Liebe Freundinnen und Freunde der Nordheimer Scheune, sehr geehrte Damen und Herren,

Giuseppe Di Giandomenico wurde am 17.12.1959 in Patti (https://de.wikipedia.org/wiki/Patti und https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Patti_(comune,_Italy)?uselang=de), einem kleinen, 850 Meter über dem Meer liegenden Bergdorf an der nördlichen Küste Siziliens geborenen und ist in Galati Mamertino (https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Galati_Mamertino?uselang=de), einer Stadt in der Metropolregion Messina aufgewachsenen. In Patti und in Galati hat man die Berge hinter sich, das Meer vor sich, den Himmel über sich und die Erde unter sich. Man ist aufeinander angewiesen, braucht sich und muss miteinander auskommen. Sein Vater hat Patti schon 1963 verlassen, als er vier Jahre alt war, und ist nach Deutschland gegangen, um dort zu arbeiten. Wenn er ihn vermisst  und immer, wenn er Sehnsucht nach ihm gehabt hat, hat er etwas für ihn gebastelt, um es ihm später zeigen zu können. „Habe ich etwas nicht, bilde ich es mir“ (Giuseppe Di Giandomenico). Nach seinem Studium der Physik in Messina und seiner dortigen Promotion hat er von 1987 bis 2021 bei den Firmen Nokia in Esslingen, Adtranz in Nürnberg und Bosch in Stuttgart, Abstatt und Schwieberdingen in großer Freiheit in den Bereichen mathematische Modellbildung, Computersimulation und im und beim Testen von hoch innovativen technischen Systemen gearbeitet. Wenn man Di Giacomenico mit allergrößter Begeisterung von seinen beruflichen Projekten wie etwa der Abschätzung der Frage erzählen hört, wie schnell Hochgeschwindigkeitszüge wie der ICE durch Kurven, Tunnel und bei hohem Seitenwind fahren können, ohne zu Rütteln und aus den Gleisen zu springen, hat man den Eindruck, dass er als Grundlagenphysiker der richtige Mann am richtigen Platz gewesen ist.

 Deshalb verwundert es, dass ihm der von den Grundgesetzen der Physik vorgegebene berufliche Rahmen schon 2008 zu eng geworden ist, also der durch die Gravitationskraft, die Kernkraft, die Schwache Kraft und die Elektromagnetische Kraft vorgegebene und mathematisch berechenbare physikalische Rahmen. Er  hat deshalb 2008 seine mit 18 Jahren mit der analogen Ricoh-Kamera seines Bruders begonnen fotografischen Versuche parallel zu seinem Hauptberuf wieder aufgegriffen, sich in die Theorien und Philosophien der Fotografie von Roland Barthes, Susan Sonntag, Walter Benjamin und Vilém Flusser eingearbeitet und seine eigene auf ihn als Physiker zugeschnittene konzeptionelle fotografische Praxis entwickelt. Dass er die damals aufkommende fotografische Digitaltechnik aufgegriffen und über die Bearbeitung seiner Aufnahmen am Computer zu seiner zwischen Farbe und Schwarz-Weiß changierenden fotografischen Ästhetik gekommen ist, entspricht seiner Neugier und seiner Offenheit für die Weiterentwicklung  vorhandener fotografischer Techniken.

