollten einige fast vergessene Tugenden wieder neu kultivieren: Wir brauchen Toleranz für Unbehagen – nicht, weil Unbehagen schön ist oder weil man die Zähne zusammenbeißen muss, sondern weil Toleranz das Unbehagen lindert. Wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, dass Anpassung und Verdrängung unentbehrlich sind. Wir müssen den Nutzen von Psychotherapie und Coaching realistisch betrachten. Und wir sollten aufhören, für jedes Problem einen Schuldigen zu suchen – oder einen Engel, der uns davon erlöst.
Wären die Heilsvisionen der Populärpsychologie wahr, müssten wir längst in der Glückseligkeit angekommen sein. Stattdessen verlangen immer mehr Menschen nach Anleitungen zum richtigen Leben. Vielleicht liegt der Schlüssel darin, sich mit der allgegenwärtigen Verstellung und den Unwägbarkeiten des Lebens anzufreunden und sie als etwas zu begreifen, dem man sich lustvoll hingeben kann, statt sich auf die fruchtlose Suche nach dem wahren Ich zu begeben“ (Steve Ayan, S. 278 ff.).
ham, 20. August 2026