Die Macht eines Mythos. Von der Antike bis zu Elon Musk

Verlag C. H. Beck, München 2026, ISBN 978-406–85062-2, 384 Seiten, Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, Format 22,2 x 14,5 CM, € 32,00

Die jüngste Monografie des seit 2008 an der Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg auf dem Lehrstuhl für Griechische Literaturwissenschaft lehrenden international renommierten und 2024 mit dem Leibniz-Preis ausgezeichneten Altphilologen Jonas Grethlein »Prometheus« ist von der ersten bis zur letzten Seite mit

höchstem Gewinn zu lesen. „Den Ausgangspunkt und Kern aller Arbeiten Grethleins … bilden eingehende Interpretationen von Texten aus nahezu allen Gattungen der antiken griechischen Literatur. Dabei interpretiert er die antiken Texte oftmals mithilfe von modernen literatur- und kulturtheoretischen Ansätzen auf eine noch nicht da gewesene Art. So etwa orientierte Grethlein sich schon bei der Interpretation griechischer Tragödien in seiner Dissertation (2003) an der Fragestellung, welche Rolle das Asyl in Athen für die Konstruktion kultureller Identität spielte“ (Begründung zur Vergabe des Leibniz-Preises durch die dfg: https://www.dfg.de/de/gefoerderte-projekte/preistraeger-innen/leibniz-preis/2024/grethlein). Grethleins Prometheus ist der Versuch, den antiken Mythos und seine vielfältigen Rezeptionen zu einem Prisma zu schleifen, durch das wir die Gegenwart und vielleicht auch die Zukunft gebrochen und damit anders sehen können. Grethlein nutzt den Prometheus-Mythos als ein Mittel der Fokussierung und der Perspektivierung:

Mit der Prometheus-Rezeption kommen vielfältige Reflexionen über drängende Fragen der Gegenwart in den Blick. Die im antiken Mythos angelegten Felder Technik, Freiheit und Arbeit sind grundlegend für das Leben auch in der Moderne. „Die prometheische Hinterlassenschaft der Arbeit ist ein zentrales Problem der Moderne, sowohl in ihrer Optimierung als Produktionsfaktor als auch im Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeiter, in Visionen von einem arbeitsfreien Leben ebenso wie in der Realität einer Arbeitsgesellschaft, in der Berufe Lebenssinn und Identität konstituieren. Die Französische Revolution war ein Fanal für die Freiheit und gab den Startschuss für erbitterte Kämpfe um Autonomie in vielen Ländern. Timothy Snyders Überlegungen zum Ukraine-Krieg in Über Freiheit illustrieren die ungebrochene Bedeutung politischer Autonomie in der Gegenwart. Neben Dampfkraft, Elektrizität, Atomenergie, Biotechnik und Künstlicher Intelligenz verblassen die Innovationen der Vormoderne. Die technischen Revolutionen scheinen die Beschleunigung zu erfahren, die nach Hartmut Rosa eine Signatur der Moderne ist.

Technik, Freiheit und Arbeit sind auf vielfältige Weise miteinander verschränkt. Technische Neuerungen wie Künstliche Intelligenz etwa verändern Arbeitsprozesse; sie übernehmen Arbeit, die bislang Menschen ausgeübt haben, schaffen aber auch, obschon nicht im selben Ausmaß, neue Tätigkeitsfelder. Mit ihrer Hilfe werden Konsumenten als producers in den Arbeitsprozess eingebunden, indem sie bei der Nutzung von Suchmaschinen Daten hinterlassen, die für die Erstellung von Kundenprofilen genutzt und damit zum Teil einer Wertschöpfungskette werden. Während Enthusiasten meinen, mit künstlicher Intelligenz stehe der Einbruch des Reichs der Freiheit unmittelbar bevor, entstehen durch sie erst einmal neue Abhängigkeitsverhältnisse. Algorithmen werden sowohl wirtschaftlich genutzt, um Käufer durch Werbung zu manipulieren, als auch politisch eingesetzt, um etwa auf Kommunikationsplattformen Ideologien zu verbreiten.

