Wie wir besser verstehen, was uns trennt und was uns eint
Siedler Verlag, München, 2025, ISBN 978-3-8275-0201-8, 128 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Format 21,5 × 13,5 cm, Euro 20,00
Mentalitäten (von lateinisch mens, den Geist betreffend) bezeichnen vorherrschende psychische Persönlichkeitseigenschaften und Prädispositionen im Sinne von Denk- und Verhaltensmustern einer Person, einer sozialen Gruppe und auch einer gesamten Nation. Die Psychologin Carol Dweck unterscheidet zwischen einer „fixen Denkweise“, bei der man an fehlende und angeborene Grundfähigkeiten glaubt, und einer „Wachstumshaltung“, bei der man davon ausgeht, dass sich jede beliebige Fähigkeit durch das eigene Bemühen ausgleichen lässt. Die historische Mentalitätsforschung geht von einer Art und Weise des Denkens und Empfindens aus, das für eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Kollektiv prägend ist. Mentalitäten manifestieren sich demnach in Handlungen, Sichtweisen und Weltanschauungen einer Gruppe von Menschen in einer historischen Epoche und sind Bestandteile der jeweiligen Kultur.
Der 1987 in Neubrandenburg geborene studierte Mediziner und heute als Lyriker, Schriftsteller, Philosoph und Redakteur bei der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ tätige Peter Neumann schlägt in seiner am 24. September 2025 erschienenen Publikation „Mentalitäten“ vor, aktuelle Konfliktfelder wie die Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land, das Selbstbild der Ostdeutschen, den neuen Bellizismus sowie die Debatte um die Zukunft des globalen Westens von tief verwurzelten Einstellungen und Überzeugungen, also von Mentalitäten her zu erklären und nicht von der Gesamtheit der Eigenschaften und Merkmale, die Individuum kennzeichnen, also von Identitäten.
Der als Kind der Nachwendezeit konfessionslos aufgewachsene Neumann diskutiert in seinem schnörkellos geschriebenen Essay mögliche Bezüge ost- und westdeutscher Mentalitäten zu Einsichten aus der Geistes-, Kultur- und Zeitgeschichte von Hesiod bis Habermas. So hat der frühgriechische Dichter Hesiod in seinen Werken und Tagen an zwei Formen der Eris, der Zwietracht, erinnert. Die eine bringt Krieg, Tod und Vernichtung. Die andere stiftet einen Streit, der motiviert und weiterführt. Er ist ein Geschenk des Zeus und ein den Menschen dienliches Lebenselixier, eine Kunst der Anregung, die nicht nur nervt wie das ewige Ost-Bashing: „Wenn jemand über den Osten herzieht, ihn pauschal zu einer No-go-Area erklärt, höre ich mich selbst, wie ich vorpresche und den Osten verteidige. Ganz automatisch. Dabei weiß ich genau, wie viel dort schiefläuft. Mich stört auch, wie herablassend über die Provinz gesprochen wird, als lebten dort nur Hinterwäldler und Freaks – diese Haltung wirkt nicht selten selber provinziell. Auch das passiert einfach so. Ich kann nichts dagegen tun. Es sind »Triggerpunkte«, die ich spüre, Berührungen schmerzhafter Stellen.
In solchen Momenten geht es nicht mehr um das Allgemeingültige, Objektive. Hier wirken Prinzipien ganz anderer Art: Es zählt, was man erlebt hat. Was wehtat. Was geblieben ist. Deshalb, so meine These, drehen sich viele Streitigkeiten eigentlich gar nicht um Argumente. Sondern um Erfahrungen. Und Gewissheiten, die so tief sitzen, dass sie wie unerschütterliche Tatsachen erscheinen. Wer dann streitet, verteidigt nicht mehr seine Haltung, er verteidigt sich selbst. In solchen Momenten spricht nie die Vernunft allein. Immer meldet sich da auch etwas anderes zu Wort, das Existenzielle. Weil da etwas ist, das meine Erfahrungen trifft, meine Gewissheiten radikal infrage stellt. »Streit ist nie harmlos«, sagte die Autorin. Svenja Flaßpöhler. »Der Abgrund der Vernichtung ist immer da«“ (Peter Neumann, S. 54 f.).
Wer wie Jürgen Habermas in heiklen Debatten an die unsichtbare Hand eines »eigentümlich zwanglosen Zwangs« zur Wahrheit denkt, übersieht, „was wirklich auf dem Spiel steht. Habermas spricht von der »idealen Sprechsituation«, einem fiktiven Raum, in dem alle Teilnehmenden dieselben Chancen haben. Schön wär’s! In Wahrheit klingen bei allem, was wir sagen, fremde Stimmen mit, oft ist geradezu ein Chor zu hören, in den sich Dissonanzen mischen: Unsicherheit, verletzte Zugehörigkeit, der Wunsch nach Anerkennung. Und durch die sozialen Medien werden sie zusätzlich verstärkt, bis alles durcheinander dröhnt. Auch Habermas zeigt in Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, wie die Dynamik diskursiver Entgrenzung unsere Kommunikation erfasst, sodass der Unterschied zwischen öffentlich und privat verschwindet und damit auch der »inklusive von Sinn von Öffentlichkeit«. So sehr man auch Distanz erfordert, Unparteilichkeit, den guten Streit im Sinne des Hesiods: Mentalitäten entziehen sich diesem Ideal. Sie lassen sich nicht, wie Thesen und Theorien, kritisch diskutieren und verwerfen. Gerade deshalb können andere sie gegen uns verwenden. Der Philosoph Michael Theunissen hat darauf hingewiesen, dass der Begriff »Kairos« ursprünglich nicht nur den günstigen Augenblick meinte – die Gelegenheit, die man beim Schopf ergreifen sollte –, sondern die Stelle, an der Lebewesen am verletzlichsten sind, die verborgene Öffnung in der Rüstung des Gegners. In diesem Sinne dienen Mentalitäten nicht nur der Selbstverteidigung, sondern stacheln auch zum Angriff an: Sie tragen dazu bei, dass Konflikte eskalieren. Wenn wir nicht aufpassen, können Mentalitäten gegen uns verwendet werden“ (Peter Neumann, S. 55 f.).