Wichtiger als die genauere Beschreibung und Auslotung seiner technischen Herangehensweise an die Fotografie ist mir die Frage, warum sich Di Giacomenico als für Neues offene Person und als innovativer Physiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch für Fotografie interessiert, obwohl das Prinzip der Camera obscura bereits Aristoteles im vierten Jahrhundert v. Chr. bekannt war, der deutsche Universalgelehrte Johann Heinrich Schulze (* 12. Mai 1687 in Colbitz; † 10. Oktober 1744 in Halle (Saale)) schon Anfang des 18. Jahrhunderts mit Silberlösungen, Salpetersäure und Sonnenlicht experimentiert und die Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen entdeckt hat, die ersten praxistauglichen Verfahren zur Belichtung von Fotopapier auf das anfängliche 19. Jahrhundert zurückgehen und   damit die physikalischen und chemischen Grundlagen der Fotografie im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert längstens bekannt und variantenreich durchgespielt snd. Wenn man den Di Giacomenico als Person fragt, warum er sich trotzdem noch für Fotografie interessiert,  antwortet er, dass die Fotografie für ihn das Medium ist, in dem er seine Inspirationen, Emotionen und Reflexionen und die hinter den Raum-Zeit-Fragmenten liegenden nicht besprechbaren Phänomene ausdrücken kann. Wenn man ihn als den Physiker fragt, antwortet er, dass er in der Physik nur das in physikalischen Modellen vorabgesteckte Terrain beackern und das ihm in Formeln und Gesetzen Vorgezeichnete nachzeichnen kann. Poesie, Magie und mit seiner eigenen Existenz verbundene Gefühle lassen sich in diesem Rahmen nicht erfassen. In der Physik geht es um Wahrscheinlichkeiten und Korrelationen zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Phänomen. Vorhersagen, die darüber hinausgehen, stecken Wahrscheinlichkeiten ab, sind aber nicht sicher. Deshalb fühlt er sich in der Physik wie ein Bergsteiger, der den in die Felsen geschlagenen Eisen und den dort angebrachten Seilen folgt  und damit den vorgegebenen Pfaden. Aber er kann dann nicht sagen, dass der Pfad, dem er folgt, für den Berg steht, den er besteigt. Deshalb habe er nach einem Medium gesucht, das auch seine Inspirationen, Emotionen und Reflexionen ausdrücken und auf das hinter den Raum-Zeit-Fragmenten liegende nicht besprechbare Ganze verweisen kann. Dieses Medium  habe er in der Fotografie gefunden. 

Es ordnet sich für ihn kongenial in die heute gängige Vorstellung vom Werden des Universums in 13,8 Milliarden Jahren oder 435 bis 440 Billiarden Sekunden ein, in dem jedes von ihm in 1/30 oder 1/250 Sekunde belichtete Fotopapier den bewusst oder zufällig gewählten Moment aus 30 x 440 Milliarden oder 250 x 440 Milliarden weiteren denkbaren Aufnahmen aus dem noch nicht abgeschlossenen Werden des Universums zeigt. Jede Fotografie folgt dann, einmal veröffentlicht, zufälligen Bahnen innerhalb eines eingefrorenen Raum-Zeit-Rahmens, als würde sie auf vom Urknall herkommenden Lichtstrahlen reiten und etwas in sich tragen, das nicht mehr existiert und in der jetzt zum Vorschein gekommenen Weise noch nie existent und zu sehen war. Wer Fotografien betrachtet, kann in seinen Gedanken in weite Zeiträume vor dem mit dem Auslöser gewählten Zeitabschnitt zurückgehen. Er kann sich aber auch vorstellen, was aus dem Dargestellten in kommenden Zeiträumen werden könnte. Fotografien zeigen, wie es Roland Barthes in seiner Philosophie der Fotografie sagt, dass es so gewesen ist. Aber sie legen auch nahe, dass sich das Gezeigte mit der Zeit verändern kann und verändern wird. 

Beim Fotografieren wird der Mensch, mit Vilém Flusser gesprochen, aber auch zum Funktionär des Apparats, der innerhalb der Grenzen der Kameras, ihrer Software und ihrer Optik spielt. Der Apparat tut, was der Mensch will, aber der Mensch kann nur wollen, was der Apparat kann. Deshalb muss er gegen den Apparat spielen und ihn überlisten, in dem er über das rein technische Funktionieren hinausgeht.