Die Moderne scheint also mit gutem Recht eine prometheische Epoche genannt zu werden. Doch hat der Prometheus-Mythos in diesem Buch nicht nur der Fokussierung, sondern auch der Perspektivierung gedient“ (Jonas Grethlein, S. 327 f.). Die antiken Erzählungen von Prometheus sind Anlass zu »unzeitgemäßen Betrachtungen«. In seinen Interpretationen versucht Grethlein, ihre Unzeitgemäßheit herauszuarbeiten. Die Theogonie, Werke und Tage, der Gefesselte Prometheus und der Protagoras eröffnen aber auch neue Perspektiven. „In den Werken und Tagen erzählt Hesiod den Feuerdiebstahl des Prometheus als Grund dafür, dass Menschen arbeiten müssen. Das mythologisch gewandete Verständnis der Arbeit als condicio humana kontrastiert mit heutigen Visionen von einer arbeitsfreien Gesellschaft. Vor allem aber beleuchten das Opfer, mit dem Prometheus das Verhältnis zu Göttern und Tieren regelt, und das bäuerliche Leben, wie Hesiod es uns vor Augen stellt, die Verkürzung des modernen Arbeitsbegriffs. Arbeit ist für Hesiod nicht nur Produktionsfaktor, Erwerbstätigkeit und individuelle Sinnstiftung; mit ihr nimmt der Mensch seinen Platz im göttlichen Kosmos ein. Statt die Natur auszubeuten, passt sich der Mensch ihrem Rhythmus an.

Mit der Technik liefert Prometheus der Menschheit jedoch das entscheidende Mittel, um auf die Natur zuzugreifen. Die »Weltreichweitenvergrößerung«, die den Motor der Modernisierung bildet, ist ein durch und durch prometheisches Projekt. Doch steht im gefesselten Prometheus der menschlichen Verfügungsmacht, die Prometheus als Produkt seiner Technik beschwört, die menschliche Fragilität gegenüber …“ (Jonas Grethlein, S. 329 f.).

„Auch bei der Freiheit klingt im Gefesselten Prometheus eine Ambivalenz an, die einen Kontrapunkt zu den modernen Hymnen auf die Autonomie setzt. Prometheus ist Zeus auf unheimliche Weise ähnlich, der Freiheitskämpfer genauso harsch und starrsinnig wie der Despot. Wenn der Chor ihm sagt, »du wirst, aus diesen Fesseln einst/ Befreit, nicht minder mächtig sein als Zeus« (509–10), dann zeichnet sich ab, dass Freiheit und Unterdrückung nicht nur Gegensätze sind. Den anderen zu unterdrücken ist ein wesentlicher Teil der Freiheit, der Kampf um sie auch und vor allem ein Streben nach Macht … 

Das prometheische Streben hatte in der Antike Sicherungen, die sich mit dem Anbruch der Neuzeit gelockert und in der Moderne schließlich gelöst haben. Von seinen Fesseln befreit wird Prometheus bereits in der antiken Tragödie, entfesselt hat ihn aber erst die Moderne. Nicht mehr eingebettet in eine kosmologische Ordnung, nicht mehr gezügelt durch ein Bewusstsein für die eigene Fragilität und nicht mehr begleitet von einem Verständnis für die Ambivalenzen der Freiheit hat sich das prometheische Streben in immer neue Bahnen hochgeschraubt. Ideologisch manifestiert es sich in einem Ideal menschlicher Autonomie, technischen Fortschritts und ökonomischen Wachstums ohne Grenzen. Die Moderne ist weniger eine prometheische als eine hyperprometheische Epoche“ (Jonas Grethlein, S. 330 f.).

Wenn Kanzler Friedrich Merz am Ende der dieser Tage auf Schloss Neuhardenberg abgehaltenen Klausur der Bundesregierung verlautbart, dass die Regierung mit ihrem Setzen auf Innovation, Wettbewerb, Wachstum und Arbeit auf dem richtigen Kurs sei und damit das Land voranbringen werde, hat er sicher nicht an die von Grethlein herausgearbeiteten und unterstrichenen Grenzen des prometheischen Strebens in postprometheischen Zeiten gedacht.

ham, 27. August 2026

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2023 Helmut A. Müller