Patmos Verlag, Ostfildern 2026, ISBN 978-3-8436-1651-5, 160 Seiten, Broschur, Format 21,9 × 14,13 cm, € 19,00

Die biblische Erzählung von Kain und Abel zeigt, dass Geschwisterbeziehungen schon immer mit Rivalität verbunden waren und in extremen Fällen sogar zur Ermordung des Bruders führen können. Bei der Gründung Roms soll Remus seinem Bruder Romulus erschlagen haben. In Ägypten soll Osiris von seinen Zwillingsbruder Seth umgebracht worden sein. Die Söhne von König Ödipus, Eteokles und Polyneikes sollen im Machtkampf, den sie miteinander geführt haben, gestorben sein. Nicht selten sind die Beziehungen zwischen Geschwistern die kompliziertesten überhaupt. In unserem Kulturkreis gilt die Konkurrenz zwischen Geschwistern als normal. Meist wird um die Gunst der Eltern gestritten. Fühlt sich ein Kind benachteiligt, verursacht dies starke Wutgefühle, die, wenn sie unterdrückt werden, zu einer Wutblockade führen. Wenn Eltern die Konkurrenz der Geschwister durch Äußerungen wie „Nimm Dir ein Beispiel an Deiner Schwester!“ fördern, gelangen Bemerkungen wie diese gelegentlich als Trancebotschaften ins Unbewusste und entfalten dort eine starke Wirkung. Dazu treten Familienmythen wie „Das Leben ist hart und man bekommt nichts geschenkt“, der Streit um das Erbe und anderes mehr.

Trotzdem werden Geschwisterkonflikte nach dem Pädagogen und Psychotherapeuten Heinz-Peter Röhr in der Fachliteratur stiefmütterlich behandelt. 30 bei Geschwisterbeziehungen um primäre Beziehungen handelt, kann man sie nicht wirklich beenden. Die innere Verbindung bleibt und gehört bei den meisten Menschen zu den längsten und prägendsten Beziehungen. In seinem jetzt vorgelegten Selbsthilfe-Ratgeber legt Röhr dar, was man tun kann,

  • wenn die Beziehung zu einem Geschwister gestört und besonders schwierig ist,  
  • warum es mitunter nicht leicht ist, den richtigen Abstand zu seinen Geschwistern zu finden, 
  • was man tun kann, wenn der Bruder oder die Schwester suchtkrank ist oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat 
  • und warum das Erben oft so schwierig ist und wie man sich gut arrangiert.

Der mit vielen Fallbeispielen unterlegte und anschauliche und leicht zu lesende Reader fasst jedes Kapitel in knapper Form zusammen. Zur Frage nach der richtigen Nähe und Distanz liest man Folgendes: „Die Beziehung zu Bruder oder Schwester fühlt sich immer dann gut und richtig an, wenn eine vertrauensvolle, gleichwertige und herzliche Beziehung auf Augenhöhe existiert; dies ergibt sich oft von allein, ohne irgendwelche speziellen Überlegungen. Wenn dies nicht der Fall ist, kann nur Klarheit helfen. Oft wird die Bedeutung der Geschwisterbeziehung überfrachtet. Man glaubt, sich nicht von seinen Geschwistern distanzieren zu dürfen, weil früher Anweisungen der Eltern dies verbieten: Geschwister haben füreinander einzustehen; geschwisterlich zu handeln, bedeutet eine besondere Form der Zugehörigkeit, des Vertrauens, der Fürsorge und Verlässlichkeit. ›Geschwister‹ ist im Übrigen ein Begriff, der auch in der Religion immer wieder Verwendung findet. Der Priester redet die Gemeinde etwa mit ›Brüder und Schwestern‹ an. Ein befreundeter Pater erklärte mir einmal, dass es im Kloster keine Freunde gebe, nur Brüder (beziehungsweise Schwestern). Darum gibt es im Kloster auch all das, was es im sonstigen Leben gibt: Zuneigung und Abneigung, Neid und Eifersucht, Streit und Versöhnung, eben wie unter Geschwistern.

Wer zumindest einen ernsten Versuch unternommen hat, eine gute Beziehung zum Bruder beziehungsweise zur Schwester herzustellen, darf das Thema erst einmal loslassen, wenn der Versuch gescheitert sein sollte. Niemand kann die Probleme eines anderen Menschen lösen, dafür ist letztlich jeder selbst zuständig. Wenn Hilfe nicht möglich ist, bleibt tatsächlich nur, dies als Tatsache zu akzeptieren.

Wenn immer möglich, sollte ein positiver und friedlicher Ausgleich mit den Geschwistern gesucht werden; dies ist für die Psyche jedenfalls die beste Basis. Auch bei anhaltendem Streit sollte die Bereitschaft zur Versöhnung fortbestehen.

Niemand kann einen anderen Menschen ändern, darum ist in vielen Fällen die Andersartigkeit zu akzeptieren. Allerdings haben Geschwister kein Recht darauf, dass der Kontakt untereinander erhalten bleibt. Wer erkennt, dass er ausgebeutet oder missbraucht werden soll, hat jeden Grund und auch das Recht, die Beziehung zu beenden. Weitere Gründe sind etwa sexueller Missbrauch, Betrug oder dauerhafte Streitigkeiten und wenn der Wille zur Versöhnung völlig fehlt.

Wenn man fragt, was man Wichtiges für seine Geschwister tun kann, ist meine Antwort: Zuhören. Kaum etwas anderes kann tröstlicher sein. Man kann die Probleme von Bruder oder Schwestern nicht lösen, aber mitfühlendes Zuhören ohne Besserwisserei ist wertvoll und heilsam. Zuzuhören und zu versuchen, in den Schuhen seines Gegenübers zu gehen, ist eine hilfreiche Kunst. Mitunter lässt sich so die alte verloren gegangene Vertrautheit wiederherstellen“ (Heinz-Peter Röhr, S. 141 ff.).

ham, 25. März 2026

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