Die westliche Moderne in Zeiten der Krise
Verlag, C. H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-82889-8, 191 S., Klappenbroschur, Format 21,5 x 12,4 cm, € 18,00
Wenn man der Geschichtswissenschaft folgt, beginnt die westliche Moderne mit der Überwindung des absolutistischen Königtums und seiner Machtfülle bei der Französischen Revolution, der Abschaffung der Privilegien von Adel und Klerus, dem Ende des Feudalsystems und der Leibeigenschaft, dem Zurückdrängen des politischen Einflusses der katholischen Kirche, der Enteignung der Kirchengüter und der Schaffung der Grundlagen für die Trennung von Staat und Kirche. An ihre Stelle treten die Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Damit steht die Vorstellung im Raum, dass der Mensch autonom und frei ist und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann. Mit der Industrialisierung, ihren technologischen Innovationen und dem freien Markt verbessern sich die Lebensbedingungen durch Wachstum und Wohlstand. Schließlich stehen die demokratischen Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und internationale Abkommen für die Möglichkeit, Konflikte zu zivilisieren und gerechtere Gesellschaftsordnungen schaffen zu können. Damit steht die Moderne für Aufbruch, Fortschritt und eine bessere Zukunft.
Gegenwärtig sehen nach dem Religions- und Kultursoziologen Detlef Pollak immer mehr Menschen die Versprechen der Moderne an die Zukunft in Gefahr. Sie befürchten den Klimakollaps, das Ende der Demokratie und den Absturz immer größere Teil der Bevölkerung in die Armut. Zugleich verfolgen die meisten unverdrossen ihre persönlichen Interessen und arbeiten an einer Verbesserung ihrer individuellen Lebenssituation, als stünde die Welt nicht kurz vor dem Abgrund. Im Schatten der befürchteten Katastrophe halten Sie an ihren Lebenszielen fest und entwerfen neue Pläne, wenn alte in Brüche gehen. Sofern es um unsere eigene Biografie geht, sind wir kaum bereit, den Kampf um eine bessere Zukunft aufzugeben. Und das durchaus mit guten Gründen. Diese liegen nicht einfach nur in unseren Ansprüchen auf Freiheit, Gleichberechtigung, Anerkennungen und Erfolg. Sie liegen auch darin, dass wir uns viele unserer Wünsche nach wie vor erfüllen können, manche sogar besser als früher, wie etwa den Wunsch nach einem passenden Job, einem Urlaub in der Toskana oder Gesundheit im Alter. Treten also individuelle Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Gestaltungskapazität zunehmend auseinander? Und bestärkt diese wachsende Diskrepanz die Neigung vieler, sich auf Ihr individuelles Glück zu konzentrieren? Oder simuliert sie ganz im Gegenteil intensivere politische Aktivitäten zur Abfindung der drohenden Gefahr?
Wer einen Schritt zurücktritt, an das berühmte Plakat von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1924 „Nie wieder Krieg“ denkt (vergleiche dazu https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/kaethe-kollwitz-nie-wieder-krieg), die 60 bis 70 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs, den Krieg im Sudan mit seinen 14 Millionen Vertriebenen und 150 000 Toten, den Krieg Russlands gegen die Ukraine, den Krieg im Nahen Osten und die ungelöste Klimakrise vor sich sieht, versteht die Zweifel an der lange gewachsenen Vorstellung vom unaufhaltsamen Fortschritt. Gleichwohl sollten wir die Werte der Aufklärung und der Moderne nach Pollack weder in der Spur der Kritischen Theorie und der postkolonialen Sichtweise noch in der Spur einseitig verkürzender philosophischer Theorien des Kapitalismus wie denen von Nancy Fraser (vergleiche dazu Nancy Fraser, Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt: https://www.suhrkamp.de/buch/nancy-fraser-der-allesfresser-t-9783518029831) und Eva von Radecker (vergleiche dazu https://www.perlentaucher.de/buch/eva-von-redecker/dieser-drang-nach-haerte.html) noch in der Spur steigerungslogisch argumentierender Sozialwissenschaftler wie Hartmut Rosa (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Resonanz_(Soziologie)) verwerfen, sondern sich fragen, ob die benannten Entfremdungs- und Unterwerfungstheorien mit der empirisch beschreibbaren Lebenswirklichkeit der Betroffenen Individuen übereinstimmen. Ein genaueres Nachdenken kann leicht zeigen, dass die Welt heute egalitärer als die von 1950 oder 1900 ist und die von 1900 in zahlreichen Hinsichten gleicher war als die von 1850 oder 1780. „Eine Soziologie, die die Gegenwartsverhältnisse lediglich unter den Begriffen des Schreckens, der Ausbeutung, der Entfremdung, der Entsubjektivierung und Versklavung fasst, übersieht, wie stark sich die Lebensverhältnisse der Menschen in der westlichen Moderne zum Besseren verändert haben“ (Detlev Pollack, Erwartungssteigerung und Selbstbegrenzung. In: https://www.feinschwarz.net/erwartungssteigerung-und-selbstbegrenzung/).
