Mai 27

Florence Gaub, Szenario

Von Helmut A. Müller | In Futurologie

Die Zukunft steht auf dem Spiel

dtv Verlagsgesellschaft, München, ISBN 978-3-423-8527-8, 508 Seiten, gebunden, Hardcover mit Schutzumschlag, Format 22 × 14,3 cm, € 25,00 (D) / € 25,70 (A) / CHF 33,90

Die 1943 von Ossip K. Flechtheim als Synthese aus Ideologie und Utopie eingeführte Futurologie – damals allerdings noch nicht mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit – wird 2006 von dem deutschen Physiker, Soziologen und Zukunftsforscher in Abgrenzung zu pseudowissenschaftlichen Tätigkeiten wie der Trendforschung, der Prophetie und von Science-Fiction als die wissenschaftliche Befassung mit möglichen, wünschbaren und wahrscheinlichen Zukunftsentwicklungen und Gestaltungsoptionen sowie deren Voraussetzungen in Vergangenheit und Gegenwart definiert. In der Extrapolation von gegenwärtigen Entwicklungen lassen sich wahrscheinliche zukünftige Gegebenheiten ableiten. Zwar lässt sich heute das Wetter für die nächsten fünf Tage so gut voraussagen wie vor zwanzig Jahren für die nächsten drei Tage. Aber ob Putins nukleare Drohgebärden vom 24. und 27. Februar 2022 nach vier Jahren Krieg gegen die Ukraine wahrscheinlicher geworden sind und inwieweit wir als Einzelne die persönliche und die Zukunft der Welt beeinflussen, bleibt zumindest offen.

Nach Forence Gaub ist die Zukunft „messy. Sie ist das Ergebnis von Trends, von unverrückbar physischen Realitäten, von Entscheidungen aberwitzig vieler Akteure, von kleinen und großen Überraschungen, die niemand hat kommen sehen. Und weil alles zusammenhängt in einem großen, komplexen, unüberschaubaren System, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen, ein frustrierter Gemüsehändler in einer tunesischen Kleinstadt den Sturz von fünf arabischen Diktatoren herbeiführen. Zu behaupten, man wisse genau, was da komme, ist so falsch wie die Horoskope der Babylonier. Der einzige Weg, diese Unordnung greifbarer zu machen, sind Szenarien, das Durchdenken von Handlungsketten und Dominoeffekten in alle Richtungen, von wahrscheinlich bis unwahrscheinlich, von wünschenswert bis katastrophal. Und genau deshalb ist das Buch Szenario“ der Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin Florence Gaub kein Entwurf der Zukunft der Weltpolitik, sondern eine Einladung an die Leser, selbst zu durchdenken, welche Handlungen und Entscheidungen zu welcher Zukunft führen“ (Florence Gaub, S. 8 f.).

Szenarios sind hypothetische Zukunftsbilder oder gedanklich durchgespielte Situationen. Sie beschreiben eine mögliche Abfolge von Ereignissen und deren Konsequenzen in Best-, Worst- und Trendszenarios als diewahrscheinlichsten Entwicklungen. Sie helfen, Handlungsspielräume abzustecken und alternative Strategien zu entwickeln. Heute „ist ein Szenario in der Zukunftsforschung ein Werk der Improvisation, es geht nie darum, alles haargenau zu beschreiben und festzulegen, sondern die großen Linien und Zusammenhänge zu erkennen und mit ihnen zu spielen. In der Zukunftsforschung hat das drei Effekte: Erstens reduziert man die scheinbare Unendlichkeit von Möglichkeiten auf einige wenige, zweitens macht es einem den eigenen Handlungsspielraum bewusst, und drittens schafft man damit eine Erinnerung an die Zukunft – wenn eines der Szenarien eintritt, kann man schneller reagieren, weil man es ja schon kennt. Szenarien, egal wie negativ, führen also am Ende immer zur Bewusstmachung von Selbstwirksamkeit und damit auch zu Optimismus, sie reduzieren Schockmomente und sie geben ein Gefühl der Kontrolle“ (Florence Gaub, S. 9 f.).

