Der 1927 in Brooklyn geborene New Yorker Künstler Alex Katz ist einer der einflussreichsten Künstler der US-Amerikanischen Gegenwartskunst. Seine reduziert-plakativen Bilder von Frauen mit Hüten und Darstellungen von Partyszenen in kräftigen Farben machten ihn in den 1970er Jahren als Chronisten des US-amerikanischen Alltags weltberühmt und sind heute Ikonen der Kunstgeschichte. Auch wenn man diverse Arbeiten von Katz aus Abbildungen kennt, ist man dann doch von ihrer Größe überrascht.
Alex Katz‘ Kunst wird von der Intention getragen, das, was er das »Jetzt« nennt, die Wahrnehmung der Welt, die uns umgibt, in zeitlose Kunst zu verwandeln. Kunst, Werbung, Film oder Mode sind für ihn keine getrennten Sphären, sondern Ausdruck eines Zeitgeistes, den er im Medium der Malerei immer wieder auf neue Art und Weise verdichtet. Wie die Design-er*innen bei einer Modenschau, die nur wenige Minuten dauert, den Zeitgeist in einem Moment komprimieren, versucht Katz, Erlebnisse und Begegnungen in seine Kunst zu bannen. So hat er sich immer wieder auch auf die Modewelt bezogen. Insbesondere dem eigenständigen und unprätentiösen Stil der amerikanischen Designerin Claire McCardell (1905-1958) fühlt er sich verwandt und hat ihr eigens eine Werkgruppe gewidmet. Diese wie auch andere hier gezeigte neuere Leinwände und Druckgrafiken greifen die Ästhetik des Films und der Werbung auf. So erscheint das Coca-Cola Girl wie durch den Sucher einer Kamera erfasst, während Purple Split 12 von der Dynamik der Filmmontage und der Split-Screen-Technik, ein typisches Stilmerkmal von Filmen der 1960er und 1970er Jahre, geprägt ist. »Wir leben im Grunde in einer filmischen Welt. Wir nehmen die Außenwelt durch Filme und Fotografien wahr«, so Alex Katz, »sie bestimmen, wie die Dinge aussehen«. Indem Katz das traditionelle Medium der Malerei um diese durch Fotografie, Film und die Sozialen Medien veränderten Sehgewohnheiten erweitert, macht er das alte Medium der Malerei auf konzeptuelle, also eigenständige Weise für die Gegenwart produktiv.
Jedem Gemälde von Alex Katz liegt ein komplexer Vorbereitungsprozess zugrunde. Da er fotografische Vorlagen oder technische Projektionsverfahren ablehnt, hat er ein eigenes auf Skizzen und Cartoons basierendes Verfahren entwickelt. Zu Beginn dieses Prozesses fertigt Katz eine Reihe von Skizzen und Zeichnungen von einem Motiv oder einem Modell in situ an. Wenn er sich für ein Detail oder eine Perspektive entschieden hat, übertragt er diese Vorzeichnung später im Atelier mit Hilfe von perforiertem Packpapier – sogenannter Karton, englisch: Cartoon, als Verfahren schon in der Renaissance bekannt – mit Kohle auf die große Leinwand, ähnlich wie ein Schneider die Schnittmuster auf den Stoff überträgt. Diese mehrstufigen Vorarbeiten am Bildentwurf ermöglichen eine rasche Realisierung des eigentlichen Gemäldes. Alex Katz kann sich so auf den eigentlichen Malakt konzentrieren, den er dann in hohem Tempo und ohne die Möglichkeit zur Unterbrechung mit Ölfarbe nass-in-nass aufträgt.
Die Schwierigkeit dieser Technik besteht allerdings auch darin, dass die Malweise so gut wie keine Korrekturen während des Malprozesses zulässt.
Seit jeher haben sich Künstler*innen mit dem Motiv der Blume auseinandergesetzt. In der Kunstgeschichte wurde sie symbolisch überhöht, emotional aufgeladen oder einfach zum Anlass genommen, die eigenen malerischen Mittel zu erproben. Auch Alex Katz zeichnet und malt seit seiner Studienzeit Blumen. Er skizziert diese in freier Natur oder kauft in New York Schnittblumen an der Straße, die er später im Studio auf die Leinwand überträgt und ihnen so Dauer und Bedeutung verleiht. In der für Katz typischen Cool-Painting-Manier werden die Blumen isoliert frontal erfasst und in reduzierter Form-und Farbpalette vor einem neutralen Grund in abstrahierter Formensprache ins Monumentale gesteigert.
Durch die unter anderem von der Pop-Art inspirierte extreme Blow-up-Perspektive kommen wir den Blumen nahe und werden doch von den körperlosen Silhouetten auf Abstand gehalten. Auf geheimnisvolle Weise erzeugt Katz so zugleich Nähe und Distanz. Der Widerspruch zwischen Zoom und glatter Oberfläche irritiert,
und doch scheint der Künstler der Essenz und dem Wesenhaften seiner Sujets durch die Abstraktion besonders nahezukommen.
»It’s flat, but it isn’t flat«, sagt Alex Katz über seine Blumenmalerei und die für ihn charakteristische nüchtern-realistische Aneignung von Wirklichkeit. Eine Haltung, mit der er eines Tages auch eine Serie über die Seerosen von Claude Monet (1840-1926) in Angriff genommen hat: »Ich betrachte diese Seerosen auf dem Teich in Maine seit nunmehr über 50 Jahren«, so Alex Katz, »aber ich habe wegen Monet nie gewagt sie zu malen. Allerdings sagte ich zu mir selbst, dass ich das eines Tages machen würde, und so war es dann auch«.
Über die gesamte Zeit seines Schaffens hinweg hat sich Alex Katz immer wieder neuen künstlerischen Herausforderungen gestellt. So entdeckte er nach der Retrospektive im Whitney Museum 1986 die sogenannten Nachtbilder für sich. Mit dieser Werkgruppe, der er sich seither in der Ölmalerei wie auch in der Druckgrafik widmet, fängt er in nuancierten Paletten von Grau- und Schwarztönen die Magie nächtlicher Skylines wie der von New York ein. Die Nachtbilder spiegeln aber nicht das Spektakel der Großstadt. Katz legt den Fokus vielmehr auf die Darstellung flüchtiger Lichterscheinungen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit: »Ich habe das Zwielicht festgehalten, das nur eine Viertelstunde zu sehen ist. Das fasziniert mich, weil es sich dabei um Highspeed-Wahrnehmung handelt«.