Wer schnell ist, kann die vom 11. September 2025 bis 4. Januar 2026 im Haus am Lützowplatz laufende Ausstellung Herbst von Ruprecht von Kaufmann noch sehen: Von Kaufmann zeigt dort überwiegend Arbeiten, die seit Ende 2024 speziell für diesen Ort entstanden sind. Wer es aber nicht mehr schafft, kann auf den bei Hirmer zur Ausstellung erschienen umfangreichen Katalog Hundert zurückgreifen. Der für einen Katalog ungewöhnliche, ja geradezu enigmatische Titel Hundert erschließt sich, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass sich die im Katalog abgebildeten 100 Arbeiten auf von Kaufmanns Auseinandersetzung mit Arbeiten von Otto Dix wie der »Irrsinnigen« (vergleiche dazu https://www.kuma.art/de/exponat/die-irrsinnige), der »Witwe« (vergleiche dazu https://www.kuma.art/de/exponat/die-witwe-0), der Journalistin, Silvia von Harden (vergleiche dazu https://en.wikipedia.org/wiki/File:Otto_Dix_Sy_von_Harden.jpg), der Tänzerin »Anita Berber« (vergleiche dazu https://www.kuma.art/de/station/neue-sachlichkeit-908/webapp) und des Juweliers Karl Krall (vergleiche dazu https://sammlung.von-der-heydt-museum.de/Details/Index/3398) beziehen, die 1925, also vor 100 Jahren, in der von Gustav F. Hartlaub in Mannheim organisierten Ausstellung „Neue Sachlichkeit“gezeigt worden sind.
1925 war für Dix sein Wendepunkt, an dem er seine kritische Stimme fand und seinen Platz als wichtiger Chronist der Weimarer Republik festigte, bevor er von Düsseldorf nach Berlin zog und sich dort der Berliner Kunstszene widmete.
Von Kaufmanns im Haus am Lützowplatz gezeigte und im zur Ausstellung erschienen Katalog dokumentierte Werkserie untersucht nach Marc Wellmann „die Verschränkung aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen mit jenen der Weimarer Republik … Die Parallelen sind zahlreich – und oft beunruhigend. In den 1920er-Jahren wuchs die Unzufriedenheit mit dem politischen System; wirtschaftliche Verwerfungen eskalierten in Hass und der Verfolgung Andersdenkender. Heute erleben wir erneut eine Phase tiefgreifender Umbrüche – geprägt von einer nicht enden wollenden Kette von Krisen am Ende des fossilen Industriezeitalters. Und wieder ist die Demokratie durch das Erstarken rechtspopulistische Kräfte gefährdet und sieht sich der wachsenden Bedrohung eines Krieges in Europa gegenüber … Eines der Hauptwerke von Dix, das 1927-28 entstandene Triptychon Großstadt, hat Ruprecht von Kaufmann in den selben Maßen als Hauptstadt für die Ausstellung im Haus am Lützowplatz (HaL) neu interpretiert. Direkte motivische Aneignung – als Zitat oder Paraphrase – finden sich indes nur vereinzelt. Das Thema des Krieges greift von Kaufmann beispielsweise durch die Kombination eines Portraits einer anonymen, ukrainischen Soldatin mit einem über Ihr schwebenden Gewölbe aus NATO-Stacheldraht auf. Die Mehrzahl seiner Bildschöpfungen ist unabhängig von Dix – von Kaufmann borgt sich gleichsam lediglich dessen Blick auf die Gegenwart.
Entstanden ist dadurch ein Panoptikum zeitgenössischer Figuren: Punks, die den Passanten mit Verachtung begegnen; Adelige, gefangen in den Fallstricken ihrer Familiengeschichte; elegant gekleidete Hipster, die achtlos an einem schlafenden Obdachlosen vorbeigehen; Rap-Stars, deren Erfolgsbesessenheit zur undurchdringlichen Maske wird. Sie sind Kinder ihrer Zeit – und zugleich zeitlos in ihren Zweifeln, Freuden und Sehnsüchten, die sie mit den Menschen vor einem Jahrhundert teilen“ (Marc Wellmann im Katalog Hundert S. 8 f.).
Der zur Ausstellung erschienene Katalog HUNDERT wurde von Marc Wellmann im Auftrag des Vorstandes des Hauses am Lützowplatz mit Texten von Asta von Mandelsloh, Stefano Vastano und Marc Wellmann im Hirmer Verlag in München herausgegeben. Er hat die ISBN 978-3-7774-4749-0, 224 Seiten, 100 Abbildungen, das Format: 23 × 27,2 cm, ist als Hardcover gebunden und kostet € 50,00 (D) / € 51,40 (A).
ham, 3. Januar 2026