Beteiligte KünstlerInnen: Gala Adam — Nándor Angstenberger — Min Bark — Harald Braun — Willi Baumeister — Joseph Beuys — Sammlung Bjoern Boettger — Christo und Jeanne-Claude — Edgar Degas — Sammlung Dahme — David Desirò — Hermann Dölger — Tracey Emin — Niko Grindler — Kirsten Hohaus — Justyna Koeke — Nicoline Koch-Lutz — Jeff Koons — Julia Jules Kreutzer — Barbara Kruger — Manuel Knapp — Max Klinger — Lucas van Leyden — Lucia Mattes — Fabian Widukind Penzkofer — Jan-Hendrik Pelz — Kirsten Perleberg — Constanze Raach — Gerhard Richter — Lennart Rieder — Peter Paul Rubens — Sophia Sadzakov — Daniel M. E. Schaal — Margrit Schulz — Ferreira de Sá — Jessi Strixner — Kata Unger — Das Teppichwerk (ehem. Vorwerk) — Patricia Waller — Ria Wank — Andy Warhol — Judith Wettemann-Ebert — Angelika Wolf — OMAS GEGEN RECHTS

Ritzi und Peter Jacobi haben schon vor 60 Jahren auf Textil gesetzt (vergleiche dazu https://peterjacobi.de/textil/ und https://galerievolkerdiehl.com/exhibition/ritzi-jacobi-peter-jacobi-fabrics-of-memory) und 1977 unter anderem in der Kunsthalle Baden-Baden und in der Kunsthalle Mannheim ausgestellt (vergleiche dazu https://www.abebooks.com/first-edition/Ritzi-Peter-Jacobi-Heinz-Fuchs-Kunsthalle/32190191963/bd). Mike Kellys »More Love Hours Than Can Ever Be Repaid« (vergleiche dazu https://www.singulart.com/blog/de/2024/09/21/more-love-hours-than-can-ever-be-repaid/?srsltid=AfmBOoo4mJoMWAmsIJMVNpP72PSP3_e6qSZ52fNCM7cAeKxxouy_RLEZ) wurde vom Whitney Museum of American Art, New York angekauft und dort ausgestellt. Und Magdalena Abakonowicz wurde mit ihren »Abakans« in der Tate Modern in London und vielen anderen Museen mehr ausgestellt. Ihre Werke erzielen Rekordpreise und haben die Textilkunst revolutioniert (vergleiche dazu etwa https://www.mcba.ch/de/ausstellungen/magdalena-abakanowicz-und-hommage-an-elsi-giauque/).

Künstlerische Arbeiten mit Textilienmaterialien sind in und es gab und es gibt eigene Textilbiennalen in Kaunas, Litauen, Rijswijk,Niederlande, Clément-Ferrand, Schweiz und Guimarães, Portugal (vergleiche dazu Sabine Maria Schmidt in dem Band Textile Revivals. Den Faden wieder aufnehmen. Kunstforum 297, Köln 2024, S. 2 und S. 44 ff.). 

Wenn nicht alles täuscht, gewinnt textile Kunst derzeit auch regional noch einmal mehr Beachtung. 2023 hat die in Darmstadt angesiedelte Galerie Netuschil zu einer Ausstellung mit dem Titel »Zwischen Nadel, Faden, Filz und Webstuhl« eingeladen. 2023 und 2024 haben die Städtischen Museen Heilbronn und die Kunsthalle Emden Textil als künstlerisches Material vorgestellt. Und vom 11. bis 14. Juni 2026 lädt der Kulturpalast Anwenden zu seiner großen Kunstausstellung auf Gut Wolfgnangshof in Zirndorf-Anwanden unter dem Titel »Voll Stoff« ein. Deshalb liegt die von Jan-Hendrik Pelz im Schloss Untergröningen kuratierte Ausstellung „SOFT STRUCTURE – Textil als künstlerisches Prinzip“ voll im Trend. Historische treten mit zeitgenössischen Arbeiten in einem Dialog und zeigen die textilen Praktiken in ihrer ganzen Bandbreite  – von gewebten, genähten und geknüpfte Arbeiten über Skulpturen und Installationen bis hin zu Malerei mit textiliem Bezug. So entsteht ein erweitertes Verständnis von Textil als kulturellen und ästhetischen Gefüge, das weit über das Material hinausweist.

Gleichwohl kann Burcu Dogramaci in dem von ihr herausgegebenen Überblicksband »Textile Moderne / Textile Modernism« zurecht feststellen, dass die Geschichte der textilen modernen Kunst noch nicht geschrieben ist und die systematische Untersuchung der textilen Theorie und Praxis der Moderne noch aussteht (vergleiche dazu Burcu Dogramaci, Textile Moderne/Textile Modernism, Köln 2019, S. 9):

„Dabei forderten schon moderne Künstler_innen in ihrer Zeit die Akzeptanz des Textilen als autonomes Medium und Technik der Moderne. So schreibt Hanna Höch im Jahr 1919 in der Stickerei und Spitzen-Rundschau: „Was in der abstrakten Kunst der gegenstandslosen Malerei erreicht wurde, sollte dies nicht in analoger Weise auch für die Stickerei möglich sein, ohne die Stickerei zum Surrogat der Malerei werden zu lassen? Die beschwingte Phantasie wird auch auf der Tuchfläche eigene Formgesetzmäßigkeiten der Nadel und des Fadens verwirklichen können. Auch die Stickerei vermag sich zur Gestaltung freier, organischer Gebilde fortzuentwickeln. Warum immer Abhängigkeit von mehr oder weniger stilisierten Naturformen? Wie es eine reine Malerei gibt, so gebe es auch eine reine Stickerei, die ihre Notwendigkeit in der gestaltenden Phantasie und ihre Formung in der Technik des Stickens begründet.“ Abstrakte Stickerei oder Weberei, Schablonendrucke auf Stoff, neusachliche Textilbilder oder funktionale Raumgestaltungen aus Textil sind nur einige Ausdrucksformen einer künstlerischen Produktion, die mit textilen Materialien, Techniken und Konzepten arbeitet. Dabei handelt es sich sowohl um Werke, die von der Idee über die Zeichnung bis zum textilen Objekt von einer Person hergestellt wurden, als auch um Objekte, die in arbeitsteiligen Prozessen zwischen Entwurf und Ausführung entstanden“ (Burcu Dogramaci a. a. O).

Dass die Philosophie erst dann Erklärungen liefern kann, wenn die zu erklärenden Phänomene bereits Geschichte sind, hat Georg Friedrich Wilhelm Hegel 1820 zu seiner Metapher vom Flug der Eule der Minerva inspiriert: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ 

ham, 11. Mai 2026

Kommentare sind geschlossen.

COPYRIGHT © 2023 Helmut A. Müller