Nach der bereichernden Lektüre des 2020 erschienen Musenalmanachs Nachlese I und seines Nachfolgers Nachlese II aus dem Jahr 2022 konnte man auf den Anfang Mai 2026 erschienenen Musenalmanach Nachlese III gespannt sein. Er kommt wie seine Vorgänger in gewohnt exquisiter Ausstattung, sorgfältigem Druck und abwechslungsreicher Gestaltung daher und erinnert mit seinem golden überdruckten weinroten Umschlag vordergründig an die besten Lemberger aus dem Heilbronner Land, ist aber in seiner Farbigkeit in Wirklichkeit dem Musenalmanach von 1792 von Gotthold Friedrich Stäudlin entlehnt (vergleiche dazu https://zdb-katalog.de/title.xhtml?idn=012992356&view=full und https://de.wikipedia.org/wiki/Gotthold_Stäudlin).
„Hatte der erste Heilbronner Musenalmanach Bildende Künstlerinnen vorgestellt und sich der zweite auf Jubilare und kreative Paare fokussiert, durchzieht den dritten Heilbronner Musenalmanach leitmotivisch die Zahl DREI. Eine quasi fatale Entscheidung, denn die Drei ist himmlisch wie höllisch und in allen dazwischen, omnipräsent. Selbst die drei ursprünglichen Musen bleiben der Drei treu, indem sie sich potenzieren. Ein Grund, als Motiv vor den Titel der dritten Musenalmanach Nachlese »Die neun Musen« von Tim Ulrichs zu wählen“ (Leonore Welzin, S.7). Dass mit dieser Wahl dem „Total- und Konzeptkünstler“ Ulrichs ein weiterer Ort der Erinnerung geschaffen worden ist, konnte die Herausgeberin Leonore Welzin bei der Konzeption ihres Almanachs noch nicht wissen: Der seit 1981 durch die auf sein rechtes Augenlied tätowierten Worte „THE END“ bekannte Künstler ist am 29. April 2026 im Alter von 86 Jahren gestorben
(vergleiche dazu „Letzte Reise. Tim Ulrichs –THE END“ unter https://bonvoyage.ludwigforum.de/timm-ulrichs-the-end/index.html). Der in den Band einführende Essay des 1980 in Radolfzell am Bodensee geborenen Schriftstellers, Kabarettisten, Schauspielers und Regisseurs René Sydow endet mit folgendem Witz: »Sagt eine Schwangere beim Metzger: Ich bekomme drei Kilo Gehacktes. Sagt der Metzger: Sachen gibt’s«.
Im ersten Kapitel geht es um das Kurzgedicht Haiku, die Harfe und die Hainbuche. Kapitel zwei ist mit Reflexion über die Revision des Falls der Katharina Kepler und toxische Männlichkeit voll ausgefüllt. Kapitel drei hält die 3333 Hals über Kopf-Fahrten der 85-jährigen Karacho-Oma Ursel Drees in der Achterbahn von Tripsdrill hoch, weiter das zehnjährige Jubiläum der Gartenkonzerte im Atelierhaus Stock-Rall in Güglingen, die Jubiläen 40 Jahre Kulturkeller in Heilbronn, 125 Jahre Elfriede Lohse-Wächtler, 300 Jahre Kant, 500 Jahre Bauernkrieg und anders mehr. Kapitel vier versammelt diverse Artikel über bekannte und unbekannte Künstler wie die Literatin Lina Herrlinger-Ludwig (1849–1925), die KünstlerInnen Petra Grupp, Claudia Böhm, den Musikwissenschaftler, Dichter und Kabarettisten Hermann Forschner, Eduard Mörike, Friedrich Hölderlin, Ludwig van Beethoven, die Künstlerfamile Mutschler und den ökologischen Feminismus und die Fog Sculptures von Fujiko Nakaya. Den Schluss überlässt die Herausgeberin ihrem fünfjährigen Enkel Vilem.
Er ist mit Papa und seiner Oma in Prag unterwegs. „Sie haben ihn aus dem Kindergarten abgeholt und ziehen, nach einem Abstecher auf den Spielplatz am Ufer der Moldau, weiter, um Bodo, den kleinen Bruder aus dessen Kita abzuholen. Der Weg führt vorbei am Instituto Cervantes. »Cervantes?«, fragt Oma. »Das ist das spanische Kulturinstitut, so was wie das deutsche Goethe-Institut«, erklärt ihr der Sohn. »Aha«, denkt sie und noch bevor sie den Namen Cervantes gedanklich zugeordnet hat, fragte der Enkel: »Was ist Kultur?« …
Vilem mag Bücher, also sagen sie: »Bücher schreiben und Bücher lesen«. »Und Bilder malen, Häuser entwerfen und bauen« – Vilem malt und zeichnet gern, seine Eltern sind Architekten. »Und tanzen, Musik machen, singen, ein Instrument spielen oder ein Liedchen erfinden …« Aufmerksam nimmt der Steppke wahr, was den beiden Erwachsenen zum Thema Kultur so einfällt. »Filme und Videos gehören auch dazu«, beeilt sich Oma zu sagen.
Kulturelle Vielfalt schön und gut, aber Vielfalt ist kein Wert an sich. Bevor das Wortgefecht eskaliert, wirft Vilem eine weitere Frage auf: »Ist klettern auch Kultur?«, offensichtlich interessiert, ob eine seiner liebsten Aktivitäten auch dazu zählt und gespannt, was den beiden Experten dazu einfällt“ (Leonore Welzin, S.267).
ham, 29. Mai 2026
Heilbronner Musenalmanach Nachlese III, 2026, herausgegeben von Leonore Welzin,
ISBN 978-00-085793-5, 272 Seiten, Format 21 x 14,8 cm, € 30