Gaubs in ihrer Publikation vorgestelltes letztes Szenario spielt am 26. Januar 2033 in Brüssel und Wien. Der Fernseher in Brüssel „zeigt dramatische Bilder aus Wien: Dutzende von Limousinen mit Flaggen aller Nationen der Welt, die vor der Hofburg vorfahren. Delegationen aus Washington, Moskau, Peking, London, Berlin – alle Mächte der Erde versammeln sich zu dem, was die Medien bereits »die wichtigste Friedenskonferenz seit 1945« nennen. Sie lehnen sich in Ihrem Sessel zurück und lächeln zum ersten Mal seit Monaten. Nach Jahren der Warnungen, der Aufrüstung, der Krisen ist der Westen endlich stark und selbstbewusst genug geworden, um nicht nur zu reagieren, sondern zu führen.

Der ORF berichtet aus Wien über die Ereignisse, die zu dieser historischen Konferenz führten – eine Kette von Ereignissen, die die Welt an den Rand des Abgrund sbrachte, aber schließlich zu diesem Moment der Hoffnung führte. Es begann im September mit einer verheerenden Explosion in der St. Petersburger Metro. Eine strategisch platzierte Bombe ließ die Newski-Prospekt-Station einstürzen – 47 Menschen starben unter den Trümmern. Noch bevor die Ermittlungen begannen, beschuldigte der Kreml die Ukraine und Großbritannien des »staatlichen Terrorismus«. Putin hielt vier Stunden später eine Rede, die in die Geschichte eingehen würde: »Wer glaubt, russisches Blut ungestraft vergießen zu können, wird lernen, was Vergeltung bedeutet. Der Nazi-Staat Ukraine, unterstützt vom Terrorstaat Großbritannien, wird einen schweren Preis dafür bezahlen.« Großbritannien hatte gerade weitere Trainingseinheiten für die ukrainische Armee angekündigt. Wahrscheinlich war das der wahre Grund für Putins Zorn.

Parallel hatte sich im September bereits eine Krise im Südchinesischen Meer entwickelt. Ein mysteriöser GPS-Ausfall führte zur Kollision zweier Kriegsschiffe – der USS Benfold und der Haijing 1301 der chinesischen Küstenwache (formal – aber de facto ein Militärschiff) – bei klimawandelbedingter schlechter Sicht. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig: Amerika sprach von chinesischer Satellitensabotage, Peking von amerikanischer Cyberkriegführung.

Vier Monate später baute sich die Spannung auf – aber diesmal war der Westen anders vorbereitet als je zuvor. Was folgte, war eine Demonstration von Einheit und Stärke.

Als Putin seine Drohung ausstieß, antwortete die NATO nicht mit Appeasement oder panischen Reaktionen, sondern mit kalkulierter Kraftdemonstration. Binnen 48 Stunden aktivierte die Allianz den »Enhanced Forward Deployment Plan« – deutsche U-Boote patrouillierten die Arktis, französische Nuklearträger bezogen Position vor Spitzbergen, britische Astute-Klasse-U-Boote jagten russische Boomer unter dem Packeis. Gleichzeitig demonstriert Europa seine neue strategische Kompetenz. Bundeskanzler Merz verkündete: »Deutschland versteht russische Sicherheitssorgen, aber wir lassen uns nicht erpressen. Wir sind bereit für Dialog – aber aus einer Position der Stärke.« Die britische Premierministerin Badenoch ergänzte: »Großbritannien fürchtet keine russischen Drohungen. Unsere Flotte wird weiterhin internationale Gewässer befahren – aber wir sind bereit für konstruktive Gespräche über Arktissicherheit.«

Putin reagierte mit einer Woche akribisch geplanter Machtdemonstration:

18. Oktober: 15 russische U-Boote verließen ihre Häfen auf »verstärkter Patrouillentätigkeit«.

20. Oktober: 24 Hyperschallraketen auf Franz-Josef-Land wurden »für Wartungsarbeiten« aktiviert.

22. Oktober: Das Satellitensystem Polarstern – 47 militärische Überwachungsplattformen –ging online.

24. Oktober: Russische »Forschungsschiffe« positionierten sich entlang der Nordostpassage für GPS-Manipulation.

Am 25. Oktober um 03:30 GMT begann das britische HMS Resolute ihre planmäßige Patrouille in der Nordostpassage – und tappte in Russlands perfekte Falle. 