Genau das versucht Di Giacomenico, wenn er in seinen 

● Werkgruppen der Flüsse und Berggipfel Lebensräume vorstellt, die sich im Werden der Evolution verändert haben und bei deren Fortschreiten nicht so bleiben werden, wie sie sind. Die von ihm fotografierten Dolomitengipfel sind vor rund 250 Millionen Jahren entstanden. Ihr Ursprung liegt in den tropischen Korallenriffen des Tethys-Meeres, die sich dort über Jahrmillionen abgelagert haben.  Die heutige Gebirgsform entstand später durch die Kollision der afrikanischen und europäischen Kontinentalplatten, was zu einer tektonischen Hebung führte. Die Hebung des Apennin, in den sich  später Flusstäler eingegraben haben, begann vor etwa 20 Millionen Jahren. Das in der Einladung zu unserer Ausstellung gezeigte Flussbett des Savena und die Ausformung des Tals und des Flusslaufs durch Erosion und tektonische Prozesse begann im Pleistozän und Holozän und intensivierte sich in den letzten 2,6 Millionen Jahren im  Quartär, als wechselnde Klimaphasen die Abflussmengen,Erosionsraten und die Landschaftsentwicklung beeinflussten.

[In Klammern: Der Strom- und der Heuchelberg, an dessen Fuß Nordheim liegt, sind als geologische Schichtstufenlandschaft, als Keuperbergland vor rund 200 Millionen Jahren in der Trias-Zeit entstanden, während das Zabergäu und das Leintal durch spätere erosive Prozesse und eiszeitliche Lössablagerungen geformt wurden. Die Region ist ein sehr altes Siedlungsgebiet, in dem bereits in der Jungsteinzeit (ab 5500 v. Chr.) Menschen lebten.]

  • Di Giacomenicos Werkgruppe der Wälder von Waldgebieten der Garfagnana in der Toskana, von Kastanien- und Eichenwäldern in Sizilien und von Wäldern in den Karnischen Alpen stehen für Orte, in die man sich zurückziehen kann, aber auch für die wilde Natur, in der jede Pflanze um Licht und Nahrung und damit ums Überleben kämpft und in der es gerade deshalb ein Miteinander aller Pflanzen braucht.
  • Die alten und die neugebauten Häuser und das Herrenhaus in Di Giocamenicos Heimat in Sizilien weisen darauf hin, dass sich auch persönliches Erinnern verändert und dass die Häuser jedes Mal, wenn man sie nach Jahren wieder sieht, verändert haben. Die von ihm fotografisch überlagerten venezianischen Häuser werden zu bildhaften Zeichen für gut funktionierende gesellschaftliche Strukturen, zu Symbolen für ein gelungenes Miteinander von Politik, Wirtschaft und Umwelt und zu Projektionsräumen, in denen sich Menschen für neue Sichtweisen öffnen. Seine übereinander gelegten Fotografien der Arkaden von Bologna zeigenBologna als dieStadt, in der sich Wissenschaft, Kultur und Industrie, Hektik und Dynamik h unter den Arkaden trifft und in Sozialität verwandelt.

Aus seiner aus seinem frühen Erleben herausgewachsene Haltung „Habe ich etwas nicht, so bilde ich es mir“ (Guiseppe di G.) ist Di Giacomenicos Fähigkeit erwachsen, sich in seinem Beruf immer wieder auf herausfordernd Neues einzulassen und eine Art Lebenshaltung. 

Letztlich ist Giuseppe Di Giacomenico dann auch beim Fotografieren der für Neues offene Entdecker, der er schon als Physiker gewesen ist. Er sucht auch als Fotograf nach einem ganzheitlichen Verständnis von Leben, das über die in Formeln nachzeichenbaren Grundkräfte der Physik hinausgeht. Ob er diesem Verständnis von Leben als Fotograf, der er noch eigener Aussage gar nicht sein will  – er sagt von sich, er sei kein Fotograf – jetzt schon näher als in der Physik gekommen ist, muss sich erst noch erweisen.

ham, 9.Mai 2026

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