Deutsche Verlags-Anstalt, München 2023, ISBN: 978-3-421-04887-5, 320 Seiten, diverse Abbildungen und Tabellen, Hardcover mit Schutzumschlag, Format 22 x 14,5 cm, € 24,00 (D) / € 24,70 (A) / CHF 32,90

Dieser Tage macht die Nachricht die Runde, dass der KI-Pionier Geoffrey Hinton vor seiner von ihm mit erfundenen Technologie deutlicher als bisher warnen will und deshalb seinen Job bei Google aufgegeben hat: „Die größte Gefahr sieht der mittlerweile 75-Jährige im Missbrauch der Technologie durch skrupellose Machtmenschen, wie etwa den russischen Präsidenten Putin. Viele böse Akteure wollten KI nutzen, um Kriege zu gewinnen oder Wahlen zu beeinflussen. ›Glauben Sie keine Sekunde, dass Putin nicht hyperintelligente Roboter bauen lassen würde, mit dem Ziel, Ukrainer zu töten. Er würde nicht zögern‹. Über all das könne er freier reden, wenn er nicht mehr bei Google sei. Bislang sei das Unternehmen ein guter Hüter der Technologie gewesen. Aber er könne nicht über die Gefahren von KI sprechen, solange er bei Google sei, weil das dem Geschäft des Konzerns schaden könne. Er macht sich ganz offenbar auch Sorgen darüber, wie es bei Google nun weitergeht, nachdem Microsoft und Open AI mit ihrem mittlerweile berühmten Sprachmodell Chat-GPT4 vorgelegt haben und damit unmittelbar das Kerngeschäft von Google, die Suche im Netz, bedrohen. Der Konkurrenzkampf der Giganten könne dazu führen, dass das Internet überschwemmt werde mit gefälschten Fotos, Videos und Texten. Viele normale Nutzer könnten dann nicht mehr unterscheiden, was wahr ist und was falsch“ (Helmut Martin-Jung, Künstliche Intelligenz. In: Süddeutsche Zeitung vom 2. März 2023: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geoffrey-hinton-kuenstliche-intelligenz-google-gefahr-1.5834241. Vergleiche dazu auch Publik-Forum Nr. 9 vom 12. Mai 2023, S. 30).

Auch der an der TU Braunschweig an den zellulären Grundlagen von Lernen und Gedächtnis forschende Neurobiologe Martin Korte (vergleiche dazu https://www.tu-braunschweig.de/zoology/forschung/cellular-neurobiology) fragt in seinem Überblick über die Auswirkungen der digitalen Reizüberflutung auf unser Gehirn, wie sich der Mensch von intelligenten Maschinen abgrenzen kann, welche Macht bei Programmierern liegt und was es heißt, dass man anfänglich Gedanken lesen kann: „Je digitaler unser Alltag wird, desto mächtiger werden auch die Menschen, die die Software entwickeln. Programmierer sind die Architekten dieser Welt. Sie gehören wohl zu den leisesten, aber trotzdem einflussreichsten Bewohnern unseres Planeten. Programmcode ist so etwas wie der Baustoff der digitalen Welt, vergleichbar mit der DNA, die der Code für die biologische Welt ist. Wie die Gründungsväter der USA […] das ›Betriebssystem der Demokratie‹ schrieben, so legt heute eine neue Elite aus Programmierern die Verfahrens- und Kommunikationsregeln der digitalen Gesellschaft fest – allerdings unbemerkt. Wer verstehen will, wie unsere Welt sich digital weiterentwickeln wird, dem wird es helfen, auch etwas über Programmierer und Programmiererinnen zu erfahren […]. Was viele Programmierer auszeichnet, ist ihr Machbarkeits- und Effizienzdenken. Friktionen, Fehler (bugs) aus einem System zu entfernen und möglichst [einen] schlanken Code zu schreiben, das sind die ästhetischen Freuden eines Programmierers“ (Martin Korte S. 221 f.).

Beim Programmieren muss das Gehirn über einen längeren Zeitraum über die komplexen Abhängigkeiten und Regeln eines Systems nachdenken und jeden Fehler ausschließen. „Deshalb erfordert Programmieren  eine sehr konzentrierte Vernetzung des Gehirns. Vielleicht rührt daher auch der Tunnelblick vieler Programmierer, das extreme Fokussiertsein auf kleinteilige Lösungen, das den Blick auf den Gesamtzusammenhang des Programms, seinen eigentlichen Zweck oder seine gesellschaftliche Bedeutung verstellen kann“ und das Menschliche darin nicht mehr sieht (Martin Korte S. 224). 

