Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen
Verlag C.H.Beck, 1. Auflage. 2011, 2023 12. Auflage bei dtv, 2026 1. umfassend aktualisierte Auflage in C.H.Beck Paperback, ISBN 978 406 84987 9, 215 Seiten, Format 19,4 x 12,3 cm, € 16,00
Wer 1984 in Stuttgart die Gründung der von Dr. Daniela Tausch-Flammer, Helmut Beutel und Martin Klump auf den Weg gebrachte Sitzwache, 1987 die Gründung des Ambulanten Erwachsenenhospizes, 1994 die Eröffnung des Stationären Erwachsenenhospizes in der Stafflenbergstraße 22, 1997 die Gründung der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie und 2017 die Eröffnung des Stationären Kinder- und Jugendhospizes in der Diemershaldensraße 7–11 verfolgt hat, fragt sich, wie die Hospizarbeit in Stuttgart heute mit der 1992 im Marienhospital, 2004 im Robert Bosch Krankenhaus, 2010 im Klinikum Stuttgart und 2011 im Diakonieklinikum begonnenen Palliativversorgung und weiter mit der Eröffnung des Comprehensive Cancer Center (CCC) Tübingen-Stuttgart im Jahr 2014 und Gründung des Robert Bosch Centrums für Tumorerkrankungen im Jahr 2016 verbunden ist. Er trifft bei seinen Nachforschungen auf die 2021 von der Initiative „Leben bis zum Schluss – Vernetzung Stuttgart“ organisierte Vernetzung der Hospiz- und Palliativ-Engagierten und -Angebote in Stuttgart (vergleiche dazu https://www.palliativ-netz-stuttgart.de/).
Die seit 2011 nach zwölf Auflagen 2026 in einer medizinisch und juristisch aktualisierten Version vorgelegte und in jeder Hinsicht empfehlenswerte Publikation des italienischen Palliativmediziners Gian Domenico Borasio über das Sterben weist in eindrücklicher Weise nach, dass zentrale Anliegen der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Medizinerin Cizely Saunders und die Hilfsangebote ihres 1967 in Sydenham im Südosten Londons eröffneten St. Christopher’s Hospice zwischenzeitlich auch in die Palliativmedizin eingeflossen sind. So ist es für Borasio ausgemacht, dass in der Palliativbetreuung physische, psychische und spirituelle Probleme der Patienten und ihrer Angehörigen auf derselben Höhe liegen und die Palliativversorgung mit multiprofessioneller Kommunikation und der Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegenden, Sozialarbeitern, Psychologen und Seelsorgern beginnt. Deshalb fragt Borasio nicht nur, was die Medizin am Lebensende leisten kann, sondern auch, was es an psychosozialer Betreuung und spiritueller Begleitung braucht.
„Mit der Entwicklung des Fachgebiets Palliativmedizin ist in der modernen Medizin in mehrfacher Hinsicht ein Perspektivwechsel eingeleitet worden: von einer organzentrierten, technokratischen zu einer menschenorientierten, ganzheitlichen Medizin, die auch den psychosozialen und spirituellen Bereich aktiv in die Betreuung einbaut. Die Sinnhaftigkeit dieses Einsatzes steht zwar für alle in der Palliativbetreuung Tätigen außer Frage, trifft aber in der Praxis auf beachtliche Widerstände. Diese kommen einerseits vom »klassischen« Medizinsystem, das die Bedeutung der klinischen und wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fragen der psychosozialen Begleitung oder gar der Spiritualität in der Medizin grundsätzlich in Frage stellt; andererseits ist auch bei den Pflegenden, Sozialarbeitern, Psychologen und Seelsorgern ein gewisses Unbehagen bei der Vorstellung zu spüren, sich von der alleinigen Deutungs- und Handlungshoheit ihrer jeweiligen »angestammten« Gebiete verabschieden zu müssen.
Gerade hierin liegt jedoch eine große Chance für alle Beteiligten, nämlich die Möglichkeit, unter Anerkennung der Besonderheit (und damit auch notwendigerweise Beschränktheit) der jeweiligen Fachperspektive mit allen anderen Disziplinen in einen fruchtbaren Austausch einzutreten – dabei immer orientiert an den Sorgen, Bedürfnissen und Ressourcen der Menschen, die sich uns in der Krankenhaussituation anvertrauen. Im Idealfall kann dieser Austausch zu einer Horizontverschmelzung führen, die es dem Team erlaubt, für den jeweiligen Menschen mitsamt seinem sozialen Umfeld die angemessene Form der Begleitung zu erspüren. Die psychosoziale und spirituelle Dimension stellt dabei jenen Mehrwert dar, der den Unterschied zwischen »Cure« (gesund machen) und »Care« (liebevoll betreuen) ausmacht“ (Gian Domenico Borasio, S. 199).
ham, 14. Juli 2026