Warum wir mit manchen Menschen sofort auf einer Wellenlänge sind

Aus dem Amerikanischen von Heide Lutosch und Sigrid Schmid

dtv, München 2026, ISBN : 978-3-423-28498-1, 304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Format : 13,8 x 21,5 cm , € 25,00 (D)/ E 25,79 (A) / CHF 33,90

Die amerikanische Wissenschaftsautorin Kate Murphy leitet ihre Abhandlung über Synchronie mit der Frage ein, ob der Leser schon einmal jemandem begegnet ist, mit dem er sich sofort verbunden gefühlt hat, oder umgekehrt jemandem, der ihm vom ersten Augenblick an suspekt war. Davon ausgehend verhandelt sie, was Synchronie und was Diachronie heißt und wie zwischenmenschliches Synchronisieren entsteht.

Das Adjektiv synchron setzt sich aus dem griechischen Präfix syn, das heißt soviel wie „zusammen“, „mit“, „gemeinsam“ oder „zugleich“ und dem Wort Chronos, das heißt „Zeit“ zusammen. Synchron meint also gleichzeitig, zeitlich zusammenfallend. In der Filmtechnik bezeichnet man die Abstimmung von Ton- und Bildablauf als synchronisieren und in der modernen Sprachwissenschaft seit Ferdinand de Saussure den Istzustand der Erscheinung von Sprachformen eines bestimmten Zeitraums als Synchronie. Diachronie meint dagegen die evolutionäre oder historische Entwicklung der Sprache über einen Zeitraum hinweg.

Murphy überträgt diesen Sprachgebrauch auf menschliche Beziehungen und führt anschaulich und mit vielen Fallbeispielen unter anderem aus dem Miteinander von Mensch und Natur in die neurobiologischen Hintergründe der interpersonalen Synchronie ein. Dazu greift sie auf Giacomo Rizzolattis und Vittorio Galleses Forschungen zu den Spiegelneuronen (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelneuron), Uri Hassons Forschungen zur intersubjektiven Synchronisation (vergleiche dazu https://www.hasson.org/) und Mihály Csíkszentmihályis Forschungen zum Flow zurück (vergleiche dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Flow_(Psychologie))

Bei erfolgreicher Synchronisation spiegelt die Gehirnaktivität des Zuhörers die des Sprechers. Die Gesten, der Gang, die Körperhaltung und die Herzfrequenzen gleichen sich an. Die Pupillen weiten sich. Ausgeschüttetes Oxytocin führt zur Stärkung des sozialen Vertrauens und aktives Zuhören wird zum Tor der Synchronie. Gemeinsames Spazierengehen baut Barrieren ab und fördert die kreative Zusammenarbeit. Improvisationstraining schult die Fähigkeit, subtile Impulse anderer wahrzunehmen. Pausen ermöglichen es den Partnern, sich physiologisch aufeinander einzustellen.

„Jemanden zur Kenntnis zu nehmen, ist eine Form von Freundlichkeit, und Freundlichkeit ist ansteckend. Wir haben einen starken Synchronisierungsinstinkt, aber die Signale, die wir aussenden und von anderen empfangen, können durch viele Faktoren unterbrochen oder geschwächt werden. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir zunächst erkennen, dass tägliche Momente von interpersoneller Synchronie mit verschiedenen Menschen, so kurz sie auch sein mögen, ebenso wichtig für unsere Gesundheit sind wie eine ausgewogene Ernährung, Bewegung und Schlaf. Gleichzeitig müssen wir erkennen, wenn wir es mit dem Synchronisieren übertreiben, und uns selbst und anderen den Raum und die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen und sich neu zu kalibrieren.

Alles im Universum, von den winzigsten Quantenteilchen bis zu supermassereichen Quasaren, weist synchronistische Eigenschaften auf. Menschen bilden da keine Ausnahme. Unsere Körper sind Symphonien aus synchronisierter Aktivität. Das koordinierte rhythmische Feuern von Zellen ermöglicht, dass unser Gehirn denkt, unser Herz schlägt, unsere Muskeln sich bewegen, unser Verdauungstrakt verdaut und unsere Geschlechtsorgane uns Genuss bescheren. Ebenso wichtig für unsere Gesundheit ist, dass unser Körper und unser Gehirn sich mit den Körpern und Gehirnen anderer Menschen synchronisieren können.

Durch interpersonelle Synchronie spüren wir, wenn sich die Atmosphäre in einem Gerichtssaal verändert, wenn ein Verkäufer uns zu täuschen versucht, die nicht ausgesprochenen Sorgen eines Fremden, wie vertrauenswürdig ein Kollege ist und ob jemand auf der anderen Seite eines Raumes voller Menschen romantisches Interesse hat. Soziale Resonanz und Dissonanz werden oft internalisiert und lassen einen handeln, bevor man sich dessen bewusst ist. Wenn wir darauf achten, wie wir uns bei anderen Menschen fühlen, gibt uns das nicht nur Einsichten in die Gefühle der anderen, sondern verhindert auch, dass wir die Gefühle anderer für die eigenen halten. Interpersonelle Synchronie kann Energie geben oder erschöpfen, aber sie ist unabdingbar für sozialen Erfolg und womöglich auch für unser Überleben. Studien haben deutlich gezeigt, dass Isolation und Einsamkeit tödlich verletzen können.

Die Synchronie in uns selbst bestimmt, wie stark wir uns mit anderen synchronisieren können. Wenn das Verhalten nicht zu den wahren Gefühlen passt, feuern die neuronalen Muster aneinander vorbei und sind aus dem Takt. Eine solche Disharmonie ist psychologisch und physiologisch Kräfte zehrend und verhindert, dass man sich auf andere Menschen einstellt und dass sie sich auf uns einstellen. Mangelnde Authentizität ist ein Verbindungskiller. Der Autor James Baldwin schrieb: »Du musst dem Ruf deines Herzens folgen. Wenn du dieses einzige Leben, das du hast, nicht lebst, wirst du kein anderes Leben haben, sondern überhaupt keins.«“ (Kate Murphy, S. 234 ff.)

ham, 8. April 2026

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