Weiter kann gefragt werden, ob sich bei der Übersetzung großer Lebensfragen in binäre Systeme von Einsen und Nullen nicht Unschärfen einschleichen, die menschliche Vorurteile und Hass verstärken, ob die binäre Struktur der Technologie nicht besonders anschlussfähig an autoritäre Systeme ist und ob mit der Gestaltungskraft des Programmierens und der Technisierung unserer Welt nicht Machbarkeitsfantasien einhergehen (vergleiche dazu Martin Korte S. 225).

Korte setzt in seinem Überblick über die Frage, wie künstliche Intelligenz funktioniert und warum sie erst so wirkmächtig wurde, als man die neuronalen Netze unserer Gehirne als Vorbilder nahm, mit den Fragen ein, wie wir es im Informationsdschungel unseres digital geprägten Alltags noch schaffen, klar zu denken und zu arbeiten und warum wir so oft daran scheitern, den Nutzungssignalen der Smartphones und Handys zu widerstehen. Im zweiten Kapitel steht der Einfluss der digitalen Medien auf die Sprachentwicklung in der frühen Kindheit und auf die Gehirne Heranwachsender im Mittelpunkt. Das dritte Kapitel widmet sich dem digitalen Lernen vor allem in der Schule. Korte fasst das Corona-bedingte schulische digitale Lernexperiment so zusammen:

„1. Sind Lehrkräfte entsprechend ausgebildet und lassen sich kreativ auf Online-/digitale Lernformen ein, erweisen diese sich als nützliche Werkzeuge […].

2.  Vor allem Kinder bis zur 5./6. Klasse brauchen den Klassenverband und einen realen Mentor, für sie funktionieren digitale Medien am schlechtesten,

3.  Blended Learning, der Wechsel zwischen lehrerzentriertem Unterricht im Klassenverband und der individuellen Bearbeitung von Aufgaben mit E-Learning-Tools und (!) Online-Betreuung durch dafür qualifizierte Lehrer und Lehrerinnen, führt zu den besten Lernergebnissen im Hinblick auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht […].

4.  Reiner Online-Unterricht ist ein Motivationskiller und zeigt, wie sehr unsere Gehirne evolutiv auf eine Gruppe von uns umgebenden Menschen angewiesen ist. Gehirne, vor allem kindliche, suchen das Gemeinschaftsgefühl mit anderen Menschen […].

5.  Digitale Lernplattformen ohne entsprechende schulische Betreuung führen zu einer Vergrößerung der Bildungsschere zwischen unterschiedlichen sozioökonomischen Gruppen“ (Martin Korte S. 124 f.).

Kapitel 4 zeichnet nach, was mit dem Begriff „künstliche Intelligenz“ gemeint ist und was diese heute leisten kann und nicht. Im Kapitel fünf geht es um die Schnittstellen von Gehirn und künstlicher Intelligenz. Wird es etwa möglich sein, unser Gedächtnis mit Computerchips zu verbessern und Musik direkt im Kopf zu hören? Kapitel 6 fasst zusammen, welche Anforderungen digitale Medien an unser Gehirn stellen:

„Was tun Computer? Sie erkennen Muster, gruppieren Daten und ordnen sie neu – genau das macht unser Gehirn auch (und noch vieles mehr). Digitale Technologien schaffen Probleme, aber sie bieten auch Chancen. Zum Beispiel die, mehr über uns als Menschen zu lernen, inklusive unserer Wünsche und Bedürfnisse und natürlich auch unserer Verfehlungen, Fehleinschätzungen und Irrtümer. Es könnte sich lohnen, darüber zu diskutieren, ob kritische Aspekte digitaler Technologien nur pointiert sichtbar machen, aber nicht per se generieren, was aktuelle gesellschaftspolitische Probleme sind: ein zunehmend polarisierter und nicht auf Konsens ausgerichteter politischer Dialog – beispielsweise die mangelnde Bereitschaft, wissenschaftliche Expertise in die Beurteilung, Bewertung und Lösung aktueller Krisen einfließen zu lassen sowie fehlende gemeinsame gesellschaftliche Ziele und ein unsachlicher Streit darüber, wie diese erreicht werden können.

Die gerade stattfindende digitale Revolution führt weder automatisch zu kritischem Denken, noch fördert sie die Kreativität. Allein durch Tippen mit unseren Fingerspitzen stehen Unmengen von Informationen zur Verfügung. Aber das alles macht uns nicht klug. Wir müssen lernen, den größtmöglichen Nutzen aus den digitalen Technologien zu ziehen – kritisch, selbstbewusst und neugierig. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir in der Nutzung digitaler Medien erst einmal so klug werden müssen, wie es diese Technologien in vielen Bereich schon sind“ (Martin Korte S. 299 f.). Aber, so muss man Korte wohl zurückfragen, wann und in welcher Beziehung sind digitale Technologien klug und können sie es überhaupt sein?

ham, 23. Mai 2023

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