03:45 Uhr GMT: Russische Satelliten manipulierten das GPS der HMS Resolute, lenkten das Schiff um 847 m in umstrittene Gewässer. Da verstanden sie: Die RV Framtid war im Testlauf gewesen.

04:15 Uhr GMT: Zwölf russische U-Boote umkreisten den britischen Zerstörer in Angriffsformation.

04:30 Uhr GMT: Moskau stellte ein Ultimatum: »Verlassen Sie sofort russisches Territorium oder erwarten Sie militärische Konsequenzen.«

Für 15 Minuten stand die Welt am Rand des Dritten Weltkrieges.

Aber der Westen reagiert diesmal nicht mit Panik oder Unverständnis. Europäische Geheimdienste durchschauen sofort die russische GPS-Manipulation. Nato-Strategen verstanden Putins Kalkül: Machtdemonstration, nicht Vernichtung. Entscheidend war die Reaktion aus Washington. Präsident Beshear – gerade wiedergewählt – rief binnen einer Stunde Putin direkt an – nicht um zu kapitulieren, sondern um eine Botschaft zu übermitteln: Wladimir, wir verstehen dein Spiel. Aber wir spielen ein anderes. Bereit für echte Gespräche?

05:30 Uhr GMT: Die HMS Resolute änderte ihren Kurs nach Süden, russische U-Boote zogen sich zurück. Beide Seiten hatten demonstriert, dass sie kämpfen konnten – aber nicht mussten.

Gleichzeitig eskaliert die Lage im Südchinesischen Meer. Chinesische und amerikanische Flottenverbände umkreisten einander in gefährlicher Nähe. Peking testete, ob Washington bei zwei simultanen Krisen funktionsfähig blieb. Aber auch hier bewies der Westen seine neue Reife. Statt überzureagieren, sendete das Pentagon eine klare Botschaft: China, ihr testet unsere Reaktionsfähigkeit. Test bestanden. Bereit für Gespräche über Navigationsregeln?

Um 14:30 Uhr Ortszeit begannen beide Flotten einen synchronisierten Rückzug.

Was folgte, überraschte die Welt. Statt in den gewohnten Krisenmodus zu verfallen, ergriff Präsident Beshear die Initiative. In einer historischen Rede vor dem Kongress verkündete er: »Amerika hat seine Stärke bewiesen. Russland und China haben ihre Stärke bewiesen. Jetzt ist es Zeit für Weisheit. Ich lade alle Nationen zu einer Friedenskonferenz nach Wien ein – nicht als Zeichen der Schwäche, sondern als Zeichen der Stärke.« Was Amerika begann, vollendete Europa. Bundeskanzler Merz und Präsident Attal verkündeten gemeinsam: »Europa wird diese Konferenz ausrichten. Wien wird Gastgeber für einen neuen Friedensvertrag des 21. Jahrhunderts.«

Die Reaktionen kamen schneller als erwartet:

● Moskau: »Russland ist bereit für konstruktive Gespräche über Sicherheitsarchitektur.«

● Peking: »China unterstützt multilaterale Ansätze für globale Stabilität.«

● London: »Großbritannien wird alle Anstrengungen für dauerhaften Frieden unterstützen.«

Binnen 72 Stunden stand der Rahmen fest: Eine internationale Friedenskonferenz in Wien, beginnend am 26. Januar 2033. Alle Nuklearmächte, alle regionalen Mächte, alle wichtigen Akteure der Weltpolitik.

Die Agenda war ehrgeizig:

● Neue Regeln für Arktissicherheit

● Navigationsabkommen für umstrittene Gewässer

● Cyberkriegführungs- Beschränkungen

● Weltraum-Militarisierungs-Moratorium

● Globale Frühwarnsysteme für Krisen …

Alle Seiten hatten verstanden: Sie konnten sich gegenseitig zerstören. Aber sie konnten auch miteinander reden. Dafür braucht es Glück und den richtigen Moment – aber ohne Vorbereitung wird beides nicht kommen“ (Florence Gaub, S. 480 ff.).

ham, 26. Mai 2026

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