Weitere Bezugspunkte für Neumanns Gang durch die Geistesgeschichte der Mentalitäten sind Johann Gottfried Herders Metakritik an Kants Kritik der reinen Vernunft, die französischen Historiker Marc Bloch und Lucien Febvre, mit denen die eigentliche Geschichte der Mentalitätsgeschichte begann, der Kulturwissenschaftler und Historiker Ulrich Raulff, für den eine richtig verstandene Geschichtsschreibung in der Lage sein muss, »eine Art Tiefenanalyse des Politischen vorzunehmen und dessen fundamentale Transformationen ans Licht zu bringen, die sich den politischen Diskurs selbst entziehen«, der kanadische Psychologe Joseph Heinrich, für den die Mentalitätsgeschichte mit den WEIRDS beginnt, mit den Western, Educted, Industrialized, Rich Democratics, mit den westlich gebildeten industrialisierten Reichen, mit den Demokraten. Schließlich spielt auch noch Thomas S. Kuhns Vorstellung von wissenschaftlichen Revolutionen herein, die sich nicht als stetiger Wissenszuwachs, sondern in Sprüngen, Krisen und Umbrüchen herausbilden, und nicht zuletzt der Makrosoziologe Steffen Maus, nach dem Wandlungsgesellschaften ein Zeitproblem haben: Entweder sie treiben den Wandel mit aller Kraft voran – und verlieren dabei die, denen es schwerfällt, mitzuhalten; oder sie versuchen, die Dynamik aus Angst vor Überforderung abzubremsen – und verprellen damit jene, die schneller vorpreschen und weiterdenken wollen.
Neumann kommt zu folgendem Schluss: „Mentalitäten existieren immer nur in einer Doppelgestalt: als hybride Gebilde zwischen Natur und Kultur, Unsichtbarkeit und Wirkungsmacht. Sie bedienen Klischees und widerlegen sie zugleich, sind träge, bis man sie reizt, dann revoltieren sie. Sie sind ebenso eigensinnig wie verführbar, tief in Gewohnheiten eingeschrieben und doch ständig im Wandel. In den kleinsten Gesten, in Ticks und Eigenheiten geben sie sich zu erkennen, ohne selbst Gegenstand der Anschauung zu sein, und sobald man sie festhalten will, verflüchtigen sie sich.
Durch die Beschäftigung mit Mentalitäten werden die großen Konflikte unserer Zeit nicht verschwinden, dafür sind die Debatten um Antisemitismus, Rassismus, Migration und gendergerechte Sprache zu überhitzt. Dennoch verbinde ich mit diesem Buch die Hoffnung, dass sich Wege aus der tiefer werdenden Unversöhnlichkeit finden lassen: Mentalitäten sind Haltungen, Maßstäbe und Denkweisen, die nicht erst durch Zuschreibungen entstehen, weder durch andere noch durch uns selbst. Wir tragen sie immer schon mit uns, wachsen mit ihnen auf. Deshalb verraten Sie so viel über uns. Die Suche nach ihnen löst keinen Meinungsstreit, aber sie kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen: die Muster, die unser Denken und Handeln bestimmen, die Art, wie wir miteinander streiten, und das Tempo der Veränderung, mit dem wir uns bewegen. Sie öffnet den Blick ins kollektive Unbewusste, die tief liegenden kulturellen Schichten.
Die These ist einfach, aber weitreichend: Mentalitäten prägen; sie definieren und schaffen Differenzen. Doch darüber hinaus einen sie auch, und zwar in doppelter Hinsicht: Sie ermöglichen Begegnungen zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären, Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen, Vorlieben, aber einer – nicht immer auf den ersten Blick erkennbaren – gemeinsamen Geschichte. Ihre tiefste Wirkung entfalten sie jedoch, wenn sie uns helfen, den Blick auf uns selbst zu schärfen, auf unsere Herkunft und auf unsere blinden Flecken.
Das ist der zentrale Punkt: Mentalitäten tragen zur Zuspitzung bei und heizen Konflikte weiter an. Doch nur durch die Beschäftigung mit ihnen gibt es Hoffnung auf Schlichtung. Im souveränen Umgang mit Ihnen werfen sie uns auf uns selbst zurück. Mentalitäten eröffnen uns einen Raum der Selbstreflexion, schaffen eine Pufferzone zwischen uns und der Welt, in der vieles möglich wird, Augenmaß, Fingerspitzengefühl, Urteilskraft. Ein Raum, in dem nicht nur Zwietracht wächst, sondern auch eine Ahnung davon, was den anderen und uns selbst bewegt, wann, was uns alle manchmal zweifeln, hoffen, zögern lässt. Kurzum: Mentalitäten prägen nicht nur, sie helfen uns besser zu verstehen, was uns trennt und was uns eint“ (Peter Neumann, S. 105 f.)
ham, 5. Januar 2026