Publikation zur gleichnamigen Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien. Mit einem Vorwort von Rosemarie Schwarzwälder und Deniz Pekerman und Beiträgen von Luca Cerizza und Ludger Schwarte 

Hirmer Premium, Hirmer Verlag, München / Galerie nächst St. Stephan, Wien, 2022, 

ISBN 978-3-7774-3936-5, 160 Seiten, 80 Abbildungen in Farbe, veredelter Einband mit Prägung, gebunden, Format 30,4 x 24,5 cm, € 39,90 (D) / 39,95 (A), CHF 41,10 / USD 50,00

Die 1961 in Freiburg im Breisgau geborene Katharina Grosse kommt ursprünglich vom Neoexpressionismus der „Jungen Wilden“ her und ist seit Ende der 1990er Jahre mit ihren mit der Spritzpistole aufgetragenen farbgewaltigen Interventionen international bekannt geworden. Sie gilt als eine der prägenden Malerinnen ihrer Generation (vergleiche dazu https://www.instagram.com/katharina_grosse/?hl=de und https://www.art-in.de/biografie.php?id=551).

In ihren in der Galerie nächst St. Stephan in Wien gezeigten Arbeiten (vergleiche dazu http://archive.schwarzwaelder.at/artist/katharina_grosse) favorisiert sie beim »Malen« „ausladende, ausufernde Bewegungen, die außerhalb der Ränder der Leinwand beginnen und enden und diese mit schräg- laufenden Linien von mehr oder weniger gleicher Neigung durchqueren, die anfangs parallel zueinander verlaufen und einander schließlich überlappen. Die Farbe wird aus einer geringeren Distanz als sonst auf die Leinwand gesprüht, wobei die Kompaktheit und Einheitlichkeit des Ganzen gesteigert wird … Diese Leinwände prägt ein anscheinend neues, stark rhythmisches Element, das die körperliche Komponente der Malhandlung verstärkt … Auf der Leinwand, aber unter der aufgetragenen Farbe, kann man schließlich das erkennen, was vielleicht das Überraschendste an dieser Serie ausmacht: Fragmente anderer Leinwände oder Leinwandfetzen, die an das Bild geheftet sind, sowie aus früheren Produktionen stammende, hier wieder verwendete Treibhölzer. Diese Mixed-Media-Elemente, die sich sporadisch über die verschiedenen Werke verteilen und etwas von der Malerei des Neo-Dada an sich haben, brechen die Flächigkeit und Einheitlichkeit des Objektbildes auf und verleihen den Arbeiten eine ausgesprochene Taktilität. Die hervorstechendsten unter diesen ›Fremdkörpern‹ auf der Leinwandoberfläche sind … herabhängende Pflanzenzweige“ (Luca Cerizza S. 132 ff.).

Nach Ludger Schwerte sprengt Katharina Grosse die beim Anschauen von Bildern einsetzende Assoziationskette. „Die in die Gemälde eingebrachten oder eindringenden Holzteile, die Bretter und Äste werden von den Tentakeln der aufgeschlitzten, ausgesägten, skulptierten Leinwand aufgefangen und umschlungen. Leinwand und Ast finden zueinander, nehmen eine Verbindung

auf, bleiben aber nebeneinander, bleiben sperrig. Die Farbe umspielt dies, geht darauf ein, fasst es zusammen, aber ordnet und beherrscht nicht. Es entsteht eine prekäre und ephemere Assoziation, ein Zusammenschluss von Farben und Formen, von Lücken und Materialien, eine Vielheit, ein Schwarm, der über die Systeme hinausgeht, in denen die Leinwände, Rahmen, Farben, Knoten und Äste Funktionen ausfüllen, Rollen spielen, Bedeutung tragen. Hier wahren sie ihre eigene Stimme, öffnen sich für unvorhergesehene Kontakte, verknotet und doch singulär. Der Wald bleibt Ast. Die Wolke sprengt den Horizont. Im Vergleich zu anderen Arbeiten sind die hier präsentierten fast Miniaturen und Gedankenexperimente, in denen neue Innen- und Außenverhältnisse, Verschlingungen und Ausstülpungen, Flächen und Körper, Grenzverschiebungen und Balanceakte ausprobiert werden“ (Ludger Schwarte S. 110).

Die Abbildungen des zur Ausstellung erschienenen Katalogs springen einem förmlich in die Augen. Sie lassen die Äste, die Baumteile und die skulptierten Leinwände buchstäblich in den Bildraum treten, sodass man meint, man könnte sie anfassen und man merkt dann doch sogleich, dass das nicht geht (vergleiche dazu https://www.hirmerverlag.de/de/titel-1-1/katharina_grosse-2262/ und  https://www.instagram.com/p/CZRtohEse-2/?hl=de). Ludger Schwarte diskutiert das Werk von Katharina Grosse im Kontext seiner These, dass jedes Bild Ikonik, Logik und Symbolik enthält und zu einem Ausgleich bringt, Luca Cerizza im Kontext diverser Konzepte der Landart. Für Cerizza reaktivieren Grosses bei Rosemarie Schwarzwälder gezeigten Gemälde ihre malerische Herangehensweise an die Landschaft und ihre Pleinair-Bilder, allerdings in einem anderen Maßstab und in einer neuen Balance von bildlichen und natürlichen Elementen. Die ästhetisch überaus ansprechende Publikation gehört in jede Kunstbibliothek.

ham, 10. Oktober 2022

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