Mit Arbeiten von Kader Attia, Tracey Emin, Jakob Grünenwald, Jenny Holzer, Jesper Just, Friedrich von Keller, Rasmus Myrup, Gabriela Oberkofler, Julius Pristauz, Ricarda Roggan, Erik Sturm, Pol Taburet, Rosemarie Trockel, Troika und Nora Turato
Wer dieser Tage die von Dierk Höhne kuratierte Ausstellung „Das kalte Herz“ des Kunstmuseums Stuttgart am gewohnten Ort am Kleinen Schlossplatz 1 gesucht hat, ist vor verschlossenen Türen gestanden: Der Dauerbetrieb seit 2005 sowie veränderte technische Standards haben eine Sanierung und damit verbundene Verlegung der Ausstellung in das Kunstgebäude am Schlossplatz 2 notwendig gemacht – also in jenes Gebäude, in dem die Sammlung der Stadt Stuttgart von 1961 bis 2005 bereits beheimatet war.
Beim ersten Gang durch die Ausstellung meint man den Ortswechsel in die für das heutige Ausstellungsteam noch ungewohnten Räumlichkeiten zu spüren und fragt sich, ob der sehr großzügig – oder soll man sagen: äußerst sparsam – bestückte Kuppelsaal nicht doch noch die eine oder andere Arbeit mehr vertragen hätte. Aber dann hört man, dass genau dort alles im Verlauf der Ausstellung Geplante bis hin zur Schreibwerkstatt für Jugendliche und Erwachsene am 07.06.2026 und zum Artist Talk mit Julius Pristauz am 03.10.2026 stattfinden muss und man deshalb den freigelassenen Platz braucht.
Aber nun zu der Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ gewidmeten Ausstellung: Nach ihrem Kurator spiegeln sich die Inhalte des Märchens des Stuttgarter Romantikers auch noch in unserer Gegenwart, in der autoritäre und reaktionäre Kräfte wieder an Einfluss gewinnen. Die Erzählung porträtiert eine Gesellschaft, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Übergang vom Spätfeudalismus zum Frühkapitalismus befand. Die Zeit war geprägt von wirtschaftlicher Unsicherheit, sozialen Verschiebungen und existenziellen Ängsten, hervorgerufen durch wachsende Konkurrenz, industrielle Produktion, Geldspekulation, Zinswucher und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Auch die Frage nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, das Ringen um Anerkennung, Selbstzweifel und das Überschreiten sozialer Stände ziehen sich durch das Werk. Der im Dialog mit zeitgenössischer Kunst interpretierte literarische Ursprungstext eröffnet neue Perspektiven auf die Leitmotive der romantischen Schwarzwaldsage, die zugleich den Rahmen für die Präsentation vorgeben: Identität, Gewalt und Heilung, Affekt sowie ökologische Ausbeutung. „Entlang dieser Leitmotive lassen sich in der Ausstellung aktuelle Diskurse um Zugehörigkeit, gesellschaftliche Normen sowie körperliche und emotionale Verfasstheit nachvollziehen. Es zeigt sich, dass die in Hauffs Märchen verhandelten existentiellen Konflikte und moralischen Dilemmata uns bis heute fortwährend beschäftigen“ (Begleitheft zur Ausstellung, S. 3 ff.).
Der Rundgang durch die Ausstellung setzt mit frühen Illustrationen zu Hauffs Märchen in ausgewählten Archivalien aus dem Deutschen Literaturmuseum Marbach, Gabriela Oberkoflers viel gezeigter Kunstdruckserie „Buggelkraxeln“ und Riccarda Roggans „Apokryphen“ zu Hauff, Mörike, Uhland, Hölderlin, Strauss, Jünger und anderen ein. Friedrich von Kellers (1840–1914) spätromantischen Gemälde begegnen Erik Sturms Feinstaubarbeiten und Troikas Palmen im Wind und damit den unsichtbaren Schattenseiten des Fortschritts. Rasmus Myrup führt in seinem aluminiumbewehrten Baumstumpf und in seinen „Exposed Holes“ die Verletzlichkeit der natürlichen Umwelt vor Augen und Nora Turatos eigens für die Ausstellung geschaffene Serie „Warm Heart Long Arms“ untersucht, wie ihr Körper zum Ausgangspunkt und zur Quelle ihrer Gesten, Sprache und Bilder wird.
Tracey Emins „Love Poem for C.F.“ und Rosemarie Trockel hinterfragen die in Geschlechterrollen eingeschriebenen Machtstrukturen und mit Kader Attia (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Kader_Attia) kommt der Begriff und das Konzept der Reparatur („Repair“) in die Ausstellung. Paul Taburets Malereien und hybride Mischwesen holen Mythen, Träume und das Unheimliche in die Ausstellung und Julius Pristauz kann seine bisher größte theatrale Installation realisieren: Wer will, kann auf die Suche nach seinem eigenen Standpunkt wie Peter Munk in Hauffs Märchen durch Pristauz’ simulierte Architektur wandern. Der 1988 geborene und heute in Berlin lebende Künstler, Kurator, Autor und Redakteur für zeitgenössische Kultur Julius Pristauz scheint ihn nach einigem Hin und Her gefunden zu haben.
ham, 20. April 2026