Wer nach der Herkunft des 1981 in Köln geborenen Shootingstars der jungen Kunstszene David Ostrowski (vergleiche dazu http://www.david-ostrowski.com/ fragt, trifft unter anderem auf seine Großmutter, die 1914 in Łódź, im russischen Kaiserreich geborene und 1992 in Düsseldorf verstorbene jüdische Schriftstellerin und Satirikerin Krystyna Żywulska (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Krystyna_Żywulska). Als Kind hat er ständig mit ihr um die Wette gemalt und sie hat ihn immer gewinnen lassen. Krystyna Żywulska überlebte das Warschauer Ghetto und das Vernichtungslager Ausschwitz-Birkena. Auch sein Vater, ein Grafiker und Bildhauer, und seine Mutter, eine Sängerin und und Schauspielerin, können malen. Sein Opa war Architekt, der Urgroßvater Bühnenbildner. Vermutlich war sein Werdegang als Künstler deshalb nicht allzu unwahrscheinlich. Seine Eltern wurden im Zuge der antisemitischen Kampagne im Jahr 1968 aus Polen vertrieben und gingen später nach Deutschland zurück. Heute lebt Ostrowski in Köln und Karlsruhe und ist seit 2022 an der dortigen Kunstakademie Professor für Malerei (vergleiche dazu https://www.kunstakademie-karlsruhe.de/akademie/professor-innen/david-ostrowski/#).

In seinen frühen Bildern bewegte sich Ostrowski zwischen Abstraktionen und Figuration, danach reduzierte er seine Bildsprache. Seine Idee war, beim Nullpunkt anzufangen, beim Strich, um etwas zu schaffen, das man in dieser Form noch nicht gesehen hat. „Ich will mit möglichst wenig Mitteln das Meistmögliche erzeugen“, sagt Ostrowski. Er fragt sich: Wie viel kann man wegnehmen, vom Wissen, vom Strich und von der Farbe? „Von diesem ganzen Ballast an Informationen“ – bevor das Bild plötzlich aufhört, Bild zu sein.(vergleiche dazu https://spruethmagers.com/artists/david-ostrowski/  und https://www.van-ham.com/de/kuenstler/david-ostrowski.html). In seinen Gemälden verwendet Ostrowski nur wenige Materialien aus seinem Atelier, darunter Leinwand, Grundierung, Emulsion, Sprühfarbe und Fundstücke wie Papier, Pappe und Klebeband. Die Werke wirken ungezwungen, sind oft monochrom und zeichnen sich durch einen Prozess aus, der intuitive Gesten mit Elementen des Zufalls und des Irrtums verbindet.Ostrowskis Ansatz vermeidet traditionelle Bildkonventionen.Seine Gemälde lassen Raum für Interpretationen; Titel wie „F“ deuten auf Mehrdeutigkeit hin. Ostrowskis Werk wird als Auseinandersetzung mit der Leere im Kontext der Malerei beschrieben.

Auch wenn Ostrowski das Motiv der Leere in seinen Bildern selbst nicht mit den „abwesenden Figuren“seiner Familiengeschichte assoziiert, fällt die Parallelität, ja Verwandschaft zur kabbalistischen Vorstellung der Kabbala vom Zimzum auf, von der Selbstkontraktion Gottes aus seiner eigenen Mitte, nach der bei der Schöpfung ein mystischer Hohlraum entsteht, durch den die Existenz des Weltalls überhaupt erst möglich wird (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Tzimtzum). Ostrowskis Bildflächen wirken auf den ersten Blick minimalistisch, sind jedoch von Überlagerungen und Verdichtungen durchzogen, in denen sich ein vielschichtiger malerischer Prozess einschreibt, der dem Betrachter großen Spielraum zur Interpretation lässt. Der französische Philosoph André Comte-Sponville erklärt diese Konzeption so:

„Gott hat sich aus Liebe seiner Göttlichkeit entleert und sich zurückgezogen, damit in diesem Rückzug (Schöpfung), in dieser Distanz (Raum), in diesem Warten (Zeit), in dieser Gottleere (Universum) anderes als Er existieren kann. Schöpfung bedeutet für Gott also nicht, diesem, dem Unendlichen, das Er ist, Gutes hinzuzufügen (wie könnte Er es noch besser machen, da Er schon alles Gute ist, das möglich ist?), sondern die Einwilligung, nicht alles zu sein.“

(André Comte-Sponville in https://de.wikipedia.org/wiki/Tzimtzum).

Die im Kunstverein Heilbronn erstmals gezeigte Serie »The Critic« widmet sich der Idee der selbstreferentiellen Kritik und den kritischen Anforderungen, die an die eigene künstlerische Produktion gestellt werden können. Den Titel seiner Serie entlehnt er der gleichnamigen Zeichentrickserie. In seinem Gemälde „Starring“ ersetzt Ostrowski den Namen von Jay Sherman, den Protagonisten der Serie »The Critic«, durch seinen eigenen und besetzt damit selbst die Rolle der zentralen Figur von „Coming Attractions“, in der Sherman bevorstehende Filme rezensiert. Durch diese Geste verschmilzt der Künstler die Rollen des Malers, des Kritikers, des Performer und des Subjekts miteinander und legt künstlerische Produktion als einen kontinuierlichen Kreislauf aus Projektion, Erwartung und Selbstbewertung offen.

Andere Arbeiten, wie „Die Musik“ lassen den Betrachter mit ihren leeren Notenlinien zum Schöpfer und Dirigenten selbsterfundener Musik werden.

Die bemerkenswerte Ausstellung verlangt vom Betrachter ein eigenständiges Mit- und Weiterdenken. Sie lohnt jeden Besuch.

ham, 25. Mai 2025

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