Deshalb schlägt Pollack vor, den Fortschrittsglauben der Moderne genauer zu fassen und dann zu sehen, dass sie von den von ihr produzierten Katastrophen nicht unberührt geblieben ist. Nach Pollack machen drei Merkmale die Moderne aus: „erstens die Erweiterung des zeitlichen Horizonts und eine damit verbundene Steigerungsdynamik, die beschleunigt, aber auch gezähmt werden kann, zweitens eine sachlich begründete funktionale Spezifikation unterschiedlicher gesellschaftlicher Teilbereiche, die in einem spannungsvollen Zusammenhang miteinander stehen, drittens die soziale Inklusion rechtlich gleichberechtigter Individuen und die Einrichtung von Wettbewerbsarenen, die die individuellen Selbstbestimmungsmöglichkeiten erweitern und zugleich eingrenzen. Aus diesen Merkmalen und anderen mit ihnen verbundenen Eigenschaften erklärt sich die besondere Dynamik moderner Gesellschaften. Dabei entfalten die mit der Moderne aufkommenden gewaltigen Kräfte der Veränderung ambivalente Wirkungen“ (Detlev Pollack, Große Versprechen, S. 152). „Fortschritte stehen neben Regressionen, Freiheitsgewinne neben Freiheitsverlusten, Inklusionserfolge neben Exklusionstendenzen. Die Moderne nur auf einer der beiden Seiten zu verorten, übersieht die Lerngeschichte, die die Moderne mit sich gemacht hat und in deren Verlauf sie immer wieder umgesteuert hat. Die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit macht sie aus. Weder ist es angebracht, die Moderne als eine bloße Disziplinarmacht zu begreifen, die alle Gesellschaftsbereiche unterjocht, noch ist es berechtigt, sie allein unter Steigerungsimperativen zu begreifen, die in einen wirklichkeitsfremden Utopismus hineinführen. Sie hat sich ein Ordnungsmodell gegeben, das auf den demokratischen Ausgleich der Interessen angelegt ist, auf die rechtsstaatliche Gewährleistung von Freiheit und Gleichheit, auf die Rücksichtnahme auf Minoritäten und Ausgegrenzte, auf die gesetzliche Regulierung imperialistischen Profitstrebens, auf Reziprozität, ja auf Empathie. Und zugleich sind in ihr Entgrenzungstendenzen angelegt, die über das Ordnungsmodell hinaustreiben und ein gedeihliches Zusammenleben gefährden. In gewisser Weise befindet sich die Moderne permanent im Krisenbewältigungsmodus. Selbstherrlichkeit und Triumphalismus, Rücksichtslosigkeit und Geringschätzung gehören ebenso wenig zu ihren hervorstechenden Merkmalen wie marktschreierische Untergangsszenarien und apokalyptische Endzeitstimmungen“ (Detlev Pollack, Erwartungssteigerung und Selbstbegrenzung, a. a. O.).
Es kommt jetzt darauf an, überzogene Hoffnungen und Ansprüche zu mäßigen. „Politik und Wirtschaft dürfen nicht länger durch immer weitergehende Forderungen an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht werden. Vielmehr muss es darum gehen, kritisch gegenüber den eigenen Steigerungsdynamiken zu bleiben, so wie das in der inzwischen 250-jährigen Geschichte der westlichen Moderne immer wieder der Fall war. Sich darauf zu besinnen, was die westliche Moderne tatsächlich ausmacht, worin ihre Stärken und ihre Schwächen bestehen, kann dabei helfen, realistische Erwartungen zu entwickeln und von utopistischen Idealen Abstand zu nehmen, ohne auf Veränderungshoffnungen zu verzichten. Angesichts der irrwitzigen Machtträume eines angeschlagenen Amerikas werden wir ein ernüchtertes und gleichwohl widerständiges europäisches Selbstvertrauen gut gebrauchen können“ (Detlev Pollack, Erwartungssteigerung und Selbstbegrenzung, a. A. O.).
ham, 24. Juni 2026